Wo der Witz aufhört

Der Witz vom Pastor und vom Papageien, er ist einer von vielen. Ich meine jetzt nicht, dass es viele Witze mit Pastoren und Papageien gibt (obwohl das stimmen könnte, ich kenne mindestens einen weiteren), sondern einer von vielen, in denen die christliche Religion thematisiert wird. Wie viele Witze kennt Ihr, bei denen Menschen in den Himmel oder in die Hölle kommen und sich dort mit Petrus oder dem Teufel unterhalten? Wie viele Witze nach dem Strickmuster „Hitler, Stalin und der Papst stürzen mit dem Flugzeug auf einer einsamen Insel ab“? Wie viele höchst unanständige Nonnenwitze?

Mindestens Hunderte, vielleicht Tausende. (Nein, ich habe nicht danach gefragt, ob Ihr Euch noch an sie alle erinnert.) Sie sind ein selbstverständlicher Teil unserer Witzkultur. Man kann sie überall lesen, im Internet, in Witzbüchern, auf den Witzseiten von Zeitschriften.

Wie viele Islam-Witze kennt Ihr? Und wie viele davon habt Ihr veröffentlicht gefunden?

Aha.

Über den Islam macht man keine Witze. Die offizielle Begründung ist, dass man die religiösen Gefühle der Muslime nicht verletzen will. Die Wahrheit ist natürlich, dass man einfach Schiss hat! Wenn man Witze über Gott, Jesus oder den Papst veröffentlicht, dann erhält man keine Morddrohungen, es werden keine diplomatischen Beziehungen abgebrochen oder Flaggen verbrannt, und der Papst ruft nicht dazu auf, einen zu ermorden.

Um also endlich aufzulösen, warum ich den Papageien-Witz hier erzählt habe: Ich musste an ihn denken, als auf der Seite eines Magic-Spielers ein Cartoon veröffentlicht wurde, in dem eine Figur den Satz „Bin ich Allah?“ aussprach und natürlich postwendend jemand einen Kommentar schrieb, in dem er anmahnte, dass sich muslimische Gläubige davon beleidigt fühlen könnten.

Natürlich.

Wie viele Christen fühlen sich beleidigt davon, dass es Witze über sie und ihren Glauben gibt? Und wie viele davon machen einen Riesenaufstand deswegen?

In den USA würde die Antwort auf diese Frage gewiss anders ausfallen, aber hier in Deutschland haben sich die Christen zu 99+% mit dem Recht auf Meinungsfreiheit arrangiert, und es hat nicht einmal weh getan! Aber auf die Muslime, auf die müssen wir natürlich Rücksicht nehmen, weil… die schmeißen ja Bomben und so.

In einem säkularen Staat darf man sich über Religion lustig machen. Natürlich bedeutet das nicht, dass man in eine Moschee gehen und dort die Betenden mit den neuesten Mohammed-Witzen vertraut machen darf, aber man hat das Recht darauf, solche Witze zu veröffentlichen, und wer sie nicht lesen will, der muss auch nicht! Das Recht, sie zu erzählen, wird dadurch nicht berührt.

So viel zur Theorie. Praktisch jedoch kneift unser säkularer, auf einer freiheitlichen Grundordnung beruhender Staat den Schwanz ein. Wenn jemand islamkritische Karikaturen veröffentlicht, dann gibt es von allen Seiten (und ärgerlicherweise besonders aus dem linken Spektrum, dem der Schutz der Meinungsfreiheit doch ein besonderes Anliegen sein sollte) Stellungnahmen ala „man muss die Muslime doch nicht so provozieren“ oder „Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man Geschmacklosigkeiten akzeptieren muss“. Wenn dann durch die islamische Welt wieder einmal eine Welle der Gewalt geht, schiebt man die Schuld schnell auf diejenigen, die von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben.

Der Islam hat unsere Gesellschaft bereits tiefgreifend verändert. Damit meine ich nicht die wachsende Zahl von Moscheen in Deutschland, und auch nicht die verschleierten Frauen, denen man auf der Straße begegnet; ich meine die Auswirkungen auf die nichtislamischen Bürger unseres Staates, die in ihren Grundrechten auf Grund von Bedrohungsszenarien beschnitten werden!

Dabei ist das Erzählen von Witzen nur der Lackmus-Test für freie Meinungsäußerung. Ob ein Witz tatsächlich witzig ist, ob er satirisch ist, ob er geschmackvoll ist: All das darf keinen Einfluss darauf haben, ob man ihn erzählen darf! Es besteht keinerlei Verpflichtung dazu, im Umgang mit dem Islam besonders ernsthaft und sachlich zu argumentieren. Man darf hier genau so polemisieren und satirisieren, wie bei allen anderen Themen.

Theoretisch.

Diesen Artikel hier habe ich neulich gefunden. Er ist nur ein Beispiel unter vielen. Ich will hier keinerlei Bewertung darüber abgeben, ob jener Publizist in seiner Kritik vielleicht unsachlich oder unverhältnismäßig gewesen sein mag, denn das ist für sein Recht, seine Meinung zu äußern, ohne Repressalien befürchten zu müssen, irrelevant.

Theoretisch.

Praktisch unterdrücken die allgegenwärtigen Gewalt- und Terrordrohungen seitens fundamentalistischer Muslime seit Jahrzehnten bereits kritische und satirische Äußerungen.

Irgendwo gibt es einen Punkt, an dem das Prinzip einer freiheitlichen Gesellschaft mit dem Prinzip religiöser Bigotterie nicht mehr vereinbar ist. Eines von beiden muss Priorität haben.

Das Recht auf Religionsfreiheit muss seine Schranken in dem Recht auf Freiheit von Religion finden. Nicht umgekehrt!

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Wir brauchen für die westliche Hemisphäre einfach auch eine staatlich ungebundene Untergrundexekutive, die sich dann für jeden geköpften Journalisten einen extremistischen Ayatollah schnappt und dem auch das eine oder andere Körperteil abschneidet. Gleiches Recht für alle!

  2. Und nicht zu vergessen, dass Mekka und Medina atomar bombardiert werden. Aber das erledigen ja dann die Amis für uns.

  3. wude mal ezit das das hemand thematisiert.

  4. Interresant war wie der zorn von den Führern der Arabischen Staaten instrumentalisiert wird, „seht nur böse Westler, protestiert gegen die dann seht ihr vielleicht nicht die Misstände bei uns“

    Sonst gilt noch warum man keine Witze über den Islam und Araber macht die gleiche Regel wie früher auf dem schulhof „Nachtreten verboten“ wer schon auf dem Boden liegt sollte nicht zusätzlich was abbekommen udn genauso ist es beim Islam die ganze Religion und mit ihr der arabische Raum lebt gesellschaftspolitisch noch im Mittelalter. Frauen, Homosexuelle, Religiöse Minderheiten ab auf dem Scheiterhaufen (oder steinigung usw.).

    Um mal das Argument vorwegzunehmen dass der Islam im Mittelalter modern und toleranter war, während das Christentum noch rückständiger war. das war auch so aber man sollte nicht Christentum „christliche werte“ und islam vergleichen sondern unsere Aufgeklärten werte. Wenigstens hat Frankreich mit Sarkozie noch einne Politiker der sich zu diesen Werten bekennt.

  5. Dachte ich mir doch, dass du mit dem Papageienwitz (Warum eigentlich nicht Kohlenwitz? Warum wird die Kohle diskriminiert?) auf seine Allah-Nennung deutest.

    Allerdings fehlt hier der Link, damit sich der Leser selbst ein Bild davon machen kann. Ist bestimmt nur ein Versehen, oder? Oder traust du dich z.B. wg. 312/98 nicht, den Link zu setzen? Also distanzieren wir uns von den Inhalten des folgenden Links ausdrücklich und machen uns deren Aussage nicht zueigen:

    (Admin: Link genau deswegen wegeditiert, weil eine solche Distanzierung rechtlich bedeutungslos ist. Allerdings ist der problematische Beitrag nicht der Cartoon selbst, sondern der Folgebeitrag.)

    Dabei fällt auf, dass es nicht bloss eine „moslemisierte“ Version von „Bin ich Gott“ gibt – das hatte ich auch beim drüberscrollen vermutet – sondern auch im dazwischen liegenden Textkörper Anspielungen enthalten sind, deren Gehalt auf Beleidigung ich nicht nachprüfen kann. Darauf bezog sich, denke ich, derjenige, der sich kritisch zu diesem Comic äusserte (wir wissen beide, das ist ebenfalls sein gutes Recht – wenn ihn etwas stört kann er das genauso kund tun und behaupten, man brauche es ja nicht lesen…).

    Freie Meinungsäusserung ist auch in D so eine Sache. Nicht mal einen Link auf eine andere Seite kann man setzen – und die Hintergründe des Urteils machen vielleicht auch klar, warum „der Staat“ so sensibel ist.

    Am Ende ist Freiheit auch immer relativ…?

  6. Nein, das Link hatte ich ursprünglich nicht gesetzt, weil ein Nicht-Magic-Spieler mit Tobis Seite einfach absolut nichts anfangen kann, und der genaue Inhalt des Cartoons für meine Aussage nicht von Belang war. Unterdessen jedoch hat Tobi einen rechtlich tatsächlich problematischen Beitrag (der überhaupt nix mit Islam oder Religion zu tun hat) gepostet, den er erst entschärfen muss, bevor ich sein Blog verlinke.

    Natürlich spielt die Äußerung „Bin ich Allah“ auch auf islamische Inhalte wie eben das Jungfrauen-Versprechen im Paradies an, ebenso wie der Papageienwitz auf die Kreuzigung Jesu.

    Und dass freie Meinungsäußerung in Deutschland unterdessen zu „so einer Sache“ geworden ist, ist der Grund, warum ich zuletzt (und auch zukünftig) so viel zum Thema Meinungsfreiheit blogge!


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