Kinder, die sich selbst missbrauchen

Ich hatte dieses Thema ja schon aus den Fingern verloren (nicht aus den Augen, und auch nicht aus dem Kopf – aber ich kam eben nicht mehr dazu, etwas dazu zu schreiben, vor allem, da ich nichts Fundiertes mehr dazu zu sagen wusste), aber jetzt drängt es sich mir wieder auf: Lest bitte einmal dies hier.

Und, was ist Eure Reaktion? Lasst mich raten: „Meine Güte, diese verrückten Amis!“

Na klar, was soll man auch sonst dazu sagen, wenn man so etwas liest: „Anfang Oktober bekannte sich ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Ohio schuldig, kinderpornografische Fotos von sich selbst an ihren Freund geschickt zu haben. Das Urteil steht noch aus.“

Nun, vor eineinhalb Jahren habe ich diese drei Beiträge verfasst:

Das kann ICH jetzt nicht glauben!

Ein bisschen klüger bin ich jetzt

und

Noch etwas klüger, aber immer noch äußerst beunruhigt

Seitdem habe ich nichts mehr dazu geschrieben, einfach weil ich nichts mehr davon gehört habe – das Thema ist aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Aber ist es deswegen vom Tisch? Das KANN es eigentlich gar nicht sein, denn jene unsägliche EU-Richtlinie MUSS ja in nationales Recht umgesetzt werden! Tatsache ist, dass unsere Gesetzgebung sich in genau die selbe Richtung entwickelt wie die in Amerika. Jugendlichen wird ihr Recht auf eine eigenständige, selbstbestimmte sexuelle Entwicklung unter dem Deckmantel des Jugendschutzes und der Bekämpfung von „Kinderpornografie“ verweigert. Ja, auch in Deutschland soll (oder tut es bereits – ich weiß nicht einmal, ob dieses Gesetz unterdessen verabschiedet wurde!) ein Nacktfoto, welches eine 15-jährige – oder auch 17-jährige! – von sich selbst macht, als Kinderpornografie gelten. Zwar sind einige Entschärfungen geplant, nach denen Jugendliche miteinander in gewissem Rahmen solche Bilder austauschen dürfen, aber die führen in der Praxis zu absurden Fällen: So darf ein 17-jähriger ein Nacktfoto seiner (zum Zeitpunkt der Aufnahme) 17-jährigen Freundin besitzen – aber sobald er 18 wird, macht er sich damit des Besitzes der Kinderpornografie strafbar!

Wieder einmal hat sich eine Parole verselbständigt. Wer kann sich schon offen dagegen aussprechen, dass Kinderpornografie stärker verfolgt wird? Sofort kommen jedem diese abscheulichen Fälle in den Sinn, in denen achtjährige Mädchen oder Jungen vor laufender Kamera missbraucht oder gefoltert werden. Da muss doch etwas dagegen getan werden!

Tatsächlich aber wird wieder einmal die berechtigte moralische Entrüstung angesichts unfassbarer Verbrechen dafür benutzt, Menschenrechte abzuschaffen.

Jugendliche sind KEINE Kinder, und ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht dem von z.B. Achtjährigen gleichzustellen, ist ein Verstoß gegen ihre Menschenwürde! Dass das Gesetz unter 18-jährigen verbietet, sich zu prostituieren oder in kommerziellen pornografischen Produktionen aufzutreten, ist einsehbar, darf sich aber ausschließlich an Kriterien ihrer eingeschränkten Geschäftsfähigkeit orientieren.

Jugendlichen zu verbieten, untereinander Nacktfotos von sich auszutauschen, ist ein elementarer Angriff auf deren Grundrechte, der sich mit der Bekämpfung von Kindesmissbrauch in keiner Weise legitimieren lässt! Hier drückt unsere Gesellschaft Jugendlichen eine Sexualmoral auf, die nicht im geringsten ihrer Lebenswirklichkeit entspricht.

Nun helft mir einmal: Was ist genau aus dem damaligen Gesetzesvorhaben geworden? Wie ist die gesetzliche Lage in Deutschland zur Zeit genau? Bitte informiert mich – ich weiß, dass einige von Euch viel besser darin sind, relevante Informationen aufzustöbern!

Ein Nachtrag: Noch am selben Tag finde ich dann diese Meldung hier. Kann denn irgendjemand etwas dagegen haben, dass solche verbrecherischen Seiten blockiert werden (natürlich außer den Verbrechern, die sie ansteuern oder damit Geld verdienen)? Natürlich nicht! …aber dann erinnere ich mich daran, dass vor ein paar Tagen Facebook Bilder von stillenden Müttern gelöscht hatte. Wegen Obszönität. Und dann frage ich mich, ob Frau Von der Leyen hier eine Tür geschlossen, oder nicht eher eine geöffnet hat… Und ich muss an diese Geschichte hier denken. Und an den Karikaturenstreit. Und an die chinesische Pressezensur während der olympischen Spiele. Und ich wünschte wirklich, ich könnte einfach sagen, da gäbe es natürlich keine Parallelen… Nur leider bin ich nicht gut genug darin, mich selbst zu belügen.

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15 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Echt unglaublich. Zum Glück wurde sowas noch nicht strafrechtlich verfolgt, als ich noch minderjährig war… Aber ich hab da neulich noch was anderes…seltsames..gelesen, muss ich nochmal nach suchen…

  2. Wenn irgendjemand heute im Besitz von zum Beispiel entsprechenden Bildern von Dir ist, die gemacht wurden, als Du minderjährig warst, dann macht es überhaupt keinen Unterschied, dass die Rechtslage damals anders war! Das Verbot bezieht sich ja nicht darauf, solche Bilder zu machen (zumindest sich selbst darf man ja noch fotografieren, wie man will), sondern sie zu besitzen.

    Ob das in Deutschland in der Praxis dann verfolgt wird, ist vielleicht noch eine andere Frage, aber das ändert ja nichts an der prinzipiellen Rechtslage.

  3. Ein minderjähriges Mädchen darf sich also vor ihrem minderjährigem Freund ausziehen und mit ihm schlafen (wenn er sie nicht voher zum Kino eingeladen hat!), ihm aber kein Nackphoto von sich geben? Wie wäre das mit einer Webcam übertragung?

  4. So lange beide minderjährig sind, ist das meines Wissens nach noch gestattet. Aber wie gesagt: Ich habe dieses Thema zuletzt leider aus den Augen verloren, und ich weiß daher NICHT, wie die Gesetzeslage zur Zeit ist bzw. was sich abzeichnet.

  5. Ja, ist mir auch schon eingefallen. Dann sollte man wohl demnächst alle an ihrem 18. Geburtstag darauf hinweisen, dass sie nun die ganzen Nacktfotos von ihren Ex-FreundInnen wegschmeißen müssen.

  6. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass ein solches Gesetz vor dem Verfassungsgerichtshof standhalten würde. Gibts ja gar nicht, so eine Idiotie…

  7. Udo: Habe ich das falsch in Erinnerung, oder ist bei Euch in Österreich das entsprechende Gesetz nicht bereits längst in Kraft getreten?

  8. Falls es dich interessiert kann ich dir was zu der rechtslage der schweiz sagen, wenn ich mich nicht sehr stark irre (oder es sich nicht aus dämlichen gründen geändert hat) gelten bei uns nur als kinderpornografie, wenn bei den personen auf dem bild die geschlechtsorgane noch nicht richtig entwickelt sind. Also wenn es halt bei en Bildern wirklich um das kindliche geht und nicht nen schönen körper oder so
    (den vielleicht ein 15 jähriges mädchen schon hat) dennoch ist verbreitung usw von bildern von personen unter 18 jahren auch verboten.
    (ich kann das verbot verstehen man muss irgendwo ne grenze ziehen und dabei geht es hauptsächlich darum, dass man halt bei pornos usw nur 18 jährige haben kann) Man könnte also bei uns nicht einen 15 jährigen weil er von anderen 15 jährigen fotos hat wegen kinderpornografie anklagen, abgesehen davon,
    dass es bei blosen bildern eh sehr schwer zu sagen ist wie schwer die entsprechende person darauf wirklich ist.
    Und wegen prostitution, ich dachte man könne auch bei euch in deutschland (wie in den meisten zivilisierten ländern) bereits ab 16 zu prostituierten? Irre ich mich da oder wurde das geändert?

    Ahja weiter stimme ich dir zwar zu dass man sowas nicht verbieten darf, aber man darf auch nicht wegschauen, weil es schon nicht so ne positive entwicklung ist. Also damit meine ich vor allem, dass es halt auch vorkommen könnte, dass einige jugendliche unter druck geraten können, dass sie dies auch tun müssen um dazu zu gehören usw. Oder dass man sonst zu solchen Bildern genötigt wird. Und da ich finde da man so eine grenze wie 18 jahre nicht verwässern sollte (damit sie nicht irgendwann ganz verschwindet), sollte man die verbreitung solcher bilder per webseiten usw nicht dulden, sie aber jedoch keinesfalls als kinderpornografie ahnden

  9. Danke für die Aufklärung, aber die Rechtslage in der Schweiz ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, denn das Problem in Deutschland und Österreich ist, dass diese Länder als EU-Mitglieder verpflichtet sind, eine verbindliche EU-Richtlinie umzusetzen.

    Was den gesellschaftlichen Druck auf Jugendliche angeht, da fallen mir zahlreiche andere Themen ein, über die ich mir weit mehr Sorgen mache, als über Sex!

  10. @Andi: Hab ich jetzt ehrlich gesagt keine Ahnung…

  11. Ich glaube aber, dass es zumindest nicht ganz so extrem ist, werd mich mal schlau machen.

  12. Gibt es in zivilisierten Ländern nicht wenigstens irgendeinen Rechtsgrundsatz, dass das übliche Strafrecht so nicht angewendet werden kann, wenn Täter und Opfer ein und dieselbe Person sind??

    Nach einem gescheiterten Selbstmord droht doch auch keine Anklage wegen versuchten Mordes/Totschlags!

  13. Selbsttötung ist eine eigene juristische Kategorie, und der Versuch war keineswegs immer in allen Rechtssystemen straffrei… (Und hältst Du die USA wirklich für ein zivilisiertes Land?)

  14. konnte das jetzt alles nicht wirklich nachvollziehen. Wo gibt es denn ne richtlinie? die EU hat grds. keine Kompetenz für Strafrecht.

    Zum Nachlesen: §§ 184ff. StGB. Anders als beim 211 (Mord) steht da nix einem „anderen“. Die anwendung der Norm wird allerdings vor allem vor der Generalprävention notwendig sein. Aber wirklich Ahnung hab ich von dem Bereich nicht. Vielleicht auch besser…

  15. Ich fürchte, um wirklich nachvollziehen zu können, worum es geht, musst Du Dich durch meine Links (insbesondere die aus meinen Beiträgen hinausführenden Links) arbeiten – das ist ja gerade das Ärgerliche, dass man als Laie da kaum durchblickt und sich das Ganze auch einfach nicht vorstellen kann! Offensichtlich ist es aber so, dass die EU für ihre Mitgliedsstaaten verbindliche Richtlininen beschließen kann, die dann nach EU-Recht in nationale Gesetze umgesetzt werden müssen. Damit wird unsere nationale Legislative in einer Weise zum Erfüllungsgehilfen gemacht, die ich mir auch nicht vorstellen konnte – ich dachte auch immer, die EU-Bürokratie würde sich nur mit Dingen wie dem Krümmungswinkel von Bananen und so beschäftigen!


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