Jeden Morgen verkleidet sie sich. Wäscht die Farbe zurück ins Gesicht, glättet die Haare, schlüpft in Jeans und Bluse.
Die junge Frau, die den Bus zur Arbeit nimmt, das ist nicht sie. Ihr wahres Ich hat sie zurückgelassen, es schläft weiter hinter den immer zugezogenen Vorhängen.
Wenn sie die Kollegen begrüßt, belanglose Nettigkeiten austauscht, ist jedes Wort eine Lüge.
“Na, Frau Meier, zu viele Jungs letzte Nacht, du bist ja wieder so blass!”
Sie lächelt, ihr Mund gibt die richtige Antwort, ihr Geist träumt fern von hier.
Das Kassenfließband treibt einen endlosen Strom von Waren und Menschen an ihr vorbei. Die Gespräche sind mechanischer als die Bewegungen ihrer Hände.
In der Pause bringt ihr der Filialleiter ein Gericht vom Italiener mit. Die Hälfte bleibt übrig. Er macht schon lange keine Witze mehr darüber. Wenn er sie vergisst, isst sie nichts.
An ihrem dritten Arbeitstag hat er ihr an die Brüste gegriffen. Sie nahm es regungslos hin. Ein körperlicher Kontakt bedeutete keine Berührung. Bald gab er es auf.
Die Gespräche, die er später sucht, erreichen sie nicht. Sie redet mit ihm, aber sie spricht nicht. Jetzt kauft er ihr das Mittagessen und schweigt. Manchmal beobachtet er sie lange durch das Glas des Bürofensters.
Auch am Sonntag verkleidet sie sich. Moritz studiert Bauingenieurwesen. Er nennt sie nicht “Frau Meier”, sondern “Christiane”, manchmal “Liebling”, erzählt ihr von seinen Träumen, seinen Zielen, seiner Karriere. Sie hört zu und lächelt. Vor dem Essen gehen sie ins Kino oder ins Theater, manchmal fahren sie auch ins Grüne. Nach dem Essen gehen sie ins Bett. Eine Stunde Sex, ein bisschen Kuscheln, dann fährt er nach Hause. Es genügt ihr.
An den Abenden darf sie sie selbst sein. Sorgfältig bringt sie mit Puder und Schminke ihr Gesicht zurück. Es ist bleich, mit dunkelroten Lippen und auffällig schwarz umrandeten Augen. Die hellblonden Haare werden mit einer Vielzahl Nadeln zu einem Kunstwerk hochgesteckt. Die Kleidung ist altmodisch und elegant. Natürlich trägt sie schwarz.
Im “Nachtschlösschen” kennen sie die Türsteher, winken sie ohne sie zu durchsuchen herein. Mit langsamen, gemessenen Schritten durchquert sie den Raum. Sagt kein Wort, zu niemandem. Die Cola-Rum bestellt sie mit Handzeichen. Wenn sie tanzt, schreitet sie im Takt der Musik, den Blick zu Boden gerichtet, vor und zurück.
Bei zu lebhaften Stücken verlässt sie die Tanzfläche, lehnt sich an die vergitterten Fenster und beobachtet. Männer in Rüschenhemden oder schwarzen T-Shirts, Frauen in Samt und Spitze, manchmal Lack und Leder. Keiner von ihnen ist echt. Sie gehört nicht dazu.
Manchmal versucht ein Mann, mit ihr ein Gespräch anzufangen oder ihr ein Getränk auszugeben. Dann legt sie den Finger an die Lippen und sieht weg. Stammgäste ziehen den Neuling beiseite und erklären ihm, dass das stumme Mädchen nicht angesprochen werden will.
Um Mitternacht spielt der DJ ihr Lied. “Stirb mit mir”, von Philippe LeFoux. Früher ist sie mit der CD zu ihm gekommen, zeigte wortlos mit dem behandschuhten Finger auf das Cover: Eine Frau, die sich wie eine Zwiebel schält. Unter der letzten Schicht ist nur Schwarz. Nach drei Monaten ist das nicht mehr nötig, der Song ist im “Nachtschlösschen” zum Ritual geworden.
“Du benötigst kein Messer, du musst nichts tun,
leg dich einfach nur hin, um zu sterben..
Du brauchst keine Tabletten, musst nur liegen und ruh’n,
bis das Fleisch und die Seele verderben.
Der Tag wird kommen…
wenn das Leben zu schwer ist…
wenn dein Herz endlich leer ist…
und die Kälte des Alls ruft nach dir…
dann stirb mit mir.
Komm, stirb mit mir.”
Ihre Lippen bewegen sich nicht, nur in Gedanken singt sie jedes Wort mit. Die Augen weinen nicht, doch ihre Seele treibt in einem Meer von Tränen.
Morgen, wenn es denn ein Morgen gibt, wird sie sich wieder verkleiden.
subjektive Kritik: gefällt mir gut. trifft mit der traurigen düsteren Stimmung ganz meinen Geschmack
objektive Kritik: vielleicht etwas zu offen auch wenn dies bei einer Kurzgeshcichte so sein sollte
klar, toll geschrieben, aber mir zu emo :D