Ignoranz macht glücklich

Gerade habe ich wieder Frösche gerettet. Was kümmert mich die Welt.

Wenn Eure Freundin / Euer Freund mit Euch Schluss machte – was würdet Ihr bevorzugen? Noch einmal einen wundervollen Abend mit tollem Sex mit ihr/ihm zu verleben, bevor er/sie Euch mitteilt, dass es nicht mehr weitergeht? Oder ist es besser, wenn Euer letztes Beisammensein gleich mit dem Satz „Du, wir müssen reden“ beginnt?

Natürlich wäre dieser letzte schöne Abend eine Lüge, wäre Heuchelei. Aber er wäre SCHÖN, ein paar Stunden Glück, bevor die Traurigkeit einsetzt.

Wenn morgen die Welt unterginge – würdet Ihr es wissen wollen? Der Klimawandel zerstört unsere Zivilisation in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren – wollt Ihr es wahrhaben?

Gestern habe ich eine Kritik zu einem Magic-Artikel verfasst. Der Artikel war hundsmiserabel, und dementsprechend ist meine Kritik auch ausgefallen. Wie es so meine Art ist, habe ich nicht einfach gesagt: „Der Artikel ist schlecht“, sondern genau begründet, WARUM er schlecht ist – welche Stilblüten der Autor sich geleistet hat, welche logischen Fehler, welche sachlichen Mängel.

Um es mit C3PO zu sagen (ich gehöre nicht zu den Leuten, welche die neue Star Wars Trilogie nicht mögen, aber die alte hatte eindeutig die besseren Dialoge!): Der Schreiber bekundete sein Nichteinverständnis mit meinen Aussagen. Ich würde die Eigenheit seines Schreibstils nicht anerkennen und sollte mich lieber wieder dem Schreiben von Geschichten zuwenden, in denen ich mit Spannungsbögen arbeiten könne (was genau er damit gemeint hat, ist schwierig zu erraten, aber in irgendeiner Form wollte er wohl darauf hinweisen, dass ich von seinem Artikel etwas erwartet hätte, was dort nicht hineingehörte).

Tja, der Autor nahm also die Kritik nicht an. Das ist sein gutes Recht. (Hätte er diesen Text in der Schule im Deutschunterricht als Aufsatz verfasst, wäre ihm hingegen keine andere Wahl geblieben: Schlechtes Deutsch, fehlerhafte Grammatik und Interpunktion, mangelnder Inhalt, Thema teilweise verfehlt – es gab hier keinerlei Ambiguität, der Text war objektiv schlecht, jenseits aller Geschmacksfragen.)

Darüberhinaus merkte man seiner Replik an, dass er sich ärgerte – und naiv, wie ich bin, frage ich mich, wieso eigentlich!

Die Seite, auf welcher der Artikel veröffentlicht wurde, verfügt über ein Bewertungssystem für einzelne Beiträge. Obwohl nur die Gesamtdurchschnittsnote angezeigt wird, kann man an ihrer Entwicklung gut abschätzen, wie die Leser im Einzelnen abgestimmt haben. Der fragliche Artikel hat offensichtlich zahlreiche Noten im Spektrum von 1-5 auf einer Skala bis 10 bekommen, und der Durchschnitt liegt bei fünfkommanochwas. Zum Vergleich: Praktisch alle anderen Artikel weisen Durchschnittsnoten zwischen 7,5 und 9,5 auf (die Leser sind insgesamt sehr zufrieden!)

Nun bin ich nicht der Ansicht, dass Durchschnittsnoten oder Mehrheitsmeinungen prinzipiell geeignet sind, die Qualität eines Textes zu beschreiben, aber ein wichtiges Faktum bleibt: Ein hoher Anteil der Rezipienten hat mit seinem Abstimmungsverhalten deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass sie den Artikel scheiße fanden. Ein paar haben diese Meinung auch in den Kommentaren in Kurzform zum Ausdruck gemacht, in Formulierungen wie „diesen Artikel braucht kein Mensch.“ Trotzdem bin ICH derjenige, über dessen Meinung sich der Schreiber ärgert!

Was ist schlimmer daran, anstatt „Dein Text ist scheiße“ zu sagen, „Dein Text ist scheiße, WEIL…“? Ist das nicht BESSER? Es gibt dem Autor erheblich mehr Informationen: Wenn er bereit ist die Kritk anzunehmen, dann erhält er Ansatzpunkte, wie er seine Schreibe verbessern kann. Wenn er nicht bereit ist, die Kritk anzunehmen, dann hat er Gewissheit, aus welchen Gründen der Kritiker seinen Text ablehnt und kann entscheiden, dass er diese Gründe für unzutreffend hält.

Ein unbegründeter Verriss oder einfach eine schlechte Bewertung hingegen lässt Fragen offen: Was hat dem Leser nicht gefallen? Eine solche Kritik kann ein Autor zwar registrieren, aber weder annehmen noch ablehnen, da er ihre Gründe nicht kennt und sich damit nicht auseinandersetzen kann!

Und doch ziehen die meisten Möchtegernautoren offenbar aussagelose Abwertungen ausführlichen Verrissen vor, und in einem großen Magic-Forum wurde ich von den Moderatoren wiederholt verwarnt, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Postern nicht einfach nur sagte, DASS ich Artikel schlecht fand, sondern WARUM.

Der Grund liegt wohl darin, dass Unwissenheit bequemer ist! Aussagen wie „Diesen Artikel braucht kein Mensch“ oder „2 von 10 Punkten“ kann man ignorieren: Man kann sich einreden, dass der Kritiker keine guten Gründe hat; dass er einfach einen schlechten Geschmack besitzt, oder nicht in der Lage ist, die Qualität des Geschriebenen zu beurteilen. (Das ist auch durchaus häufig der Fall!)

Wenn jedoch jemand den eigenen Text systematisch analysiert, dessen Schwächen schonungslos offenlegt und mit dem sprichwörtlichen Finger in stilistischen Wunden bohrt, dann kann man das nicht ignorieren! Selbst wenn man es möchte, es geht nicht: Man bekommt überzeugend vor Augen geführt, dass man Mist verzapft hat.

Und das will man als Autor eben nicht lesen. Auch nicht dann, wenn es stimmt – gerade dann nicht! Lieber lebt man in dem Glauben, dass die eigene Leserschaft nicht dazu in der Lage ist, das schreiberische Talent, welches man besitzt, zu erkennen, als mit der Wahrheit konfrontiert zu werden, dass man einfach nicht gut ist.

Seinem Nachbarn nicht auf die Nase zu binden, dass man ihn dabei beobachtet hat, wie er in seiner Nase nach Rosinen gebohrt und diese dann verspeist hat, ist Takt. Ihm hingegen zu sagen, dass sein Pimmel aus der offenstehenden Hose heraushängt, bevor er das Haus verlässt und auf die Straße hinaustritt, ist nett und hilfreich.

Ist es taktlos oder hilfreich, einem Autor, der schlechte Texte veröffentlicht, unmissverständlich zu sagen, dass sie schlecht sind?

Ignoranz macht glücklich, aber manchmal ist der Schock der Erkenntnis später nur um so schlimmer.

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Published in: on Februar 8, 2007 at 4:46 am  Comments (9)  
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9 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hm, der Text lässt mich ein wenig verwirrt zurück. Also plädierst Du letztlich doch für das ‚wir müssen uns mal miteinander unterhalten‘? Oder war das nur eine Einleitung, die von der These unabhängig ist?

    Der Reihe nach:
    der Grund, weshalb sich nur wenige Frauen für die schönen Stunden vor der Trennung entscheiden, liegt vermutlich darin, dass ein solcher Umgang nur dazu führt, dass sich die entsprechende Person nach der Trennung weiterhin Hoffnungen auf eine mögliche Fortsetzung der Beziehung machen würde („es war doch so schön und lief noch so gut zwischen uns“), was das eigentliche Vorhaben – die Trennung – mehr sabotiert denn unterstützt.

    Würdest Du es denn wissen wollen, wenn morgen die Welt unterginge/der letzte Tag des Leben wäre? Spontan würde ich mit ‚ja‘ antworten, aber tatsächlich bin ich froh, dass ich sie nie wirklich beantworten muss.

    StarWars enthält Dialoge? Mir schienen die Filme eher Monolog-lastig zu sein (das soll nicht heißen, dass ich die Filme nicht mag – ich kann mir nur einfach an keinen Dialog erinnern, der mich besonders beeindruckt hätte; und wir man bei Lego-StarWars sieht, sind sie vollkommen überflüssig), wobei… wenn man die Relativität des Wortes ‚besser‘ bedenkt, stimme ich vorbehaltslos zu.

    Zum Hauptpunkt: ich weiß, dass ich pauschalisiere, aber im Allgemeinen gibt es zwei Gründe, weshalb schlechte Autoren schlecht sind: 1) sie sind jung und unerfahren, 2) sie sind kritikresistent. Manchmal sind sie auch beides. Ich weiß nicht, ob sie wahrnehmen, dass das, was sie schreiben, peinlich ist und sie in einem negativen Licht darstellt. Vermutlich nicht. Das Problem ist, dass solche Leute in solchen Umgebungen zueinanderfinden und sich dann mit Kuschelkommentaren überhäufen. Wenn man es dann doch wagt, sich an Kritik zu üben, bekommt man nur ein erbostes: „Die andern finden es aber alle gut“ zurück.

    Sich die Mühe konstruktiver Kritik zu machen, ist an für sich natürlich löblich, aber ich würde mich dabei auf Autoren beschränken, in denen ich Potential erkenne und die ausdrücklich um ernsthafte Kritik bitten. Es geht auch noch, wenn man den Text im großen und ganzen gut findet und Details anzumerken.
    Aber in einem Fall wie oben halte ich das Verfassen von Kritiken für nutzlos. Der Kritiker verschwendet seine Zeit und der Krisierte erkennt die Mühe nicht an, sondern nimmt die Kritik persönlich (was sie ja auch irgendwie ist, weil die Aussage „Der Text ist schlecht“ und „Du bist ein schlechter Autor“ sehr nah beieinander liegen) und ärgert sich.

    Deswegen wär mein persönlicher Rat: fliege, korrigiere Flugtechniken und hilf den Küken über den Nestrand, aber wirf keine Steine in die Luft und sei dann enttäuscht, wenn sie wieder zur Erde fallen und dabei eine Menge Staub aufwirbeln.

    mit den besten Grüßen,
    Julia

  2. Hi Julia,

    danke für Deinen langen Kommentar! Wie hast Du hierher gefunden – von E-Stories?

    Ich plädiere nicht für eine der beiden Möglichkeiten, eine Beziehung zu beenden (gut, es gibt da noch mehr, wie die einfühlsame SMS etc…); sie haben offensichtlich beide Vor- und Nachteile, und die beste Möglichkeit hängt vermutlich von der konkreten Beziehung ab.

    Persönlich würde ich die „glückliche“ Variante wohl bevorzugen – jedes Zusammensein ist letztlich befristet, und der Sinn einer Liebe ist es doch, so viele glückliche Momente wie möglich gemeinsam zu verbringen, oder nicht?

    Ja, Star Wars hatte Dialoge, darunter einige sehr nette! Zu Shakespeare im Weltraum macht das diese Filme natürlich nicht. Bei der neuen Trilogie wurde mir hingegen teils schlecht.

    So, wie Du es vorschlägst, halte ich es generell unterdessen auch mit Kritik. Deswegen kommentiere ich in Schreiberforen unterdessen nur noch nach expliziter Aufforderung.

    In der Magic-Community existiert aber eine besondere Situation. Zum einen habe ich da meinen „schlechten“ Ruf zu verteidigen! Zum anderen kommentiere ich dort nicht nur im Interesse des Autors, sondern der gesamten Szene. Aus einer Kritik kann schließlich nicht nur der Kritisierte selbst etwas lernen. Deswegen kommentiere ich auf jener Seite ausnahmslos jeden Text. Sollte ich einmal einen auslassen, wäre mein Schweigen vermutlich beredter als jeder Verriss…

    Von „Der Text ist schlecht“ zu „Du bist ein schlechter Autor“ ist der Weg natürlich nicht weit. Ein Autor, der einen schlechten Text verfasst hat, ist vielleicht noch unerfahren oder hat einen schlechten Tag erwischt. Ein Autor, der konstant schlechte Texte produziert, IST ein schlechter Autor, denn das macht schlechte Autoren aus!

    Irgendwann ist dann auch der Punkt erreicht, an dem man einem Schreiber diese Wahrheit mitteilen sollte.

  3. Hallo,

    Ja, genau, E-Stories (wobei da auch langsam kein Zweifel mehr herrscht, wofür das E steht).

    Wenn Du nicht dafür plädierst, habe ich wohl die wertende Wirkung der Majuskel überschätzt…
    Wie sähe es im umgekehrten Fall aus. Angenommen Du würdest merken, dass Du mit der Partnerin nicht mehr zusammen sein möchtest, sie Dich aber noch liebt (oder noch nicht der bevorstehenden Trennung gewahr ist). Würdest Du tatsächlich erst auf ‚heile Welt‘ machen, mit ihr schlafen und ihr dann die Trennung postkoital servieren? Abgesehen davon besteht (meines Wissens nach, möglicherweise ist Pharmazie da auch weiter fortgeschritten als ich dachte) bei jeder Verhütungsmethode das Restrisiko einer Schwangerschaft, was mit Murphys Hilfe dann eine möglicherweise eher unglückliche Erinnerung an die Beziehung wäre…

    Den Sinn von Liebe kann ich nicht beurteilen, ich schätze, er ist eng mit dem des Lebens verbunden und den findet jeder an einer anderen Stelle (oder auch nicht).
    Für mich persönlich ist sie eine Art Versicherung. Es gibt diesen einen Menschen, der mich liebt und von dem ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann (so sehr, dass ich mit ihm eine Familie gründe), ebenso wie er mich vertrauen kann, weil ich ihn liebe. Dieser Umstand ist für mich die einzige Gewissheit in einer ungewissen Welt (und damit, das ich als wahres Glück betrachte) und wer aus diesem Vertrauen eine Lüge macht, nimmt sich selbst und der anderen Person etwas unbeschreiblich Kostbares weg.
    Aber wie gesagt, das ist nur meine persönliche Ansicht.

    Shakespeare im Weltraum… warum muss ich jetzt an ‚Firefly‘ denken *schmunzelt*, gut, ja, nachdem ich mit die Dialoge nochmal angesehen habe, stimme ich zu, was ihre Nettigkeit angeht (wobei meine Lieblinge von Han Solo stammen), allerdings muss man den ersten drei Filmen drei Dinge zugute halten:
    1) Das Wort ‚Padawan‘
    2) Yodas ‚Furcht führt zu Zorn, Zorn führt zu Schmerz… oder umgekehrt… wie auch immer‘-Ansprache
    3) Ohne sie wären uns viele schöne Parodien und Gags wie ‚The Saga begins‘ von Weird Al Yankovic entgangen und ich persönlich hatte im Kino eine sehr lustige Zeit

    Hm, ich sehe einen guten/schlechten/wie auch immer geratenen Ruf nicht als gute Begründung an, etwas zu tun, das man sonst nicht tun würde, aber da stehen wohl auch wieder persönliche Philosophien an.

    Also wenn die ganze Szene in diesem Punkt hinter Dir stand, dürfte es doch nicht schwer gefallen sein, Bitglieder zu finden, die sich hinter Dich stellen und dem Autoren klar machen, dass das keine individuelle Meinung von Dir ist, sondern dem allgemeinen Empfinden entspricht, oder?

    Abgesehen davon ist es manchmal nicht nur eine Frage des ‚was‘, sondern des ‚wie’s. Um bei Deinem Beispiel zu bleiben, macht es ja durchaus einen Unterschied, ob man der betreffenden Person ein diskretes ‚Entschuldigen Sie, ihr Hosenstall ist offen‘ zuflüstert oder vor versammelter Mannchschaft „He Du, Dein Pimmel (das Wort ist so peinlich, dass es mir schwerfällt, es zu tippen) hängt raus!“ rufe. In einem Fall wird der Betreffende möglicherweise dankbar die notwendigen Maßnahmen zur Beseitigung des Missstandes einleiten, im anderen sich über die Bloßstellung ärgern.

    Falls der Betreffende dazu noch der Gefühl hat, von oben herab abgekanzelt zu werden, ist es wenig verwanderlich, wenn die Dankbarkeit ausbleibt; das begegnet einem nicht nur bei schlechten Autoren (bin erst vor kurzem auf so einen Fall bei keinVerlag.de gestoßen).

    Mag sein, dass der Punkt der Wahrheit kommen muss, aber das kann nur geschehen, wenn der Betreffende sie auch annehmen kann und möchte.

    liebe Grüße,
    Julia, die übernächstes Wochenende seit langer Zeit (und damals nur einmal gegen einen menschlichen Gegner) wieder Magic spielt

  4. Hi Julia!

    Nö, da bestehen keine Zweifel mehr… vielleicht mache ich noch einen Blogeintrag dazu: „Nachtfleisch“ hat bereits nach einem Tag so viele Hits, wie meine beiden ältesten Geschichten, die dort seit über zwei Jahren stehen, zusammen, und dass obwohl erotische Geschichten nicht einmal bei den Neueinträgen angezeigt werden…

    Wie das mit der Tatsache zusammenpasst, dass das E-Stories-Publikum immer jünger wird (wie man zum Beispiel im Forum klar erkennt), darüber kann man auch einmal nachdenken… Ich habe ja keine Probleme mit Erotik oder auch Pornografie, wohl aber mit Heuchelei!

    Zu Beziehungsfragen: Man kann sie wirklich nicht ohne Blick auf den Einzelfall beantworten. Die Entscheidung, sich zu trennen, fällt in der Regel auch nicht von einem Tag auf den anderen, sondern wächst langsam heran. Dass man den Partner geliebt hat und vielleicht immer noch liebt, wird dadurch auch nicht unwahr. Ist der Glaube, „auf ewig“ mit jemandem zusammen zu sein, Bedingung für Sex mit gutem Gewissen? Ich bin kein großer Freund von One-Night-Stands, aber ich denke, dass Glück etwas Flüchtiges ist, das man genießen sollte, wenn man es erfahren kann, und auf dessen Andauern es keine Garantie gibt.

    Mir ging es übrigens bei meinem Blog-Eintrag nicht darum, Mitglieder der Szene zu finden, die sich hinter mich stellen. (Das wäre diesmal auch nicht nötig gewesen; der Autor steht mit seinen Ansichten durchaus alleine da). Häufig genug kommt es vor, dass ich Minderheitenmeinungen vertrete; das bin ich gewohnt. Ich habe stattdessen versucht nachzuvollziehen, wie diese Verhaltensmuster zu Stande kommen; warum uns derjenige, der uns sagt, in welcher Weise wir etwas schlecht gemacht haben, mehr ärgert als diejenigen, die uns einfach nur sagen, dass wir es schlecht gemacht haben.

    Wenn ein Text bereits veröffentlicht ist, dann steht derjenige bereits im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Ob man ihm zuflüstert oder zuruft, dass sein Schwanz aus der Hose hängt (ist Dir dieses Wort genehmer, Julia?), macht keinen Unterschied mehr.

    Wer öffentlich schreibt, insbesondere, wenn er auch noch dafür entlohnt wird, setzt sich öffentlicher Kritik aus. Das ist nur fair: Man wünscht sich schließlich auch öffentliches Lob! Da muss man auch bereit sein, öffentliche Kritik zu akzeptieren.

  5. Hm, auch wenn ich im allgemeinen auch kein Problem mit Pornographie habe, finde ich sie in diesem Forum meistens deplaziert, weil sie anderen Regeln unterworfen zu sein scheint, als die Werke anderer Sparten. Keine andere Textsorte könnte es sich leisten, derart sprachlich holprig und unoriginell zu sein (wobei dieser Umstand es einen meistens erleichtert, mit einem Blick der Pornographie von der Erotik zu trennen). Abgesehen davon scheint dort der Kuschelkommentartrend besonders stark zu sein.

    War die Foren-Community dort nicht schon immer relativ jung? Vielleicht ist aber mein Zeitfenster auch zu klein…

    Ich denke, es ist wichtiges Kriterium, wie gleichberechtigt beide Partner sind. Wenn beide sich auf einen One-night-Stand geeinigt haben, ist das vollkommen in Ordnung, wenn es sich beide bewusst sind, dass die Trennung kurz bevor steht, ebenfalls. Sobald aber eine nur etwas Kurzfristiges sieht, der andere aber von etwas Dauerhaftem ausgeht und sich der erste dessen bewusst ist, sollte das zuvor miteinander abgestimmt werden, damit sich die zweite Person im Bewusstsein der Wahrheit entscheiden kann.

    Normalerweise spielt es bei einer Kritik keine Rolle, wie viele andere diese teilen, aber wenn es darum geht, im Interesse einer Community aufzutreten und das dem Kritisierten auch bewusst zu machen, ist es vermutlich hilfreich, mehr als nur eine Meinung zu haben, um zu verdeutlichen, dass es um das Interesse einer Gemeinschaft geht. (Allerdings ist das nur Spekulation – ich neige dazu, Gemeinschaften zu meiden).

    Auch wenn es natürlich stimmt, dass ein öffentlicher Beitrag auch zur öffentlichen Diksussion freisteht, denke ich, dass der persönliche Kontakt sich von dem Verdacht distanziert, die Kritiker wolle sich auf die Kosten des Kritisierten profilieren und damit die Chancen erhöht, dass sie erhört wird.
    Selbst im Rampenlicht auf einer Bühne würde ich das diskrete Flüstern dem lauten Ruf vorziehen. Vielleicht hätte ich kein Recht dazu, aber es wäre dennoch so. (ach, wenn es darum geht, eine lächerliche Situation darzustellen, ist Pimmel schon in Ordnung – Schwanz ist nicht sehr viel schöner, aber gebräuchlicher; es gibt einfach sehr wenige (wenn überhaupt) klanglich schöne Umschreibungen des Phallischen).

  6. Als jemand, der selbst hin und wieder zum Thema Magic bloggt, sieht mein Feedback-Ranking (von ‚liebstes‘ bis ‚unliebstes‘) folgendermaßen aus:

    1) generelle Zustimmung (begründet oder unbegründet) [„Super Blog! Mehr davon!“ / „Du hast vollkommen recht. Genau das sind auch meine Erfahrungen mit dem Thema.“]
    2) Zustimmung mit Einschränkung [„Top Eintrag! Nur daß schwarz eine der besten TS-Limited-Farben ist, stimmt einfach nicht.“]
    3) begründete Kritik (welcher zur Einleitung häufig ein paar positive Punkte vorangestellt werden) [„Toller Sprachtil; inhaltlich leider total am Thema vorbei, weil…“ = Der typische Andreas-Pischner-Kommentar zu einem Artikel, der den ihm gewohnten Standards entspricht. (Die meisten anderen Kommentatoren äußern hier i.d.R. unverhaltenes Lob. „Gewohnter Standard“ ist Dir jedoch nicht gut genug. :>)]
    4) unbegründete Teilkritik [„Der Sprachstil kannix.“]
    5) der totale Verriß (mit ausführlicher Begründung) [Der typische Andreas-Pischner-Kommentar zu einem Artikel, der sich unterhalb seines gewohnten Standards befindet.]
    6) der random Diss [„Überlaß doch mal das Schreiben Leuten, die’s besser drauf haben.“]
    7) gar kein Feedback [„“]

    Ich denke, woran es Deinem Feedback häufig mangelt, ist eine vernünftige Relation zwischen positiver und negativer Kritik. Feedbacktyp 5 ist meines Erachtens sehr viel eher dazu geeignet, einen Autoren psychologisch zu vernichten, als ihm wirklich zu helfen, die Mängel seiner Arbeit zu erkennen. Ich denke, das ist etwas, was zu zu oft einfach ausblendest: Ein Autor ist kein Computerprogramm, das sachlich Kritik 1:1 aufnimmt und verwertet, sondern wird vielmehr über seine Psyche gelenkt. Wenn da der Input quasi-vernichtende Kritik ist, ist die natürliche Reaktion „AchichlaßdaslieberbleibenweilhatjaehkeinZweck.“

    Daher würde es Deinen Kommentaren sehr gut stehen, jedem Artikel, sei er auch noch so substandard, irgend etwas positives abzugewinnen, bevor Du mit dem Aufzeigen der Schwachstellen beginnst. Mit Heuchelei hat das nichts zu tun.

    (Etwas ähnliches habe ich übrigens zu einem Deiner früheren Blogs bereits schon einmal geschrieben.)

  7. Hi Boneshredder,

    ja, ich habe auch Deinen früheren Kommentar gelesen.

    Ich finde es oft aber sehr schwierig, etwas Positives zu finden, ohne zu heucheln – nimm‘ doch einmal den Kommentar, welcher offensichtlich der Anlass zu diesem Blog-Eintrag gewesen ist: Immerhin konnte ich darauf verweisen, dass der Autor englische Kartennamen benutzte und das Turnier nicht an den untersten Tischen beendet hat. Tja, mehr Positives war da halt nicht! Soll ich schreiben „Immerhin enthalten beinahe die Hälfte Deiner Sätze keine grammatischen Fehler oder offensichtlichen Widersprüche?“ Soll ich schreiben „Schön, dass Du den Mut hattest, auch nach Deinen letzten drei durchweg misslungenen Artikeln es noch einmal zu versuchen?“

    Wenn Du einmal schaust, ist der von Dir aufgeführte Pischner-Verriss selten geworden, seit ich auf einer Seite kommentiere, auf der der Editor die wirklich schlechten Beiträge zun größten Teil schon vor der Veröffentlichung aussortiert. Die allermeisten Kritiken von mir besitzen stattdessen einen positiven Grundton.

    Gute Texte kriegen gute Kritiken; schlechte Texte kriegen schlechte Kritiken. Das ist das Pischner-Prinzip, und das wird auch so bleiben.

    Wie ich auch schon einmal geschrieben habe: Ich bin kein Kindergärtner. Wenn mir ein Vierjähriger ein paar bunte Striche auf einem Blatt Papier hinhält und mich fragt, ob er mich gut gemalt hat, dann finde ich lobende Worte. Wenn ein erwachsener Autor im Internet gegen Entlohnung einen Text veröffentlicht, für den er im Deutschunterricht ein „mangelhaft“ verdient hätte, dann gibt es nichts Positives zu sagen.

    Es ist richtig: Ein Autor wird durchaus auch in irrationaler Weise von seiner Psyche gelenkt. Im Gegensatz zu Kindern benötigt diese Psyche bei Hobbyautoren aber in aller Regel keine Streicheleinheiten, sondern einen gehörigen Dämpfer gegen ihre Selbstüberschätzung! Soll ich wirklich einem offenkundig kritikresistenten Autor mit verzuckerter Kritik den Eindruck vermitteln, dass sein Text ja gar nicht so schlecht gewesen sei?

    95% aller Möchtegernschreiber brauchen keine Ermutigung, sondern einen Weckruf, einen unmissverständlichen Hinweis: Du bist NICHT gut, auch nicht mit kleinen Einschränkungen!

    Autoren, die bei ausführlich begründeten Verrissen ihrer Werke abschalten, verbessern sich auch nicht durch die Löffelchen-Zucker-Methode. Niemand stellt bei einer lauwarmen Kritik sein Schaffen grundlegend in Frage.

    Netter verpacktes Feedback hat natürlich die Wirkung, dass der Autor sich nicht darüber ärgert. Da dieses Positivum aber zwingend einer Klarheit der vermittelten Aussage entgegensteht, läuft es letztendlich darauf hinaus: Ehrlich oder nett?

    Aus Nettigkeitsgründen unehrlich zu sein, ja, das ist Heuchelei.

    Was übrigens die “AchichlaßdaslieberbleibenweilhatjaehkeinZweck.”-Reaktion angeht: Die ist mir im Zweifelsfall bei einem schlechten Autor deutlich lieber, als dass er uneinsichtig weiterschreibt! Ich habe keinen Bedarf an mehr SCHLECHTEN Artikeln im Netz. Wirklich nicht!

    Ich will Dir einmal etwas erzählen, Boneshredder: Als Schüler habe ich an der Theater-AG teilgenommen. Unsere Theatergruppe hatte einen hervorragenden Ruf, gewann routinemäßig den Berliner Wettbewerb für Theater-AGs und durfte teilweise sogar auf „richtigen“ Bühnen auftreten bwz. ging auch mal auf „Tournee“ nach Westdeutschland.

    Ich war Schüler und von der Idee begeistert. Ich spielte ein paar Rollen und trug mit vielen kleinen Vorschlägen zur Gestaltung der größtenteils selbst geschriebenen Stücke bei.

    Zu meiner schauspielerischen Leistung bekam ich gelegentlich ein paar Tipps, wie ich sie verbessern könnte – nichts Grundlegendes und alles nett verpackt.

    Eines Tages sah ich ein Video einer unserer Aufführungen und sah mich schauspielern. Ich glaube, ich habe den ganzen restlichen Tag damit verbracht, „Warum hat es mir keiner gesagt?“ vor mich hinzumurmeln!

    Vermutlich haben sie auf meine zerbrechliche Schülerpsyche Rücksicht genommen. Niemand ist einmal auf mich zugetreten und hat gesagt: „Andreas, Du bist ein miserabler Schauspieler, weil…“, meinetwegen auch ohne das „weil“. Als Resultat habe ich mich drei Jahre lang zum Löffel gemacht und das Niveau der ganzen AG heruntergezogen. War das jetzt besser?

    Wer sein Selbstbewusstsein ausgerechnet über seinen Erfolg bei einer Tätigkeit, die ihm nicht liegt, definiert, hat ein Problem, für das derjenige, der ihm sagt, dass sie ihm nicht liegt, NICHT verantwortlich ist.

    Ich bin kein Psychotherapeut – auch diese Tätigkeit gehört in die lange Liste von Dingen, die ich NICHT kann.

    Ich KANN fundiert Texte analysieren. Wer dazu bereit ist, kann sich daher durch meine Kritiken weiterentwickeln.

    Wer hingegen weiterhin in seiner Traumwelt leben möchte, in der er alles kann, was er können will, dem empfehle ich einen Psychotherapeuten.

  8. Es kommt eben darauf an, was Du wirklich erreichen willst. Ist der Autor wirklich so unerträglich schlecht und unverbesserlich, daß Du am liebsten nie wieder etwas von ihm liest, erreichst Du ja mit dem Totalverriß durchaus Dein Ziel.

    Ansonsten gehe ich vielleicht einfach zu stark von mir selbst aus, wenn ich Kritik vorzugsweise in kleineren Dosierungen ausgesetzt bin, um daraus auch wirklich zu lernen. Bei mir ist es nämlich vielmehr so, daß ich zu starke Kritikballen gänzlich abblocke, verdränge und im Endeffekt gar nichts daraus lerne. Vermutlich sind unsere Anschauungen / Erfahrungen in diesem Punkt einfach zu verschieden.

  9. Ich möchte allerdings anmerken, dass gelegentlich Totalverrisse durchaus auch dazu führen, dass ein Autor (es muss nicht immer ein Autor sein, das Prinzip ist allgemeingültig) sein Schaffen von Grund auf überdenkt und verbessert. Es kommt nicht häufig vor, aber wenn es passiert, dann hat es sich auch gelohnt!

    Ansonsten gilt für mich: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.


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