Vom Fußball zum persönlichen Weltbild

…soll es in diesem Eintrag gehen – ein spannender, vieles umspannender Gedankenbogen, oder? Dann will ich mal beim Fußball anfangen.

Zuletzt habe ich ein wenig öfter Liveübertragungen von Spielen im Fernsehen verfolgt als sonst: Deutschland gegen Wales, Bremen gegen Athen, Hertha gegen Lissabon.

Eigentlich schade, dass ich nicht auf Sportergebnisse wette – das 1:0 von Deutschland hätte ich genau so vorher gesagt (als wenn sich Deutschland jemals anders als schwer gegen Wales getan hätte!), und die Unentschieden von Bremen und Hertha auch. Ich verfolge außerdem ebenso interessiert wie irritiert die Diskussionen um Kuranyi, Frings und Ballack und frage mich, was da eigentlich passiert?

Dann finde ich die Antwort: Es werden Egos verletzt. Kuranyi kommt einfach nicht damit klar, dass er zwar einer der besten, aber eben nicht einer der allerbesten deutschen Stürmer ist. Frings kommt nicht damit klar, dass er seine beste Zeit hinter sich hat, während seine Konkurrenten sie vor sich haben, und Ballack kommt nicht damit klar, dass dieses Team nicht mehr die Struktur besitzt, dass um einige gesetzte und verdiente Stammspieler herum sich Neulinge ohne Ansprüche einfügen.

Fakt ist, die deutsche Nationalmannschaft spielt zur Zeit gut, sie spielt gut ohne Frings (und sowieso ohne Kuranyi), und sie spielt sogar gut ohne Ballack, von dem in seinen Spielen seit einschließlich der EM, wenn wir ehrlich sind, außer einigen starken Freistößen nicht allzu viel zu sehen gewesen ist. Spielwitz geht da eher von Schweinsteiger oder Trochowski aus – und auch für diese gilt, dass sie ihre beste Fußballzeit eher vor als hinter sich haben, was bei Ballack wohl wieder umgekehrt ist.

Ein ins Team integrierter Michael Ballack wäre sicherlich zumindest bis zur WM (für die sich Deutschland hoffentlich qualifizieren wird) natürlich noch ein Gewinn für die deutsche Nationalelf, aber ein Kapitän als Quertreiber, Intrigant und beleidigte Leberwurst, wie er sich schon seit einiger Zeit darstellt, ist es nicht! Es scheint Zeit für einen Generationswechsel zu werden, für einen Abschied nicht nur von Lehmann (der überfällig war), sondern auch von Frings und Ballack. Löw befindet sich in der luxuriösen Situation, dass er diesen Umbruch vornehmen kann, während Deutschland erfolgreich spielt und dabei bewiesen hat, dass es die ältere Spielergeneration dafür nicht braucht, und dass ihm Ballack und Frings außerdem eine absolute Steilvorlage gegeben haben, um ihn mit breiter Rückendeckung von Seiten der Bevölkerung und der Medien durchzuführen – da haben es Nationaltrainer in anderen Ländern mit der Ausmusterung ihrer Altstars meist schwerer gehabt!

Für mich stellt diese Geschichte eine Chance für Löw dar, die Mannschaft deutlich zu verjüngen und neu zu strukturieren, ohne die Überbleibsel der Seilschaften aus Klinsmanns WM-Zeit – hoffentlich ergreift er sie!

Bei Bremens Gastspiel in Athen (nachdem sie bereits gegen die Zyprioten nicht gewonnen hatten, ist dieser eine Punkt ja wirklich das absolute Minimum) fiel mir, abgesehen von dem Skandal mit dem ständig auf den Bremer Torhüter gerichteten Laserpointer (wieso bricht der Schiedsricher eigentlich die Partie nicht ab, bis dieses Problem gelöst ist?) hauptsächlich das Phänomen des grundlosen Auspfeifens auf: Jeder Ballkontakt der Bremer wurde zu Beginn mit einem lauten Pfeifkonzert quittiert. Einfach so! Sie hatten nicht unfair gespielt oder sich eingemauert oder sonst irgendetwas getan, was berechtigterweise Kritik hätte auslösen können, nein, sie waren einfach die gegnerische Mannschaft und wurden ausgepfiffen. So etwas ist mir vorher noch nicht aufgefallen (das muss aber nichts heißen). Allerdings habe ich dann bei Hertha gegen Lissabon von Seiten der Berliner Zuschauer dieses Phänomen noch einmal beobachtet, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt.

Natürlich sollen Zuschauer „ihr“ Team anfeuern, klar, und natürlich sollen sie auch Unmutsäußerungen bei Fouls, Zeitspiel, strittigen Schiedsrichterentscheidungen oder schwachem Spiel „ihres“ Teams machen dürfen, aber ist es wirklich nötig, den Gegner auszupfeifen, nur weil er auf dem Feld steht? Wäre es den Leuten denn lieber, die andere Mannschaft würde geschlossen zum Schiedsrichter gehen und diesem erklären, dass sie die Partie aufgäben? Sind sei denn nicht gekommen, um ein Fußballspiel ihres Teams zu sehen, und benötigt ein solches nicht per Definition eine gegnerische Mannschaft?

Es besteht bei Menschen offenbar ein großes Bedürfnis, als „gegnerisch“ identifizierte Mitmenschen auszupfeifen, niederzubrüllen oder – wenn die Situation bzw. politische Lage dies gestattet – niederzuknüppeln. Genau so wird auch im Internet auch „diskutiert“: Oft geht es den Postern gar nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung, nein, sie wollen von Anfang an nichts anderes, als Andersdenkende zu diffamieren, und zwar nicht etwa, weil ihnen der Versuch misslingt, denen argumentativ entgegen zu treten und sie daher ins Persönliche abrutschen, sondern weil es ihnen von Anfang an nicht um eine Diskussion geht, sondern nur um die Zurschaustellung von Abneigung.

Hier kann man nachlesen, mit welcher Gehässigkeit ich zum Beispiel dafür angegriffen werde, weil ich es wage, den Sinn von Frauenparkplätzen in Frage zu stellen… Du meine Güte, wenn ich mir jetzt vorstelle, wie zum Beispiel in den USA Auseinandersetzungen um das Recht auf Abtreibung oder die Eheschließung zwischen homosexuellen Partnern ablaufen müssen!

Es ist nun einmal so, dass die meisten Menschen nicht diskutieren, sondern lediglich ihre fertige Meinung dem Kontrahenten möglichst laut ins Gesicht schreien wollen. Menschen zu ÜBERZEUGEN ist eine Sisyphusarbeit. Stattdessen tut man besser daran sie UMZUSTIMMEN – das hierin enthaltene Wort „Stimmung“ weist schon darauf hin, dass der Weg nicht über den Kopf, sondern durch den Bauch gehen muss: Schlagwörter, vertrauenseinflößende Gesichter, passende Bilder (zur Not auch mit Dackeln) – so sehen Wahlplakate aus.

Ein entscheidender Vorteil, wenn Menschen sich umstimmen statt überzeugen lassen ist, dass sie das Gefühl (GEFÜHL!) besitzen, dass ihr Meinungsumschwung aus ihnen selbst heraus geschehen ist – auch wenn sie sich in Wirklichkeit noch so billig haben manipulieren lassen – ein Sieg ihrer eigenen souveränen Meinungsfindung, während eine ausführliche Argumentation, die sie inhaltlich überzeugen soll, ihnen immer das Gefühl einer persönlichen Niederlage gibt, eine von außen erzwungene Änderung ihres Weltbildes darstellt, die instinktiv abgelehnt wird.

Es fällt uns Menschen einfach immer noch viel zu schwer, eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht als Machtkampf zu begreifen. Einem anderen Recht zu geben, bedeutet sich zu unterwerfen. Das ist aber nicht akzeptabel, denn für uns Menschen ist nun einmal das wichtigste Bestreben, uns in der Hackordnung unserer Gesellschaft möglichst weit oben einzuordnen. Zu jedem Zeitpunkt kämpfen wir um gesellschaftliches Ansehen, auch wenn wir dieses häufig nur mit billigen Tricks subjektiv erzeugen können, wenn wir klügere, stärkere, schönere, reichere oder erfolgreichere Menschen pauschal diffamieren, um sie abwerten zu können – ohne ein Fundament von Vorurteilen („Erektionsprobleme? Ich bin doch kein Student!“) gegenüber anderen Gruppierungen müsste zumindest die Hälfte der Menschheit sich ihre gesellschaftliche Unterdurchschnittlichkeit eingestehen.

Vorurteile und vorgefasste Meinungen halten unser Weltbild zusammen, in dem wir selbst etwas Besonderes sind, und vor allem, so wie wir sind, genau richtig! Wer diese Vorurteile und Meinungen in billiger, diffamierender Weise angreift, der verstärkt dieses Weltbild sogar noch, denn die als minderwetig empfundenen „anderen“ beweisen ja somit ihre Minderwertigkeit – alles ist in Ordnung! Wer jedoch argumentativ dagegen angeht, der droht dieses Weltbild zu erschüttern und stellt eine ernsthafte Bedrohung dar.

Langsam beginne ich zu begreifen, warum eine begründete Kritik die meisten Menschen mehr auf die Palme bringt als ein gehässiger, kurzer und aussageloser Verriss.

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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Das hast du mal wieder absolut erkannt – häufig ist eine Diskussion aufgrund der oben von dir erwähnten „Phänomene“ schwierig bis unmöglich. Genauso wie eine Mannschaft natürlich zur Existenz des Spieles eine Gegenmannschaft braucht, ist zur Diskussion oder auch nur zur ungefragten Meinungsäußerung ein Gegenüber erforderlich, der sich das anhört und darauf eingeht oder im besten Fall Zustimmung signalisiert – das sollte so mancher bedenken, der seine Meinung äußert.

    Was den Fall Ballack betrifft, so fürchte ich eher, das Löw Kritik aus der Öffentlichkeit entgegenweht, wenn er ihn rausschmeißt.


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