Der Wert eines Menschenlebens

Was ist ein Menschenleben wert? Ich stelle mir diese Frage nicht, um sie mit einer Zahl beantwortet zu sehen, sondern weil dieser Wert offensichtlich auch in unserer subjektiven Betrachtung stark schwankt, was mir besonders im Rahmen der Diskussion um diesen Blogeintrag aufgefallen ist.

Insbesondere scheint das Leben eines Menschen dann besonders wertvoll zu sein, wenn es endet. Da sind sich (glücklicherweise) die meisten Kommentatoren hier einig: Menschen ohne wirklich dringende Notwendigkeit zu töten, ist ein schreckliches Verbrechen.

Menschen auf die Welt zu bringen andererseits, das ist für einige wohl eher eine Art Freizeitbeschäftigung, für andere hingegen ein Rentenersatz. Das macht man (frau) halt, und dafür muss man (frau) sich nicht rechtfertigen. Darauf hat man (frau) ein RECHT!

Und was ist mit dem Kind? Mit völliger Selbstverständlichkeit wird von vielen das Recht, dessen Existenz herbeizuführen, ausschließlich als Elternrecht gesehen. Wo aber sind die Pflichten, welche diesem Recht gegenüberstehen? Wer steht dafür ein, dass dieses Kind eine menschenwürdige Existenz führen kann, dass es ein Leben führen kann, welches LEBENSWERT ist?

Wiederum wird selbstverständlich gesagt: Das muss halt der Rest der Welt tun! Jetzt ist das Kind ja nun einmal da; und JETZT ist sein Leben auch etwas wert. Es darf nicht einfach beendet werden, und es soll auch nicht von dritter Seite darüber bestimmt werden. Nur begonnen werden durfte es so nebenbei.

Ein Kind in die Welt zu bringen bedeutet, Gott zu spielen. Das Kind wird nicht gefragt – nicht, ob es überhaupt leben will, und auch nicht, ob es so leben will, wie es leben wird. Wir nehmen uns ganz selbstverständlich heraus, Menschen zu erschaffen – letztlich aus dem selben vielzitierten Grund, aus dem ein Hund sich am Hintern leckt: Weil wir es können. So viel Wert wir einem Menschenleben (zu Recht) auch beimessen, wenn es zu enden droht, so wenige Gedanken machen wir uns häufig darum, es überhaupt beginnen zu lassen, obwohl dies eine Entscheidung von enormer Tragweite für diesen potenziellen Menschen bedeutet. Die Frage, welches Recht wir haben, menschliches Leben zu beenden, ist allgegenwärtig. Welche Gedanken aber machen wir uns über die Frage, mit welchem Recht wir es kreieren?

Und was ist mit den bereits lebenden Menschen, deren Rechte durch das hinzu gekommene menschliche Leben naturgemäß und zwingend geschmälert werden? Wir können viel über die Unantastbarkeit der menschlichen Würde schwadronieren, aber der TATSÄCHLICHE Wert, den wir einem Menschenleben beimessen, äußert sich daran, welche Rechte wir diesem Menschen zugestehen. Der Wert eines Objektes bemisst sich daran, was man dafür herzugeben bereit ist – alles andere ist nur dummes Geschwätz! Auch, wenn er sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt: Der Wert eines Menschenlebens für die menschliche Gesellschaft ist gleich der Summe der Rechte, welche die Gesellschaft diesem Menschen zugesteht.

Diese Rechte allerdings, die hängen von den Rechten anderer Menschen ab, und mit jedem Menschen, der hinzukommt, ist das Leben jedes einzelnen Menschen weniger wert. Egal, worin sich dieser Wert konkret äußert, ob an dem Recht dieses Menschen auf Lebensraum, auf Wohlstand, auf Lebenserwartung – je mehr Menschen es gibt, desto weniger kann die Menschheit jedem einzelnen zugestehen.

Natürlich ist es prinzipiell möglich, Werte zu schaffen. Für menschliches Leben bedeutet dies, eine lebenswertere Welt zu schaffen, Fortschritte in Bereichen wie Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und Lebensqualität zu erzielen. Dazu sind wir moralisch verpflichtet, aber letztlich liegt es auch in unserem Eigeninteresse. Es ist eigentlich trivial: Wenn unsere Leben lebenswerter sind, sind unsere Leben mehr wert!

Bloße Vermehrung der Spezies Mensch hingegen schafft keinen solchen Wert, sondern mindert im Gegenteil den Wert jedes einzelnen menschlichen Lebens. Dies hinzunehmen ist in letzter Konsequenz nicht weniger menschenverachtend als die Tötung von Menschen zu akzeptieren, und es mit Argumenten wie dem fundamentalen Bedürfnis nach Fortpflanzung oder dem Streben nach materiellen Sicherheiten zu rechtfertigen, ist letztlich das gleiche, wie Mord mit unserem fundamentalen Bedürfnis nach Aggression und dem Streben nach Besitz zu rechtfertigen. Wir mögen Verständnis für Mörder aufbringen, denen Unrecht widerfahren ist, die aus berechtigter Wut oder allgemeiner Frustration töten, oder die versuchen, mit Hilfe eines Tötungsdeliktes ihrer Armut zu entkommen, aber wir verurteilen sie natürlich trotzdem, juristisch ebenso wie moralisch. Ebenso können wir Verständnis für Menschen haben, die sich viele Nachkommen wünschen, oder die versuchen, sich auf diese Weise ihren Altersruhestand zu sichern, insbesondere dann, wenn sie teilweise durch Fremdverschulden (sprich, durch das Handeln der großen Wirtschaftsmächte) in ihre Lebenssituation geraten sind, aber nichtsdestotrotz müssen wir einfordern, dass auch diese Menschen einen Respekt vor menschlichem Leben zeigen, der sich in vernunftgeleitetem Handeln äußert. Der Wert eines Menschenlebens darf nicht davon abhängen, ob wir diesen Menschen als störend oder überflüssig empfinden; aber ebenso wenig darf er davon abhängen, ob wir seine Existenz als erfüllend oder nützlich ansehen.

Menschen besitzen das Recht, nicht ohne zwingenden Grund getötet zu werden. Sie müssen genau so das Recht besitzen, nicht ohne guten Grund geboren zu werden.

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Published in: on April 15, 2010 at 5:15 am  Comments (22)  
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22 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Durchaus einige sehr nachdenkenswerte Denkansätze, aber wer bestimmt, welches Leben „lebenswert“ ist?
    Ich? Du? Der Staat? Jemand anderer?
    Ich hoffe nur, daß diese „Diskussion“ nicht bei Definitionen und Begriffen wie zum Beispiel „lebensunwertes Leben“ endet?

    • „Lebenswert“ ist keine ja/nein-Kategorie. Es gibt aber ein mehr oder weniger, und natürlich ist dabei die Perspektive des Lebenden maßgeblich.

  2. Sorry Andi, aber hier gehst Du zu weit. Lies z.B. mal „99 philosophische Rätsel“ von M.Cohen, das hat mir das Problem mal vor Augen geführt und auch klar gemacht. Zumindest für mich habe ich die Ideen akzeptiert.
    Sobald es um menschliches Leben geht, gibt es kein Mehr oder Weniger und auch keine Zahlen – zumindest nach heute eigentlich allgemein zu akzeptierenden Ethikstandards. Es ist schwer, sich von solchen Gedanken zu lösen, zumal, wenn man sich im Krieg befindet. Denn Wertigkeiten und Zahlen vereinfachen abstrahieren. Aber: die Würde des Menschen ist unantastbar und wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt. Mit anderen Worten: ein Menschenleben ist absolut – es darf a priori nicht bewertet und nicht abstrahiert werden.

    • Es ist ja wunder bar einfach, einen solchen Satz mit dem Hilfsverb „darf“ zu konstruieren, aber so ist die Welt nun einmal einfach nicht. Wir bewerten Menschenleben durch die bloße Tatsache unserer Existenz.

      Davon abgesehen bin ich mir nicht so recht sicher, ob Du meinen Beitrag richtig verstanden hast. Gerade WEIL Menschenwürde so hoch zu bewerten ist, und gerade WEIL Leben zu retten nach (mehr oder weniger) allgemeinen ethischen Standards höchste Priorität besitzt, muss nach derselben Ethik auch mit der Erschaffung dieses Lebens höchst verantwortungsvoll umgegangen werden.

      • Die Methoden, die Du hier anwendest, sind die des Utilitarismus unter Einbindung der Menschenwürde in die Gerechtigkeits-Argumentation.
        Genau das aber ist fragwürdig.
        Du merkst ja selber, dass es von den von Dir verwendeten Begriffen nur noch ein kleiner Schritt bis z.B. zu „lebensunwert“ ist.
        Tatsächlich mag das durchaus legitim sein. Wer verpflichtet uns denn, die Menschwürde als Absolutgröße über alles andere zu stellen?
        Ich gebe aber zu bedenken: genau der Gedanke der Unantastbarkeit (mithin der Nicht-Relativierbarkeit, der Nicht-Anrechenbarkeit)
        der Menschenwürde hat letztendlich dazu geführt, dass wir hier und heute in einer lebenswerten Gesellschaft leben und das wir
        darüberhinaus davon auch Kenntnis haben.
        Ich verstehe das Dilemma und ich verstehe Deine Herangehensweise. Aber die Geschichte lehrt uns: so einfach ist es leider nicht.

        • Verpflichten kann uns nichts und niemand, denn das ist letztlich eine Frage der grundsätzlichen Lebenseinstellung. Nichtsdestotrotz BIN ich ja gerade der Ansicht, dass die Menschenwürde über alles andere zu stellen IST! Aber eben nicht als bloßes theoretisches Postulat, sondern als anzustrebendes reales Ziel. Menschen Würde zuzusprechen, ohne sie ihnen faktisch auch zuzugestehen, ist letzlich würdelose Heuchelei.

  3. „Diese Rechte allerdings, die hängen von den Rechten anderer Menschen ab, und mit jedem Menschen, der hinzukommt, ist das Leben jedes einzelnen Menschen weniger wert.“

    Das sehe ich nicht so. Du schreibst z.B., das mit jedem neuen Menschenleben Lebensraum natürlich pro Kopf weniger wird. Aber ist das der Wert? Das drückt doch nicht den Wert eines Menschenlebens aus. Genauso wenig kann man ein Menschenleben in Zahlen ausdrücken – das könnte man selbst nicht, wenn man eine geeignete Einheit dafür finden würde.
    Ein Menschenleben ist soviel wert wie ein Menschenleben – das klingt jetzt irgendwie wenig nachvollziehbar, aber so ist es auch. Man kann das schwer in Worte fassen. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, das ist das höchste Gut überhaupt. Das muß als Bewertung eines Menschenlebens, soweit das möglich ist, ausreichen.

    Ich gebe dir recht, dass das „Schaffen“ eine ebenso verantwortliche Angelegenheit ist, wie das Auslöschen eine unverantwortliche ist. Aber du musst es eher so sehen: wenn jemand ein Kind in die Welt setzt, dann schenkt er ihr/ihm das Leben.

    • Was in letzter Konsequenz bedeuten würde, dass wir moralisch verpflichtet wären, so viele Menschen wie möglich in die Welt zu setzen, unabhängig von allen anderen Erwägungen… Ganz offensichtlich ist das falsch.

      Ich weiß, dass der Gedanke, dass der tatsächliche Wert eines Menschenlebens keine unabhängige Konstante ist, ungewohnt und sehr unangenehm ist, aber wir ziehen uns zu sehr auf einen abstrakten Standpunkt zurück, welchen Wert das Leben idealerweise haben SOLLTE und ignorieren die Realität. Letztlich verhöhnen wir diejenigen Menschen, welche elende Existenzen führen, nur damit, dass wir ihnen zurufen: „Eure Leben sind aber genau so viel wert wie unsere – echt jetzt!“

      Tatsächlicher Wert misst sich immer daran, welchen Gegenwert man dafür zu erbringen, welchen Preis zu zahlen man bereit ist (und selbstverständlich bezieht sich das nicht nur auf materielle Dinge und in Zahlen auszudrückende Preise). Eltern können noch so sehr behaupten, dass alle ihre Kinder ihnen gleich viel wert sind, wenn sie in der Praxis eines davon vernachlässigen und sich nicht darum kümmern, weil ihnen andere Kinder und ihre eigenen Leben wichtiger sind. Wir müssen lernen, nicht in leeren Worthülsen zu denken, auch wenn es für unsere Gewissen bequemer ist, sondern die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist.

  4. Zitat: „Tatsächlicher Wert misst sich immer daran, welchen Gegenwert man dafür zu erbringen, welchen Preis zu zahlen man bereit ist (und selbstverständlich bezieht sich das nicht nur auf materielle Dinge und in Zahlen auszudrückende Preise).“

    Nach dieser Definition würde sich der Wert eines Menschenlebens ausschließlich danach bemessen, was dieser Mensch an „Werten“, bzw. „Nutzwert“ an die Allgemeinheit zurückgibt. Dieser „Nutzwert für die Gesellschaft“ könnte sowohl materieller, aber auch ideeller Natur sein.
    So weit – so gut.

    Aber was ist, wenn dieser Mensch aus irgendwelchen Gründen nichts davon an die Gesellschaft zurückgibt? Vielleicht, weil als Egoist das nicht möchte? Ist sein Leben dann weniger wert?

    Was ist, wenn er (zum Beispiel auf Grund einer schweren Behinderung) gar nichts zurückgeben KANN? Ist sein Leben dann vielleicht gar nichts mehr wert?

    Was wäre die Alternative? Erschießen? Die Guillotine? Oder Gas? Das wäre vermutlich billiger. Aber wohin mit den vielen Kadavern?

    Wir bewegen uns hier auf sehr, sehr dünnem Eis und ich hoffe, daß ich mit meiner (zugegebenermaßen etwas überspitzten) Formulierung auf diese Problematik einer solchen Diskussion aufmerksam machen konnte?

    Auf die „Lösungsvorschläge“ für diese Probleme bin ich jedenfalls sehr gespannt.
    Die Kameraden aus der rechten Ecke übrigens auch.

  5. Du denkst hier genau falsch herum. Ich sage nicht, dass der Wert eines Menschenlebens sich daran bemisst, welchen Nutzen dieser Mensch für die Menschheit insgesamt hat, sondern dass er sich daran bemisst, welche Rechte diese Menschheit ihm zugesteht.

    An keiner Stelle meiner Gedankengänge verbinde ich den Wert menschlichen Lebens in irgendeiner Weise mir einem Nutzen. Bitte genau hinlesen, dann kommentieren!

  6. Ich mag das neue Thema nicht.
    Die schwarzen Blöcke an der Seite stechen viel zu klotzig ins Auge.
    „Andis Andersartige Ansichten“ läuft nicht schön um und ist mehr ein Titel für eine einzeilige Überschrift. Das gilt auch für die meisten Überschriften Deiner Einträge, ein zweispaltiges Thema, in dem die Überschriften in einer Zeile stehen, würde besser aussehen.

    • Vielleicht ist es nur eine Gewöhnungsfrage, vielleicht auch Geschmackssache. Ich war mit dem alten Thema nie wirklich zufrieden, empfand es als viel zu unübersichtlich und unstrukturiert und habe seit über einem Jahr begierig und hoffnungsvoll jedes neue Theme ausprobiert, bis ich nun endlich eines gefunden habe, welches mir zusagt.

      • OK, hier habe ich einen Kritikpunkt, der mich wirklich stört:
        Beim alten Thema (und auch bei Zeromagic und Ein Platz für Andi) wird man, wenn man bei „Neueste Kommentare“ auf den entsprechenden Beitrag klickt, direkt zum neuesten Kommentar weitergeleitet.
        Beim neuen Thema komme ich immer nur zum Anfang des entsprechenden Beitrags, und muss zum neuen Kommentar scrollen. Was bei verschachtelten Kommentaren nicht einfach ist.

        • Ja, das ist wirklich sehr störend. Ich hoffe, das ist ein Bug, der bald behoben wird.

  7. Ich finde in deinem Beitrag nutzt du den Begriff „Recht“ ein wenig merkwürdig. Ich würde da eher „Chance“ setzen. Denn das ist, zumindest so, wie ich es verstanden habe, das, was du eigentlich meinst, hier wird das am deutlichsten, betrifft aber den gesamten Absatz:

    gal, worin sich dieser Wert konkret äußert, ob an dem Recht dieses Menschen auf Lebensraum, auf Wohlstand, auf Lebenserwartung – je mehr Menschen es gibt, desto weniger kann die Menschheit jedem einzelnen zugestehen.

    Zwischen „Recht auf Lebensraum, Wohlstand, Lebenserwartung“ und eine Chance darauf liegt schon ein unterschied. Und ich denke, du meinst hier eher die realistische Chance. Denn ein Mensch in einem Slum einer Großstadt hat sicherlich ein Recht auf Wohlstand und wenn er irgendwie an Wohlstand käme, würde er ihm/ihr auch gewährt. Er hat aber nur eine extrem kleine Chance Wohlstand auch wirklich zu erreichen.

    Abschließend frage ich mich, was denn gute Gründe für die Geburt eines Kindes wären… Es ist sicherlich nicht das, was du meinst, aber gedanklich ist man da nicht weit von Gentests vor der Geburt entfernt um die Chancen des Kindes auf hohe Intelligenz (oder was man sonst für nötig hält) und damit Chancen im Leben auszuloten. Oder vielleicht die künstliche Fortpflanzung komplett zu verhindern und nur noch künstliche Befruchtung mit genetischem Material von „wichtigen“ Persönlichkeiten? Oder die neuen Menschen direkt „passend“ genetisch designen?

    • Rechte sind etwas, was ein Mensch nur dann erhält, wenn sie ihm von anderen Menschen abgetreten werden. Rechte, die wir Menschen bloß abstrakt und theoretisch zusprechen, ohne eigene Rechte dafür aufzugeben, existieren schlicht nicht. Und „Chancen“ sind keine Rechte, außer Du sprichst von einem schwammigen „Recht auf Chancen“. Rechte kann ein Mensch von der Gesellschaft einfordern; sie bedeuten eine VERPFLICHTUNG der Gesellschaft.

      Und nein, ich habe immer noch nicht, egal wie vielen Kommentatoren diese Idee beim Lesen meines Textes offensichtlich durch den Kopf spukt, das Lebensrecht eines Menschen, egal ob geboren oder ungeboren, von seinen persönlichen Anlagen abhängig gemacht, und ich verwahre mich ganz entscheiden gegen eine Denkweise, welche an die Stelle von Menschenrechten das bloße Recht auf eine Existenz in Verbindung mit der bloßen CHANCE auf ein menschenwüdiges Leben setzt, die derjenige dann selbst zu nutzen habe!

      Diese ganze Idee einer bloßen CHANCE bedeutet doch im Klartext nur, dass Menschen eben KEINE Rechte besitzen.

      Damit Menschenrechte zur Realität werden, muss die menschliche Gesellschaft sich dazu VERPFLICHTEN, sie ihnen zu gewähren – das Recht des einen ist immer die Pflicht der anderen! Dieser Verpflichtung kann sie bei einer beliebig wachsenden Menschheit jedoch nicht nachkommen.

      Und ja, selbstverständlich gehört zu den grundlegenden menschlichen Rechten auch das Recht auf Nachwuchs, nur eben nicht ohne Maß, genau wie bei allen anderen Rechten auch! – eben weil dieses Recht die Rechte anderer Menschen beschneidet. An keiner Stelle habe ich dieses Recht auf Nachwuchs vom Reichtum oder der sozialen Stellung der Eltern abhängig gemacht, auch wenn Mino das gerne so interpretieren möchte. Und der ganze Eugenik-Quatsch, der hier immer wieder uasgepackt wird, steht absolut im Gegensatz zu meinem Text: „Der Wert eines Menschenlebens darf nicht davon abhängen, ob wir diesen Menschen als störend oder überflüssig empfinden; aber ebenso wenig darf er davon abhängen, ob wir seine Existenz als erfüllend oder nützlich ansehen.“

      • Hm.. dann versteh ich langsam, wo mein Verständnisproblem liegt…

        Wo gibt es denn ein „Recht auf Lebensraum, auf Wohlstand, auf Lebenserwartung“? Das gibt es doch nicht einmal für schon lebende Menschen. Vielleicht versteh ich darunter einfach etwas anderes als du? *grübel*

        Und dann stellt sich mir die Frage, wenn man von Rechten und nicht von Chancen sprechen will, wer hat denn dann ein Recht auf mehr Wohlstand und wer halt nicht? *grübel*

        • Doch, solche Rechte existieren bereits. Sie finden ihren Niederschlag in Begriffen wie „Existenzminimum“, „Anteilhabe am gesellschaftlichen Leben“, „menschenwürdige Unterkunft“ usw. Und selbstverständlich müssten ALLE Menschen diese Rechte in gleichem Maß besitzen.

  8. Zitat = Moses: „gedanklich ist man da nicht weit von Gentests vor der Geburt entfernt um die Chancen des Kindes auf hohe Intelligenz (oder was man sonst für nötig hält) und damit Chancen im Leben auszuloten.“

    So ähnlich sehe ich das auch.
    Man könnte es aber auch für den wirtschaftlichen „Befähigungsnachweis“ ansehen, ob einem Paar überhaupt erlaubt wird, ein weiteres Kind in diese Welt zu setzen. Ganz nach dem Motto: „Wer kein Haus mit Garten, ein Kinderzimmer mit mindestens 48 qm Wohnfläche, einen Studienplatz, einen Bausparvertrag und mindestens 25.000 Euro an Barvermögen aufweisen kann, der darf gar nicht erst darüber nachdenken, ein Kind in die Welt zu setzen.“
    Ziemlich feudalistische und weltfremde Denkschemen, wie ich meine, denn gleichzeitig ist man ja keineswegs dazu bereit, auf sein tägliches Steak zu verzichten, wie ich an anderer Stelle mal gelesen habe.

    Ohnehin umweht diesen Beitrag über den Wert eines Menschenlebens ein etwas übler Beigeschmack von Eugenik, beziehungsweise des Versuches, diese Eugenik wieder aus der Mottenkiste der Geschichte zu kramen und sie etwas abseits von faschistisch-braunem Gedankengut erneut wieder auf eine gesellschaftlich „diskussionswürdige“ Stufe zu stellen. Diesmal vielleicht zur Abwechslung mal mit etwas ökofaschistischem Gedankengut durchtränkt?
    Öfter mal was Neues – wie schön!

    Und, ja, ich bin durchaus in der Lage, Beiträge von anderen Diskussionsteilnehmern richtig zu lesen, zu verstehen und zu zitieren! Oftmals bin ich sogar in der Lage, sie sinngemäß zu verstehen, also das Gedankengut dahinter zu erfassen. Ich habe mir also meine „Lebensberechtigung“ bereits verdient.

  9. Wenn die soziale und wirtschaftliche Notwendigkeit besonders großer „Würfe“ wegfällt, wenn Frauen auch ohne ihre Gebärfunktion ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein können, dann stellt sich die Frage nach Unterdrückung des Fortpflanzungstriebs ja offensichtlich gar nicht, wie beispielsweise hierzulande zu beobachten… Das muss wohl der Ansatz sein.

    Am Mittwoch war übrigens Fred Pearce in der Daily Show zu Gast. Der ist zwar selbst kein Wissenschaftler, sondern nur Wissenschaftsjournalist, nach seinen Referenzen zu urteilen aber eher kein Spinner. Er stellte sein Buch „The Coming Population Crash – And Our Planet’s Surprising Future“ vor, worin er behauptet, dass die Zunahme bereits abnimmt, und prognostiziert, dass sich die Weltbevölkerung bis 2040 bei ca. 8 Milliarden eingependelt haben wird und danach ein Rückgang zu erwarten ist.

    • Diese Notwendigkeit fällt nun mal global nicht weg.

      Auf Pearce bin ich gespannt. Wieso gehen diese Jungs nur immer von linearen Modellen aus … Naja, man wird sehen.

  10. Uh, schwerer Tobak, der hier diskutiert wird. Zunächst wird mir hier etwas zu wenig und zu unscharf getrennt. Man sollte vielleicht unterscheiden zwischen dem ideellen Wert des Menschen, wie er sich in der Idee seiner Würde und seiner Rechte niederschlägt – dort wohl wenig bestritten absolut und unbezifferbar – und seinem utilitaristischen Wert im Sinne des Beitrags zur Gesellschaft. Auch numerisch könnte man den Wert anführen, das wär‘ das Einfachste: Bestimme einen Wert für ein geschlossenes System Erde bzw. deren Ressourcen und teile ihn durch die Bevölkerungszahl, die diese nutzt. Klar, daß dieser Menschenwert mit steigender Bevölkerungszahl sinkt. So gesehen habe ich die Hälfte meines Geburtswertes bereits verloren – zumindest statistisch. So lese ich den Ansatz von Andreas zunächst mal. Soweit ist er auch frei von Moralischem.

    Aber hier beginnt das Dilemma: ich habe sicher ein vielfaches an Ressourcen verbraucht, verglichen mit einem nigerianischen Gleichaltrigen. Der ist aber wiederum ideell genauso viel Wert, statistisch hat auch er die Hälfte verloren und wir stehen nun mit dem gleichen Anspruch vor einer ungerechten Realität. Es ist immer noch recht einfach: ich gebe einfach einen Teil dem Nigerianer, und wenn das jeder so macht ist der Saldo bald ausgeglichen. Doch das Dilemma verschärft sich: es wird nicht jeder so machen. Ich habe die Wahl – die Freiheit – es dann auch zu lassen, oder für andere mit auszugleichen. Soweit, so unfair.

    Schweifen wir kurz zum materiellen Teil der Menschenrechte ab: was bringt meinem nigerianischen Freund sein Menschenrecht eigentlich? Kann er es einklagen? Kann er mich auf Alimente verklagen? Seien wir nicht naiv, es hilft ihm keinen Deut – und er weiß das. Das Dilemma kumuliert nun: Die ungleiche Verteilung hingegen ist eine Realität, die ihn zu naheliegenderen Schritten zwingt als den Gang zum Kadi: Existenzsicherung. Daher nimmt er unbewußt sein Recht auf ungezügelte Vermehrung war, denn es bedeutete Alterssicherung, Überlebensstrategie usw. – im Idealfall. Andere Aspekte, wie Verhütung, Stolz usw lassen wir mal weg. Tatsache ist, daß er damit das Problem natürlich verschärft.

    Also hat der Nigerianer schuld. Basta. Nein, Spaß beiseite: Es ist klar, daß mehr Gerechtigkeit in Ressourcenverteilung zu Lasten der Einen gehen muss. Das ist evident. Wir, jene Einen, haben die persönliche Freiheit, uns für diese Verteilung zu entscheiden – der Nigerianer hat sie wiederum nur theoretisch. Andreas sagt nichts anderes, als daß er sich diese Freiheit nicht nehmen lassen will. Und er weist richtig darauf hin, daß der Druck auf diese seine Freiheit zunimmt – vermutlich ohne daß tatsächlich etwas gelöst wäre. Man kann natürlich darüber diskutieren, wie glücklich man Freiheit mit Wohlstand verwechseln darf, aber hier kann man das vielleicht tatsächlich Synonym verwenden.

    Wenn man also nicht ständig annehmen würde, daß daraus implizit der Genozid von Nigerianern folgen müßte, könnte man das wesentlich versachlichen – echt jetzt.

    Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, genauer zwischen SOLLTE und SEIN haben wir mit dem numerischen Modell also genauso wie beim ideellen. Nur eben dynamisch. Es geht eigentlich doch nicht darum, ob der Nigerianer für seine Existenz vögelt oder ob Frauen gebären dürfen, oder? Es geht auch nicht um theoretische Rechte, Würde oder moralische Fragen nach „dem Lebenswerten“. Sondern es geht um die pragmatische Antwort darauf, wie das Bevölkerungswachstum einzuschränken ist! Und darum, ob Andreas seine CDs nun auf der Festplatte hat oder nachhaltig nicht.


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