Wer bremst, verliert

(Dies hier ist der zweite Teil einer geplanten kleinen Reihe, in der ich mir Gedanken zum Drumherum der Wirtschaftskrise mache. Dies hier war der erste.)

Nein, damit spiele ich nicht auf verantwortungslose, lebensgefährliche Spiele motorisierter und alkoholisierter Jugendlicher an. Vielleicht ein bisschen auf Computerspiele, okay. In Situationen, in denen es nicht mehr nur darum geht, ein Ziel zu erreichen, sondern es unter Zeitdruck zu erreichen, gilt die Regel: Eine rasch getroffene Entscheidung mag vielleicht, wahrscheinlich oder sogar höchstwahrscheinlich falsch sein – aber ein Zögern ist IMMER falsch.

Auf dieses Thema bin ich wieder einmal gestoßen, weil zwei eigentlich völlig verschiedene Gedankengänge sich in meinem Kopf gekreuzt haben. Einmal habe ich ein wenig Mahjongg gezockt (kein Flashgame, sondern eine sehr nette herunterladbare Version, die ich vor einem Jahr oder so mal irgendwo gefunden hatte). Hier habe ich bei verschiedenen Setups die dazu gehörigen Bestenlisten längst mit wirklich verdammt guten Zeiten gefüllt, und in meine eigenen Top 10 einzubrechen, wird zunehmend schwieriger und kommt daher immer seltener vor. Meine Taktik dabei ist jedenfalls klar: Klicken, klicken, klicken! – wer bremst, verliert…

Natürlich treffe ich auf diese Weise zahlreiche schlechte Entscheidungen, die dazu führen, dass ich einzelne Spiele weitaus öfter verliere, als wenn ich mir auch nur ein kleines bisschen mehr Zeit nähme, meine Taktik zu durchdenken, aber dieses kleine bisschen Zeit extra, das habe ich eben nicht, wenn ich meine eigenen Bestzeiten unterbieten will. Wenn es schief geht, dann geht es eben schief – aber WENN es dann einmal klappt, weil ich instinktiv (und vor allem mit viel Glück!) auch in höchster Klickgeschwindigkeit mein Ziel erreiche, dann – und NUR dann – kann ich einen Erfolg verzeichnen!

Der andere Gedankengang hat natürlich mit der aktuellen Wirtschaftskrise zu tun. (Sonst wäre mein Beitrag hier ja reichlich merkwürdig eingeordnet.) Insbesondere hat mir dieser Eintrag hier von Roman Möller zu denken gegeben. Nun, ich bin ja bestimmt kein großer Fan von Angie, aber hier kann ich Romans Interpretation nicht nachvollziehen – mit ihrer Verweigerung, sofort drastische Maßnahmen einzuleiten, geht sie doch gewiss nicht den einfachen, populären Weg? Sich jetzt als die Retterin der deutschen Wirtschaft aufzuspielen und dabei der Bevölkerung erhebliche Steuersenkungen zuteil werden zu lassen – wäre das nicht äußerst hilfreich kurz vor der nächsten Bundestagswahl? Nun, Frau Merkel will aber keinem blinden Aktionismus verfallen, und das erscheint mir doch eher als eine höchst ehrenwerte Motivation (völlig ungeachtet allerdings einer Bewertung, ob dies der richtige Weg ist)! Wenn man jetzt Geld in der Größenordnung von vielen Milliarden ausgibt, dann ist nur eines sicher: Dieses Geld ist WEG. Ob solche Maßnahmen wirklich die Wirtschaft entscheidend ankurbeln oder nicht, das WEISS letztendlich niemand, da gibt es nur (natürlich teilweise durchaus äußerst qualifizierte) Vermutungen. Da ist es doch sowohl verständlich als auch ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein, nicht einfach Geld auszugeben, welches dem Staat dann mittelfristig (also gegebenenfalls unter einer neuen Regierung) fehlen wird?

Ja, das ist es… aber eben nicht zwingend richtig! Diese Krise lässt uns eben nicht unbedingt genügend Zeit, erst einmal abzuwarten, zu probieren, zu analysieren und dann erst richtig zu reagieren. Vielleicht ist es der richtige Weg, vorsichtig zu sein. Vielleicht muss man jegliche Vorsicht über Bord werfen und sofort und in drastischster Weise handeln, bervor es zu spät ist, und dabei auch das Risiko eingehen, dass man die Situation sogar noch verschlimmert, weil man mit Aktionismus VIELLEICHT falsch handelt, aber mit Zögern BESTIMMT.

Bei Mahjongg gibt es hier kein Dilemma: Meine Zielsetzung ist klar: Eine neue Bestzeit muss her, alles andere zählt nicht, und wenn ich mich dabei verrenne, dann versuche ich es eben einfach noch mal, oder aber ich mache das Spiel wieder zu und tue etwas anderes (wie zum Beispiel diesen Blogeintrag hier verfassen). Ich gehe eben kein wirkliches Risiko ein.

Wenn aber unsere Bundesregierung mit Milliardenbeträgen jongliert, dann ist ein Scheitern eine Katatstrophe! Die Entscheidung, „all-in“ zu gehen oder doch lieber Ruhe zu bewahren, ist alles andere als eindeutig. Und natürlich muss sie, wie es ihre Natur ist, ebenfalls unter Zeitdruck gefällt werden – es bringt nichts, wenn man nach eingehender Analyse der Situation zu dem Schluss kommt, dass man besser bereits längst gehandelt hätte!

Falls das bislang nicht deutlich genug heraus gekommen sein sollte: Ich gebe der Politik durchaus einen großen Teil der Schuld daran, dass es überhaupt erst zu dieser Krise gekommen ist (aber ganz so simpel ist das mit den Schuldzuweisungen gewiss nicht – dazu schreibe ich dann ein anderes Mal), jedoch was ihr Krisenmanagement angeht, kann ich ihr keine allzu großen Vorwürfe machen. Ich denke, zumindest die etablierten Parteien bemühen sich ernsthaft, das Richtige zu tun, auch wenn sie in ihren Diskussionen rhetorisch immer wieder in die bekannten polemischen Muster verfallen. Ich bezweilfe stark, dass Frau Merkel aus parteipolitischem Kalkül oder aus Angst vor den nächsten Wahlen zur Besonnenheit mahnt, und ich glaube auch nicht, dass der jüngste SPD-Vorstoß mit dem Konsumgutschein (der gewiss nicht allzu durchdacht erscheint – das Argument, dass eine solche Ankündigung kontraproduktiver Weise zu einer VERZÖGERUNG des Konsums führen könnte, erscheint mir durchaus einleuchtend!) nur ein Versuch ist, sich zu profilieren, egal wie bitte nötig die SPD das hat. Die Situation ist kritisch, und es muss etwas unternommen werden, aber niemand weiß wirklich, was, und alle versuchen ihr Bestes. (Nur bei Lafontaine bin ich, ehrlich gesagt, ein wenig skeptisch, wenn dieser populistische Fast-Kommunist plötzlich Hilfen für die Wirtschaft fordert…)

In den meisten anderen Ländern wird also mehr in die Konjunktur investiert als bei uns. Das ist dann wohl die „Wer bremst, verliert“-Denkweise. Frau Merkel will vorsichtiger agieren und Geld zusammenhalten. Wer kann wirklich sagen, ob das falsch oder richtig ist? Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss! Eines steht jedenfalls fest: Wenn diese Weltwirtschaftskrise dann irgendwann überstanden sein sollte, und die anderen Staaten sich alle bei ihrer Überwindung massiv neu verschuldet haben, während die Bundesrepublik noch einen einigermaßen konsolidierten Haushalt besitzt – nun, dann stehen wir doch plötzlich ziemlich gut da, oder?

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum unsere Kanzlerin aus dem Ausland dafür dermaßen massiv kritisiert wird, dass Deutschland nicht im gleichen Maße investieren will wie die anderen Staaten: Weil es auf diese Art möglicherweise von den weltweiten, vereinten Bemühungen als eine Art Schmarotzer profitiert! (Ungefähr so, wie China auch bereits von den halbherzigen Bemühungen der westlichen Weilt, das Klima zu schützen, wirtschaftlich profitiert hat.) Nein, das ist nicht nett, und es ist gewiss riskant (aber möglicherweise halt nicht riskanter als hektische Sofortmaßnahmen) – aber wenn ein Regierungschef es für die beste Lösung hält, kann man ihm (also, in diesem Fall natürlich IHR) dann wirklich Vorwürfe machen? Nun, in zehn Jahren werden wir wissen, ob wir Angie als diejenige Kanzlerin, welche uns untätig in die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg hat hineinschlittern lassen, verfluchen, oder ob wir sie als politisches Genie feiern werden, welches in einer schwierigen Zeit die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik entscheidend gestärkt hat – oder irgendetwas dazwischen.

„May you live in interesting times“, so lautet angeblich die Übersetzung eines chinesischen Fluchs…

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Published in: on Dezember 3, 2008 at 6:01 pm  Comments (5)  
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich glaube, Angela Merkel setzt auf so eine Art pawlowschen Reflex – die Aussicht auf Steuersenkungen im nächsten Jahr soll ihre Umfragewerte ankurbeln!

    Aus deiner Sicht und auch allgemein sind die ruhige und und nicht überstürzte Hand natürlich zu loben – aber glaubst du nicht, das sie dabei nicht vielleicht doch den Erhalt ihrer Macht im Hinterkopf hat?

  2. Wenn die Aussicht auf Steuersenkungen, die noch kommen sollen, ihre Umfragewerte ankurbeln soll (und das wäre doch eher eine subtile Methode, die ein gewisses Maß Vorausschauen beim Wähler voraussetzt), dann würde ja auch die bloße Ussicht auf Steuersenkungen nächstes Jahr die Konsumfreudigkeit ankurblen, ohne dass da ein größeres Loch in die Haushaltskasse gerissen werden muss.

    Nein, ich kann nicht beurteilen, ob das richtig ist, aber ich bin eigentlich überzeugt, das ausnahmsweise einmal parteipolitisches Gedöns nur die zweite Geige spielt. Ich meine, die ersten Hilfsmaßnahmen waren Kredite für die Banken, die das Ganze verbockt haben, und für die Ottonormalbürgerja nun wirklich keinerlei Sympathie hegt – ganz bestimmt keine populistische Strategie, um wiedergewählt zu werden!

  3. @roman: Den Erhalt seiner oder ihrer Macht hat jede/r PolitikerIn im Hinterkopf, von daher ist Angela Merkel hier eher die Regel und nicht die Ausnahme.

  4. @Andi: Mmmh, da bleiben wir wohl unterschiedlicher Meinung … :-)

    @Udo: Natürlich ist sie die Regel – und weil mir das bewusst ist, erscheint mir ihr Manöver ja auch so durchschaubar!

  5. Muss eigentlich dieses Bild von Bush da oben sein? Ich werde ich der Uni ständig dumm angelabert deswegen^^


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