V wie Vorabendprogramm

Ich habe es wieder einmal getan, ich habe Niedrig und Kuhnt gesehen.

Nun will ich nicht behaupten, dass ich das allzu selten täte. Tatsächlich neige ich dazu, diese ganzen billig produzierten Sat1-Sendungen (Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Hold, Niedrig und Kuhnt, Lenßen und Partner, K11 – Kommissare im Einsatz) im Nachmittags- und Abendprogramm nebenher laufen zu lassen, wann immer ich etwas tue, was nicht allzu viel geistige Aufmerksamkeit erfordert, und mir dabei ein wenig Ablenkung wünsche, insbesondere bei häuslichen Tätigkeiten.

Nun will ich mich hier nicht darüber aufregen, dass diese Sendungen schlecht sind: Klar, sie SIND natürlich schlecht, in fast jeder Hinsicht (auf dieses „fast“ komme ich gleich zu sprechen), aber das weiß ich ja. Ich schaue sie mir aber deswegen gerne an, weil sie mit diesem faszinierenden Prinzip arbeiten, einigermaßen komplexe Plots in zwanzig Minuten zu erzählen! (Die Zeit habe ich jetzt geschätzt, aber bei den ganzen Werbepausen wird das wohl ungefähr hinkommen.)

Vom erzählerischen Standpunkt aus, und insbesondere als Rollenspielleiter, finde ich das äußerst spannend. Die schauspielerischen Leistungen changieren zwar zwischen mäßig und furchtbar, und der Spannungsverlauf leidet unter einer gewissen Vorhersehbarkeit, aber die nackten Plots sind, wenn man in der Lage ist, ihre konkrete Umsetzung auszublenden, teilweise erstaunlich kreativ!

Doch ich schreibe hier ja, wie üblich, um mich über etwas aufzuregen: In der heutigen Folge ist ein ca. elfjähriger Junge verschwunden. Bei der Polizei geht ein Hinweis ein, dass dieser beim Betreten einer Wohnung gesehen wurde. Als die Kommissare das hören, reagieren sie zunächst uninteressiert, denn solche Hinweise sind bei ihnen am selben Tag bereits ungefähr ein Dutzend Mal eingegangen. Doch diesmal hat der Kollege eine zusätzliche Information:  Diese Wohnung gehört einem vorbestraften Pädophilen! In der nächsten Szene sieht man, wie ein halbes Dutzend schwerbewaffnete SEKler die Wohnung dieses Mannes stürmen.

Okay, so ist das also: In einem Dutzend anderer Fälle werden die Aussagen der Zeugen routinemäßig zu Protokoll genommen. Im Fall des Vorbestraften aber rückt gleich das SEK an. Sollte einem das zu denken geben?

Nun waren aber erst zehn Minuten Sendezeit vergangen, deswegen konnte dieser Mann, dessen Wohnung ausschließlich auf die Aussage einer angeblichen Augenzeugin hin gestürmt wurde,  nicht für das Verschwinden des Jungen verantwortlich sein. Tatsächlich hatte jene Augenzeugin sogar deswegen ihre Beobachtung erfunden, weil sie von der Vergangenheit des Mannes wusste und ihm auf diese Weise Schwierigkeiten bereiten wollte! Das ist auch alles andere als unrealistisch.

Unrealistisch hingegen ist, dass Blutspritzer in der Dusche des Mannes gefunden wurden, die zwischenzeitlich den Verdacht gegen ihn noch erhärteten, die jedoch vom Schlachten eines Huhns herrührten. Klar, so etwas KANN passieren, aber hier wird die Zufallsgöttin dann doch ein wenig überstrapaziert… Nun ja, wie gesagt: Das generelle Niveau dieser Sendung ist nicht mein Thema.

Mein Thema ist  ist allerdings die Art und Weise, wie die beiden Vorzeigekommissare über den Verdächtigen redeten, selbst nachdem die Verdachtsmomente gegen ihn bereits widerlegt wurden! Aus jedem Satz sprach der Ekel, und man man merkte überdeutlich, dass sie diesen Mann am liebsten einfach trotzdem ins Gefängnis gesteckt hatten. Wie krank ist das denn auch, ein Huhn zu schlachten! Ich frage mich, ob die Polizei nicht alle Metzger gleich auf Sicht erschießen sollten… (Aber selbstverständlich weiß ich, dass es nicht darum geht, sondern darum, dass Pädophile aus Prinzip lebenslang weggesperrt gehören, unabhängig davon, was irgendwelche gutmenschelnden Richter entschieden haben.)

Über bedenkliche Untertöne bei Niedrig und Kuhnt habe ich in meinem vorigen Beitrag ja bereits berichtet. Dieser Eindruck hat sich unterdessen noch einmal erheblich verstärkt: In jeder zweiten Folge kommt Prostituion ins Spiel, und die Bordellbetreiber sind IMMER in kriminelle Machenschaften verwickelt, auch wenn sie ihr Bordell eigentlich ganz legal betreiben. Prostituierte sind fast immer Mordopfer, Täter oder zumindest Mittäter.

Nicht nur das: Jeder Freier, der ein Bordell besucht hat, ebenso wie jeder Mann, der einen Seitensprung gemacht hat, wird von den moralisch aufrechten Kommissaren dafür auf dem Präsidium nach allen Regeln der Kunst heruntergeputzt, so als wenn er dadurch bereits auf einer Stufe mit überführten Mördern stünde!

Es ist nicht zu verkennen: Niedrig und Kuhnt propagiert, und das nicht einmal besonders unterschwellig, eine höchst restriktive Sexualmoral. Wie kommt das? Wollen die Macher dieser Sendung eine Botschaft unter das Volk bringen, oder zeigen sie den Zuschauern das, was diese ihrer Meinung nach sehen wollen? Letztlich macht es keinen Unterschied – solche Entwicklungen gehen immer Hand in Hand, und die Frage nach Henne und Ei zu stellen, bringt nichts.

Sexuelle „Moral“ (oder besser, „Bigotterie“) ist immer ein Indikator dafür, wie es um die Freiheitlichkeit einer Gesellschaft tatsächlich bestellt ist, und in unserer Gesellschaft hat eine Entwicklung begonnen. Ob Datenschutz, Privatsphäre oder Meinungsfreiheit: An allen Fronten beginnt es zu bröckeln. Zur Zeit sind es noch relativ geringe, aber bereits durchaus merkliche Verschiebungen (Jugendsexualität, Störerhaftung, Internetsperren…), doch es besteht die Gefahr einer Lawine.

Neulich lief im Fernsehen V for Vendetta, ein exzellenter Film, den ich als bedrückend und vor allem treffend in Erinnerung hatte, und der diese Erinnerung auch beim zweiten Ansehen bestätigt hat. (Dies ist eine uneingeschränkte Empfehlung, falls das nicht klar geworden sein sollte!) Eine der wahren Erkenntnisse daraus: Wenn Menschen Zukunftsangst haben, suchen sie Zuflucht in „traditionellen Werten“ – oder anders ausgedrückt, sie werden empfänglich für faschistische Parolen.

Und zur Zeit ist Zukunftsangst wieder angesagt, wenn auch keineswegs wegen des auf lange Sicht erheblich bedrohlicheren Klimawandels – der ist einfach immer noch ein paar Jahrzehnte zu weit weg, um als tatsächliche Gefahr begriffen zu werden – sondern wegen der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Und kaum wittern unsere konservativen politischen Kräfte den Hauch von Zukunftsangst in der gesellschaftlichen Luft, nutzen sie auch bereits die Gelegenheit, an den bürgerlichen Grundrechten zu zündeln.

Ich hoffe nur, dass diese Entwicklung nicht dem selben Prinzip folgt wie die Reaktion auf den Klimawandel: So lange er nicht unbestreitbar und offensichtlich zu erkennen ist, wird er nicht ernst genommen – und wenn das Problem nicht mehr zu leugnen ist, ist es bereits zu spät!

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16 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich hab vor ein paar Tagen eine Folge von Niedrig und Kuhnt gesehen, da hatten sie nicht nur die Handlung, sondern sogar den Soundtrack von „Saw“ (übrigens ein sehr guter Film) gestohlen. Allerdings saßen bei Ihnen die betrogene Ehefrau und die ehemalige Geliebte des Ehegatten im Keller, ist ja klar…

  2. Es scheint ja hier wohl Leute zu geben, die sich für unheimlich gebildet halten. Ich weiß nicht recht, ich als Schülerin, die in einer höheren Schulform hospitiert, schaue mir keine Sendungen und Filme deren schauspielerische Leistung ich als furchtbar empfinde, da ich mir persönlich denke, warum soll ich mir das Gehirn von irgendwelchen Pseudo – Filmen, wie für mich übrigens „Saw“ so einer ist vernebeln lassen. Da schalte ich den Fernseher doch lieber gleich aus und lese unsinnige Literatur, die so oder so keiner versteht, weil deren Autoren schließlich wollen, dass sie keiner versteht, weil sie wahrscheinlich selbst nicht verstehen worüber sie schreiben und warum, vielleicht weil sie auch ein bisschen Anerkennung wollen. Aber warum soll ich diesen Leuten meine Achtung schenken wenn ich sie nicht verstehe, sie mich und wahrscheinlich sich selbst noch nicht einmal verstehen.
    So ist es doch auch bei euch arroganten Arschlöchern! Ihr freut euch, wenn ihr Leute oder Dinge so richtig durch die Scheiße ziehen könnt. Ich ahbe ja nichts gegen konstruktive Kritik aber mal ein Rat an euch: Fangt bei euch selbst an! Große Töne spucken und educated quatschen kann ich auch. Deswegen werde ich euch jetzt mal sagen was ich von SAW und auch von Niedrig und Kuhnt halte.
    Also SAW ist für mich die größte realitätsunnahste und pervers brutalste Produktion aller Zeiten. Wer diesen Film länger als 10 Minuten durchhält tut mir echt leid, für den Fall, ich kenne einen sehr guten Psychiater.
    Niedrig und Kuhnt ist meine absolute Lieblingsserie, da sie zum Großteil realitätsnah ist, gerade weil die Sendung mit Laien und nicht mit professionellen Schauspielern gedreht wird und weil in dieser Sendung Platz für das wirkliche, das Leben des normalen kleinen Bürgers ist.
    Vielleicht sollte man, wenn einem eine Serie oder ein Film nicht zusagt einfach mal den Mund halten, anstatt einen haufen Scheiße auszuspucken.

    Mfg

    Annika

    • Jetzt hast Du mich doch glatt dazu gebracht, „hospitieren“ noch einmal in einem Fremdwörterlexikon nachzuschlagen, ob es nicht noch eine zusätzliche Bedeutung besitzt, die ich nicht kenne… Tut es aber nicht.

      Also, Annika, die Du in einer höheren Schulform hospitierst, und die Du offenbar vor allem gerne in anderer Leute Blogs hospitierst, um deren Autoren und Kommentatoren zu beleidigen: „Educated quatschen“ musst Du wohl noch ein wenig üben. Mehr noch – lesen üben würde Dir gewiss auch nichts schaden. Vielleicht bist Du dann eines Tages in der Lage zu erfassen, worum es in diesem Beitrag hier eigentlich geht. (Ein Tipp: Nicht um das, was Du offensichtlich verstanden zu haben glaubst!) Und wenn ich schon bei guten Ratschlägen bin: Eine ein wenig differenziertere Betrachtung des wirklichen Lebens solltest Du Dir besser auch aneignen, denn wenn Du Niedrig und Kuhnt für „realitätsnah“ hältst, liegt da bei Dir doch wohl einiges im Argen.

      Ach ja: Saw habe ich (leider?) nicht gesehen, aber eines ist dieser Film gewiss nicht: „realitätsunnah“. Dieses Wort gibt es nämlich nicht. (Versuche es doch mal mit „realitätsfern“.) Wenn allerdings eine Folge von Niedrig und Kuhnt den Plot von Saw aufgegriffen hat, dann solltest Du vielleicht noch einmal (Vorsicht – es droht Kopfschmerzengefahr durch Überlastung!) darüber nachdenken, wie es kommt, dass Du diesen Film als realitätsfern, die Serie hingegen als realitätsnah empfindest. (An den schlechteren Schauspielern wird es gewiss nicht liegen!)

      In Einem zumindest gebe ich Dir aber Recht: In manchen Situationen ist es sicherlich angemessener, den Mund zu halten, anstatt Scheiße auszuspucken. (Und damit habe ich noch etwas gefunden, woran Du arbeiten könntest!)

    • Selten erlebt, dass sich jemand in einem Kommentar so zum Affen gemacht hat wie die Liebe Annika…

      • Mit anderen Worten, Du bist gar nicht so viel im Internet unterwegs? Ich bewundere Deine Selbstdisziplin!

        Ich komme übrigens einfach nicht über dieses „in einer höheren Schulform hospitieren“ hinweg – mal ganz abgesehen von dem aller Wahrscheinlichkeit nach falsch interpretierten Fremdwort: Wer besucht denn eine Schulform? Setzt derjenige sich auch in seine Automarke, wenn er zur Arbeit fährt, und bezahlt er an der Kasse im Supermarkt die Preisklasse seiner Waren?

        „Educated quatschen“ ist halt echt voll fett krass schwierig… Das wirklich Traurige an der Sache ist übrigens, dass Annika vermutlich niemals begreifen wird, wie sehr sie sich hier zur Hörstin gemacht hat und ihr Leben lang ihre merkwürdigen Vorstellungen von Bildung behalten wird.

  3. Ich gebe ja auch manchmal Quark (achtung, der gute lebensmittelvergleich!) von mir, aber bei manchen kommentaren weis ich auch wieder warum Telenovelas bei einer bestimmten Zielgruppe so erfolgreich sind.

    Saw fand ich größtenteils einfach nur witzig, ich glaube da fehlen mir irgendwelche spiegelneuronen.

    Realitätsnah… wenn ich was realitätsnahes sehen will gehe ich vor die Tür. Alkoholmissbrauch, Jugendkriminalität, schon mal in der Disko gewesen?

    kennt jemand den alten Polizeiruf „1a Landeier“? das is realitätsnah.

  4. „Think of how stupid the average person is, and realize half of them are stupider than that.“

    Ich kannte diesen George Carlin nicht, und seine sonstigen Zitate erscheinen mir weniger brilliant, aber dieses hier geht mir immer wieder im Kopf herum…

    So gesehen kann ich mich über meine Leserschaft insgesamt eigentlich nicht beklagen!

  5. “ ich kenne einen sehr guten Psychiater“

    @Annika: Deinen eigenen? (Ok der war billig, hat sich aber aufgedrängt).

    • Ich nehme an, sie meint Frau Kallwass.

      Die ist zwar streng genommen Psychologin und Psychotherapeutin, keine Psychiaterin, aber in diesem Kontext kann Angelika eigentlich auch keinen Psychiater gemeint haben (der ein ausgebildeter Mediziner ist), und diese Begriffe auseinander zu halten, ist zugegebenermaßen noch erheblich kniffliger als z.B. „Schule“ und „Schulform“.

  6. Ich stimme Annika voll und ganz zu – aber nur in einem einzigen Punkt, nämlich dem, das SAW ein dumpfes, gewaltverherrlichendes und menschenverachtendes Machtwerk ist. Ihr Haltung zu Niedrig & Kuhnt ist natürlich nicht nachvollziehbar!

    Nicht nachvollziehbar ist allerdings auch, das ihr alle die Ebene der sachlichen Argumentation verlasst und nur auf Annika eindrischt. Habe ich was verpasst?

    • Gib mir mal ’nen Anknüpfungspunkt in Annikas Post, der sachliche Argumentation ermöglicht…

  7. Na du könntest zum Beispiel daran anknüpfen, das sie Niedrig& Kuhnt toll findet und sie mal fragen, was sie von der in der Tat zweifelhaften Darstellung der Sexualmoral hält?!

    • Mit anderen Worten, ich soll ihr den Inhalt meines Beitrages noch einmal in einfacheren Worten erklären und darauf hoffen, dass sie diesmal nicht darauf mit aus Überforderung geborenen Aggressionen reagiert?

      Annika hat weder verstanden, worum es ging, noch hat sie ein akzeptables Diskussionsverhalten gezeigt. Ich werde mich hier nicht als Nachhilfelehrer oder Sozialarbeiter für schwierige Fälle betätigen.

  8. @Roman: Ich kann dem Andi nur zustimmen. Wieso mit so jemanden diskutieren? Oh, und wenn jemand Saw als menschenverachtend & gewaltverherrlichend abqualifiziert, dann hat er oder sie den Film meiner Meinung nach nicht richtig verstanden. ;)

    • Dann erklär uns doch mal bitte den tieferen Sinn von Saw…

  9. @Andi: Ich weiß nicht, in wie weit das Sinn gemacht hätte, es erneut mit sachlicher Argumentation zu versuchen – aber ein Versuch hätte kaum geschadet. Zudem wäre es allemal besser gewesen, als sich auf Annika einzuschießen!

    @Udo: Sinn? Sinnlose Gewaltdarstellungen hindern mich daran, einen Film überhaupt nach anderen Kriterien beurteilen zu können – sie schrecken mich ab. Mit sowas will ich meine Zeit nicht verschwenden – zudem sind die in der gesamten Reihe dargestellten Gewaltorgien sicher gar nicht notwendig, um einen von dir erkannten tieferen Sinn darzustellen!


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