Gerade habe ich die 2007er-Verfilmung der “Schatzinsel” durch Pro 7 / ORF im Fernsehen gesehen. Falls Ihr sie noch nicht kennt: Das kann ruhig so bleiben!
Das Produktionsteam hat sich viel Mühe mit realistisch wirkenden Kulissen gegeben. Ja, die Matrosenkneipe, in der Jim Hawkins aufwächst, ist überzeugend dargestellt, und das gilt auch für den Hafen, das Schiff und die Insel. Ja, die Kostüme, Werkzeuge und Waffen erscheinen authentisch.
Nur: Damit ist leider schon alles Gute über diesen Film gesagt! Die grandiose Vorlage wurde leider total verwurstet. Praktisch alle Figuren wurden komplett umgeschrieben (und die meisten davon nicht einmal überzeugend dargestellt), ohne dass die Handlung dadurch gewann – tatsächlich degenerierte sie in ein konfuses “Jeder-gegen-jeden” – und die Dialoge waren erschreckend hölzern. Jürgen Vogel versucht zu zeigen, was für ein knallharter Kerl er doch ist, was aber nur dazu führt, dass er im Verhältnis zu seiner Bedeutung für die Handlung viel zu viel Screentime bekommt. Christian Tramitz interpretiert die Rolle des Squire Trelawney originellerweise auf die gleiche Weise, auf die er seine Rollen in “Unser (T)Raumschiff” oder “Der Schuh des Manitou” interpretiert hat. Und die einzige in ihrem Verhalten wirklich überzeugende Figur ist ironischerweise die völlig aus den Fingern der Drehbuchautoren gesogene weibliche Hauptrolle, die angenehmerweise NICHT zum Ende hin plötzlich mädchenhaft weich mit goldenem Herzen wird und sich in den Hauptdarsteller verliebt. (Ihre Verkleidung als Schiffsjunge hingegen ist genau so hanebüchen wie in hundert ähnlichen Filmen auch.)
Wieso aber wurden alle Figuren komplett umgeschrieben? Die großen Stärken des Romans waren seine einprägsamen Charaktere und seine dichte Atmosphäre. Sicher, für eine Verfilmung ist es sinnvoll, die Action-Elemente stärker zu betonen, und ja, wenn es sein muss, kann man auch eine hübsche weibliche Hauptrolle einbauen (obwohl ich bezweifle, das es wirklich sein muss – es ist einfach nur eine billige Methode, den Film auf den ersten Blick attraktiver zu machen). Doch warum opfert man grundlos alle diejenigen Aspekte, welche das Buch so erfolgreich gemacht haben?
Als Erzählspieler weiß ich, welche drei Dinge für eine gute Geschichte am Wichtigsten sind (und das gilt ebenso für Bücher und Filme): Interessante Figuren, eine dichte Atmosphäre und eine Spannungskurve. Auf dieses Grundgerüst kann man dann Spezialeffekte verschiedener Art setzen – Gags, skurrile Nebenfiguren, Eye Candy, technische Tricks, coole Action-Szenen – was immer in die Geschichte passt. Ohne diese Verzierungen kann die Geschichte ein wenig dröge wirken, aber sie sind letztlich austauschbar: Figuren, Atmosphäre und Spannung sind das Wesentliche.
Und um Euch das zu demonstrieren, will ich Euch eine Verfilmung der “Schatzinsel” empfehlen, die ich für rundum gelungen halte. Haltet Euch fest: Ich meine “Der Schatzplanet” von Walt Disney!
WIE BITTE?
Doch, genau – jenes kinderfreundliche Zeichentrickspektakel, welches die Geschichte in einen Fantasy-Weltraum verlegt, in dem Segelschiffe durch den Äther fliegen, und in dem John Silver ein Cyborg ist und Ben Gunn ein Roboter! Ja, das ganze ist ein typischer Disney-Film, mit fantasievoller Ausgestaltung, herzigen Nebenfiguren und überdrehter Action (“Morph” ist ja soooo niedlich!) – aber im Gegensatz zu der furchtbaren Fernsehverfilmung bleibt das Drehbuch der Geschichte und den Figuren treu! Tatsächlich gelingt es den Disney-Studios sogar, die Essenz der Charaktere von John Silver und Ben Gunn noch deutlicher herauszuarbeiten, als es im Original der Fall war. Die Gestalt des Cyborgs oder des Roboters ist nämlich nur die Verkleidung, aber ihre Motivationen und Gefühle sind authentisch.
Wo der Fernsehfilm sich darauf konzentriert, die Äußerlichkeiten der Geschichte möglichst exakt darzustellen, aber die Geschichte selbst dabei opfert, zieht Disney dieser klassischen Erzählung ein völlig neues Gewand an, ohne ihr Wesen zu verändern.
Ich will damit nicht sagen, dass eine klassische Geschichte zwingend in eine komplett umgestaltete Version transponiert werden MUSS, um heute unterhaltsam erzählt werden zu können. Tatsächlich ist zwanghafte Modernisierung mindestens genauso schädlich wie krampfhafte Fokussierung auf äußerliche Authentizität. Ich will nur wieder einmal darauf hinweisen, dass man den Inhalt nicht nach der Verpackung beurteilen kann – oder, etwas spezieller: dass man keine Vorurteile gegenüber den phantastischen Genres Fantasy und Science Fiction haben sollte!
Phantastische Elemente wurden in Erzählungen schon immer dazu benutzt, diese auszuschmücken, aber auch, deren Strukturen klarer hervorzuheben. Der schlechte Ruf, den die Phantastik teilweise auch heute immer noch hat, beruht darauf, dass viele phantastische Geschichten sich alleine auf die Ausschmückung verlassen. Dass dies nicht notwendigerweise der Fall sein muss, beweist nicht nur “Der Schatzplanet” von Disney (oder zum Beispiel auch meine “Menschheitsdämmerung“-Texte), sondern auch einige andere phantastische Werke, die Euch möglicherweise bekannt sind: Homers Odyssee, Shakespeares Sommernachtstraum, Goethes Faust, Huxleys Schöne neue Welt…
Ob die Figuren einer Geschichte Elben, Roboter oder Engel sind; ob die Geschichte in der Zukunft spielt oder in einer Welt mit sprechenden Bäumen und fliegenden Felsen: Letztlich handelt sie immer von Menschen, denn sie wird von Menschen für Menschen erzählt, und sie gibt unsere Gedanken und Gefühle wieder. Und manchmal sind Elben und Roboter menschlicher als “echte” Menschen, und eine Schatzsuche im Weltraum enthält mehr tiefere Wahrheit als eine “realistische” Handlung.
Thumbs up zum Schatzplaneten. Großartiger Film.
Den Trickfilm kenne ich gar nicht, aber eine Sci-Fi-Adaption des Materials, die mich in Kindertagen mal sehr gefesselt hat, war die italienische Fernsehserie mit Anthony Quinn: .
Dein Link funktionierte nicht: http://www.imdb.com/title/tt0179577
Offenbar ist der Disney-Film (http://www.imdb.com/title/tt0133240) tatsächlich eine Umsetzung dieser Vorlage!