Abendbrot-Zeit

Sind wir wirklich schon 5 Tage in den März? Unglaublich. Erich Kästner hatte, glaube ich, geschrieben: „Die Zeit vergeht. Sie weiß es nicht besser.“ Wir leben von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Ich denke zur Zeit nicht weiter als bis zum 1. Mai – spätestens bis dahin ziehe ich mit Anna in eine neue Wohnung. Die Zeit bis dahin nehme ich in Bruchstücken wahr, als Intervalle zwischen Terminen. Eine Wohnungsbesichtigung, ein Behördengang, die Deadline für einen Artikel. Zeit in gabelgerechten Häppchen. Der Umzug bildet schließlich das Abschlussmenü in meinen Gedanken. Bis dahin habe ich die Zeit satt; alles weitere verursacht mir nur Bauchschmerzen.

Wenn ich zu weit in die Zukunft denke, drängen sich mir immer wieder Fragen vor, die ich nicht stellen will, weil ich sie nicht beantworten kann. Meine Zukunft? Die Zukunft der Welt? Ich denke, ich werde im Jahr 2050 noch leben, zumindest habe ich mir das vorgenommen. Wie werde ich leben? Welche Kriege und Katastrophen stehen uns in den nächsten vierzig Jahren bevor? Wenn Ihr das hier lest, habt Ihr aller Wahrscheinlichkeit nach eines mit mir gemeinsam: Ihr seid im Deutschland der Nachkriegs- und Wiedervereinigungszeit aufgewachsen. Uns geht es gut. Nein, wirklich! Nicht, dass die Kritik an Hartz Vier nicht gerechtfertigt wäre, aber erklärt dieses Problem doch jemandem aus Bangladesch. Nicht, dass die zunehmende Gewalt auf der Straße, in den Schulen und in den Stadien nicht besorgniserregend wäre, aber einen Iraki würde sie kaum beeindrucken.

Es gibt, sehr, sehr wenige Epochen der Geschichte, in denen es Menschen insgesamt über einen längeren Zeitraum so gut ging wie im Deutschland der letzten sechzig Jahre. (Und ja, das schließt auch die DDR mit ein! Zieht die Vergleiche!) Wie schnell lässt man sich da doch verführen zu glauben, dass dieses goldene Zeitalter trotz einiger bedenklicher Tendenzen Teil einer globalen Entwicklung sei. Krieg und Armut, Intoleranz und Fanatismus, das war früher – WIR leben im 20., nein, im 21. Jahrhundert!

Nun, die Eintagsfliege, die am Nachmittag des 31. Dezembers zur Welt kommt, denkt auch, die Welt wird von nun an immer so bunt und laut sein. Für Optimismus gibt es leider keine Grundlage. Krieg, Armut, Intoleranz und Fanatismus sind der Normalzustand unserer Welt. Wir genießen unseren Urlaub von der gewöhnlichen Realität auf unserer Insel des Wohlstands und des Friedens. Doch das Wasser steigt. Welchen Grund haben wir anzunehmen, dass die unzähligen Entwicklungen in der Welt, welche allle darauf hinauslaufen, dass wir in den Strudel der allgegenwärtigen Apokalypse mit hineingerissen werden, irgendwie aufgehalten werden? Nur den, dass wir uns es einfach nicht vorstellen können – nicht vorstellen WOLLEN. Wie Tolkiens Halblinge aus dem Auenland gehen wir davon aus, dass Frieden und Wohlstand das natürliche Anrecht jeglicher zivilisierten Gemeinschaft sind. Die Welt, das ist „da draußen“. Hier geht es uns gut.

Wenn ich einen kurzen, zögernden Blick in meine Zukunft werfe, dann bin ich immer gesund, lebe in einer warmen, sicheren Wohnung, schreibe meine Textchen und gehe meinen Hobbies nach. Sobald mein Verstand sich meldet und ruft: „Aber! Der Klimawandel! Der Neoliberalismus! Der Fundamentalismus!“, höre und sehe ich ganz schnell wieder weg.

Berlin, im Jahr 2050, mit 8 Wintermonaten, weil der Golfstrom erstorben ist? Eine radioaktive Wüste, weil irgendeine Terrorvereinigung sich die Hauptstadt Deutschlands zur Demonstration ihrer Fähigkeit, atomare Anschläge zu verüben, ausgesucht hat? Der Regierungssitz einer christlich-nationalen Diktatur, welche im Angesicht internationaler Krisen die Rückkehr zu deutschen Tugenden und abendländischen Moralvorstellungen als Ausweg propagiert und durchsetzt?

Nein, ich kann mir nichts davon WIRKLICH vorstellen. Ich hätte mir auch Tschernobyl nicht vorstellen können, oder die Wiedervereingung (um nicht nur Negatives anzuzführen), oder den 11. September. Weder den ersten noch den zweiten Weltkrieg konnten sich die meisten Menschen im Vorhinein wirklich vorstellen. So etwas KONNTE doch nicht passieren – so krank ist die Menschheit doch nicht, oder?

Sie ist es. Wir sind es. Und zum Krankheitsbild gehört es, dass wir nicht in der Lage sind, das Leiden zu diagnostizieren und seinen Verlauf zu erkennen. Que sera, sera – die schlimmen Dinge werden einfach passieren, irgendwann in einer fernen oder auch weniger fernen Zukunft; auf jeden Fall aber hinter unserem heutigen Wahrnehmungshorizont. Nach dem Abendbrot. Dann sehen wir weiter. Bis zum nächsten Abendessen. So lange wir welches bekommen – denn wer von uns kann sich WIRKLICH vorstellen, eines Tages Hunger zu leiden?

Ich jedenfalls nicht. Ich gehe dann mal und mache mir etwas zu essen.

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