3. Oktober – war da was?

Gestern war ja der Tag der Deutschen Einheit. Man erkennt ihn daran, dass man nicht zur Arbeit geht, die Kinder nicht in die Schule müssen, und die Läden geschlossen bleiben. Ein weiterer Feiertag eben.

Was feiern wir da eigentlich? Ach ja richtig – die Wiedervereinigung Deutschlands! Die habe ich ja auch selbst miterlebt. Vorher war der 17. Juni der Tag der Deutschen Einheit gewesen. Wisst Ihr noch, was da war? Naja – wozu gibt es Wikipedia… Fällt Euch etwas auf? Jaja, die Regierungen der DDR und der Sowjetunion haben einen spontanten Volksaufstand zu einer von außen gesteuerten Konterrevolution umgedeutet. Das meine ich nicht: Wieso feierten wir diesen (niedergeschlagenen, wohlgemerkt) Aufstand eigentlich als Tag der Deutschen Einheit? War irgendetwas von einer Forderung, sich mit der Bundesrepublik wiedervereinigen zu wollen, zu erkennen gewesen? Und was hat die Bundesrepublik dazu eigentlich beigetragen? Tja, wir Wessis konnten eben auch umdeuten.

Aber na schön, das ist ja nun entfernte Geschichte – ich kann wohl davon ausgehen, dass kaum jemand, der mein Blog liest, diese Zeit noch bewusst erlebt hat. Kommen wir also zurück zur nicht ganz so entfernten Geschichte, dem 3. Oktober 1990 (übrigens kann ich wohl auch nicht davon ausgehen, dass jeder Leser meines Blogs DIESEN Tag bewusst miterlebt hat, oder?) Da hat es dann also geklappt mit der Wiedervereinigung. Diesmal war es weniger ein Aufstand, als vielmehr ein Zusammenbruch gewesen – ja eigentlich beinahe schon ein Zugeständnis Gorbatschows, der die DDR-Regierung ermunterte, sich zu fügen. Auch diesmal wurde eigentlich nicht wirklich eine Wiedervereinigung gefordert, zumindest nicht auf der Straße – ja, irgendwie war es beinahe schon so gewesen, dass die Führung der DDR darum bettelte, möglichst rasch mit der BRD wiedervereinigt zu werden! Die Gründe sind natürlich die gleichen, welche wir immer zu hören bekommen, wenn es darum geht, warum die DDR überhaupt zusammengebrochen war: Die Wirtschaft lag darnieder. Die DDR war pleite und gestattete uns, sie aufzukaufen. Eine Art völkerfreundliche Übernahme. Naja, übernommen haben wir uns ja auch beinahe damit…

Nun gut, die Mauer in den Köpfen steht ja teilweise noch blablabla… – sorry, das soll heute nicht mein Thema sein! Wiedervereinigung, dieses Wort besteht ja nicht nur aus „Vereinigung“, sondern auch aus „Wieder“. Wieso waren wir noch einmal überhaupt voneinander getrennt worden, wo wir uns doch so lieb hatten?

Ach ja, richtig, wir hatten ja wieder einmal einen Weltkrieg verloren! Nachdem wir schon das erste Mal beim Spiel (fast) allein gegen alle eines auf den Deckel bekommen hatten, und die Sieger zur Strafe an unseren Staatsgrenzen herumschnippelten (wobei Ostpreußen gleich kastriert wurde) und uns die Monarchie wegnahmen, nahmen sie uns diesmal richtig her und führten eine flächendeckende Instandbesetzung durch. So ein Weltkrieg ist ja eine Sache, aber den Völkermord und die Konzentrationslager hätten wir uns doch besser verkneifen sollen, nicht wahr? Wobei der wirkliche Grund vielleicht eher gewesen sein mag, dass wir dieses Mal ein bisschen zu dicht dran gewesen sind. Es gibt ja wirklich Leute, die behaupten, wenn Hitler beim Ostfeldzug auf seine Aremeeführung gehört und auf die Besetzung der ressourcenreichen südlichen russischen Gebiete verzichtet hätte, um stattdessen direkt auf Moskau vorzustoßen, wäre der Krieg gewinnbar gewesen – ich weiß nicht, ob das eine realistische Vorstellung ist, aber gewiss keine schöne…

Naja – jedenfalls hatten die Alliierten diesmal wirklich genug! Deutschland wurde in Zonen aufgeteilt, und die Sowjets begannen auch unverzüglich damit, sich aus dem von ihnen besetzten Gebiet ihre Reparationen zu holen (and then some, I guess). Die Amerikaner hatten ursprünglich auch nichts wirklich anderes vor, wusstet Ihr das? Ja, die Motivation wurde offiziell etwas anders formuliert – die bösen Deutschen sollten nie wieder einen Krieg führen können! – aber ich glaube ja kaum, dass die ganzen demontierten Fabriken und sonstigen Produktionsmittel in den Ozean gekippt werden sollten… Dann aber merkten einige weitsichtige Leute, dass der nächste Krieg zur Abwechslung einmal möglicherweise nicht von deutschem, sondern von russischem Boden ausgehen könnte, und disponierten um, indem sie Deutschland stattdessen sogar wieder aufbauten (also, anstatt es auszuplündern, Geld hinein steckten) – welch ein vorbildliches kapitalistisches Beispiel für eine Investition! Dadurch ging es uns dann bald wieder gut, was ja nicht weiter wirtschaftsverwunderlich ist, wenn man einmal unsere Ausgangsvoraussetzungen mit denen in der DDR verglich, und schließlich waren wir dann eben auch in der Lage, diese zu kaufen.

Ach so – auch darüber wollte ich ja eigentlich nicht schreiben… Wir mussten uns also WIEDERvereinigen, nachdem wir uns selbstverschuldeterweise hatten trennen lassen müssen, weil wir eben alle böse Nazis gewesen waren, und das hat uns natürlich traumatisiert. Zwar erstarken immer mal wieder Neonazibewegungen, und rechtsextremes Gedankengut ist ganz besonders in den neuen Bundesländern, die halt zwischendurch anderweitig erneut traumatisiert wurden, weit verbreitet, aber letztlich funktioniert es: Wir halten Sicherheitsabstand zum rechten Rand. Das sind die jüngsten Bundeswahlergebnisse der beiden erfolgreichsten rechtsausliegenden deutschen Parteien: NPD 1,6%, Republikaner 0,6% Okay, das war auch schon einmal besser, aber nie wirklich dramatisch. Nun schauen wir doch einmal, wie es bei unseren Nachbarn ist: In Österreich hat die FPÖ gerade erst 18% geholt, und die BZÖ 11%! Kann man das vergleichen?

Nun – jein. Ganz so extrem (und teilweise kriminell) sind diese beiden österreichischen Parteien vielleicht nicht, aber ich behaupte einmal, das liegt GERADE daran, dass sie so erfolgreich sind (oder von mir aus auch genau anders herum)! Extremismus, der sich ein dünnes Mäntelchen der Mäßigung umhängt, ist nun einmal wählertauglicher.

Wie ist es in der Schweiz: Da hat die rechtskonservative SVP 2007 22,5% geholt, und ist an diesem Erfolg letztendlich zerbrochen. Oder in Polen: Hier ist die „nationalkonservative“ PIS sogar in der Regierung. Die „nationalklerikale“ LPR hingegen dümpelt bei 1,3% herum.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Rechte, rechtsradikale und rechtsextreme Parteien (hey, wusstet Ihr, welche Unterschiede es da gibt?) sind ein normaler Bestandteil der politischen Landschaft („normal“ stellt hier selbstverständlich keine Bewertung dar – Scheiße ist schließlich auch etwas Normales und genau so braun), und es gibt da eben ein Spektrum von „nationalkonservativen“ Parteien, die zwar ärgerlich, aber regierungsfähig sogar für EU-Staaten sind, über rechtsradikale Parteien, die es gerade eben nicht bis zur Regierungsfähigkeit schaffen, nicht zuletzt auch, weil die anderen Parteien sich gegen sie zusammenschließen (ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Front National in Frankreich deswegen trotz moderater Wahlerfolge keine Sitze im Parlament hat, weil die übrigen Parteien sich bei einer Stichwahl immer auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten einigen!), bis hin zu Splitterparteien, die in der Hauptsache Protestwähler bedienen. Dabei scheint ein kausaler, umgekehrt proportionaler  Zusammenhang zwischen dem Grad des Extremismus und politischem Erfolg zu bestehen.

Und jetzt komme ich zu der Frage, die ich mir gestern gestellt habe: Warum ist das in Deutschland eigentlich anders? Okay, die CSU ist teilweise auch ziemlich „wertkonservativ“, und ich kann sie auch nicht ausstehen, aber erstens ist sie ja nicht bundesweit aktiv, und zweitens ist sie bei allem bösen Willen nicht wirklich als rechtsradikal zu bezeichnen, auch wenn sie früher einmal das Selbstverständnis besaß, dass rechts von ihr sich keine demokratische Partei mehr befinden dürfe. Genau das ist aber auch der Fall, und darüber wundere ich mich! Wo ist unsere FPÖ, SVP oder PIS? Haben wir denn tatsächlich auf Grund unserer besonderen historischen Situation keine Wählerklientel dafür?

Das halte ich für totalen Quatsch! Es gibt ja auch entsprechende Umfragen, dass rechte Parolen bei vielen Bundesbürgern Zustimmung finden – deutlich mehr, als in Stimmen für NPD und Republikaner, zumindest auf Bundesebene, Niederschlag findet. Nein, das rechte Gedankengut ist selbstverständlich vorhanden – nur die dazugehörige Partei fehlt, denn erkennbar rechte Positionen sind in Deutschland glücklicherweise (jeder Weltkrieg und jeder Völkermord muss ja schließlich auch sein Gutes haben, nicht wahr?) ein Tabu. Ja, wie aber setzt sich dieses Gedankengut dann in Wählerstimmen um?

DARÜBER denke ich nach. Und dann denke ich daran, wie ein eigentlich ausgewiesen linker Politiker wie Lafontaine gelegentlich ausländerfeindliche Aussetzer haben kann, und an welcher Stelle die CDU, aber auch die SPD heimlich Politik machen, um diese Wähler zu erreichen. Das Wählerstimmenpotenzial ist schließlich enorm, wie unsere Nachbarstaaten beweisen. Wie fängt man sich diese Wähler, ohne unser Tabu für ehrliche rechte Politik zu brechen? Und wie lange wird dieses noch bestehen bleiben?

Nun, die Wiedervereinigung ist unterdessen 18 Jahre her, und Deutschland scheint sich langsam daran zu gewöhnen. Vermutlich bedeutet dies, dass bald auch die Zeit dafür reif ist, dass sich unsere Parteienlandschaft ebenfalls normalisiert, und dass rechts von der CDU/CSU eine große, (gerade noch) demokratische Partei entsteht. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesem Moment freudig entgegen sehe.

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Wie ist das mit den Freien Wählern in Bayern? Positionieren die sich nicht rechts der CSU?

  2. Wie kommst Du darauf? Hast Du irgendeinen Grund zu dieser Annahme?

    Ich habe mal auf der Seite der Freien Wähler ihre „Leitlinien“ überflogen, und ich kann keine klare „rechte“ oder auch „linke“ Positionierung entdecken. Alles in allem scheinen die FW ziemlich genau das zu sein,w as sie vorgeben, nämlich eine Wählergemeinschaft, die versucht, den Einfluss der Kommunen in der Politik zu stärken und lokale Lösungen an Stelle von zentralisierten zu finden.

    Was genau ich davon halten kann, damit bin ich überfragt, aber eine „rechte“ Ideologie kann ich wirklich nicht erkennen!

  3. „Früher war der 17. Juni Tag der Deutschen Einheit.“

    Falsch. er war nationalfeiertag, was für ihn die selbe position des 3. oktobers hebt.(an dem die Mauer ja auch net gefallen ist, das war der 17(?) Noverber, was wir aber net feiern können weil da die Nazis die “ Reichskristallnacht“ veranstaltet haben.)

    Wir haben auch in den Land- und den Bundestagen immer Rechtsradikale, nur tarnen sie sich besser. d.h. sie haben keine Partei, wodurch sie sich noch besser tarnen können.

    Sicher ist es bei uns nicht so viel wie in österreich, irgendwas muss diese gründlich „entnazifizierung“ ja genutzt haben.

    Freie Wähler sind alles mögliche, aber nicht rechtsradikal. Man nennt ihr Wählerprofil soweit ich weis „Wertkonservative“. Also CSU-Protestwähler die sich nicht den schritt zu den Grünen oder der SPD getraut haben.

  4. Also, Chickenfood, man steht schon erheblich weniger peinlich da, wenn man sich sicherheitshalber noch einmal informiert, bevor man getroffenen Aussagen widerspricht, insbesondere, wenn ich das dazu nötige Link sogar direkt im Artikel noch mit angebe!

    Natürlich galt der 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit (und war unter dieser Bezeichnung Nationalfeiertag)!

    „Wertkonservativ“, naja, das wird meistens als Euphemismus für den Bereich des politishcen Spektrums zwischen gemäßigt rechts und noch nicht wirklich rechtsradikal verwendet, und die FW tragen schon ein paar Züge davon (Lokalisierung politischer Entscheidungsprozesse, Stärkung ländlicher Gegenden, Wertschätzung der Familien), aber sie lassen jede wirklich ausgewiesen rechte Position – insbesondere auch im Umgang mit ethnischen Gruppen – zumindest in ihren Leitlinien vermissen, und stellen teilweise auch Forderungen, die sich eher links lesen.

    Ich denke, dass letztlich jede „Unser Dorf soll schöner werden!“ Initiative wertkonservative Züge trägt, aber daraus jetzt gleich eine politische Einordnung zu machen – das ist vergleichbar damit, Bauarbeiter zu Sozialdemokraten, Bürokaufleute zu Christdemokraten, Unternehmensgründer zu Freien Demokraten, Gesamtschullehrer zu Bündnisgrünen, Polizisten zu Nationaldemokraten und Arbeitslose zu Kommunisten zu erklären!

    Protestwähler, die weg von der CSU wollten, okay, das ergibt Sinn (und hat nix mit „wertkonservativ“ zu tun), und natürlich ist in einem Jahrzehnte mit absoluter Mehrheit regierten Bundesland das Protestwählen einer Bürgerinitiative besonders attraktiv.

  5. Nicht ganz.

    beim 17. Juni war das „d“ von „deutschen“ kleingeschrieben.

    du ahst es groß geschrieben. ich auch als ich dich zitiert habe.

    und man hat damals, soweit ich weis, nicht direkt diesen tag mit „deutsche einheit“ verbunden. also das wort im volksmund wurde nicht an deiser stelle verwended.
    ich habe tatsächlich mit damals lebenden leuten darüber gesprochen und exakt das ist dabei herausgekommen.

    Ich habe mir das mit „wertkoservativ“ und den FW net aus den fingern gesaugt. natürlich passen nicht alle ihre wähler unter diese beschreibung, aber ich denke das es für einen nicht allzukleinen teil stimmt.

  6. Chickenfood, ICH bin einer der „damals lebenden Leute“, vergiss das nicht! „Tag der deutschen Einheit“ (ja, mit kleinem „d“, okay) stand in jedem Kalender und wurde im Volksmund definitiv häufiger gebraucht als „Nationalfeiertag“. Meistens hat man vom „17. Juni“ gesprochen, so wie man heute auch oft vom „3. Oktober“ redet, aber das ist eh egal, da ich mich ja ausdrücklich auf die offizielle Benennung beziehe!


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