Weichenstellungen

In dem Goth-Forum, in dem ich angemeldet bin, läuft ein kleiner Schreibwettbewerb. Ich selbst nehme nicht daran Teil, aber eine Freundin von mir hat einen Beitrag eingestellt. Das Niveau der Geschichten ist so, wie man es in einem kleinen, im Großen und Ganzen privaten Forum erwarten kann, aber ihr Text ist schon deutlich besser als die anderen.

Zur Zeit liegt er mit jeweils vier Stimmen gleichauf mit einer anderen Einsendung in Führung, und der Grund ist – dass sie ihre Stimme für diese abgegeben hat! Nicht, weil sie sie für besser als ihre eigene hielt, sondern weil sie es unpassend fand, sich selbst zu wählen und deswegen für den ihrer Ansicht nach besten der übrigen Texte abstimmte.

Das hat mich an eine Begebenheit aus meiner Grundschulzeit erinnert. Ich weiß nicht mehr, welche Klassenstufe es war – die dritte, vierte, fünfte? Jedenfalls das Jahr, in welchem zum ersten Mal die Klassensprecher gewählt wurden.

Ich kann mich nicht mehr an den genauen Modus erinnern, aber das Amt wurde paritätisch besetzt: Ein Junge und ein Mädchen mussten es sein. Zwei Jungen stellten sich zur Wahl, Jan und ich. Jan, so wie ich ihn ihn Erinnerung habe, war ein sympathischer, unauffälliger Junge mit durchschnittlichen oder leicht überdurchschnittlichen Leistungen in allen Fächern und einer Zahnspange. Ich war, dank eines vorgezogenen Einschulungstermins, der Kleinste und Zierlichste der Klasse, mit einem Abonnement auf Einsen in allen Fächern außer Handschrift, Kunst und Sport und einer sehr großen Klappe.

Es war eine geheime Abstimmung, deswegen ist das Folgende nur eine Vermutung, aber aus Unterhaltungen, die ich ein paar Jahre später führte, schließe ich, dass die Jungen in der Klasse größtenteils für mich gestimmt haben, und die Mädchen größtenteils für den ruhigen Jan. (Die Stimmen für die Klassensprecherin wurden natürlich gesondert gezählt.)

Der entscheidende Punkt ist (und eine besondere Überraschung wird das jetzt nicht – ich sollte vielleicht ein wenig an meinen Pointen arbeiten): Jan gewann mit genau einer Stimme Vorsprung.

Und ich hatte für ihn gestimmt.

Meine Gründe waren letzlich die gleichen wie diejenigen meiner Freundin: Ich empfand es als irgendwie „falsch“, für mich selbst zu stimmen, und ich hatte auch kein Problem damit, wenn Jan Klassensprecher wurde. Kurz gesagt: Ich WOLLTE den Sieg nicht wirklich.

Was immer ich mir damals darunter vorgestellt haben mag, im Rückblick ist das Amt des Klassensprechers in der Grundschule eine Lachnummer, zumindest was seine vorgebliche Funktion angeht. Effektiv bedeutet es ein paar Freistunden, in denen man mit Lehrern zusammensitzt und zuhört. Selbst, wenn man das Selbstbewusstsein aufbringt, etwas zu sagen, kann man getrost davon ausgehen, ignoriert zu werden. Ganz ehrlich: Grundschüler SIND auch noch nicht in der Lage, Entscheidungsprozesse sinnvoll mitzugestalten.

Die Bedeutung dieses Amtes ist eine andere: Es ist die erste Heranführung von Kindern an demokratische Prozesse. Die Abstimmung dafür war die erste Wahl, an der ich teilnahm, und sie diente dazu, uns mit grundlegenden demokratischen Elementen vertraut zu machen: Kandidatur, geheime Abstimmung, Mehrheitsentscheid, Amtsannahme. (Ich habe nie so richtig verstanden und verstehe bis heute nicht wirklich, wieso für das letzte ein besonderer Schritt erforderlich ist – impliziert eine Kandidatur nicht die Bereitschaft, das Amt auch auszuüben?)

Außerdem fördert sie die politischen Neigungen der Kinder, ist ein erstes Hineinschnuppern in diese Welt.

Was wäre aus mir geworden, wenn ich die Wahl gewonnen hätte? Wäre ich heute ein anderer Mensch? Hätte ich mein rhetorisches Talent und meine analytischen Fähigkeiten in den Dienst einer Partei (und damit letztendlich in den Dienst meiner eigenen Karriere) gestellt? Wäre ich heute irgendwo Geschäftsführer oder Fraktionsvorsitzender?

Ich glaube nicht. Zwar stehe ich dem Motto „es gibt keine Zufälle“ skeptisch gegenüber, aber jenes Abstimmungsergebnis illustriert sehr schön eine grundlegende Wahrheit über mich: Ich bin nicht deswegen kein Alpha-Tier, weil ich es nicht KANN, sondern weil ich es nicht WILL.

Natürlich weiß ich es nicht, aber ich gehe fest davon aus, dass Jan ganz selbstverständlich (und ja, es IST natürlich selbstverständlich) für sich selbst gestimmt hat, weil er, im Gegensatz zu mir, Klassensprecher werden WOLLTE. Weil es ihm wichtig war.

Im Alter von ungefähr 20 Jahren traf ich ihn auf einer Party wieder. Er unterhielt sich mit einem Parteifreund: Sie waren beide in der Jungen Union. Das Gespräch drehte sich um innerparteiliche Gruppierungen und Strömungen, um Intrigenspiele und Karriereaussichten. Ich kann es nicht mehr beschwören, aber ich glaube, er studierte BWL. Ich hatte ihn sympathischer in Erinnerung gehabt.

Bei jener Wahl zum Klassensprecher damals (zu der ich in späteren Jahren nicht wieder antrat, weil ich keinen Grund sah, gegen Jan zu kandidieren) wurden Weichen gestellt, in meinem Leben und wohl auch in Jans. Er ist in die Politik gegangen. Ich habe bewiesen, dass ich nicht willens bin, gesellschaftliche Mechanismen zu meinen Gunsten auszunutzen oder zu manipulieren.

Es gibt da einen brillianten Spruch: „Those who can not follow are doomed to lead“, eine Umkehrung des älteren „those who can not lead are doomed to follow“. Er ist nur zu wahr.

Ich bin kein Duckmäuser. Wenn ich bemerke, dass etwas falsch läuft, dann mache ich meinen Mund auf (oder greife zur Tastatur). Ich ordne mich nicht ein, wenn der Zug in die falsche Richtung geht, und ich skandiere keine Parolen, die ich für unsinnig halte.

Ich bin nicht bereit zu folgen, also erwartet die Gesellschaft, dass ich führe. Wenn ich in eine neue gesellschaftliche Gruppe gelange, ist das Schema immer das Gleiche: Zunächst wird mir ein gewisser Respekt entgegengebracht, auf Grund meiner offenkundigen Intelligenz und meines Selbstbewusstseins. Einige bewundern mich deswegen, andere, die Leitwolfambitionen besitzen, machen mich sofort als Konkurrenten aus.

Dann beginnt das politische Spiel, und ich spiele nicht mit. Ich interessiere mich nicht wirklich dafür, Leute auf meine Seite zu ziehen, die mir nichts bedeuten. Ich verweigere mich einer Einteilung in verschiedene Lager: Ich gebe demjenigen Recht, der meiner Meinung nach Recht HAT, nicht demjenigen, der „auf meiner Seite“ steht. Ich sage Dinge, welche die Leute nicht hören wollen.

Ich werde zum leichten Opfer derjenigen, die um den Führungsanspruch kämpfen, weil ich nicht mitkämpfe. Intrigen, Gerüchte, Verleumdungen, unsachliche Angriffe, unfaire Unterstellungen – das sind die Waffen unserer Gesellschaft, und sie sind unaufhörlich im Einsatz.

Ich benutze sie nicht. Das wäre kein Problem, wenn ich bereit wäre zu folgen – meine Klappe zu halten und mich unauffällig der Mehrheit anzuschließen. Das tue ich aber auch nicht.

Da ich nicht folge, werde ich als Konkurrent auf Führungsansprüche angesehen und dementsprechend angegriffen. Meine Aussagen werden nicht auf Grund ihres sachlichen Gehaltes akzeptiert, sondern als Gegenangriffe wahrgenommen.

Während die Gesellschaft damit beschäftigt ist, ihre Hack-Ordnung auszufechten, versuche ich, Wahrheiten zu finden. Damit setze ich mich natürlich immer wieder zwischen die Stühle.

Und so werde ich zum Außenseiter. Ich kann mich nicht darüber beklagen, denn ich WILL ja nicht Teil dieser Hack-Ordnung sein. „Those who can neither lead nor follow, can not be part of this society.“

Wenn ich Klassensprecher hätte werden wollen, hätte ich für mich gestimmt. Wenn ich zalhreiche oberflächliche Freunde wollte, würde ich den Leuten zu Munde reden. Mir war damals sicherlich nicht bewusst, welche Tragweite meine Entscheidung hatte, aber als ich das Ergebnis sah und begriff, dass ich genau um meine eigene Stimme verloren hatte, hat es sicherlich „Klick“ gemacht. Ich überlegte, ob ich wütend auf mich selbst sein sollte, dass ich die Wahl verloren hatte und entschied mich dagegen, weil ich begriff, dass ich nicht gewinnen WOLLTE.

Dummerweise erklärt unsere Gesellschaft alle Nicht-Gewinner zum Verlierer; eine Enthaltung wird nicht akzeptiert.

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Published in: on Februar 15, 2007 at 6:03 pm  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich wundere mich gerade, in was für einer Gesellschaft du dich so rumtreibst.
    Ich kenne solches Verhalten aus der Schule, aber da haben sich so auch nur die Leute verhalten, die ich sowieso nicht mochte.
    Aus meinem privaten Umfeld kenne ich sowas gar nicht, auch nicht zwischen den Kerlen untereinander. Die sind alle nett zu einander, unterhalten sich und jeder darf die Meinung vertreten, die er will, egal ob sein bester Kumpel da anders denkt. Aber andererseits betrachten sie ja auch ihre Gegenüber als gleichwertig. Das könnte vielleicht der springende Punkt sein.
    Wahrscheinlich ist das im Berufsleben auch häufiger mal so, wie du es beschreibst. Aber sonst kann ich mir das unter einigermaßen vernünftigen erwachsenen Menschen (im Privatleben) kaum vorstellen.

  2. Andreas, hiermit fechte ich die Wahl an!Und finde es trotzdem schön, dass du ein kluger, nachdenklicher Mensch geworden bist und kein Adenauer, der sich heute mit seiner eigenen Stimme zur Mehrheit verhilft und morgen sagt, er pfeife auf sein dummes Geschwätz von gestern. Ein paar Adenauers weniger und ein paar Pischners mehr, und die Welt wäre in Ordnung.

  3. Guten Morgen,…

    ..dies ist mal wieder ein schöner Artikel. Ich hab ein wenig nachdenken können. Natürlich war ich neugierig wegen dem Wettbewerb. Ich kann dich beruhigen – die anderen „Autoren“ haben jeder nicht für sich gevotet – somit ist alles wenigstens ausgeglichen. Wobei mir dies bei 2 Usern sowieso klar war.

    Liebe Grüße hinterlassend wende ich mich wieder meiner Arbeit zu.

  4. Heyhu Andi! ich muss dir hier zustimmen, in unserer gesellschaft gibt es viel zu viele die entweder hinterherlaufen oder vorneweg,, die anderen werden leider in den meisten fällen zu aussenseitern…-was gibt es auch für alternativen?
    Ich kann von meinem bekanntenkreis zum glück sagen, das dieses verhalten so gut wie kaum auftritt,aber dafür sind die menschen die sich dort zusammenfanden eben in der „normalen“ gesellschaft Einzelgänger.
    Schade, das die welt so läuft :/ Wenn die menschen stärker wären bräuchten sie sich nicht immer hinter anderen zu verstecken.

  5. ich denke, ich lebe ebenfalls mehr in deinem universum als in jenem von wasserköpchen, das ich allerdings gerne einmal kennenlernen würde

    da ich deine texte lese, obwohl ich nur zufällig hier gelandet bin, hätte ich gerne auch jenen deiner freundin kennengelernt, ungeachtet des umstandes wie das voting ausgefallen ist


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