Widerwillige Zustimmung für Bohlen

Ich kann Dieter Bohlen wirklich, wirklich nicht ausstehen, und er hat in seinem Leben bereits dermaßen viel Scheiße gelabert, dass man sich fragen muss, ob man es nicht vielleicht in Wirklichkeit mit Bohlen-Zwillingen oder -Drillingen zu tun hat, denn ein Mensch alleine kann doch nicht so viele dumme Sprüche ablassen – oder?

Reich-Ranicki hingegen verdient sich als ebenso intelligenter wie intellektueller Mensch, der seine Meinung für gewöhnlich unbekümmert ehrlich und klar verständlich äußert, meinen Respekt.

Und trotzdem komme ich als aufrichtiger Mensch leider nicht umhin zu sagen: Bohlen hat hier irgendwie nicht wirklich Unrecht!

Wer sich zu einer Veranstaltung einladen lässt, der ist eigentlich zu einer gewissen Höflichkeit und anständigem Benehmen verpflichtet. Eigentlich. Nein, obwohl ich diese Gala nicht gesehen habe, zweifle ich nicht wirklich daran, dass sie den Zuschauern tatsächlich genau so hirnlosen Mist vorgesetzt hat, wie es Reich-Ranicki behauptet hat. Die inhaltliche Berechtigung seiner Kritik stelle ich absolut nicht in Frage.

Nichtsdestotrotz hat Bohlen Recht (genießt diesen Satz – allzu oft werde ich ihn wohl in meinem Leben nicht tippen)! Reich-Ranicki hätte wissen müssen, was ihn erwartet. Gerade von jemandem, der das Fernsehen dermaßen fundamental kritisiert, muss ich erwarten, dass er nicht anlässlich dieser Veranstaltung zum ersten Mal damit in Berührung kommt. Als intelligenter Mensch hätte er auch schon im Vorfeld klären können, was genau ihn denn dort erwartet. In jedem Fall aber kann man auch von ihm die Höflichkeit erwarten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen oder seine Kritik zumindest gemäßigter zu formulieren! Es stimmt schon: Er nutzt seinen Bonus als 88-jähriger altehrwürdiger Intellektueller ganz schön aus!

Übrigens kann man es durchaus auch GERADE als besondere Ehre und als Signal des guten Willens der Öffentlich-Rechtlichen deuten, dass ein doch höchst mainstreamferner Literaturkritiker wie Reich-Ranicki in diesem Umfeld überhaupt zu einem Preisträger auserkoren wurde! Für gute Einschaltquoten sorgt er jedenfalls beileibe nicht, und allgemein beliebt hat er sich – wie die Äußerungen von Günter Grass belegen – auch nicht wirklich gemacht (was allerdings schlicht eine zwingende Folge dessen ist, wenn jemand ehrlich seine Meinung sagt). Daher ist seine Ehrung in diesem Umfeld zumindest als Zeichen eines schlechten Gewissens zu bewerten, oder eben als Absichtserklärung, auch weiterhin neben quotenträchtigem geistigen Dünnschiss auch Sendungen mit Niveau im Programm zu haben.

Ach ja – dass Grass diese Gelegenheit ergreift, seinen alten Intimfeind Reich-Ranicki noch einmal anzugreifen, darf natürlich auch nicht verwundern, aber auch hier gilt, dass er schlicht und einfach Recht hat (vielleicht abgesehen von dem schwierigen Vorwurf der „Trivialisierung“ der Literaturkritik)!  Reich-Ranicki hat sich immer schon gerne selbst inszeniert – was aber wohl auch eine Notwendigkeit für Menschen ist, die etwas zu sagen haben, was Viele nicht hören wollen – und dieser skandalöse Auftritt stellt letztlich nichts anderes dar. Warum eigentlich entsteht hier plötzlich eine fundamentale Sinnkrise des Fernsehens? Das Fernsehprogramm ist schon seit Jahrzehnten schlecht. Besteht diese Krise nur deswegen, weil man es jenem armen alten Intellektuellen zugemutet hat, hautnah damit in Berührung zu kommen? Was immer Reich-Ranicki zu sagen hat – er hätte dafür einen anderen Ort, einen anderen Zeitpunkt und vielleicht auch eine andere Form wählen können (wobei ich seine klaren Aussagen prinzipiell durchaus okay finde – nur eben nicht aus dem Mund eines geladenen Gastes).

Schließlich ist auch Reich-Ranickis Standpunkt, soweit ich diesen aus seinen kolportierten Äußerungen erkennen kann, alles andere als unangreifbar. Shakespeare oder Brecht als Messlatte für das moderne Fernsehen heran zu ziehen – das ist einfach kompletter Blödsinn! Gutes Fernsehen kann und sollte sich unter anderem auch in Kriminalfilmen mit gutem Drehbuch, Infotainment-Sendungen mit sauber recherchierten Beiträgen oder eben gerne auch in nicht zwingend tiefgründigem, aber zumindest originellem Humor äußern können. Reich-Ranicki erweckt den zwingenden Verdacht, dass er das Konzept von Unterhaltung generell verdammt, anstatt das Niveau dieser Unterhaltung anzugreifen. Ich glaube ihm gerne, dass er mit Arte viele schöne Fernsehstunden verbracht hat, aber wenn er sich nicht auch bei ARD, ZDF und sogar bei Privatsendern wie RTL oder Pro7 gelegentlich gut unterhalten lassen konnte, dann ist sein Geschmack bei allem Respekt für dessen Kultiviertheit einfach deutlich zu abgehoben, als dass er seine Vorstellungen von gutem Fernsehen verallgemeinern dürfte.

Der Tenor im Internet zu dieser Angelegenheit scheint mir derjenige zu sein, dass sich fast alle darüber freuen, wie der alte Mann in respektlosester Weise die Fernsehanstalten brüskiert hat, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sich jemand wirklich Gedanken dazu gemacht hat – im Gegenteil scheint mir diese Reaktion eher ein typischer unreflektierter Reflex (Sachen gibt’s!) zu sein, wie man ihn auch beobachten könnte, wenn Kritik an Josef Ackermann oder George Bush (egal, welchem von den beiden) geäußert würde – oder eben auch an Dieter Bohlen.

Tatsächlich aber, fürchte ich, liegen Bohlen und Grass (um Himmels Willen, welch eine Verbindung!) in ihrer Beurteilung der Situation sehr nahe dran: Ein gealterter Intellektueller, der möglicherweise auch ein wenig verbittert ist, dass er nicht mehr so im Mittelpunkt steht, wie er es zeitweilig gewohnt war, hat mit billigsten Mitteln einen überflüssigen Skandal produziert. Seine Kritik ist zwar gewiss berechtigt, fand aber letztlich genau auf dem selben Niveau statt und bediente sich der selben Mittel, wie das Medium, welches er kritisierte. Dass dieser Eklat aber offensichtlich notwendig war, um überhaupt eine konstruktive Diskussion in Schwung zu bringen, ist dabei wohl die wichtigste Erkenntnis des Ganzen!

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Published in: on Oktober 18, 2008 at 1:44 am  Comments (12)  
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12 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich habe mir Mühe gegeben, der Kritik von Bohlen etwas abzugewinnen, als ich eben deinen Beitrag und auch den SPON-Beitrag gelesen habe – aber ich finde, er hat Unrecht!

    Reich-Ranicki ist sicherlich nicht senil und hat genau gewusst, was ihn bei der Show erwartet. Ich glaube, er wusste auch vorher, das er Kritik üben wollte – er hat sich maximal etwas zu sehr in Rage geredet, mehr als er zunächst wollte. Bohlen hingegen kritisiert ihn und lässt sich auf das gleiche rhetorische Niveau herab (was bei Reich-Ranicki in diesem Fall ja auch nicht seiner Person würdig ist). Aber Bohlen geht es nicht um die Sache – er macht jeden Scheiß mit, nur um Geld damit zu verdienen. Seine Legimitation ist, das sich möglichst viele Menschen seine Shows/Musik auf doch sehr bescheidenem Niveau ansehen/kaufen – an Qualität hat er kein Interesse. Das ist mein Eindruck.

    Bohlen hat natürlich in der Medienlandschaft auch eine Daseinsberechtigung, weil die Nachfrage ja da ist. Aber ich bin auf Seite von Reich-Ranicki. Letztendlich ist es auch sehr Geschmackssache – ich möchte jedenfalls lieber Qualität und Themenabende auf Arte als DSDS in Endlosrotation.

  2. Noch einmal: Die inhaltliche Berechtigung von RRs Kritik steht nicht zur Debatte, und dass Bohlen an Qualität kein Interesse hat (hey – ich gehöre zu der Generation die mit Modern Talking aufwachsen musste!) auch nicht.

    Nichstdestotrotz: Wenn Bohlen mich auf eine von ihm veranstaltete Modern-Taling-Rvival-Party persönlich einladen würde, dann würde ich entweder gar nicht hingehen (90+% Chance) oder mich dort mit Kritik zurückhalten („ich kann nichts mit dieser Musik anfangen“), aber nicht hingehen und dann auf einem Podium verkünden, was für eine Zumutung diese Veranstaltung doch sei, und dass ich mich schämen würde, dort zu stehen!

    So etwas ist angemessen, wenn ichz.B. als Kleinkünstler für eine Familienfeier engagiert werde und dann vor Ort feststelle, dass es sich um Wirklichkeit um die Versammlung einer NPD-Landesgruppe handelt – nicht aber, wenn ich vorher weiß oder wissen muss, worauf ich mich da einlasse!

  3. RR hat genau gewusst, worauf er sich da einlässt. Er wollte nur die größtmögliche Bühne für seine Kritik bekommen. Und ich finde nicht, dass da irgendetwas falsch daran ist.

  4. @Andi: Ich sehe das genauso wie Udo – so meinte ich das. Man kann natürlich jetzt Kritik an seinem Auftreten üben (ich wäre schließlich auch sauer, wenn sich ein Gast auf meiner Party so benehmen würde!) – aber er hat das so gewollt. Davon bin ich fest überzeugt!

  5. Udo:“Und ich finde nicht, dass da irgendetwas falsch daran ist.“
    Naja, außer, dass er sich damit eben sehr unhöflich den Gastgebern gegenüber verhalten hat, wir doch sowieso schon vorher alle wussten, dass das Unterhaltungsfernsehen heutzutage nicht so besonders niveauvoll ist (Oder war dir das neu?) und dass man daher vermuten könnte, er wollte damit nur Aufmerksamkeit auf sich selbst ziehen. Und das hat er ja geschafft, aber ändern wird sich deswegen sicherlich nichts.

  6. hast du das gehört/gelesen:

    Elke Heidenreich ist rausgeflogen weil sie öffentlich Marcel R-R. unterstützt hat.

  7. Nein, falsch. Sie ist nicht rausgeflogen, weil sie MRR recht gegeben hat, sondern weil Sie förmlich darum gebettelt hat.
    Zumindest hört sich eine Aussage wie folgende für mich nach betteln an:“Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten.“

    Wenn ich über meinen Arbeitgeber öffentlich ebenso herziehe, wie sie es getan hat, dann würde ich wohl auch baldigst meine Sachen packen dürfen, und imo auch zu Recht.

    Wieso ist sie nicht schon lange von alleine gegangen, wenn ihr das alles so dermaßen auf den Sack geht.

  8. Ich habe mir die Äußerungen von Frau Heidenreich jetzt im vollen Wortlaut durchgelesen und muss sagen, ja, sie hat es eindeutig übertrieben: „Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde“ – bei allem Verständnis für Kritik, kein Arbeitgeber muss sich so etwas bieten lassen!

    Ich glaube allerdings nicht, dass sie tatsächlich einfach nur herausgeschmissen werden wollte. Ich denke, sie hat hoch gepokert und verloren, bzw. hofft darauf, aus diesem Eklat heraus ihren Marktwert für andere Tätigkeiten zu steigern. Sie biedert sich Reich-Ranicki in ihrem Artikel dermaßen an, dass es geradezu widerlich ist – und der hat sie dabei nicht wie gehofft unterstützt, sondern zum Beispiel Gottschalk auch in Schutz genommen, den sie absolut unverhältnismäßig und persönlich kritisiert hat („Thomas Gottschalk hat eine einzige Eigenschaft, die ihn zum Moderator befähigt, nur eine – er ist nicht intelligent, er ist nicht charmant, er hat keinen Witz, aber er ist reaktionsschnell“). Sie hat offensichtlich versucht, gemeinsam mit RR Front gegen das Establishment zu machen, mit dem sich Gottschalk vermutlich blendend versteht, und sie hat sich zu einem Schnellschuss hinreißen lassen (denn ihr Artikel wurde geschrieben, bevor die Show auch nur auf Sendung ging).

    Wieder einmal denke ich, dass ihre Kritik zwar sachlich größtenteils absolut berechtigt ist, aber einfach nicht an passender Stelle geäußert wurde. Frau Heidenreich, die ihre Wichtigkeit offenbar weit überschätzt (wie sie sich darüber aufregt, in Reihe 4 sitzen zu müssen, und die Laudatio auf RR nicht halten zu dürfen!), hat hauptsächlich aus gekränkter Eitelkeit und übersteigertem Geltungsbewusstsein gehandelt, und das ist nun einmal keine gut Grundlage für eine Diskussion. So macht sie es dem ZDF natürlich leicht, sie einfach (richtigerweise) heraus zu schmeißen und ihre (berechtigte) Kritik zu ignorieren.

  9. Ich denke auch, weil ja gerade ihr Vertrag eh zum Jahresende ausgelaufen wäre, konnte sie ohne größere Risiken ihre Meinung rausposaunen – wenn’s nicht klappt, ists ja nicht so schlimm…Auch wenn sie natürlich wohl auf andere Reaktionen gehofft hatte.

  10. Da sieht man, was manch Person zu lernen im Stande ist. Frau Heidenreich hat schnell gelernt; bei den Anderen löst der Knopf sich eben später. „Better late, then never“ würde dazu der geübte Engländer sagen.

    Das Sprichwort „Was Häns’chen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ wurde durch Frau Heidenreich bravorös als NICHTIG enttarnt.

  11. @Dorothy: Sicher hat er sich provokant verhalten. Ich muss aber gestehen, dass ihn genau deswegen immer wieder gerne zuhöre. ;)


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