Jetzt hat Ralf Rangnick also auch West Bromwich Albion abgesagt. Vorher hat er dem RSC Anderlecht einen Korb gegeben, davor Besiktas Istanbul, davor Hertha BSC… Will der Mann vielleicht gar nicht wirklich als Trainer weiterarbeiten?
Ich glaube, er hat stattdessen ein großes Ziel vor Augen – nämlich den deutschen Rekordmeister! Sehen wir es ein: Trotz mehrfach bekundeter Zufriedenheit mit Jupp Heynckes, trotz einer insgesamt sportlich keineswegs schlechten Saison sind zwei titellose Jahre in Folge für den FC Bayern eigentlich nicht akzeptabel. Und jetzt steht mit der EM wieder ein internationales Großerereignis an, und danach haben die Bayern eigentlich immer ziemlich lange benötigt, um wieder in die Spur zurückzufinden. Ein mäßiger Saisonauftakt, und schon nach 6-7 Spieltagen wird die Bayernspitze wieder Handlungsbedarf sehen. Egal, was es für anderslautende Beteuerungen gibt: Es ist klar, dass der 67-jährige Heynckes kein langfristiges Zukunftsmodell darstellt, an dem festzuhalten auch das Durchstehen einer weiteren Krise wert wäre. Nein, wenn die Bayern zur Wiesn nicht an der Tabellenspitze stehen, dann ergibt es keinen Sinn, den mittelfristig eh anstehenden Umbruch weiter hinauszuzögern. Und wo kriegt man dann mitten in der Saison einen ausgewiesenen Fußballfachmann her? Ralf Rangnick würde bereit stehen. Und ja, ein eigenwilliger, vielleicht auch etwas sturköpfiger Trainer ist nicht unbedingt das, was die Vereinsführung sich wünscht, aber sie wird mit der Zeit wohl auch eingesehen haben, dass hohe Fachkompetenz in der Regel mit einer starken Persönlichkeit Hand in Hand geht. Die Wohlfühlallianz mit dem ruhigen Gentleman Heynckes mag nach der aufreibenden Ära mit van Gaal nervenschonend gewesen sein, aber letzlich zählt der Erfolg, und den Fehler, den Hoeneß einst gemacht hat, als er an Stelle von Klopp Jürgen Klinsmann verpflichtete, wird Nerlinger nicht wiederholen wollen.
Klopp ist nach der sensationell deutlichen Titelverteidigung Dortmunds und dem Double-Gewinn in absehbarer Zeit keine Option für die Bayern mehr – dieser Zug ist abgefahren. Rangnick, wenn dessen Gesundheitszustand wieder stabil ist, stellt die beste Alternativoption dar. Und das weiß er. Die nächste Bayernkrise kommt bestimmt, und die Chancen stehen gut, dass sie sehr bald kommt. Darauf zu pokern, könnte sich für Ralf Rangnick auszahlen.