Wir sind alle Politiker

Politikverdrossenheit ist zur Zeit ja wieder ein allgegenwärtiges Schlagwort. Die große Koalition steht für Stagnation, die Interessen der Bevölkerung insgesamt werden gegenüber denen der Wirtschaft vernachlässigt, Vorschläge werden nur gemacht, um sich zu profilieren, und populistische Bauernfänger am linken und rechten Rand wittern Morgenluft. Genügend Gründe also, um sich aufzuregen?

Schon, aber bitte nicht über die Politiker! Jedenfalls nicht mehr als über den Rest der Gesellschaft. Sie machen genau das Gleiche wie das, was die gesamte Menschheit macht. Sie können es nur eben besser, deswegen haben sie in ihrem Fach Erfolg! Politik ist die Kunst, Mehrheiten zu beschaffen; Inhalte haben damit zunächst einmal gar nichts zu tun. Oh ja, im Idealfall würden sich Politiker diese Mehrheiten beschaffen, um vernünftige, dem Allgemeinwohl dienende Entscheidungen zu treffen, anstatt ihre eigenen Interessen zu verfolgen, aber warum sollten sie? Tut das denn der sprichwörtliche kleine Mann (oder eben die kleine Frau) von der Straße? Pustekuchen! Das moralisch und objektiv Richtige tun wir ja alle nur, wenn es uns zufällig gerade in den Kram passt. Warum sollten wir gerade von unserer politischen Führung da mehr erwarten?

Wie die große Politik funktioniert die gesamte Gesellschaft: Man beschafft sich Mehrheiten, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Sachliche Diskussionen, die dieses Vorgehen behindern könnten, werden dabei nach Möglichkeit immer mit Hilfe gesellschaftlichen Drucks unterbunden.

Als jemand, der stattdessen immer versucht, die beste Lösung zu finden und andere davon zu überzeugen, bin ich natürlich ein immer wiederkehrendes Ziel für diesen Druck.

Ich will hier nur ein Beispiel aus meinem persönlichen Leben anführen. Wenn Ihr die Augen offenhaltet, werdet Ihr problemlos jeden Tag ein Dutzend oder mehr ähnliche finden:

Neulich habe ich beim Training des Volleyballclubs, an dem ich seit ein paar Wochen teilnehme, den Vorschlag gemacht, bei insgesamt nur sechs Spielern das Spiel auf das halbe Feld zu begrenzen – eine Idee, die ich bei meinen Trainern in der Jugendzeit kennengelernt habe. Ziel ist es, durch eine bessere Abdeckung des Feldes längere Ballwechsel und besser aufgebaute Spielzüge zu ermöglichen, als es beim Spiel auf das gesamte Feld der Fall ist. Wer sich ein wenig mit Volleyball auskennt, sollte das Problem kennen: Das Netz steht beim Mixed auf Damenhöhe. Die Angaben werden dementsprechend scharf geschlagen, und die Annahmetechnik von Hobbyspielern ist natürlich auch nicht perfekt. Das Resultat ist, dass der Ball halt ständig auf den Boden fällt, so wie beim Schulsport auch.

Mein Vorschlag wurde gar nicht erst diskutiert. „Ne, das wollen wir alle nicht“, erwiderte der Platzhirsch der Mannschaft entschieden (es gibt in so ziemlich jeder gesellschaftlichen Gruppe jemand, der diese Rolle einnimmt und den Ton angibt, achtet mal darauf!) und die übrigen pflichteten ihm leise bei. Durch Lebenserfahrung klug geworden, habe ich nichts weiter dazu gesagt, und wir haben einfach gespielt. Am Ende des Spiels, das mehr aus Ballholen und Bücken bestand, als aus Volleyball-Spielzügen, habe ich dann noch einmal angeregt, in Zukunft vielleicht doch die andere Variante in Betracht zu ziehen. Der Platzhirsch antwortete darauf, indem er im ungehaltenen Tonfall darauf hinwies, dass sie sich schließlich nur nach der Arbeit träfen, um sich ein bisschen zu bewegen, und nicht um technisch perfektes Volleyball zu trainieren. Die anderen stimmten wiederum murmelnd bei. Ich konnte noch anmerken, dass man sich beim Volleyball nun einmal mehr bewegt, wenn der Ball länger im Spiel ist, aber die Diskussion war faktisch bereits beendet (genauer: unterbunden).

Was hier passiert ist, ist typisch. Ich bin als relativer Neuling in eine bestehende Gruppe hineingekommen und gleich dadurch aufgefallen, dass ich einer der besten, vermutlich der beste Spieler war. Daraus folgt, dass der Platzhirsch mich sofort als Gefahr für seine Leitfunktion ansah (dass ich charakterlich überhaupt nicht dazu in der Lage bin, diese Rolle einzunehmen, kann er ja nicht wissen). Mein Vorschlag wurde daher gar nicht erst unter sachlichen Gesichtspunkten gesehen, sondern als eine Attacke auf seinen Führungsanspruch, die abgeschmettert werden musste. Wie stellt man das an? „Wir wollen das nicht ändern, wir haben das schon immer so gemacht“ etc… Man stellt eine Wir-gegen-Dich-Situation her. Wer bist DU, dass Du UNS sagen willst, was wir machen sollen? Mehrheitsbeschaffung, gleichzeitig ausgeübter gesellschaftlicher Druck.

Am Ende des Trainings war eigentlich offensichtlich geworden, dass die bisher praktizierte Lösung nicht das Gelbe vom Ei war. Aber dieser Umstand hat den Leitwolf meiner Idee gegenüber nicht etwa gewogener gemacht, im Gegenteil! Dadurch, dass die Fakten meine Position stärkten, wurde ich lediglich als gefährlicherer Gegner angesehen. Deswegen die Reaktion: Offen zur Schau gestellte Missmutigkeit und Verärgerung, dass ich das Thema noch einmal ansprach – eine Machtdemonstration. Anstelle eines sachlichen Arguments ein Angriff, die Unterstellung, dass ich mit anderen Motiven zum gemeinsamen Spiel gekommen sei als die anderen – wiederum das Erzeugen einer Wir-gegen-Dich-Situation. WIR Freizeitspieler gegen DICH Möchtegernprofi. Die Absurditat und Unlogik dieser Unterstellung tat ihrer Überzeugungskraft keinen Abbruch. Der Leitwolf hatte seine Stellung verteidigt.

Vielleicht kennt Ihr solche Vorgänge unter dem Begriff „Vereinsmeierei“. Aber lest Euch doch einmal den Verlauf politischer Diskussionen, insbeondere innerparteilicher, in der Presse durch! Genau das selbe Schema.

Warum funktioniert das so gut? Weil die Menschen gar nicht daran interessiert sind, herauszufinden, was richtig ist! Was sie stattdessen wollen, ist das Machtgefüge in der Gesellschaft begreifen.

Viele von Euch werden mich aus der Community des Sammelkartenspiels Magic: The Gathering kennen. Dann ist Euch sicherlich dieser Fall schon viele Male begegnet: Ich widerspreche in einer Diskussion Spieler X, der ein höheres Rating als ich hat (für die nichtspielenden Leser: Das Rating ist ein Maß für die Spielstärke und Erfolge dieses Spielers, ähnlich der ELO-Zahl im Schach). Ich habe sachlich Recht (was sich in manchen Fällen sogar objektiv nachprüfen lässt). Irgendjemand schreibt mir, ich solle die Klappe halten, anstatt jemand mit einem höheren Rating zu widersprechen, denn der ist ja offensichtlich ein besserer Spieler.

Die einfache Lösung: Anstatt den Argumenten einer Diskussion zu folgen, stellt man einen einfachen Vergleich an. Wer besitzt mehr Prestige? Ranglisten sind da eine wunderbare Erfindung. Wer da besser platziert ist, hat Recht.

Erinnert Euch das nicht an irgendetwas? Zum Beispiel… Wahlen? Die Partei, die die Wahl gewinnt, hat offensichtlich das bessere Programm, richtig? Da muss man über die Inhalte nicht mehr sachlich diskutieren. Abstimmungen ersetzen Diskussionen.

Ob im Familienkreis, im Kegelclub, auf der Arbeit oder in der Regierung: Fast immer kommt es weniger darauf an, WAS gesagt wird, sondern WER es sagt. Wer die Mehrheit hinter sich versammelt hat, bekommt „Recht“.

Auch das ist wieder keine neue Erkenntnis. Wer hat im Englischunterricht nicht „Lord of the Flies“ gelesen? Ich fand das Buch nicht übermäßig berauschend, aber grundlegende Wahrheiten über das Funktionieren (oder auch Nicht-Funktionieren) der menschlichen Gesellschaft finden sich sehr schön darin. Der Mensch ist mit Vernunft begabt, doch er zieht es vor, im Rahmen gesellschaftlicher Mechanismen zu agieren, anstatt sie zu benutzen.

Politiker sind die Paragone unserer Gesellschaft. Jegliche Kritik an ihnen fällt letztlich auf uns zurück. „Politikverdrossenheit“ ist nichts anderes als Ekel vor uns selbst.

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Published in: on November 28, 2006 at 11:01 pm  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ekel vor uns selbst – schöne Pointe. Und gute Gedanken. Was mir dieser Text über die angesprochenen Punkte hinaus auch mal wieder mitteilt, ist die Tatsache, dass jeder Mensch letzten Endes doch immer „nur“ Tier ist. Du sagst es ja selber: PlatzHIRSCH, LeitWOLF. Diese Bezeichnung wird kein Zufall sein.

    Wer die Augen aufhält, erkennt im Alltag zig Hinweise auf unser tierisches Erbe. Das Balzverhalten ist besonders interessant.

    Uga!

  2. Lern halt mal ein bischen AMOGing


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