Ferngesehen, nicht gern gesehen

Gerade habe ich zufällig in die SAT1-Krimireihe Niedrig und Kuhnt hinein geschaut. Die kannte ich noch nicht, aber nachdem ich im Fernsehprogramm gelesen hatte, dass jede dieser Folgen nur eine halbe Stunde lang war, war ich darauf neugierig geworden. Reicht diese kurze Zeit aus, um interessante Fälle zu präsentieren?

Die Antwort lautet jein. Die Handlung ist auf das absolut Notwendige verdichtet – keine Spannungsmomente, keine Actionszenen, keine tiefgehende Charakterisierung der Figuren oder persönliche Interaktion zwischen ihnen, aber die Kriminalfälle an sich sind komplex genug entwickelt und hinreichend detailliert beschrieben, um interessant zu sein, so lange man sich halt nur um den Plot kümmert und keinen Fernsehfilm erwartet.

Mir geht es hier aber nicht darum, diese Sendung zu rezensieren (sonst stünde dieser Eintrag auf Ein Platz für Andi), sondern um eine Beobachtung, die ich gemacht habe: Von dieser Sendung wurden heute zwei Folgen hintereinander ausgestrahlt. In der ersten ging es um den Tod einer Domina. Sie wurde von einem Freier umgebracht, der auf sie fixiert war, weil er sie in einem privaten Moment antraf, als sie menschliche Schwäche zeigte und damit seine Illusion zerstörte, dass sie eine jederzeit starke, dominante Person wäre. Er wurde schuldunfähig gesprochen, weil er in einer Phantasiewelt lebte, in der sie eine unnachgiebige und unnahbare Herrin war, die ihn wegen seiner vollständigen Unterwürfigkeit ebenso liebte, wie sie ihn (es ihm aber nicht zeigte, weil sie eben eine Domina war). Mit anderen Worten, er wurde zum Mörder, weil er die Illusion des sexuellen Rollenspiels nicht mehr von der Realität unterscheiden konnte.

In der zweiten Folge beging der Betreiber eines Internet-Computerspiels namens „Jagdinstinkt“ Sexualmorde an jungen Frauen. Er selbst war nicht der Programmierer (er hatte diesem die Rechte abgeluchst), und er spielte es selbst, nicht zuletzt auch mit dem Ziel, sich darüber mit den Frauen zu verabreden. Diese Frauen waren in der Phantasiewelt des Spiels vollständig gefangen (das jüngste Opfer hatte sich deswegen sogar von ihrem Freund getrennt, der ihr weniger wichtig war) und gingen ihm deswegen auch völlig ahnungslos in die Falle. Er wiederum lebte im richtigen Leben diejenigen Allmachtsphantasien aus, die er als Spieler von „Jagdinstinkt“ entwickelt hatte. Wieder war also offensichtlich die Unfähigkeit der Menschen, zwischen Illusion und Realität zu unterscheiden, das auslösende Moment für diese Verbrechen.

Ich weiß, zwei Punkte ergeben eine Gerade, kein Muster, aber bei einer Stichprobe von zwei Fällen, die auch noch direkt aufeinander folgten, ist mir das ein wenig zu viel Ähnlichkeit für einen Zufall. Wollen die Macher dieser Serie irgendeine Botschaft propagieren? Etwas in der Richtung von „SM-Spiele sind zwar heute gesellschaftlich akzeptiert, aber Ihr seht ja, wohin das führen kann“ und „Computerspiele sind die Ursache für reale Gewalt“?

Noch etwas ist mir aufgefallen: Im Vorspann der Serie dürfen beide Ermittler jeweils zu einem Verdächtigen einen markanten Satz sagen. (Offenbar sind das Wiederholungen – ich habe gerade gelesen, dass der Vorspann unterdessen geändert wurde.) Dabei kriegt Kuhnt die reichlich lahme Zeile „Eins kann ich dir garantieren: Ich krieg dich noch.“ Frau Niedrig hingegen sagt Folgendes: „Ich weiß doch, dass Sie lügen, Sie haben ein Motiv und kein Alibi!“

Hm. Wenn heute Abend der Papst erschossen würde, hätte ich auch ein Motiv und kein Alibi… Vielleicht sollte ich mir sicherheitshalber ab jetzt für jede Uhrzeit ein Alibi auf Vorrat verschaffen, falls jemand ermordet wird, den umzubringen ich ein Motiv hätte? Offensichtlich genügt das ja bereits, dass die Polizei glaubt, ich sei der Mörder, und wenn ich etwas anderes behaupte, lüge ich! (Und dann garantieren sie mir auch noch, dass sie mich kriegen werden. Wenn man sich vorstellt, man kriegt sie tatsächlich einmal von einem Ermittlungsbeamten zu hören, ist diese Zeile irgendwie nicht mehr ganz so lahm…)

Wie, das ist ja nur Fernsehen? Stimmt natürlich. Aber andererseits habe ich gerade herausgefunden, dass in dieser Serie, um möglichst nahe an der Realität des Polizeialltags zu bleiben, sogar echte Kriminaloberkommissare die Ermittler spielen, die dafür von ihrer regulären Arbeit freigestellt werden! Sollte man da nicht annehmen, dass die Kripo dann auch ein besonderes Augenmerk darauf legt, dass die beiden Kommissare lebensnah dargestellt werden? Sind diese Sätze aus dem Vorspann denn tatsächlich typisch für die Denk- und Arbeitsweise von Polizeibeamten? Und sollten vielleicht sogar die Drehbücher widerspiegeln, in welchen Bahnen sich Ermittlungen für gewöhnlich bewegen?

Ich hoffe doch wirklich, dass nicht! Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich kaum „Killerspiele“ am Computer zocke, und dass SM-Rollenspiele meine sexuellen Interessen nur peripher berühren. Da konzentrieren sich im Zweifelsfall die Ermittlungen hoffentlich doch stärker auf andere Menschen mit Motiv und ohne Alibi, denen die Kommissare ansehen, wenn sie lügen, und die sie schon noch kriegen werden!

Aber andererseits mache ich mir vielleicht einfach viel zu viele Gedanken – schließlich ist es ja nur eine Fernsehserie, und ich will ja nicht die Phantasiewelt des Fernsehens mit der Realität verwechseln, nicht wahr? Man sieht ja, wohin das führen kann…

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10 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Es ist nicht nur ’ne Fernsehserie…es ist auch noch eine Sat1-Serie… die ProSiebenSat1MediaAG ist durch ’nen HedgeFond völlig geschlachtet worden und hat nur Schulden… niemand produziert deswegen billiger als Sat1…so viel dazu…

    Ein Bekannter von mir ist Kriminalpolizist in der Nähe von Hamburch. Und er meinte, mal dass es bei denen mehr abläuft wie auf ’nem Amt…die haben halt auch mehrere Fälle nebeneinander laufen…und das meiste ist Papierkram und Verwaltungszeug.
    Er meint die haben morgens Besprechungen, wo die dann erklären was die den Tag über machen wollen und was die gestern so gemacht haben… aber auch Vernehmungen finden selten auf so einer Ebene statt, dass die den beschuldigten sagen „Ich krieg dich noch Freundchen, du hast ein Motiv…und kein Alibi…du bist dran.“
    Die stellen denen eher gezielte Fragen und notieren sich das dann und werten das in Arbeitsgruppen aus und vergleichen das mit anderen Aussagen zu dem Fall.

    Also was ich zu erklären versuche :
    Die sprechen genau so mit Verdächtigen, wie ein Beamter aufm Arbeitsamt mit einem Arbeitslosen redet. Distanziert und eher trocken, sachlich…das was man gemeinhin als professionell verstehen würde…aber das wär fürs Fernsehen zu uncool.

    Na klar gibts Ausnahmen…grad wenn wegen einem Fall enormes Medieninteresse besteht…wie damals mit Magnus G. und der Folterandrohung… aber für gewöhnlich ist der Polizeijob halt wie jeder Beamtenjob…Routine…

  2. So, in der Zwischenzeit habe ich jetzt noch drei weitere Fälle gesehen… Einmal wurde ein Mädchen umgebracht, das dumm genug war, sich von einem schmierigen Aktfotograf einreden zu lassen, dass er sie zum Model machen würde, und das deswegen die Schule abbrach. Einmal ein junger Mann, der eine unsinnige Mutprobe mitmachte, nämlich seine Geburtstagsnacht auf dem Friedhof in einem geschaufelten Grab zu verbringen. Und dann zwei Leute, die einen Banküberfall durchgeführt hatten und wegen der Beute umgebracht wurden.

    Gesamtstatistik für die Fälle, in denen die Mordopfer selbst an ihrem Tod schuld waren, weil sie sich unnormal verhalten haben: 5 aus 5. Vielleicht gibt es ja auch Folgen, in denen anständige, normale Bürger umgebracht werden, aber ich fürchte, ich werde diese Serie nicht oft genug sehen, um das belegen zu können.

  3. Leute bemängeln am Fernsehen immer, dass es zu viel reine Unterhaltungsprogramme gäbe. Aber selbst mit Unterhaltung lässt sich nicht erklären, was einem hier zum Teil vorgesetzt wird. Es geht offensichtlich um Sozialisation, um das Vermitteln einer bestimmten Verhaltensnorm. Wer daraus ausbricht… nun, mit dem nimmt es zwangsläufig ein schlimmes Ende, ist doch klar!

    Und dann sehe ich Fernsehwerbung, die im Grunde nie ein Produkt anpreist, sondern immer einen höhren sozialen Status feilbietet. Selbst Werbung für verdammte Erkältungsmedizin kommt nicht mit einem Schauspieler aus, dem es erst dreckig und dann gut geht. Nein, es muss immer erst gezeigt werden, wie der Mensch durch seine Krankheit funktionsuntüchtig wird und ins soziale Abseits gerät…

    Tja, und da frage ich mich manchmal, ob sich der Preis für einen Werbeblock wirklich nur nach der (zu erwartenden) Einschaltquote richtet – oder ob es vielleicht auch einen Zusammenhang zum Inhalt der Sendung gibt, die den Rahmen für die Werbung liefert. Ich finde es gar nicht einmal so weit an den Haaren herbeigezogen, dass ordentlich bearbeitete Zuschauer ein lohnenderes Ziel für Werbekampagnen abgeben.

  4. Na sicher richtet sich die werbung nach der zielgruppe des filmes (oder was auch imer da grad gesended wurde)

    „Beseise?“
    gerne!

    bei kinderfilmen kommt relativ häufig werbung für rasiercremes/rasirer. Die Zielgruppe is ja wohl offensichtlich der Vater der die kleinen beaufsichtigt^^

    Vorabendserien:
    ZDF: Rückensalbe/prostata/Haarfärber/Haarwuchsmittel/Hormonpillen usw.

    RTL II: Auto/Autoteile etc.

  5. Ach so, nein, darum ging’s mir nicht. Meine Verschwörungstheorie behauptet, dass das Fernsehen mit seinem Programm die Zuschauer gezielt zu braven Bürgern/Konsumenten erzieht, weil es auf die Art seine Werbeblöcke besser verkaufen kann.

  6. Ist wohl – wie eigtl. immer bei Verschwörungstheorien – zwar ein ähnlicher, aber unkonspirativer Mechanismus: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/ptitle315nmtwnjpe4?from=Main.CantGetAwayWithNuthin

  7. Das ist ein sehr interessantes Link, wenn auch die Beispielsammlung sehr willkürlich zusammengestellt erscheint. Allerdings wird hier etwas sehr Wichtiges nicht angesprochen: WIR ERZÄHLEN NUR DIE INTERESSANTEN GESCHICHTEN. „Susi klaut im Supermarkt ein Päckchen Kaugummi und wird nicht erwischt“ ist ein Plot, den wir nicht zu sehen kriegen, weil er niemanden interessiert. Handlungen, die keine Konsequenzen nach sich ziehen, sind per Definition in erzählten Geschichten überflüssig, es sei denn, sie sind Teil der Charakterisierung einer Person (und so werden sie auch oft benutzt – Nebenfiguren, die routinemäßig klauen/kiffen/herumvögeln, ohne dass ihnen deswegen gleich schlimme Dinge passieren, gibt es auch im Fernsehen häufig, worauf der verlinkte Artikel nicht eingeht). Gerade im Fernsehen ist jede Einstellung und jede Minute Sendezeit kostbar, und deswegen werden Handlungen von Hauptpersonen ausschließlich dann gezeigt, wenn sie relevante Konsequenzen für den Plot nach sich ziehen. Keine Figur geht in einer Fernsehserie jemals aufs Klo, wenn dieser Umstand nicht für die Handlung bedeutsam ist.

    Wenn nun also ein besonderes Verhalten nur dann für eine Geschichte relevant ist, wenn es entweder für eine Figur typisch ist, weil es sie charakterisiert, oder aber Konsequenzen nach sich ziehen muss, weil es untypisch ist und ansonsten nicht erwähnt würde, dann ergibt sich daraus, dass das „erste Mal“, wenn eine Figur etwas Falsches tut, Konsequenzen nach sich ziehen WIRD – sonst würde es nicht gezeigt. Das hat erst einmal nichts mit Moral zu tun.

    Dazu kommt dann natürlich, dass manche Geschichten bewusst als Metaphern angelegt sind. Das zu Beginn des Artikels angeführte Buffy-Zitat zeigt das (nicht ohne Selbstironie) auch auf, denn es ist ein tragendes Element dieser Serie, Probleme Heranwachsender mit Hilfe mythischer Figuren zu überhöhen und zu verdeutlichen. Gerade solche Überhöhungen helfen aber auch dabei, von einer platten „Wenn Du DIES tust, passiert ganz sicher DAS“ – Moral wegzukommen.

    Etwas ganz anderes aber ist es, dass die Wirtschaft via Werbung sich ihre eigenen Kundengruppen heranzieht. Vielleicht der bekannteste Fall dafür ist wohl die gezielte Lancierung des Images der perfekten Hausfrau als weiblichem Idealbild im Nachkriegsamerika. Wenn heute die Trennung von Werbung und eigentlichem Programm im Fernsehen immer unschärfer wird, dann muss man keine Verschwörungstheorie wittern, um nach Anzeichen zu fahnden, dass die Programminhalte an dieser Umerziehung beteiligt sind.

  8. Mhmm, da hat sich ja eine ganz interessante Diskussion entwickelt – aber die Diskussion ist im Grunde überflüssig. Denn bei solchen Shows handelt es sich nun wirklich um die einfachste Form der Unterhaltung (um nicht das Wort NIEDRIG) zu verwenden. Ich weiß „Unterhaltung“ impliziert ja nicht zwangsläufig auch Niveau – aber wie es geht, das die Fälle immer nach dem gleichen Schema ablaufen und trotzdem immer noch so viele Kunden einschalten, ist mir ein Rätsel.

    Der Aspekt mit der zielgruppengerichteten Werbung ist noch das einzig Interessante an der Sache (wenn die Werbung schon interessanter ist als die eigentliche Sendung, will das was heissen!) – aber letztendlich ist es nur normal, das eine Firma/ ein Produkt mit Werbung eine möglichst große Zielgruppe erreichen will. Klar das man dann dort Werbung schaltet, wo die meisten potentiellen Kunden zuschauen.

    Was ich mich frage: wenn die mal wieder in den normalen Polizeidienst versetzt werden – lassen die dann auch so den Larry raushängen und bringen dann reißerische Sprüche á la „Ich mach dich fertig, du Schwein!“? Dann ist die Abmahnung bestimmt nicht weit! :D

  9. Als „normal“ empfände ich folgenden Ablauf:

    Ein Sender stellt sein Programm so zusammen, dass er möglichst hohe Einschaltquoten hat. Ein potenzieller Werbekunde guckt sich das an und entscheidet je nach Programminhalt und zu erwartender Einschaltquote darüber, wo er ggf. seine Werbung platzieren möchte.

    Nun aber eine besorgniserregende, wenngleich logische Entwicklung:

    Ein Sender weiß, dass potenzielle Werbekunden nicht nur auf die Quoten, sondern auch auf die Inhalte schauen, und stellt sein Programm dementsprechend zusammen. Das ist ziemlich lukrativ und andere Sender machen eh das Gleiche, außerdem gewöhnen sich Zuschauer ja notfalls an jeden Mist… also richtet der Sender sein Programm immer mehr und mehr auf die Bedürfnisse seiner Werbekunden aus usw.

    Das kann’s doch irgendwie nicht sein, oder? Ich mein, Fernsehschaffende begründen den Mist, den sie teilweise verzapfen, doch immer mit dem Totschlagargument „Das wollen die Leute sehen!“, und was dabei herauskommt, ist mitunter schon nicht schön. Was aber passiert, wenn nicht einmal mehr das zur Rechtfertigung herhalten kann – davor graust es mir!

  10. Andererseits: Auf den Sendeplätzen direkt vorher laufen auf dem selben Sender zwei Gerichtsshows, die zwar noch billiger produziert, unrealistischer und mit noch schlechteren Schauspielern besetzt sind, deren handelnde Figuren aber trotzdem glaubwürdiger charakterisiert sind und bei denen ich so platte Klischees und Schuldzuweisungen nicht sehe. (Das ist auch der Grund, warum ich diese Sendungen immer mal wieder sehe, wenn ich nebenher etwas Eintöniges zu tun habe, denn deren Plots sind erstaunlicherweise oft ziemlich interessant und psychologisch glaubhaft konstruiert!)

    Es liegt also wohl nicht am Sender generell, sondern an dieser speziellen Sendung.


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