Unvernunft ist das höchste Wirtschaftsgut

(Dies ist der vierte Teil meiner Beitragsreihe, in der ich mir Gedanken zum Drumherum der aktuellen Weltwirtschaftskrise mache. Hier findet Ihr den ersten, zweiten, und dritten Teil.)

Wisst Ihr, was mir an dieser Wirtschaftskrise am meisten zu denken gibt? Dass sie eigentlich gar keine Ursache hat! Es gab keine Erdbeben oder Naturkatastrophen, welche Missernten ausgelöst oder Fabriken und Förderstätten zerstört haben. Es gab keinen weltweiten Krieg oder eine Seuche. Es ist eigentlich überhaupt nichts passiert!

Diese ganze Krise vollzieht sich völlig unabhängig von den eigentlichen Produktionsvorgängen. Rohstoffe und Nahrung sind weiterhin in den bisherigen Mengen verhanden und sämtliche Produktions-, Verarbeitungs- und Lagerstätten ebenfalls. Wie kann es unter diesen Umständen eigentlich zu einer Krise kommen?

Ich denke, vielen Menschen (und da schließe ich mich ein) wird zur Zeit erstmals richtig bewusst, was „Kapitalismus“ eigentlich bedeutet, nämlich die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Faktor „Kapital“, und hier insbesondere vom finanziellen Kapital. So weit es mir möglich war, den Erklärungen von Wirtschaftsexperten für diese Krise zu folgen, läuft alles im Wesentlichen darauf hinaus, dass die finanziellen Werte weit über dem Maß der Sachwerte gestiegen sind. (Es wurde auch von Fremdkapital und Eigenkapital gesprochen, was natürlich etwas anderes, aber letztlich gar nicht einmal völlig Unterschiedliches ist.) Wertpapiere besaßen immer weiter steigende „virtuelle“ Werte, die nicht auf die Deckung duch materiell vorhandenes Kapital zurück zu führen waren, sondern letztlich nur auf dem Vertrauen der Anleger beruhten, dass sie diesen Gegenwert tatsächlich erhalten könnten, wenn sie dies wollten. Paradoxerweise existiert dieser Gegenwert aber eben nur dann, wenn er NICHT eingelöst wird, denn je mehr Anleger versuchen, solche virtuellen Werte einzulösen, desto weiter fällt ihr Preis – das ergibt sich aus dem Prinzip von Angebot und Nachfrage.

Die aktuelle Krise ist ist nicht ohne Präzedenzfälle – googlet doch einmal zum Beispiel nach „Schwarzer Donnerstag“! Mehrere Experten haben auch bereits darauf hingewiesen, dass solche Kurseinbrüche ein notwendiges Element des kapitalistischen Systems sind. In dem Moment, in dem der Wert zum Beispiel von Aktien nicht ausschließlich von den tatsächlich bestehenden Sachwerten und erzielten Gewinnen eines Unternehmens abhängt, sondern von der Erwartungshaltung der Anleger, wie diese Werte, aber auch der Wert der Aktie selbst sich entwickeln, entstehen solche Rückkopplungen, eine Art Resonanzkatastrophe, die letztlich mit der Zerstörung des bestehenden Systems enden muss.

Finanzmärkte bestehen aus sich selbst beschleunigenden Entwicklungen. Ganz grob vereinfacht, sieht es wohl so aus: Je mehr Anleger sich für eine Aktie interessieren, desto mehr steigt ihr Wert, und je stärker ihr Wert steigt, desto mehr Anleger interessieren sich für sie. Diese Spirale steigert sich immer weiter, bis die Anleger plözlich kalte Füße bekommen, weil sie nicht mehr daran glauben, dass der Wert noch steigen könnte und deswegen beginnen, diese Aktien mit Gewinn zu verkaufen. Sobald andere Anleger merken, dass diese Aktie stärker verkauft wird, bekommen sie Panik, denn offensichtlich fällt deren Wert ja, und deswegen versuchen sie ebenfalls noch rasch zu verkaufen, bevor der Wert zu tief sinkt. Natürlich sinkt er aber gerade durch dieses Verhalten immer weiter, und die selbstbeschleunigende Entwicklung geht diesmal in die andere Richtung, so lange, bis die Anleger überzeugt sind, dass es sich wohl doch eher lohnt, diese Aktien zu behalten und auf eine Besserung zu hoffen – und auch dieser Optimismus ist wiederum ein sich selbst erfüllendes Phänomen, und der Zyklus kann erneut beginnen – vorausgesetzt natürlich, das betreffende Unternehmen ist zwischenzeitlich nicht bankrott gegangen!

Ich kenne mich nicht wirklich mit Wirtschaftswissenschaften aus, aber dieses Faktum wird einem von allen Seiten aus Politik und Wirtschaft unaufhörlich erzählt: Diese Wirtschaftskrise ist hauptsächlich eine psychologische Krise! Es geht genau deswegen abwärts, weil die Leute GLAUBEN, es geht abwärts. Keine Missernte, Naturkatastrophen oder Weltkriege – die gesamte Krise spielt sich im virtuellen Raum des Spekulativen und Psychologischen ab.

Wie konnte es nur dazu kommen, dass die Stabilität unserer Wirtschaft von solchen Phantomfaktoren abhängig wurde? Irgendwo auf dem Weg von der Subsistenzwirtschaft hin zur Globalisierung haben wir sie uns eingehandelt, vermutlich mit der Idee, mittels Investitionen langfristig die Produktivität zu erhöhen. Stellen wir uns das mit einem extrem vereinfachenden Beispiel so vor: Aus einer bestimmten Menge Getreide kann man eine bestimmte Menge Brot backen. Man kann jedoch dieses Getreide auch als Saatgut verwenden, um daraus mit der Zeitverzögerung eines Jahres eine deutlich größere Menge Getreide zu erhalten, aus der man  dann deutlich mehr Brot backen kann (und natürlich kann man es auch wieder als Saatgut verwenden). Ob es die Zurückhaltung von Saatgut ist, der Erwerb von Werkzeugen und Maschinen oder das Schaffen von Arbeitsplätzen: Prinzipiell dienten Investitionen ursprünglich dazu, langfristig die Produktivität zu erhöhen.

Man kann erkennen, dass es hier aber Unterschiede zwischen dem Zurückbehalten von Saatgut und dem Zeichnen von Aktien gibt, die darauf beruhen, wie unmittelbar sich eine solche Investition in Produktivität niederschlägt. Während der Zusammenhang zwischen mehr ausgesätem und mehr geerntetem Getreide noch einigermaßen nachvollziehbar und übersichtlich ist, beruht die Wertentwicklung einer Aktie auf dermaßen komplexen Zusammenhängen, dass man auf sein Glück und seinen finanziellen  „Instinkt“ angewiesen ist – nicht umsonst spricht man ja von „Spekulation“!

Wie weit sich diese virtuellen Werte bereits vom ursprünglichen Ziel der gesteigerten Produktivität entfernt haben, erkennt man am deutlichsten wohl an der Diskussion um Hedgefonds und sogenannte „Heuschrecken“-Investoren, denen im Wesentlichen vorgeworfen wird, dass ihnen die Produktivität und Lebensfähigkeit von Unternehmen völlig egal ist: Sie machen ihre Gewinne ausschließlich in jenem finanziellen, virtuellen Raum.

Dieses destruktive Verhalten wird ihnen dann, gerne auch von der Politik, häufig vorgeworfen, aber erst in jüngster Zeit, eben im Vorfeld dieser gigantischen neuen Wirtschaftskrise, wird auch die Einsicht verbalisiert, dass das Problem vielleicht doch im System liegen könnte! Die Verurteilung dieser „Heuschrecken“ ist letztendlich heuchlerisch. Im Kapitalismus werden Anleger ausdrücklich aufgefordert, mit Gewinnerwartung zu investieren. Unternehmen VERLASSEN sich auf diese Investitionen, ja, sie müssen es tun, denn nur so sind sie konkurrenzfähig! Kapitalstärkere Unternehmen sind kapitalschwächeren in vielfacher Weise überlegen: Sie können sich nicht nur teurere Investitionen leisten, welche langfristig ihre Produktivität erhöhen werden, sie können ihre Produkte mit einem höheren Werbeetat vermarkten, Fachkräfte mit besseren Gehältern locken und ihre Waren zu niedrigeren Preisen anbieten. Letzteres ist als Dumping eine dermaßen effiziente Strategie, um Konkurrenten vom Markt zu verdrängen, dass es speziell Gesetze dagegen gibt. Tatsächlich gibt es übrigens eine Vielzahl von Gesetzen, welche unsere „freie“ Marktwirtschaft regulieren, nicht zuletzt das Kartellrecht! Eigentlich besteht schon lange die Einsicht, dass es nichts weniger als verhängnisvoll wäre, den Markt tatsächlich vollständig sich selbst zu überlassen.

Nichtsdestotrotz ist der Namensgeber des Kapitalismus, das Kapital, heute unbestreitbar das wichtigste Erfolgskriterium für Unternehmen. Genau da liegt aber das Problem: Die Unmittelbarkeit des Zusammenhangs zwischen Investitionen und Steigerung der Produktivität ist nicht mehr gegeben. An ihre Stelle ist der Optimismus von Anlegern getreten, mit ihren Anlagen – in welcher Form auch immer – Gewinne zu erzielen. Der „Ruf“ eines Unternehmens bestimmt seine Kreditwürdigkeit und somit seinen Wert.

Nun könnte man allerdings annehmen, dass Investitionen, sofern die Manager eines Unternehmens nicht völlig unfähig und/oder korrupt sind, sich zwangsläufig in gesteigerter Produktivität niederschlagen müssten, so dass Kapitalzuwachs und der Zuwachs an Sachwerten letztlich doch Hand in Hand gingen, oder? Das ist aber leider nicht der Fall. Zum einen ist da das Problem der Verselbständigung des Kapitalmarktes: Die Produktivität eines Unternehmens zu steigern ist einfach nicht mehr gleichbedeutend damit, mit Anlagen Gewinne zu machen (was wiederum das Ziel ist, welches Managern gesetzt ist – die Anleger wollen schließlich Rendite!) Das ist das „Heuschrecken“-Prinzip.

Zum anderen aber, und das ist vermutlich das größere Problem – ich jedenfalls habe den starken Eindruck, dass die ganzen „Heuschrecken“-Diskussionen, auch wenn sie natürlich einen bestehenden Missstand betreffen, letztlich nur dazu dienen, der Bevölkerung einen bequemen Buhmann zu liefern – nützt es überhaupt nichts, wenn sich Investitionen in höherer Produktivität niederschlagen, aber die produzierten Waren dann nicht gekauft werden! Es ist eigentlich nur sinnvoll, mehr zu produzieren, wenn auch mehr nachgefragt wird. Ich vermute, das ist letztlich die Idee, welche dahinter steht, wenn wir ständig von der Notwendigkeit eines positiven Wirtschaftswachstum lesen: Die Wirtschaft wächst dann, wenn darin immer mehr Güter produziert (und natürlich Dienstleistungen angeboten, aber Beispiele sind in der Regel bei der Produktion von Gütern verständlicher) und diese Güter dann auch tatsächlich gekauft werden.

Mit anderen Worten, es müssen eben doch irgendwie Sachwerte geschaffen werden, welche den virtuellen Wertanstieg der Unternehmen decken! Das ist der (wiederum extrem vereinfachte, viele Zwischenschritte ignorierende) Kreislauf der funktionierenden freien Marktwirtschaft: Anleger investieren Geld in Unternehmen, die damit ihre Produktivität steigern und mehr Güter erzeugen, welche sie an die Anleger verkaufen, welche sich diese zusätzlichen Güter von den Gewinnausschüttungen ihrer Anlagen leisten können, die im Wert deshalb gestiegen sind, weil das Unternehmen ja mehr produziert und verkauft.

Schon gut – mit ist klar, dass jeder Wirtschaftswissenschaftler diesen Beitrag hier in der Luft zerreißen würde! Die grundlegenden Wahrheiten aber, da bin ich mir sicher, habe ich damit getroffen: Wieso heißt es denn sonst, dass der Konsum der Motor einer Wirtschaft ist? Es läuft letztlich eben doch darauf hinaus, dass wir Konsumenten genügend kaufen müssen, um den Wertanstieg der Unternehmen zu decken. Deswegen die zahlreichen Appelle an die Bürger, jetzt nicht zu sparen sondern weiter Geld auszugeben, und deswegen die Überlegungen, Einkaufsgutscheine an die Bürger zu verteilen oder, etwas seriöser, den Bürgern per Steuersenkung mehr Geld in die Taschen zu stecken.

Wir sollen also kaufen, kaufen, kaufen – und zwar offensichtlich unabhängig davon. ob wir diese Dinge überhaupt brauchen! Ganz offensichtlich richtet sich ein solcher Appell doch an diejenigen, die in der Lage sind abzuwägen, ob sie einen Kauf tätigen oder es sein lassen und das Geld lieber sparen sollten. Der Aufruf zum Konsum bedeutet nichts anderes als einen Aufruf, die eigenen Ersparnisse zu verringern (und man kann ihn sogar als Aufforderung zur Verschuldung interpretieren, indem man größere Neuanschaffungen auf Pump tätigt – hey, wenn Unternehmen und der Staat es vormachen, warum sollten es dann nicht auch die Bürger ihnen nachtun?)

Der Haken an dieser Sache ist jedoch, dass gerade in einer Krise, und insbesondere wenn der Staat sich, um diese zu bewältigen, verschuldet (was, wie jedem klar sein sollte, geradezu zwangsläufig bedeuten muss, dass er mittelfristig gezwungen ist, seine Sozialleistungen zu verringern) Rücklagen besonders wichtig sind! Wie soll man denn ansonsten für finanziell schwierige Zeiten vorsorgen, wenn man womöglich (und zur Zeit besonders wahrscheinlich) seine Arbeit verliert, oder wenn man gar schwer erkrankt? Haben wir nicht gerade erst einen Umbau unseres Sozialstaates hinter uns, in dessen Zug wir dazu aufgefordert wurden, mehr eigenständige Vorsorge zu treffen (was nur die freundliche Umformulierung von „Der Staat sichert Euch nicht mehr ab, macht das also selbst!“ war)? Und jetzt auf einmal ist vorsichtiges, zurückhaltendes Wirtschaften und Sparen böse, und wir werden dazu aufgerufen, uns den neuen Wagen ein oder zwei Jahre früher zu kaufen?

Der Wirtschaft geht es schlecht, und um ihr zu helfen, werden wir Bürger dazu aufgefordert, genau so unvernünftig zu handeln wie die Banken und Unternehmen, welche diese Krise ausgelöst haben: Keine Rücklagen zu schaffen, Ausgaben vorzunehmen, die nicht notwendig sind und vor allem in blindem Optimismus darauf zu vertrauen, dass schon alles gut gehen wird.

Unser Wirtschaftssystem beruht auf dieser Verantwortungslosigkeit. Jeder Unternehmer steht vor der Frage, wie viele Rücklagen er bildet, und wie viel Geld er reinvestiert, und diejenigen, welche sich mit Investitionen zurückhalten, werden von unserem System bestraft – Rücklagen sind „totes Kapital“, welches sich nicht vermehrt. Der Kapitalismus hängt am Wirtschaftswachstum wie an einem Tropf: Er funktioniert nur, so lange immer wieder gekauft, verkauft und neu investiert wird. Sparsamkeit und finanzielle Vorsicht werden bestraft; Ausgaben und finanzieller Wagemut werden belohnt.

… so lange, bis es eben mal wieder zum Crash kommt.

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