Von Chainmail zu World of Warcraft

Ich fürchte, selbst in meinem natürlich bereits sehr überschaubaren und ausgesuchten Publikum hier werden nur wenige wissen, wer Gary Gygax war. Obwohl er kürzlich gestorben ist, wäre ich daher eigentlich nicht auf die Idee gekommen, darüber zu bloggen.

Nun habe ich aber einen Artikel auf Spiegel Online über ihn gelesen, und plötzlich wurde ich nostalgisch. Hey, es ist doch noch gar nicht so lange her, dass für die Presse Rollenspieler gemeingefährliche, geisteskranke Teufelsanbeter waren! „Das Schwarze Auge“ wurde irgendwie in den Zusammenhang mit Satanisten gerückt, Rollenspielleiter wurden (nicht zuletzt wegen der ungeschickten Überstzung von „Gamesmaster“ als „Meister“) zu Sektenführern erklärt, und selbst Journalisten, die es eigentlich besser wussten, stellten Rollenspieler als mental und sozial behinderte Freaks dar (was sie zwar manchmal zugegebenermaßen auch waren, aber eben auch nicht häufiger als Fußballfans, Hip-Hop-Hörer oder Kleingärtner), einfach weil sich so reißerischere Artikel veröffentlichen ließen. Was lesen die Leute lieber: Die Vorstellung eines interessanten, kreativen Hobbies, das von mehr oder weniger normalen Leuten betrieben wird, oder einen Bericht über eine Subkultur schwarzmagischer Sekten, die ihre Kinder zu verschlingen droht?

Es IST wohl schon so lange her. Spätestens seit der „Herr der Ringe“ in die Kinos gekommen ist, und selbst Omas abends gerne ein Stündchen World of Warcraft am Computer zocken, hat sich die ganze schwachsinnige Hysterie in Luft aufgelöst, und Schlagzeilen wie: „Das Schwarze Auge – neuer Teufelskult bedroht unsere Kinder!“ gehören der Vergangenheit an.

Diese Vergangenheit waren jedoch die Achtziger und frühen Neunziger; diese Vergangenheit war meine Jugend. Deswegen erinnere ich mich noch sehr gut daran, und deswegen konnte ich nicht anders als staunen, als ich jenen höchst sachlichen, objektiven und informierten Artikel las!

Welche Ironie doch darin liegt, dass Gary Gygax nun tot ist, und dass jene Produktform der Rollenspiele, die er einst mitbegründet hat, heute durch all jene Online Games, denen das definierende Element echter Rollenspiele fehlt, in die Krise gestoßen wurde.

Irgendwie wertet das mein Lieblingshobby auf merkwürdige Art auf: Ich habe es zu einer Zeit genossen, als es noch nicht Mainstream war, und als die meisten Leute sich überhaupt keine (vernünftige) Vorstellung davon machen konnten, was es eigentlich war. Ich war sozusagen in ein Geheimnis eingeweiht.

Heute sind Rollenspiele Mainstream, und wie immer, wenn etwas in den Mainstream gelangt, leidet darunter seine Individualität und kreative Qualität. Online-Rollenspiele – pfui Deibel! Ausgerechnet die beiden wirklichen Ansatzpunkte für Kritik am Rollenspiel, welche die Presse damals hatte, nämlich der mögliche Realitätsverlust durch Überidentifikation mit einer fiktiven Person und die Auslebung von Machtphantasien in einer Umgebung, in der man seinen Erfolg daran misst, wie mächtige Gegner man besiegt, und wie kostbare Schätze man anhäuft, werden in dieser Mainstream-Ausprägung des Rollenspielens zu den bestimmenden Merkmalen.

Klar waren diese Aspekte schon immer vorhanden, aber es gab auch immer eine Balance zwischen ihnen und dem Darstellen interessanter Charaktere und gemeinschaftlichem freien Erzählen einer Geschichte, sowie mit den strategischen Aspekten des Spiels. Ich habe mich immer am meisten für den Storytelling-Aspekt interessiert und tue das auch heute noch. Wenn ich ein Strategiespiel spielen will, dann spiele ich Magic: The Gathering. Wenn ich Spaß daran haben will, eine Spielfigur von bescheidenen Anfängen zu Ruhm und Reichtum zu führen, dann spiele ich ein Offline-Computerspiel, wie z.B. Nox. Wenn ich für kurze Zeit in eine andere Realität entfliehen will, dann lese ich ein Buch oder sehe mir einen Film an.

Ich fürchte, ich habe mir den anspruchsvollsten Aspekt meines Hobbies ausgesucht! Online-Rollenspiele sind ja so viel bequemer (und man muss sich dazu nicht mit echten Menschen verabreden, was terminlich immer problematisch ist). LARPs sind ja so viel cooler (man kostümiert sich und besäuft sich dann abends bei schlechter Musik am Lagerfeuer, während man die Rolle, die man spielt, als Ausrede für Seitensprünge nutzt. Ja, das ist essenziell das Gleiche wie Karneval). Geschichten zu erzählen ist hingegen kreativ und zeitaufwändig und gelingt nicht immer. WENN eine Storytelling-Runde jedoch gelingt, dann ist sie ein unvergleichliches Erlebnis: Eine Geschichte, die man gleichzeitig gemeinsam erlebt und mitgestaltet hat!

Um ganz ehrlich zu sein: Gayr Gygax selbst hat diese Ebene seiner Erfindung nie richtig begriffen. Auch den Produkten seiner späteren Schaffenszeit merkt man deutlich an, dass für ihn Rollenspiel immer die Fortsetzung des Tabletops mit anderen Mitteln war, mit dem Schwerpunkt auf Regeln und Kämpfen.

Trotzdem, er hat die Bewegung ins Rollen gebracht. Heute guckt mich kaum noch jemand komisch an, wenn ich ihn oder sie zu einer Rollenspielrunde einlade – niemand rechnet mehr mit der Versammlung einer satanistischen Sekte, einer SM-Orgie mit thematischen Elementen oder einem psychotherapeutischen Experiment. Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was ihn erwartet.

Das ist aber auch ein zweischneidiges Schwert, denn dadurch werden vorgefasste Erwartungen auch manchmal enttäuscht. Wo sind die bunten, beweglichen Bilder – die muss man sich doch nicht wirklich selbst vorstellen? Und wie unterhält man sich mit den Nichtspielerfiguren des Spielleiters, und warum unterhält man sich überhaupt mit ihnen – kann man sie nicht einfach erschlagen? Und welche Stufe hat man eigentlich?

Das Hobby Rollenspiel hat lange gebraucht, um sich diejenigen potenziellen Spieler zu erschließen, denen es zwar durchaus Spaß bereiten konnte, die ihm aber wegen seiner schlechten Presse mit äußerstem Misstrauen gegenüber standen. Als es das nun endlich geschafft hat, ist mit ihm das passiert, was mit einem Gericht passiert, das so erfolgreich ist, dass es als Fast Food angeboten wird: Es ist jedem zugängig, aber es hat dabei wesentliche Aspekte seiner eigenständigen Essenz verloren, und ein Großteil derjenigen, die es heute konsumieren, könnten mit dem noch nicht auf Mainstream-Tauglichkeit getrimmten Original nichts mehr anfangen. Döner? Check. Chop Suey? Mjam. Original türkische oder chinesische Küche? …lieber nicht.

Mir schmeckte das Original, und ich habe es im Lauf der Zeit zu einer eigenständigen Variante (mit besonderem Schwerpunkt auf dem Erzählerischen) weiterentwickelt, die mir am meisten zusagt. Die schmeckt nicht jedem, und vermutlich hätte auch Gary Gygax sie nicht gemocht. Aber zumindest glauben die Leute heute nicht mehr, man wolle sie vergiften!

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Published in: on März 6, 2008 at 1:32 pm  Comments (4)  
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4 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Online-Rollenspiele sind ja so viel bequemer (und man muss sich dazu nicht mit echten Menschen verabreden, was terminlich immer problematisch ist).

    Neee, das ist superfalsch. Bei Guild Wars oder WOW oder ähnlichen Spielen lebt das Prinzip davon, dass da echte Menschen hinter sitzen – und das Spiel fördert Situationen, in denen man sich mit denen verabreden muss.

  2. Jaja, die böse Presse mal wieder, die alles verteufelt, was neu, ungewohnt oder anders ist. Aber leider ist das oft die Realität. Ich kenne zwar den Blickwinkel eines Rollenspielespielers nicht, da ich noch nie ein Rollenspiel gespielt habe (nein, auch nicht online), aber in anderen Bereichen ist es eigentlich genauso.
    Da ist Magic: the Gathering noch eines der harmloseren Beispiele, wobei man auch schon des öfteren schräg angeguckt wird, wenn man erzählt, dass man über 100km fährt um sich mit vielen anderen Leuten zum Kartenspielen zu treffen (auf gut deutsch: an einem größeren Turnier teilzunehmen).
    Aber so wird es immer sein: Leute, die ein Hobby haben, was ein bisschen ausgefallen ist, werden erst mal schräg angeguckt, und es bilden sich Vorurteile. Aber sobald eines dieser „komischen“ Hobbies zum Mainstream (oder annähernd Mainstream) wird, verliert es einen Teil seines Reizes, und es verändert sich dadurch, dass es Mainstream wird.
    Gruß
    ET

  3. Auch wenn ich mir seltsam dabei vorkomme, versuch ich das gleiche, wie andere Leser bei der letzten Stille: Pischner, Content bitte! ;-)

  4. Pischner? Ich habe Pischner gefunden!

    Gibts irgendwo das Kartenspiel, wie hieß es, Stolze, zum download?


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