Das Ende der Cowboys?

Barack Obama hat es also tatsächlich geschafft – letztlich sogar so deutlich, wie die Umfragen es prognostiziert haben, auch wenn diese in Details durchaus nicht unwesentlich daneben gelegen haben. Letztlich hat sich das Ganze aber ausgeglichen.

Ich muss sagen, dass ich weiterhin immer noch völlig fassungslos bin, dass die Amerikaner dieses Wahlsystem für demokratisch halten. Wie kann es nur sein, dass nicht die absolute Anzahl der Wählerstimmen über den Präsidenten entscheidet? Dass der Wohnort eines Wählers darüber bestimmt, wie viel Gewicht seine Stimme hat?

Immerhin verstehe ich nach diesem Wahlspektakel jetzt die Faszination dieses Systems besser. Tatsächlich macht es die Wahl einfach viel, viel spannender, wenn es nicht etwa eine einzige Gesamthochrechnung der Wählerstimmen gibt, sondern wenn über die Wahlen in den einzelnen Staaten erst einmal viele Einzelentscheidungen fallen, die dann nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Ist den Amerikanern hier wieder einmal die große Show wichtiger als das eigentliche Ereignis?

Irgendwie fand ich es bezeichnend, als in der Wahlnacht irgendwann die Schlagzeile zu lesen war „CNN erklärt Barack Obama zum Sieger der amerikanischen Präsidentschaftswahl!“! Da war noch kein Bezirk vollständig ausgezählt, und nur von den bislang bekannten Zwischenständen aus gesehen, war noch absolut keine Entscheidung gefallen, aber die Hochrechnungen der Sender, auch basierend auf allerlei Meinungsumfragen, wurden allgemein als feststehendes Ergebnis akzeptiert, was für mich die Macht der Medien in den USA deutlich unterstreicht. Noch während in beinahe allen Staaten die Stimmen ausgezählt wurden, ja in einigen Staaten sogar noch gewählt wurde (noch so etwas, was mich am Demokratieverständnis der Amerikaner zweifeln lässt), gratulierte McCain bereits Obama, und dieser begann seine Siegesrede. Übrigens erwies sich der Republikaner als höchst anständiger Verlierer, der gegen die Buhrufe seiner eigenen Basis ansprechen musste, die vermutlich lieber etwas in der Art gehört hätten: „Today is a black day for the United States of America, now that the leadership of this country has been put in the hands of a socialist and terrorist. I am afraid for this great nation and all the decent people who live here.“ Den Gefallen hat er ihnen aber nicht getan! Vielleicht hat McCain am Ende doch begriffen, dass es einfach nicht richtig gewesen sein konnte, seine Wahlkampagne auf der Unterstützung durch diese Fundamentalisten und Rassisten aufzubauen, welche die Basis der republikanischen Partei darstellen, und dass Barack Obama, dem es gelungen war, eine landesweite und vor allem bevölkerungsgruppenübergreifende Aufbruchstimmung zu vermitteln, letztlich der bessere Präsident sein würde, selbst wenn er in Sachfragen (nach McCains Ansicht) falsche Entscheidungen treffen würde – die Republikaner standen in diesem Wahlkampf für Abgrenzung und Hass, die Demokraten für Integration und Versöhnung.

Höchst aufschlussreich fand ich ja die nach Bevölkerungsgruppen aufgesplitteten Wahlumfragen! McCain hatte dort Vorteile bei den Männern (minimal), den Weißen (knapp), den Arbeitern (mäßig), der Landbevölkerung (deutlich, aber weniger deutlich als erwartet) und bei älteren (genauer, ALTEN) Wählern. Obama lag entsprechend bei den Frauen, den Farbigen, den Hispanos, den jüngeren Menschen und der Stadtbevölkerung vorne. (Letzteres kann man übrigens wunderbar sehen, wenn man zum Beispiel auf CNN die nach einzelnenen Distrikten aufgeschlüsselten Wahlergebnisse aufruft, die dort in Kartenform zu sehen sind: Die größeren Flächen sind fast immer in McCain-Rot gehalten, aber die entscheidenden blauen Obama-Tupfer befinden sich in den bevölkerungsreichen Ballungsgebieten. Bei den Bundesstaaten ist das natürlich genau so, mit den Flächenstaaten im Mittelwesten größtenteils in Rot, aber den Ballungsgebieten an West- und Ostküste, sowie an den Großen Seen in Blau.)

Insofern fand ich eine Aussage, die ich irgendwo in einem Spiegel-Artikel gelesen zu haben glaube, äußerst treffend: „Die Zeit der Cowboys ist vorbei.“ Das trifft es! Leicht überspitzt formuliert, ist der typische McCain-Wähler ein älterer, ungebildeter, weißer Mann vom platten Land. Man kann sie sich direkt vorstellen, diese typischen Farmer, die mit einer Schrotflinte ihren Grundbesitz verteidigen und auf Intellektuelle und Liberale schimpfen. Ja, diese Menschen konnten sich mit den Bushs und können sich mit McCain natürlich identifizieren!

Sie sind aber nicht mehr der ausschlaggebende Wahlfaktor, und das ist die entscheidende und äußerst zu begrüßende Änderung! Amerika befindet sich auf dem Weg zu einer moderneren, urbaneren Gesellschaft, in der die Minderheiten zu Mehrheiten werden, und in der „intellektuell“ kein Schimpfwort mehr ist. Hatte Bush gegen Gore noch  – aus europäischer Sicht absurderweise! – damit gepunktet, dass er mit seinem simplen Gemüt und Geist den Wählern einfach näher stand als der gebildete Gore, so hat Obama diesen Trend gebrochen – nicht zuletzt auch mit der kräftigen Mithilfe der Republikaner, die es mit der Nominierung der Superdumpfbacke Palin einfach übertrieben hatten.

Ja, Obama steht für ein neues Amerika – ein Amerika, in dem ein Kandidat trotz seiner dunklen Hautfarbe das Vertrauen vieler weißer Wähler geiwnnen konnte, und in dem ein Politiker, der Probleme anspricht, höher im Kurs steht als einer, der ausschließlich darauf baut, traditionelle Wert zu vertreten.

Ich hoffe nur, dass dieses Amerika nicht nur eine kuirze Momentaufnahme bleibt, sondern sich als nachhaltig erweisen wird! Wie erfolgreich Obamas Politik sein wird – und ob er seine Amtszeit er- und überlebt! – kann dafür entscheidend sein.

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14 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. „Leicht überspitzt formuliert, ist der typische Obama-Wähler ein älterer, ungebildeter, weißer Mann vom platten Land. Man kann sie sich direkt vorstellen, diese typischen Farmer, die mit einer Schrotflinte ihren Grundbesitz verteidigen und auf Intellektuelle und Liberale schimpfen.“

    hä? Oder ist das eine komische Form von Ironie?

  2. Nein, er hat sich einfach verschrieben, es muss natürlich McCain heißen.

  3. Aber der Satzt trifft es wirklich: Die gebildeten Menschen in den USA leben in den Ballungsräumen und Küstenregionen, in der Mitte ist zum Großteil ein einziges „Hinterland“.

    Das Farmer-Beispiel trifft es schon ganz gut.

  4. Bäh, ja, natürlich ein Verschreiber – wird korrigiert.

  5. „Ich muss sagen, dass ich weiterhin immer noch völlig fassungslos bin, dass die Amerikaner dieses Wahlsystem für demokratisch halten.“

    Um das zu verstehen, darf man nicht ausblenden, daß sich das amerikanische politische System nach wie vor als eine Föderation von Einzelstaaten versteht. So wählt jeder Staat seinen Favoriten aus und stimmt danach komplett in diesem Sinne für den Präsidenten ab. Übrigens wählen wir hierzulande den Kanzler nicht einmal annähernd so direkt wie die Amerikaner ihren Präsidenten, dieser Vorwurf der Undemokratie ist anbetracht dessen unglaublich überheblich.

  6. Im gegnsatz zum anderen Blog ein Beitrag den ich absolut begrüße und ihm nur zustimmen kann.

    Wenigstens istder Wert unserer Stimme (bzw. die der beiden) nicht abhängig vom Wohnsitz.

    Und in Deutschland war damals diese Form der indirekten Demokratie ja gewollt, man hätte es auch anders machen können, während in den USA es eifnach damals nicht besser ging und man es warum-auch-immer beibehalten hat.

    Btw:
    updaten die USA ihr Stimmenverhältnis eigentlich immer mal wieder auf aktuelle Bevölkerungsverteilung?

  7. Natürlich werden die Wahlmännerstimmen aktualisiert.

    Boneshredder, Du wirfst hier Einiges durcheinander: Hauptsächlich sind wir keine Präsidialdemokratie! Wir brauchen den Kanzler nicht direkt zu wählen, weil die Macht bei uns beim Parlament liegt, und DAS wird bei uns direkt gewählt.

    Natürlich verstehe ich, woher dieses System stammt, aber nur weil es eine historische Tradition besitzt, wird es dadurch doch nicht demokratischer!

  8. „Natürlich verstehe ich, woher dieses System stammt, aber nur weil es eine historische Tradition besitzt, wird es dadurch doch nicht demokratischer!“

    Das ist korrrekt. Nordkorea hat auch Tradition – ist es deshalb ein demokratisches Land? Werden schlechte Verhältnisse mit der Zeit aus Gewohnheit besser? Natürlich nicht!

    Das schon während der Wahl Hochrechnungen veröffentlicht werden, lässt mich ebenfalls am Demokratieverständnis zweifeln – ein Unding. Bei uns gibts die erste Prognose um 18:00 Uhr – und das ist auch gut so.

  9. Das Wahlmännersystem hat ja ursprünglich tatsächlich einmal einen Sinn besessen – anstatt die ungebildete und weit verstreute Bevölkerung eines riesigen Landes einen Präsidenten, von dem sie vermutlich noch nie zuvor etwas gehört haben, wählen zu lassen, wählen sie lokale Wahlmänner, deren Urteil sie vertrauen, und die sich dann informieren und nach ihrem eigenen Gewissen abstimmen. Das WAR tatsächlich einmal eine gute Idee, und in manchen Bereichen ist sie es heute noch, denn Basisdemokratie scheitert nun einmal oft am fehlenden Urteilsvermögen der Bürger.

    Dass dieses System aber heute für die Wahl des U.S.-Präsidenten nicht mehr notwendig ist und außerdem sinnentstellend pervertiert wurde, sollte eigentlich jedem klar sein, der ein bisschen darüber nachdenkt!

    (Übrigens wurden während der laufenden Wahl nicht nur Hochrechnungen veröffentlicht, sondern es wurde sogar der Sieger bereits verkündet – nicht amtlich zwar, aber ohne dass irgendjemand daran auch nur den lesiesten Zweifel angemeldet hat – wie absurd!)

  10. Das Wahlsystem würde die niemals ändern. wenn as jem,al jemand versuchen würde würde die warscheinlich ein impeachement verfahren einleiten!

    Jeder weis doch wie dies mit ihren traditionen halten und was dabei manchamal rauskommt. (Recht auf selbstverteidigung mit einer schusswaffe etc.)

  11. Hi, gestern Abend hab ich was dazu gelesen: zum Wahlsystem:
    und zwar eine Argumentation, belegt mit Beweisen dafür das (mathematisch) das amerikanische wahlsysystem DEMOKRATISCHER ist.

    [Auszug aus Daniel Tammet; Wokenspringer, Patmos 2007, Seite 271ff.]
    Basis der Argumentation: Die Macht des Wahlberechtigten leitet sich davon ab, dass seine Stimme über den Ausgang der Wahl entscheiden kann.(iniziiet von Alan Nafpott)

    Bei einer Nation mit 5 Wahlberechtigten liegt die Wahrscheinlichkeit bei 37,5 % das die anderen Wähler 2:2 abstimmen. [vereinfachchung 50/50 verteilung der gesinnung inbegriffen, es bei wahlen bei denen Unterschiede im Ausgang gibt über alle Bürger gesehen 50/50 steht (auch Dartscheibenmodell genannt)]
    Ergo entscheidet deine 1 Stimme in 37,5 % der fälle über den ausgang. Bei mehr Stimmberechtigten nimmt diese zahl rapide ab, bei 135 Bürgern sind es noch 6,9% in denen deine Stimme entscheidend ist. Diese Modell lässt sich über die Wahwahrscheinlichkeit eines Kandidaten, bezogen auf einen einzelnen Wähler erweitern, bleibt aber im Kern korrekt.

    Da das Dartscheibenmodel aber in realität nie zutrifft sinkt die Wahlmacht des einzelwählers. Allerdings hilft dieses Wahsystem die asymmetrien einer wahl zu entschärfen und stärkt so die Macht des einzelnen Wählers.

    Dann folgen noch betrachtungen und entkräftungen der gegenargumente (Wahlen 2000/1888) und vorschläge für Verbesserungen (Wahlmännerstimmen könnten von der Wahlbeteiligung abhängen etc.)

    [Das war nicht der ganzte teil, sondern der mathematische, verkürzt und erklärt von mir]

    Übrigens gings es in diesem Kapitel um die aufklärung von „offensichtlichen“ irrtümern.

    Mein kommentar dazu: 1. ich glaubs immer noch nicht, 2. das sind bestimmt nicht die Argumente auf die die entscheidung für dieses Wahlsystem aufbaut^^

    lg Chickenfood

    P.S: Dartscheibenmodell in diesem Fall: man entscheided sich nicht aus rationalen gründen, sondern mit einer xyz_wahrscheinlichkeit für einen kandidaten, dargestellt duch eine dartscheibe mit 2 farben, geworfen wird von einem anfänger^^

    PPS: unbedingt mal lesen, es lohn sich.

    PPPS: ich hab versucht die rs zu bereinigen und Buchstabendreher zu verhindern. Groß/Kleinschreibung versuch ich besser gar net^^

  12. Ich muss jetzt ziemlich raten, um aus den paar Knochen, die Du mir da hingeworfen hast, ein Gerüst zu machen, aber ich denke, ich weiß, wo in dieser (mathematisch gewiss äußerst fundierten) Scheinargumentation der Wurm drin ist:

    Man kann nicht bei einigen Wählern postulieren, dass ihre Stimmen zufällig verteilt seien, und bei anderen wiederum behaupten, dass ihre bewusst abgegebene Stimme mit einer gewissen Chance die Wahl beeinflussen würde. Was für einen Wähler gilt, muss auch für alle anderen Wähler gelten, und ich denke, ich muss hier nicht belegen, dass der Gesamteinfluss ALLER Wähler unabhängig vom Wahlsystem immer gleich groß ist, oder?

    Wenn nun ein einzelner Wähler in einer bestimmten Situation stärker zum Wahlergebnis beiträgt, dann folgt daraus zwingend, dass andere Wähler entsprechend weniger dazu beitragen. Und genau das ist ja die Kritik am Mehrheitswahlsystem: Dass die Stimme einzelner Wähler unterschiedlich stark zählt, je nachdem an welcher Teilabstimmung sie beteiligt sind!

  13. Ich wollte halt unter 3 Seiten bleiben, und noch was, ich stimme NICHT mit dieser argumentation überein.

    lg Chickenfood

  14. Du magst mit seinem STANDPUNKT, dass das Mehrheitswahlrecht demokratischer sei nicht übereinstimmen (das tue ich auch nicht), aber bei einer Argumentation geht es darum, ob man in der Lage ist, sie a) nachzuvollziehen und b) zu widerlegen. Wenn man nicht sowohl zu a als auch b in der Lage ist, dann ist eine „Übereinstimmung“ oder auch „Nichtübereinstimmung“ damit wertlos: „Wer ist der Meinung, dass 119 eine Primzahl ist?“

    Wenn eine Diskussion nicht über den Austausch von und das Beharren auf vorgefassten Meinungen hinausgelangt, ist sie nutzlos.


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