Demokratie und Diskussionskultur

Wer eine Meinung vertritt, welche die Mehrheit nicht teilt, wird angefeindet. In kleinen Gruppen bedeutet das. dass er sozialem Druck, zum Beispiel nach dem Wir-gegen-Dich-Schema, ausgesetzt wird. In größeren Gruppen wird er niedergebrüllt, ausgelacht oder mit Trillerpfeifen übertönt. Im Internet erhält er „Flames“, die häufig nichts anderes als persönliche Beleidigungen sind.

In der Mehrheit fühlen Menschen sich sicher, stärker. Durch die gemeinsame Anfeindung Andersdenkender fühlen sie sich besser in die Gesellschaft integriert und aufgewertet. Sachliche Auseinandersetzung tritt in den Hintergrund: Hier werden Machtverhältnisse bestätigt.

Dieses Phänomen tritt in Demokratien besonders in den Vordergrund, da Demokratieverständnis sich über Mehrheitsentscheidungen definiert. Der fatale Irrtum demokratischer Gesellschaften ist die Annahme, dass von der Mehrheit getroffene Entscheidungen RICHTIG seien!

Die Demokratie ist die bislang modernste und aufgeklärteste Regierungsform der Menschheit. Trotzdem dürfen wir deswegen nicht annehmen, dass sie den Endpunkt dieser Entwicklung darstellt! Insbesondere sollten wir dem Mehrheitsentscheid keine Bedeutung zumessen, die dieser nicht besitzen kann. Seine Aufgabe in der Demokratie ist es sicherzustellen, dass die Interessen der Bevölkerung möglichst stark berücksichtigt werden – je mehr Menschen mit einer Entscheidung zufrieden sind, desto besser, richtig?

Natürlich ist es nicht so einfach. Da ist einmal das Problem des Minderheitenschutzes. Und da ist das Problem der Sachentscheidung.

Was die Mehrheit der Bevölkerung darüber denkt, ob -2 die Wurzel von -4 ist, ob man Flugzeuge mit Dieselkraftstoff betreiben kann oder nicht, und ob Jesus eine historische oder eine fiktive Figur war, besitzt keinerlei Einfluss darauf, wie sich diese Fakten wirklich verhalten. Ob die Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht ist, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer nütze oder schade der Wirtschaft, oder dass eine frühere oder spätere Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen geeigneter sei, um den Bildungsstand unserer Schüler zu verbessern, ändert überhaupt nichts daran, wie es sich tatsächlich verhält.

Woher kommt die Ansicht, dass die Mehrheit es besser weiß? Das ist nicht einmal dann immer der Fall, wenn es sich um eine Mehrheit von Experten auf einem Gebiet handelt. Wie viele bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse wurden von der Fachwelt zunächst bestritten oder gar verspottet? Wie oft mussten wir das allgemein akzeptierte Wissen über unsere Welt bereits revidieren, weil die Forschung feststellte, dass die ihm zu Grunde liegenden Annahmen falsch waren?

Bereits der Konsens von Fachleuten erweist sich häufig als Irrtum. Wie kann man da erwarten, dass ein Bevölkerungsquerschnitt bei einem Thema zu einem qualifizierten Konsens kommt?

Meinungsfreiheit, das bedeutet, dass jeder das Recht besitzt, seine Meinung zu äußern. Das ist prinzipiell etwas sehr Positives. Leider fühlt sich kaum jemand in der Verantwortung, sich nur zu Dingen zu äußern, von denen er etwas versteht oder über die er wenigstens nachgedacht hat! Vorgefasste Urteile und Aussagen, die man kritiklos von Meinungsführern übernommen hat, dominieren jede öffentliche Diskussion.

Wie kann man denn zu der richtigen Entscheidung, wenn es eine solche gibt, gelangen? Nur durch sachliche Diskussion! Ein Mathematiker würde erklären, warum -2 nicht die Wurzel von -4 sein KANN – allerdings würde er damit den Großteil eines Laienpublikums überfordern, denn dazu müsste er erklären, was genau „minus“ bedeutet (und warum wir genau diese Bedeutung verlangen wollen), und was genau Multiplikation, was auf furchtbar theoretisches Gebiet führt. Ein Techniker könnte erklären, aus welchen Gründen Diesel nicht geeignet ist, um Flugzeuge anzutreiben – und ich verstehe nicht einmal genug von dieser Materie um einzuschätzen, ob ich seine Erklärung begreifen könnte! Historiker können Argumente dafür vorbringen, ob es die Person Jesus von Nazareth gegeben hat oder nicht und würden vermutlich nicht einmal untereinander einig werden. Bei den Themen Steuererhöhung und Schulpolitik würden Experten theoretische Modelle beschreiben und Spekulationen vornehmen.

Je komplexer ein Thema ist, desto geringer ist die Chance, dass man selbst in sachlicher Auseinandersetzung zum richtigen Schluss gelangt – aber die Chance ist in jedem Fall deutlich höher, als wenn man einem Mehrheitsentscheid folgt!

Die Mehrheit hat nämlich nicht nur nicht immer Recht, sondern meiner Meinung nach tendenziell sogar öfter Unrecht!

Woran liegt das? Nicht daran, dass die Menschheit generell dumm ist (okay, sie IST es, aber das hindert sie nicht daran, häufiger zu richtigen als zu falschen Schlüssen zu gelangen), sondern daran, dass Minderheitenmeinungen zumeist nur dann vertreten werden, wenn derjenige sich intensiv Gedanken darüber gemacht hat!

Ja, natürlich gibt es Spinner, sowie Trolle, die bewusst Unsinn von sich geben, um zu provozieren. In der Regel bedeutet aber der gesellschaftliche Druck, den man zu erwarten hat, wenn man sich dem Konsens der Mehrheit gegenüber sieht, einen starken Anreiz, sich NICHT in einer Diskussion zu einem Thema zu äußern. Tut es jemand trotzdem, wird er es häufig deshalb tun, weil er besonders stark von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt ist und diese gründlich überprüft hat. Damit ist die Chance, dass er Recht hat, mit Sicherheit größer, als jene der Mehrheit, deren Vetreter größtenteils vorgefasste Meinungen herunterbeten. Die Meinungen all derer, die sich nicht wirklich mit einem Thema befasst haben, sind einfach wertlos! Nur die sachliche Diskussion zwischen den Parteien, welche unterschiedliche Positionen vertreten, ist für den Sachverhalt bedeutend, nimmt aber leider selten mehr als einen geringen Bruchteil aller Meinungsäußerungen zu einem Thema ein.

Ich habe ein sehr schönes Zitat, das von Mark Twain stammen soll, entdeckt:

„Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect.“

Das ist äußerst wahr, aus mehreren Gründen!

Diese Aussage besitzt nämlich drei Ebenen. Da ist einmal die polemische Ebene: Die Mehrheit der Menschheit ist dumm, wenn Du also ihre Ansicht teilst, musst Du damit rechnen, dass Du ebenfalls eine Dummheit von Dir gibst.

Dann ist da die argumentative Ebene: Warum stellt sich jemand mit seiner Meinung gegen die Mehrheit? Die Chance, dass er eben gründlicher nachgedacht hat als diese, ist groß.

Schließlich ist da die psychologische Ebene: Warum teile ich die Ansicht der Majorität? Habe ich mich wirklich mit dem Thema befasst, oder bin ich der Versuchung erlegen, mich einfach in der Chor der Mehrheit einzureihen, weil es mir ein Gefühl von Zugehörigkeit und Macht gibt?

Darüber sollte man tatsächlich jedes Mal wieder nachdenken!

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Published in: on Dezember 16, 2006 at 12:09 am  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Dieser Kommentar hätte auch von mir sein können. ;>

  2. “Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect.”

    sollte man wirklich (mehr) drauf achten.

    auf jeden Fall ein schöner Beitrag.


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