Ein Schuss in Neukölln

Gestern nacht, als die Temperatur in meiner Wohnung gerade einigermaßen erträglich geworden war, hörte ich einen Schuss.

Zumindest bin ich davon überzeugt, aber da ich die als „Wehrdienst“ bezeichnete Fortbildungsveranstaltung auf diesem Gebiet nicht besucht habe, kann ich mir nicht absolut sicher sein. Tatsache ist aber Folgendes:

1. Das Geräusch war unglaublich laut. Ich habe es durch das geöffnete Fenster vom Innenhof her gehört, und es kam nicht aus dem Innenhof selbst (denn dort war niemand), also kam es wohl aus einer Wohnung in einem anderen Haus (dass es aus meinem Haus stammte, kann ich ausschließen, denn sonst hätte ich durch meine Wohnungstür den Nachhall aus dem Treppenhaus gehört), und trotzdem war es lauter als ein Überschallknall.

2. Es war kein Böller. Dank der überzeugenden Leistungen der deutschen Elf bei der Fußball-WM bin ich mit Böllergeräuschen einigermaßen vertraut – deren Knall ist deutlich dumpfer. Dieser Knall war sehr hell und kurz, aber mit langem Nachhall.

3. Es war ganz bestimmt keine zuschlagende Tür! Nicht nur, dass diese Tür sich praktisch direkt in meinem Zimmer hätte befinden müssen, um eine vergleichbare Lautstärke zu erreichen; zuknallende Türen klingen einfach völlig anders. (Später in der selben Nacht hatte ich Gelegenheit, eine in einem Streit mit Wucht zugeknallte Tür zu hören – überhaupt kein Vergleich!)

Was tut man also? Nun ja, „man“ tut normalerweise vermutlich gar nichts, wie ich ja schon mehrfach erfahren habe (auch neulich, als in der Neuköllner Passage während eines Public Viewing, bei dem eine dreistellige Anzahl Menschen anwesend war, die Alarmanlage der Neuköllner Oper losging, war ich nach einigen Minuten doch wieder der erste und vermutlich einzige, der die Polizei informierte). Aber was sollte ich tun? Ich überlegte ein wenig, ob ich eine nahe liegende Erklärung für dieses Geräusch übersehen hatte – ihm war keinerlei Streit oder Randale vorausgegangen, und ihm war auch kein Schrei oder sonst etwas Bemerkenswertes gefolgt, nur ein paar Stimmen aus der Nachbarschaft, die ohne besondere Aufregung wohl das Gehörte kommentierten. Nach ca. 1-3 Minuten Nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass ich nicht nur keine wahrscheinliche andere Erklärung finden konnte, sondern im Gegenteil sogar fest überzeugt war, ein Schussgeräusch gehört zu haben. Also gab ich der Polizei Bescheid.

Ein paar Minuten später standen dann drei Mann (Okay, zwei Männer und eine Frau) vor meiner Tür. Drei kam mir als eine etwas merkwürdige Anzahl vor – ich kann nachvollziehen, dass bei Verdacht auf eine Schießerei in Neukölln mehr als nur zwei Beamte geschickt werden, aber dann erwarte ich doch entweder vier (zwei Streifen) oder noch mehr Leute? Na gut, ich kenne mich halt mit polizeilichen Abläufen trotz häufigen Krimi-Guckens nicht so aus.

Die Polizisten verhielten sich auch ansonsten anders, als ich es erwartet hätte. Zunächst einmal ließen sie sich von mir das Geräusch beschreiben, welches ich klar von einem typischen Böllergeräusch abgrenzte. Dann jedoch versuchte die Polizistin mir nachdrücklich einzureden, dass ich eine zufallende Tür gehört haben müsste, die ja einem Schuss achsoähnlich klingen könnte (was ich vehement bestritt), und schließlich deutete sie auch noch an, dass ich ja bereits geschlafen hätte (eine Frage, die ich verneinte, bevor mir klar wurde, worauf sie hinauslief: Dass ich im Halbschlaf ein anderes Geräusch als Schluss interpretiert oder das Ganze gar geträumt haben könnte!) Ich sehe ja ein, dass diese Möglichkeiten in Betracht gezogen werden müssen, aber ich war in meinen Aussagen eigentlich sehr klar gewesen, und übermäßig unwahrscheinlich ist es ja nun eigentlich auch wieder nicht, dass nachts in Neukölln ein Schuss fällt.

Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass mir eine wichtige Frage gar nicht gestellt worden war, nämlich WANN genau ich den Schuss gehört hatte! Sicher, man kann vermuten, dass ich unmittelbar danach angerufen hatte, aber diese Vermutung sollte man doch zumindest bestätigen, oder? Außerdem hatte ich tatsächlich nicht unmittelbar nach dem Schuss angerufen, und dann noch ein oder zwei weitere Minuten in einer Warteschleife und vorher im Gespräch mit einem Mitarbeiter der Feuerwehr verbracht, bevor dieser mich weiterleitete (ich hatte diesmal den allgemeinen Notruf 112 gewählt) – wenn tatsächlich ein Verbrechen begangen worden sein sollte, würde man doch den Zeitpunkt des Schusses möglichst genau ermitteln wollen, oder etwa nicht?

Auch im Anschluss agierten die Polizisten anders, als ich es vermutet hätte. Zunächst einmal suchten sie mit Taschenlampen den Hof ab (wonach auch immer – einer Leiche? einer weggeworfenen Waffe?) – na schön, ich hatte ihnen zwar gesagt, dass sich zum Zeitpunkt des Schusses niemand auf dem Hof befunden hatte, aber das müssen sie wohl trotzdem nachprüfen. Danach jedoch hätte ich erwartet, dass sie bei anderen Wohnungen klingelten und die Leute befragten (unter anderem um zu überprüfen, ob es dieses laute Geräusch tatsächlich gegeben hatte, um möglicherweise seinen genauen Ursprung festzustellen, und um – wer weiß? – vielleicht sogar seine Ursache zu ermitteln!), doch davon bekam ich nichts mit (und so hellhörig, wie dieser Hof nachts und mit all den wegen der Hitze geöffneten Fenstern ist, hätte ich das eigentlich hören müssen).

Mir erscheint das Verhalten der Polizei hier nicht konsequent: Den Hof abzusuchen hat doch nur Sinn, wenn sie es für möglich halten, dass tatsächlich ein Schuss abgegeben wurde. Wenn sie dann aber erwartungsgemäß nichts finden – müssten sie dann nicht weiter ermittteln? Ich denke, ich werde nachher noch einmal bei der Polizei anrufen und nachfragen, was sich ergeben hat, auch wenn ich nicht viel Hoffnung habe, dass ich noch etwas in Erfahrung bringe. So richtig beruhigend finde ich die Vorstellung jedenfalls  nicht, dass hier in diesem Häuserblock vermutlich geschossen worden ist und von Seiten der Polizei nichts weiter passiert.

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Published in: on Juli 15, 2010 at 1:03 pm  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Internet says:

    Donnerstag, 15. Juli 2010 14:48

    Am frühen Donnerstag sind in Berlin vier Autos ausgebrannt – vermutlich durch Brandstiftungen. Zunächst bemerkten Anwohner der Petersallee in Wedding gegen 2 Uhr 15 einen brennenden Wagen und alarmierten die Feuerwehr, die das Feuer schnell löschte. Gegen 4 Uhr wurden Anwohner am Richardplatz in Neukölln auf ein Auto aufmerksam, das an den Hinterrädern brannte. Polizisten löschten die Flammen mit Feuerlöscher.

    In der Boddinstraße in Neukölln hörte nur wenige Minuten später ein Kneipengast einen lauten Knall. Kurz darauf sah er Flammen im Innenraum eines geparkten und einen dunkel gekleideten Mann, der in Richtung Isar-/Flughafenstraße flüchtete. Gäste des Lokals löschten das Feuer.

    Zur gleichen Zeit vernahmen auch Anwohner in der Straße Viehtrift in Prenzlauer Berg einen lauten Knall. Anschließend sahen sie an einem Auto im Bereich der Reifen Flammen. Ein Zeuge löschte den Brand mit einem Eimer Wasser.

    In allen Fällen geht die Polizei nicht von einem politischen Hintergrund aus.

  2. Danke für den Hinweis! Aber ich sehe hier keinen Zusammenhang. Einmal war der Knall, den ich hörte, eindeutig nicht der einer Explosion (sondern eben ein Schussgeräusch). Zum anderen ist die Boddinstraße doch ein gutes Stück entfernt, und der Knall schien auch nicht von außerhalb unseres Häuserblocks zu kommen. Vor allem aber habe ich ihn einige Stunden früher gehört.


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