Einfache Antworten

Dieser „Killerspiel“-Schwachsinn lässt mich einfach nicht los…
Ich erinnere mich da an meine Vorladung, als ich den Wehrdienst verweigerte. Erstaunlicherweise musste ich der Kommission nicht etwa überzeugend darlegen, warum ich lernen wollte, mit Waffen umzugehen und andere Menschen zu töten, und trotzdem bei klarem Verstand war, nein! Ich musste ihnen erklären, warum ich es NICHT tun wollte!

Das Drücken von Tasten und Bewegen von Mäusen erzieht uns also zu gewissenlosen Killern, aber die Ausbildung an der Waffe tut es nicht? Wie kann sich irgendeine Politiker hinstellen und über „Killerspiele“ schwadronieren, während er gleichzeitig die Wehrpflicht befürwortet?

Was für eine ungeheuerliche Heuchelei! Wir SOLLEN ja lernen zu töten. Selbst wenn Computerspiele Jugendlichen hier eine entsprechende Neigung vermittelten, hätten diese Pharisäer also kaum einen Grund, sich aufzuregen.

Nun kommt aber auch noch dazu, dass alle wissenschaftlichen Untersuchungen übereinstimmend zu dem Schluss gelangt sind, dass es überhaupt keine Belege für einen Zusammenhang zwischen „Killerspielen“ und Gewalttaten gibt! Oh, mehrere Amokläufer haben also Counterstrike gespielt. Handschuhe haben sie übrigens auch alle getragen. Und Bier getrunken. Außerdem haben sie alle Brot gegessen! Verbietet Handschuhe, Bier und Brot! Hey, haben diese Leute nicht auch alle GEATMET??

Dass Menschen, die Gewaltphantasien haben, sich Counterstrike zuwenden, ist nachvollziehbar.Menschen, die Sex haben wollen, besorgen sich häufig in der Apotheke Verhütungsmittel. Schließen wir daraus, dass das Besorgen von Verhütungsmitteln das Verlangen nach Sex steigert? Genau so absurd ist aber die „Logik“, mit der unsere politische Elite ihre vollständige Inkompetenz offenbart.

Gerade im Fall Emstetten hat der Täter seine Gedankengänge wunderbar dokumentiert. Leistungsdruck & Ausgrenzung waren seine Motivation. Seine Gewaltphantasien gründeten sich auf frühere Massaker und Actionfilme. Hey, niemand redet über ein Verbot von „Killerfilmen“! (Kein Wunder, die Filmindustrie besitzt eine um ein Vielfaches stärkere Lobby als die Computerspielindustrie.)

Ich habe gerade den Trailer zum neuen Bond-Film gesehen, der weltweit quer durch die Presse gelobt wird, weil er „härter“ und „authentischer“ sei, als seine Vorgänger. Als roter Faden zieht sich durch diesen Trailer, wie leicht es dem Doppelnull-Agenten fällt zu töten,und wie cool das doch ist! (Übrigens werde ich mir diesen Film natürlich ansehen. Aber keine Sorge, ich gehe nicht mehr zur Schule.)

Die Geschichten, die wir erzählen, spiegeln unsere Lebenswirklichkeit wieder. Ebenso wie die Spiele, die wir spielen. Schach ist die Abstraktion des Aufeinandertreffens zweier Armeen. Risiko ist ein Weltkriegsszenario.

Krieg ist eine Konstante der menschlichen Zivilisation. Wer kann aus dem Kopf aufzählen, in welchen Gebieten der Welt zur Zeit alles Krieg herrscht?

Ob die Kindersoldaten im Kongo und im Sudan Counterstrike zocken?

Hatten die Nazis schon Grafikkarten?

Warum nur werden Computerspiele immer wieder als Ursache für Gewaltausbrüche hingestellt? Aus dem selben Grund, aus dem in den achtziger Jahren Fantasy-Rollenspieler verteufelt wurden. Aus dem selben Grund, aus dem in den Siebzigern Jugendliche, die sich die Haare färbten oder Irokesenschnitte machen ließen, als Bedrohung der Gesellschaft dargestellt wurden. Letztlich auch aus dem selben Grund, aus dem im Dritten Reich die Juden verfolgt wurden.

Man hat einen einfachen Sündenbock gefunden und kann ihn populistisch ausschlachten. So lange man auf irgendjemanden mit dem Finger zeigen kann, braucht man nicht seine eigene Mitverantwortung einzugestehen.

Nein, ich glaube nicht einmal, dass unsere Politiker tatsächlich so dumm sind, wie sie tun. Im Gegenteil, ich halte sie für verdammt schlau. Nur so gelangen sie nämlich in ihre Positionen. Sie sind lediglich skrupellos und korrupt.

Zwar geht die Welt gewiss nicht davon unter, wenn Counterstrike, Doom und Co. tatsächlich verboten würden. Aber die offensichtliche Absurdität dieser Diskussion führt uns überdeutlich vor Augen, mit welcher Ehrlichkeit, Objektivität und Rationalität Politik gemacht wird.

Und davon GEHT die Welt unter, denn die selben Mechanismen greifen auch, wenn es Klimawandel, Terrorismus, Armut oder AIDS betrifft! Wir werden von einer „Elite“ regiert, der es nicht darum geht, Probleme zu lösen oder auch nur zu verstehen, sondern lediglich, ihre Machtstellung zu erhalten und zu vermehren. Nein, das ist keine tiefschürfende Erkenntnis, besonders, da Politiker sich da nicht anders verhalten, als die meisten Menschen – nur eben erfolgreicher.

Ich glaube nicht, dass Macht korrupt macht, ebenso wenig wie Ballerspiele gewalttätig machen. Wir sind alle mehr oder weniger korrupt. Je tiefer die Korruption geht, desto mehr Macht werden wir erlangen. Wie kann ich Politikern einen Vorwurf machen, wenn sie doch letztlich tatsächlich exemplarische Vertreter unserer Spezies sind?

Wie steht es um EURE Bereitschaft, ein Problem tatsächlich zu analysieren, anstatt sich eine möglichst bequeme Erklärung zurechtzulegen? Im Alltag sind wir doch alle Politiker. Aber darüber schreibe ich beim nächstes Mal, dieser Eintrag ist bereits viel zu lang.

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Published in: on November 23, 2006 at 12:00 am  Schreibe einen Kommentar  
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