Polizeibericht Los Angeles

Ich fülle die Kategorie „Rezensionen“ in letzter Zeit ganz bewusst stärker auf, obwohl natürlich die wenigsten Einträge darin Rezensionen im engeren Sinne sind, sondern einfach meine Gedanken zu oder Erfahrungen mit Filmen, Büchern, Musikalben, Spielen etc… Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sich diese Beiträge schnell schreiben, ein anderer, dass ich auf diese Weise mein Versprechen einlöse, etwas mehr über meine privaten Ansichten preiszugeben. Was sagt mehr über einen Menschen aus: Seine Gedanken zu Dingen, die er eh nicht ändern kann, wie zum Beispiel den Klimawandel, oder die Filme, die er sich ansieht und die Musik, die er hört?

Heute abend lief wieder Columbo (der DVBT-Empfang war höchst untermittelprächtig) auf Super-RTL. Im Anschluss danach kam bislang immer eine skurrile Sherlock-Holmes Serie – nicht wirklich den Büchern von Arthur Conan Doyle allzu getreu, aber unterhaltsam mit wunderbarem viktorianischen Flair. Seit heute folgt stattdessen Polizeibericht Los Angeles (zwei Episoden hintereinander) darauf, ein Remake einer älteren Serie, die offensichtlich Kultstatus besitzt (Originaltitel „Dragnet“). Um ehrlich zu sein, der Grund, warum ich sie mir angesehen hatte, war Ed O’Neill. Falls Ihr nicht wisst, wer das ist: Al Bundy kennt Ihr doch hoffentlich? Solltet Ihr!

Es fiel mir schwer zu glauben, dass O’Neill das Image des berühmten Damenschuhverkäufers ablegen und einen glaubwürdigen Polizeidetektiv darstellen könnte. Es ist ihm auch nicht gelungen, obwohl es möglicherweise nicht seine Schuld war: Einmal hatte ich nun einmal aus bestimmt Hundert Folgen „Married with Children“ dieses wirklich starke Bild von ihm auf der Couch vor dem Fernseher, mit der Hand in der Hose, vor Augen, gegen das er anspielen musste. Dann hat man ihm natürlich auch genau dieselbe Synchronstimme verliehen (Habt Ihr nicht auch den Eindruck, dass es in Deutschland maximal ein Dutzend verschiedene Synchronstimmen geben kann?), die der Sprecher auch noch auf genau die gleiche Art intoniert hat, wie bei Al. Und dann tauchte auch noch in der ersten Folge Lindsay Crouse als sein Chef auf, ein Gesicht, das für mich untrennbar zu Maggie Walsh aus „Buffy“ gehört (was letztlich eine sehr ähnliche Rolle ist, eine sehr selbstbewusste Frau in einer Führungsposition). Wäre ich ein regelmäßigerer Fernsehkonsument, hätte ich wohl auch eine „Desperate Housewives“-Darstellerin erkannt. Doch auch so dachte ich mir: Aha, Al Bundy und Maggie Walsh klären einen Fall auf… Es war nicht aus meinem Kopf herauszukriegen, und auch in der zweiten Folge hatte ich mich zwar an die Rolle des Detektivs gewöhnt, aber trotzdem ständig im Hinterkopf, dass sie von AL BUNDY gespielt wurde.

Ich kann verstehen, wieso Schauspieler eine solche Hassliebe zu ihren besonders prominenten Rollen haben. Einerseits ist es ein großes Kompliment, wenn man mit James Bond, Buffy Summers oder eben auch Al Bundy gleichgesetzt wird. Es zeigt, dass man diese Rolle mit Leben erfüllt hat, sie sich zu eigen gemacht hat. Zum anderen aber ist man aber entsetzlich vorbelastet. Menschen gewöhnen sich nicht gerne um. Eine einmal getroffene Zuordnung heben wir nur ungern wieder auf. Auch im privaten Leben ist es nicht anders: Ein Eindruck, den man einmal von einem Menschen hat, hält sich ewig, selbst wenn die Person sich unterdessen sehr stark gewandelt hat. Es braucht viel Zeit und manchmal eine bewusste Anstrengung, Veränderungen wahzunehmen und zu akzeptieren, und diese Mühe machen wir uns oft nicht.

Die Serie selbst scheint mir, nach den ersten beiden Folgen beurteilt, okay zu sein – nichts Großartiges, aber unterhaltsam genug, dass man dabeibleiben kann, wenn man schon gerade vor dem Fernseher sitzt (und die Werbeblöcke nicht zu aufdringlich werden). Die Machart ist nicht allzu inspiriert, die Dialoge sind nicht herausragend, und die Hauptarsteller haben keinen Raum, ihre Charaktere außerhalb von deren beruflicher Funktion zu präsentieren, aber die Fälle und ihre Aufklärung sind interessant, wenn sie auch abgesehen von den Ermittlungsmethoden nicht allzu realistisch erscheinen.

Beide Episoden haben mich zum Nachdenken gebracht: In der ersten wurde ich daran erinnert, welchen Kult es doch um Serienmörder gibt, und insbesondere, wie viele weibliche Verehrer sie haben. Wer ist kränker: Der Killer, oder die Frau, die sich wegen seiner Gräueltaten in ihn verliebt? Letztere sind jedenfalls weit zahlreicher… Wie oft heiratet eigentlich eine Märchenprinzessin einen Prinzen, der nicht mindestens einmal getötet hat (wenn auch häufig nur die „Bösen“)? Wie oft einen reformierten Banditen oder Mörder? Han Solo hat in der Originalfassung von Episode Vier zuerst geschossen, vergessen wir das nicht!

In der zweiten ging es um eine Internetfirma, die Videos von sich prügelnden Obdachlosen vertreibt. Die braven Polizisten von L.A. waren der Ansicht, dass sie noch nie etwas Widerwärtigeres gesehen hätten – ein merkwürdiges moralisches Urteil, wenn Ihr mich fragt! Ich finde dieses Geschäft zwar auch ekelhaft, aber in unserer Welt geschehen erheblich ekelhaftere Dinge, und außerdem ist mir der prinzipielle Unterschied zu Boxkämpfen, die als Sportart gesellschaftlich vollständig anerkannt sind, nicht klar: Menschen prügeln sich für Geld! Klar, die Obdachlosen erhalten viel weniger Geld und sind medizinisch und sozial schlechter abgesichert, aber ist das der Grund für die moralische Entrüstung? So lange sie sich nicht prügeln, sondern NUR arm, krank, drogenabhängig und eben obdachlos sind, scheint die Welt ja noch in Ordnung zu sein! Wenn hingegen Stefan Raab sich von Regina Halmich die Nase brechen lässt, ist das ja bekannlich Fernsehunterhaltung zur besten Sendezeit. (Wenn er sich von ihr einen blasen ließe, wäre die Sendung natürlich indiziert- Gewalt gut, Sex böse!)

Naja, herzlich gelacht habe ich jedenfalls, als der Schuhschrank des einen Verdächtigen ausgeräumt wurde und die Polizisten darüber Witze machten, dass es glücklicherweise keine weibliche Verdächtige war… Damenschuhe? Das Grinsen von Ed O’Neill, als er sich weigerte, näher auf das Thema einzugehen, sprach Bände!

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Published in: Allgemein on Mai 13, 2007 at 11:55 pm  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Zum Thema Synchronstimmen: Ich finde es schrecklich, wie die gleichen Stimmen in deutschen Versionen immer weiter verbraucht werden. Wenn ich mir mal eine deutsche Übersetzung anschaue – was gerade deshalb immer seltener der Fall ist – muss ich dauernd, ob ich will oder nicht, denken: „Hey, das ist Homer Simpson“ oder „da spricht George Clooney mit Bruce Willis“, obwohl es sich um völlig unterschiedliche Schauspieler handelt.
    Dabei ist die Qualität der Übersetzungen eigenlich gut, lediglich dieser Umstand versaut mir jeden Spaß daran.

  2. Keanu Reeves bei Akte X, Robert Redford spricht mit der Stimme von Captain Picard, Kathy Bates und Whoopi Goldberg haben eh die gleiche Stimme…

    Ist schon lustig. Als besonders großes Ärgernis hab ich das aber noch nie empfunden. Vielmehr empfinde ich eine gute Stimme in jedem Fall als angenehm. Auch wenn das bedeutet, dass der Sprecher ein paar viele Überstunden machen muss.

    Franziska Pigulla (oder so ähnlich) ist dabei auf Platz 2 und Norbert Langer unangefochten auf Position 1. Erstere spricht die Figur der Agent Scully und gibt die Sprecherin in ganz, ganz vielen Dokumentationen. Norbert Langer macht auch Dokus, ist ansonsten die Stimme von Magnum und Inspector Barnaby (wenn man auf oldschool Krimis steht, empfehlenswert) und schafft es in beiden Rollen sehr unterschiedlich zu wirken. Darüberhinaus wird er manchmal unter „Dialogregie der deutschen Synchronisation“ genannt (was auch immer das bedeuten soll), übrigens immer dort, wo eine Synchronisation dann ein bisschen freier, intelligenter und witzreicher ausfällt. Der könnte von mir aus noch ein paar weitere Rollen sprechen!


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