Frogger

Es ist eigentlich ein Klassiker… kennt Ihr das alte Videospiel von Parker, damals für den Atari 2600?

Ach ja, die Videospielzeit… Pac-Man, River Raid, Centipede, Pitfall… und eben Frogger!

Der arme Frosch, der erst über eine fünfspurige Autobahn hopsen musste (auf der die Autos sonderbarerweise in benachbarten Spuren jeweils in die gegenüberliegende Richtung fuhren), und der dann über einen dünnen Grasstreifen, auf dem eine Schlange ihn jagte, zum Fluss kam, den er auf Baumstämmen überquerte, die allerdings nach ein paar Sekunden unter seinem Gewicht untergingen(?), und die merkwürdigerweise in 5 Reihen ebenfalls in jeweils entgegengesetzte Richtungen trieben, bis er sich schließlich am gegenüberliegenden Ufer in Sicherheit bringen konnte!

Ich habe es lange vermieden, mir Computerspiele zu besorgen – ich weiß, dass sie mich süchtig machen! Vor ein paar Jahren erwischte es mich dann: Halflife, Nox, No one lives forever (hat da jemand die englische Originalversion des zweiten Teils? Bitte melden!) – ich versank in der virtuellen Realität! Ein Glück, dass ich Diablo 2 so unsäglich langweilig fand, ansonsten wäre ich vermutlich in die Welt der MMORPGs hineingesogen worden und würde gar nichts anderes mehr machen als WoW & co. zu zocken!

Diese Phase klang jedoch wieder ab, und ich war ein paar Jahre clean. Aber irgendwann kriegen sie einen doch wieder! Das kleine Gothic-Forum, in dem ich mich angemeldet hatte, besaß eine eigene Flashgames-Ecke, und neugierig und mit zu viel freier Zeit ausgestattet erkundete ich sie.

Großer Fehler! Die meisten Spiele dort sind noch nicht einmal gut, aber irgendwie doch unterhaltsam. Das mit Abstand beste jedoch ist eine Flash-Adaption des guten alten Frogger! Zur Zeit rette ich jeden Abend mindestens einmal sieben Frösche – hey, das ist eine gute Tat, die ich bewältigen kann!

Nur: Selbst die Realitätsflucht per Computerspiel gelingt nicht so, wie sie soll… Wisst Ihr, das Spiel bietet mit seiner äußerst simplen Grafik und den paar eingebauten Soundfiles (sehr charmant, dieses Retro-Flair!) ein paar kleine Gimmicks. So hupen die Autos, wenn der Frosch zu nahe an ihnen vorbeihüpft, und wenn er überfahren wird, kommt eine Ambulanz und transportiert ihn ab. Während des Spiels läuft eine brilliant komponierte Hintergrundmusik – fröhlich, leicht, aber irgendwie auch ein wenig melancholisch – welche die Aussage zu vermitteln scheint: So ist das Leben halt…

Wenn der Frosch jedoch das Zeitliche segnet, weil er überfahren oder von der Schlange gebissen wurde oder ertrank, dann endet die Musik und die Strasse leert sich. Wohl aus Pietät – immerhin ist gerade ein Lebewesen gestorben! – hören die Autos auf zu fahren. Doch bereits nach wenigen Sekunden setzt die fröhliche Musik wieder ein, die Autos kehren zurück, und wenn der nächste Frosch startbereit ist, ist die Autobahn wieder so voll wie zuvor, und die Autos hupen, wenn er seine Ausweichmanöver zu knapp kalkuliert.

Kommt Euch das Prinzip nicht bekannt vor? So lange der Frosch lebt, ist er allen nur lästig. Niemand kommt auf die Idee, für ihn zu bremsen; er wird stattdessen verärgert angehupt.

Wird er dann aber überfahren, ist die Bestürzung groß! Für kurze Zeit ist die Straße ein sicherer Ort für Frösche. Doch nur zu bald geht das Leben wieder seinen normalen Gang. Der tote Frosch war zumindest ein paar Sekunden Trauer wert; der lebende gerade einmal so einen Druck auf die Hupe.

Vor ein paar Wochen ging es in der Presse Schlag auf Schlag: Ein Fall nach dem anderen wurde bekannt, in dem Kinder von ihren Eltern vernachlässigt, verprügelt und schließlich getötet wurden. Die Aufregung war groß – es musste etwas passieren! Die armen Kinder!

Die armen Kinder sind TOT. Viele andere arme Kinder leben noch. Ihre Schicksale werden in der Presse nicht besprochen – wen interessieren sie schon? Wenn ein Baby tot in der Gefriertruhe gefunden wird, dann ist das spannend genug für eine Meldung. Lebende Kinder müssen schon mindestens spektakulär entführt werden, damit man sich wenigstens gedanklich kurz mit ihnen beschäftigt.

War in Djakarta nicht gerade eine furchtbare Überschwemmung? Müsste diese Katastrophe nicht immer noch andauern? Aus den Nachrichten ist sie längst wieder heraus.

Wenn ein Hurricane wieder eine amerikanische Großstadt zerlegt, wird das Thema Klimawandel wieder kurz auf die Tagesordnung kommen. Wenn in Bagdad wieder ein Selbstmordattentäter 100 Menschen mit in den Tod reißt (dreistellig sollte die Zahl schon sein, sonst ist es ja nichts Besonderes mehr), erinnern wir uns wieder ein Weilchen an den Irakkrieg. Und wenn bei einem Regionalliga-Fussballspiel mal wieder ein schwarzer Spieler von den Rängen als Scheiß-Nigger beschimpft wird, flammt die Neonazidiskussion wieder für ein paar Tage auf.

Wisst Ihr was? Deutschland ist Handball-Weltmeister! Und bei Frogger habe ich gerade mein 50. Spiel mit über 800 Punkten beendet (ein Score, den ich vor einer Woche noch für das Nonplusultra hielt). Außerdem ist eine neue Magic-Edition herausgekommen, und mir fehlen noch ein paar Karten.

Ich geh‘ dann mal wieder spielen. Gebt mir Bescheid, wenn an einer deutschen Schule ein Amokläufer mit einer Maschinenpistole ein Dutzend seiner Mitschüler erschießt. Ich rege mich dann eine Zeitlang darüber auf, und noch einmal so lange, wenn der Herr Beckstein herausfindet, dass der Täter einen Computer besessen hat, und deswegen seine Forderung nach dem Verbot von Killerspielen erneuert.

Und dann werde ich wieder weiterspielen, denn Frogger wird schon nicht unter dieses Verbot fallen, nicht wahr?

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