Der Kreislauf des Seins

Zu viele Gedanken, zu wenige Gedanken, es macht kaum einen Unterschied. Wenn alles gleich wichtig ist, ist nichts wichtig. Seit Tagen kann ich keinen Gedanken richtig festhalten. Gerade noch beschäftige ich mich mit einem, schon drängt sich ein anderer auf, doch kaum hat dieser volle Gestalt angenommen, entflieht er bereits wieder und ein weiterer macht sich breit. Immerfort geht das so, ohne Pause, ohne Ende. Wie dieser furchtbare Smiley, in dem ein grinsendes Gesicht voll Schwung heransaust und ein anderes beiseite schubst, welches kaum genügend Zeit hat, Überraschung zu zeigen, und in dem der Schubser sogleich wieder zum Geschubsten wird, unablässig, in endloser Folge.

Alles ist gleich wichtig, also muss alles unwichtig sein.

Warum lese ich überhaupt noch Nachrichten? Ist es denn von Bedeutung, welche Furchtbarkeit gerade aktuell ist? Ich kann ja nicht einmal für eine einzelne Meldung die Betroffenheit aufwänden, die sie verdiente. Ein Entsetzen jagt das andere, ich verliere den Blick für das Einzelne, ziehe mich zurück, betrachte nur noch das Gesamtbild, eine Welt voller Dummheit und Bosheit, Lügen und Gewalt, Krieg und Elend. Mit der Entfernung verschwinden die Kontraste. Zu viele schwarze Punkte ergeben den Eindruck von Grau, ein immer düsteres Grau. Sind es denn wirklich noch schwarze Punkte auf weißem Grund, oder bereits weiße auf schwarzem? Gibt es diese weißen Punkte überhaupt, oder rede ich mir ihre Existenz nur ein, wie das Auge grau auf schwarz als weiß wahrnimmt?

Nichts ist wichtig. Neuigkeiten sind genau dies: Neuigkeiten. Warum die bestehenden Katastrophen wiederholen? Abwechslung ist alles, was noch Aufmerksamkeit wecken kann. Die Ungerechtigkeit, das Leid, die Toten von gestern – wen interessieren sie? Ein neuer Mord, ein neues Attentat, ein neuer Krieg, sie lassen sich täglich finden.

Die Welt, sie ist fern und doch gleichzeitig nah. Ich befinde mich nicht im Krieg, leide keinen Hunger, werde nicht bedroht. Und doch sind um mich die gleichen Menschen wie in Afghanistan, im Irak, in Somalia, in Tschetschenien. Der Frieden, der Wohlstand, in denen ich lebe, sie sind nicht das Produkt größerer Vernunft, geringerer Aggressivität oder gemäßigterer Gier, sie sind eine gesellschaftliche Zufälligkeit. Mir geht es nicht gut, weil die Menschen in meiner Umgebung sich evolutionär weiterentwickelt hätten, weil sie nicht mehr feige, dumm, gierig und sadistisch wären, nein, mir geht es gut, weil ich an einem glücklichen Ort in einer glücklichen Zeit lebe.

Ich sollte also glücklich sein. Was geht mich der Rest der Menschheit an? Die Gedanken, sie müssen sich doch abstellen lassen! Ist es Vernunft, die mich davon abhält, mein Bewusstsein mit Drogen zu betäuben, oder zwingen mich dazu meine Schuldgefühle als Teil dieser Welt, als Mensch unter Menschen mitverantwortlich für alles zu sein, was in ihr geschieht?

Einmal wachte ich auf und hatte einen furchtbaren Gedanken – was, wenn es nur MICH gibt? Nur ein Bewusstsein, immer und immer wiedergeboren zu allen Zeiten, an allen Orten? In verschiedenen Lebenssituationen, ohne Erinnerungen an andere Existenzen, wäre das Verhalten anderer Menschen anderer Menschen mein Verhalten? Bin ICH Nero, Napoleon, Hitler, Hussein, Jack the Ripper, der Kannibale von Rothenburg, jeder Selbstmordattentäter, jeder Zuhälter, jeder Rassist, jeder Vergewaltiger, jeder Sklave, Bauer, Arbeiter, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, jeder abgetriebene Fötus? Ermorde ich mich selbst, führe Krieg gegen mich, bestehle, betrüge, verleumde, schlage, vergewaltige und foltere mich unzählige Male? Bin ICH die Menschheit?

Wenn, dann geschähe es mir wohl Recht.

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Published in: on Januar 26, 2007 at 2:58 pm  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Stark!

  2. Ich sags auch nur mit einem Wort: Genial!!


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