Nachdenken über die NachDenkSeiten

Neulich verlinkte ich in meinem Eintrag Informationsquelle Internet: Ich bin überfordert unter anderem – oder genauer, auf dem Ehrenplatz – die NachDenkSeiten. Diese Seiten will ich Euch weiterhin ans Herz legen, und auch jenen Ehrenplatz haben sie sich zweifelsohne verdient – aber mein zuerst nahezu uneingeschränkt positives Verdikt muss ich unterdessen doch relativieren, fürchte ich.

An diesen Absatz schloss sich ursprünglich ein über 1000 Wörter langer Beitrag an, aber dann passierte etwas, was mir bislang bei WordPress noch nie passiert ist: Ich wurde ausgeloggt, und als ich meinen Entwurf wieder aufrief, war die Arbeit der letzten eineinhalb Stunden futsch! Dabei speichert WordPress doch eigentlich alle zwei Minuten automatisch jeden Entwurf… Das ist jetzt unendlich frustrierend und eine Warnung für mich, meine Blogeinträge von nun an wieder mit einem Textverarbeitungsprogramm zu schreiben. Deswegen folgt hier nur eine Kurzzusammenfassung meiner wichtigsten Gedankengänge:

Wie ich bereits in Schimpfen, nicht fluchen! ansprach, ist mir Kritik an Konzepten und Personen, die ich prinzipiell wertschätze, besonders wichtig. Diese Art Kritik allerdings lassen die NachDenkSeiten bedauerlicherweise vermissen. Ihre auffällige politische Nähe zu der Linken verüble ich ihnen nicht; im Gegenteil bin ich erfreut, dass Menschen mit Wurzeln in Volkswirtschaft und Realpolitik (im westlichen Deutschland, wohlgemerkt) grundlegende Kapitalismuskritik üben! Dass sie jedoch bei ihrer gnadenlos bissigen (und absolut berechtigten) Kritik an Vertretern des gesamten politischen Spektrums ausgerechnet bei der Linken einen blinden Fleck aufweisen, das stört mich sehr, und das untergräbt mein Vertrauen in ihre Objektivität und Integrität. Die Autoren kritisieren die systematische Meinungsmache der deutschen (und internationalen) Medien, aber sie bekämpfen hier Feuer mit Feuer! Vielleicht ist das notwendig – um ein Gleichgewicht wiederherzustellen, genügt es nicht, den Schwerpunkt zu unterstützen; man muss ein Gegengewicht schaffen. Enttäuscht bin ich trotzdem.

Weiterhin bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Schuld nicht bei mir liegt, wenn ich mich davon überfordert fühle, regelmäßig den Beiträgen der NachDenkSeiten zu folgen! Ich bin gewiss, trotz meiner eigenen Unzufriedenheit mit dem Aufwand, den ich in meine politische Information investiere, politisch interessierter als 90% der Bevölkerung, und auch gewiss nicht dümmer als maximal 10% davon. Wenn ich also überfordert mit dieser Lektüre bin, dann ist diese schlicht zu schwierig zu konsumieren.

Und das mag Absicht sein! Die unübersichtliche Struktur der NachDenkSeiten verbirgt, wie uneinheitlich Meldungen doch je nachdem, ob deren Grundtenor den Ansichten ihrer Macher entspricht, behandelt werden – entgegengesetzte Meinungen werden schonungslos zerrissen, genehme hingegen bestenfalls mit einem aussagelosen Kommentar versehen, auch wenn sie genauso fragwürdig sind.

Auch das wiederholte Herumreiten auf immer denselben Themen, ohne dass dieses durch aktuelle Meldungen wirklich gerechtfertigt wäre, wird so kaschiert. Auch hier spürt man, wie Meinungsmache mit Meinungsmache bekämpft wird. Bei einem Dauerbrenner wie Hartz IV wäre es doch so viel sinnvoller, eine Seite mit den grundlegenden Kernaussagen einzurichten, auf die man bei Bedarf verweist, anstatt sich ständig (und ohne analytischen Unterbau) zu wiederholen – aber Wiederholungen sind eben ein essenzielles Mittel der Propaganda, und die NachDenkSeiten sind offenbar nicht bereit, darauf zu verzichten.

Vor allem aber vermisse ich die Nachprüfbarkeit (teilweise auch die Nachvollziehbarkeit) vieler getroffenen Aussagen, auch wenn ich diese wirklich gerne glauben will! Satzanfänge wie „Obwohl Ökonomen bereits seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass…“ benötigen Quellenangaben. Ich würde ja gerne auf die Richtigkeit dieser Aussagen vertrauen, aber dieses Vertrauen ist nicht mehr vorhanden, seit ich die Tendenziösität der NachDenkSeiten erkennen musste.

Deswegen vermute ich, dass die Schwierigkeit, diese Seiten zu rezipieren, gewollt ist! Wenn erfolgreich der Eindruck vermittelt wird, dass deren Macher dermaßen klug sind, dass man ihren Gedankengängen kaum folgen kann, und dass deswegen die vielen Dinge, die dort als bekannt vorausgesetzt werden, auch selbstverständlich richtig und unangreifbar sein müssen, ist man wohl auch weniger geneigt, die hier vermittelten Ansichten zu hinterfragen.

So funktioniert das bei mir aber nicht! So sympathisch die meisten dort vertretenen Meinungen mir auch sind – die Art und Weise, wie sie mir vermittelt und präsentiert werden, erzeugt bei mir Misstrauen. Deswegen empfehle ich Euch die NachDenkSeiten zwar ausdrücklich als Informationsquelle und Gegengewicht zu den Mainstream-Medien, aber nicht ohne ein deutliches Wort der Warnung: Auch hier werdet Ihr manipuliert! Nichtsdestotrotz ist es immer noch leichter, aus zwei unterschiedlichen verzerrten Betrachtungsweisen ein Bild zu erahnen, als aus einer.

Ich nehme an, dass ich es bei Martin Buchholz, dem Meister des politischen Wortspiels, gehört habe (wenn nicht, habe ich es gerade eben in seiner Tradition erfunden): Nachdenken bedeutet NICHT, etwas nach zu denken, was jemand anders einem vorgedacht hat!

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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich bin bezüglich der Seite zu derselben Auffassung gelangt. Im Grunde wird dort eine quasi-Verschwörungstheorie vertreten, diese allerdings äußerst professionell unterfüttert, so daß man eigentlich davon ausgehen muß, daß das Wahngebäude Albrecht Müllers vor allem auf seiner eigenen Expertise der Machbarkeiten im PR-Bereich gründet.

    Das große Problem, das ich darin sehe, ist daß man mit dieser semi-paranoiden Ausgangsbasis wahrscheinlich niemals einen hinreichend großen Teil der Gesellschaft erreichen kann, um ein gesellschaftliches Umdenken zu bewirken, und daher nur zu der zwar großen, aber eben wirkungsunfähigenen Herde Schäfchen weiter predigen wird. Das zeigt sich schon daran, daß Du und ich, die „die da derzeit oben sind“ ja wohl äußerst kritisch beäugen, dort effektiv schon wieder raus sind.

    • Ach, ich würde das Ganze gar nicht einmal unbedingt als Verschwörungstheorie abtun. Dieser Automatismus, mit dem allenorts alternativlos an Kapitalismus und Globalisierung festgehalten wird, der existiert ja; und die Diffamierung der Linken als populistisch (was sie zwar ist, aber eben auch nicht in stärkerem Maß als die etablierten Parteien) findet ja ebenfalls statt. Es ist doch ebenfalls wahr, dass alternative wirtschaftliche und gesellschaftliche Modelle überhaupt nicht mehr vorurteilsfrei diskutiert werden können, und dass die Presse auf Grund ökonomischer Zwänge in der Praxis immer stärker gleichgeschaltet wird (bzw. sich semifreiwillig selbst gleichschaltet).

      Wie sehr man von Politik und Medien tatsächlich manipuliert wird, erfährt man halt immer erst mit 40-50 Jahren Zeitverzug, und ich sehe überhaupt nichts Paranoides daran, diese systematische Manipulation auch in unserer heutigen Gesellschaft zu verorten! Alleine schon der Umstand, dass die NachDenkseiten immer wieder höchst bedeutsame Meldungen zutage fördern, die man über die gängigen Nachrichtenwege sonst gar nicht mitbekäme, ist ein deutliches Indiz dafür.

      Nein, es sind nicht die Thesen selbst, denen ich mit besonderem Misstrauen gegenüber stehe; es ist die Art und Weise, wie sie vertreten werden. Das mag teilweise ein Zugeständnis an realpolitische Gegebenheiten sein; vielleicht geht es tatsächlich anders nicht besser. Vielleicht aber beobachten wir hier doch lediglich die Kehrseite der Medaille…

  2. Das ist ja gerade das Schlaue daran: Es ist keine vollwertige Verschwörungstheorie, weil die Klüngel, die sich dahinter befinden müßten, nicht als kohärentes Netzwerk gleichgesinnter ausbuchstabiert werden, die sich gegenseitig in Schichtarbeit bei der Weichenstellung ablösen. Die einem solchen Szenario zugrunde liegende strategische Vorsätzlichkeit wird jedoch behauptet. Ich habe sowohl im gestrigen Abendprogramm als auch eben in der aktuellen Haushaltsdebatte von SPD-Vertretern von schlauen alternativen Organisationsmöglichkeiten gehört. Es ist also nicht so, daß eine solche Thematisierung nicht grundsätzlich möglich wäre. Die Frage ist nun: Werden die Nachdenkseiten auch Beiträge von dieser Seite zur Kenntnis nehmen, oder sie in ihrem pro-Linken, anti-Konsenspolitischen Programm schlicht unterschlagen. Ich tippe auf letzteres, und wenn ich damit recht habe, ist die Seite für mich wertlos.

  3. Achja, ehe hier ein falscher Eindruck entsteht: Nein, ich schaue mir Haushaltsdebatten normalerweise nicht an. Aber die Synergie mit dem Frühstück macht das in ganz seltenen Fällen möglich. ;)

  4. Ach, manipuliert wird man doch von jedem Medium, das liegt in der Natur der Sache. Es kommt schließlich darauf an, sich aus den Versatzstücken, die man konsumiert, eine eigene Meinung zu bilden. Insofern halte ich es für absolut legitim, sich des Instrumentariums der Mainstream-Medien zu bedienen, um eine dezidiert linke Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Schlimmer wäre es, sich des Instrumentariums der reaktionären Hetzpresse zu bedienen – davon sind die NDS indes weit entfernt. So what?

    Auch das „Herumreiten“ auf Dauerbrennerthemen hat seinen Sinn. Wenn alle Welt über Hartz IV spricht, warum sollten dann ausgerechnet die NDS (als eine der wenigen Medien, die sich mit den Betroffenen solidarisieren) mit dem Hinweis auf eine vielleicht schon mehrere Wochen alte Grundlagenseite mit Kernaussagen begnügen? Das würde ja wirken, als würde man sich aus der Debatte raushalten, sogar ein wenig arrogant. Es gilt aber, in sie einzugreifen. Und „ständige Wiederholung als Mittel der Propaganda“ sollte nicht verwechselt werden mit „am Ball bleiben“. Das eine ist die Bild-Zeitung, das andere normaler Journalismus.

    Es scheint mir ein wenig illusorisch, als Nonplusultra der Berichterstattung ein Medium zu wünschen, dass alle Positionen gleichberechtigt berücksichtigt. Warum sollte man, überspitzt formuliert, von den NDS verlangen, aus Gründen des Gleichgewichtes auch z.B. die Positionen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft darzustellen? Das machen doch die meisten anderen ohnehin schon, und zwar, ohne explizit darauf hinzuweisen.

    Und schließlich glaube ich weniger, dass es Müller und Co. darum geht, den Eindruck zu erwecken, dass die „Macher dermaßen klug sind“, dass man nichts hinterfragen müsse. Ich denke, dieser Eindruck entsteht eher dadurch, dass linke Positionen seit jeher schwieriger zu vermitteln sind als rechte. Es ist kompliziert zu erklären, warum sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet oder warum ein Interesse daran besteht, dauerhaft ein Heer von Arbeitslosen zu halten. Viel leichter dagegen ist es, einfach den Sozialneid zu schüren. Deshalb machen das so viele.

    Dass Weasel-Word-Konstruktionen wie “Obwohl Ökonomen bereits seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass…” unschön sind, ist natürlich auch klar; da stimme ich dir vollkommen zu. Aber auch da muss man fair sein: Belege oder Quellenhinweise bringt fast niemand, sei es aus Gründen der Arbeitsersparnis oder weil man den Leser nicht mit Fakten, Links und Hintergründen totschlagen will. (Und um ganz ehrlich zu sein: Wenn eine Aussage wie „Forscher haben festgestellt, dass…“ mit einem Link zur entsprechenden Studie versehen wird – wer klickt schon darauf und prüft nach, ob die Aussage auch wirklich stimmt? Bildblog vielleicht, aber ich idR nicht.)

    Kurz: Was du von den NDS einforderst, würde ich zunächst einmal von den sogenannten Flaggschiffen wie Spiegel, Faz und Co. einfordern. Bis das soweit ist, freuen wir uns doch einfach, mit den NDS ein trotz allem durchaus vertrauenswürdiges linkes Gegengewicht zu haben.

    Und was dein Problem mit dem verschwundenen Text angeht, empfehle ich das Firefox-Plugin „Lazarus“. Das hat mir schon mehrfach aus genau solchen Patschen geholfen.

  5. Daß die Seite für mich „wertlos“ ist, möchte ich noch schnell zurücknehmen, ehe mich jemand anderes mit der Nase drauf stößt. Sie ist im Gegenteil brauchbar, indem sie eine Fundgrube für alternative Handlungsansätze bietet, die – wie der Seiten-Name ja auch nahelegt – zu überdenken teilweise lohnt. Man muß bloß lernen, die gezielte Propaganda dabei zu überlesen.

  6. Exakt die selben Gedankengänge wie du hatte ich auch schon.
    In etwa dasselbe wie die Nachdenkseiten, nur als Buch ist: Die verblödete Republik, von Thomas Wiczorek (nachname ohne gewähr). Linker Populismus vom feinsten, je länder das Buch wude, desto mehr musste ich schmunzeln, obwohl das ja garnicht beabsichtigt war.
    Kanan ich nur empfehlen, aber auf dauer ist die einseitigkeit anstengend.


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