Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 11

*** Sonnenuntergang ***

Die nächsten Stunden verbrachten sie ohne größere Unterhaltungen. Dass die Hunde offensichtlich ihre Gespräche verstanden, irritierte und hemmte sie. Aus dem vorherigen Eindruck, von Petra allein im Haus zurückgelassen worden zu sein, war die Gewissheit geworden, tatsächlich unter ständiger Beobachtung zu stehen. Der abrupte Wechsel von der ständigen, bewaffneten Bewachung, welche die Matrosen des Meerdrachen ihnen hatten angedeihen lassen, dazu, sich urplötzlich ganz auf sich gestellt zu sehen, fand darin vielleicht auch eine Erklärung – achteten die Hunde etwa darauf, dass sie „nichts anstellten“ und das Gelände nicht verließen?

Aurora und Tirvo unternahmen keinen erneuten Versuch, sich mit den Hunden zu verständigen und mieden auch direkten Blickkontakt. Aus den Augenwinkeln heraus glaubten sie immer wieder, spöttische Blicke zu bemerken, aber das konnte auch Einbildung sein. Die Elbin nahm den Roman, den sie zu lesen begonnen hatte, wieder zur Hand, konnte sich aber nicht wirklich auf die gleichzeitig anspruchslose und doch verwirrende Handlung konzentrieren. Schließlich ging sie hinaus in den Garten zu Tirvo, der an den Zaun gelehnt stand und die sie umgebende Landschaft betrachtete.

Nach Westen hin, woher sie gekommen waren, fiel das Gelände ein wenig zur Stadt hin ab. Deren bunte Dächer konnten sie nur stellenweise zwischen den Palmen- und Zypressenhainen, sowie den zerklüfteten Sandsteinfelsen, welche den Weg dorthin flankierten, erspähen. Eine Turmspitze, an der sie ein Ziffernblatt zu erkennen glaubten, ragte in den Himmel auf – vermutlich eine Rathausuhr, wie es sie auch in Heiligenhafen gab.

Gen Süden wurde der Boden ein wenig felsiger und stieg recht stark an. Auf einem nicht allzu weit entfernten Hügel ließen sich Mauerreste ausmachen – vielleicht eine Burgruine?

In Richtung Osten und besonders Norden schien die Vegetation dichter zu werden und in ein Waldgebiet überzugehen – Mischwald, wenn die Flora hier mit derjenigen in Südland vergleichbar sein sollte, auch wenn sie diese ausschließlich aus Zeichnungen kannten.

Schließlich legten sie sich einfach auf den Rasen und dösten, das fast schon verloren gegangen geglaubte Gefühl genießend, sich unter freiem Himmel ausstrecken zu können und ergingen sich in stillen Vermutungen, welches Schicksal Fernland wohl für sie bereithielt.

***

Als der Abend anbrach, schmierten sie sich Brote und probierten einige von den fremdartigen Beeren aus Petras Speisekammer, die sehr süß schmeckten. Auf einmal fiel ihnen auf, dass die Geräusche um sie herum lauter geworden waren. Als sie sich ins Wohnzimmer begaben, stellten sie fest, dass die Anzahl der Hunde im Haus sich nahezu verdoppelt hatte. Auch der Garten füllte sich zunehmend weiter mit Vierbeinern, und von der Straße her strömten immer mehr herbei. Die meisten davon beschnüffelten sie kurz und begaben sich dann in die Gesellschaft anderer, die sie wohl darüber informierten, wer die beiden Schüler waren, und was sie hier zu schaffen hatten.

Bis Sonnenuntergang wurde die Zahl der in Haus und Garten befindlichen Hunde annähernd dreistellig. Aurora und Tirvo hatten sich auf einer kleinen Veranda auf zwei Stühle gesetzt und beobachteten fassungslos diese Versammlung. Plötzlich ertönte von der Straße her aufgeregtes Bellen, und Dutzende Kehlen aus dem Garten antworteten darauf. Die Hunde drängten sich zum Zaun hin, und die beiden Grenzenlosen standen ebenfalls auf um zu sehen, was vor sich ging.

In der Abenddämmerung zunächst nur schemenhaft auszumachen, rannten fünf Hunde mit Höchstgeschwindigkeit auf das Haus zu. Aurora war sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte eine deutlich größere Anzahl schattenhafter Gestalten zu erkennen, welche sie verfolgten, dann aber zurückblieben, als die Hunde nur noch ungefähr vierzig Meter vom Garten entfernt waren. Ohne abzubremsen, sprangen die Vertreter der größeren Rassen über den Zaun, während die übrigen sich durch dessen Lücken zwängten.

Einer von ihnen, ein bunt gescheckter Terrier, brach, sobald er das Innere des eingezäunten Bereiches erreicht hatte, völlig erschöpft und lauthals hechelnd zusammen. Aurora sah, dass seine hinteren Flanken mehrere tiefe Schnitte wie von einem Rasiermesser aufwiesen, und dass er stark blutete. Sie erinnerte sich, dass sie in Petras Badezimmer Verbandszeug bemerkt hatte und bat Tirvo, es zu holen, der fügsam los rannte. Sie nahm den Hund, der keinerlei Anstalten machte sich zu wehren, in ihre Arme und trug ihn in die Küche, wo sie ihn auf den Tisch legte und seine Wunden auswusch, bevor sie diese mit den von Tirvo herbei geschafften Bandagen fest umwickelte. Das Verarzten von Wunden war natürlich Teil ihrer Kampfausbildung gewesen, aber an einem Hund hatte sie es bislang nicht geübt. Trotzdem war sie am Ende mit dem Ergebnis zufrieden.

Der Hund schien das ebenso zu sehen. Schon während der Behandlung war er willig all ihren Anweisungen gefolgt – Bürger waren häufig weit schlechtere Patienten, dachte Aurora – und nun stand er auf und leckte dankbar ihre Hand. Auch einige der übrigen Tiere, welche den Vorgang aufmerksam verfolgt hatten, stupsten sie sanft mit ihren Nasen an oder rieben ihre Köpfe kurz an den Beinen der Elbin. Sie schien ein wenig Respekt zurückgewonnen zu haben.

Die Hunde im Garten schlugen an, und kurz darauf betrat Petra die Küche, während sie noch die Blutspritzer wegwischten.

„Was ist denn hier passiert?“

„Da waren auf einmal ganz viele Hunde…“, begann Aurora zaghaft.

„Nicht mehr als sonst, denke ich“, entgegnete Petra. „Was ist mit Rudi?“ Offenbar sprach sie von dem Hund, den Aurora verarztet hatte.

„Er war schwer verletzt, und ich habe ihn verbunden.“ Sie fragte sich, ob sie damit etwas falsch gemacht hatte.

„Ah, ich seh schon. Typisch Rudi – er muss es ja auch immer so knapp machen, der kleine Draufgänger!“ Sie wandte sich direkt dem trotzig drein blickenden Rüden zu. „Wenn du so weiter machst, WIRST du bald draufgehen, das ist dir doch klar?“ Ein kurzes Knurren war die Antwort. Petra zuckte mit den Schultern. „Naja, jeder fährt eben in seine eigene Hölle.“

Ihre Gastgeberin legte den Rucksack und ihre Waffen ab. „Euer Fürsprecher wird euch morgen nach dem Frühstück abholen. Habt ihr schon zu Abend gegessen? Ja? Und habt ihr mir noch etwas übrig gelassen?“ Sie prüfte rasch den Inhalt ihrer Speisekammer. „Na, wie ich sehe, habt ihr euch zurückgehalten.“ Auch sie schmierte sich ein paar Brote. Dann öffnete sie eine Flasche Wein.

„Wollt ihr auch einen Schluck?“

Aurora schüttelte den Kopf. „Ich trinke lieber Wasser“, murmelte Tirvo.

„Ihr müsst es wissen. Ich dachte, ihr leistet mir ein wenig Gesellschaft.“

Aurora trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Nur zu!“, ermunterte Petra sie.

„Die Hunde… die sind so intelligent wie Bürger, oder?“

Petra lachte. „Das kommt auf die Bürger an, würde ich sagen.“ Dann wurde ihr Gesicht ernst. „Ach so, ihr kommt ja aus Urland… Ich vergesse immer, dass bei euch Hunde und Katzen nur Tiere sind.“

Die Elbin wollte nachfragen, aber Tirvo kam ihr zuvor: „Wovor sind die Hunde vorhin geflohen?“

„Na – vor den Katzen natürlich! Nachts sind die Straßen Katzenland, da müssen sich die Hunde in eine Freistatt zurückziehen.“

Petra nahm einen weiteren Schluck Wein. „Aber ich sehe schon, ich muss euch die ganze Geschichte erzählen. Dann setzt euch mal.“

Aurora und Tirvo setzten sich, und Petra begann zu reden.

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Veröffentlicht on Januar 7, 2011 at 5:34 pm  Schreibe einen Kommentar  

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