Das Internet gehört uns nicht

Diese unangenehme Wahrheit verdrängen wir leider, während wir täglich immer abhängiger vom globalen Netz werden. Ja, eigentlich wissen wir, dass alle unsere Bewegungen im Netz verfolgt werden; dass Dienste wie Google, Facebook und Twitter Daten über uns sammeln und diese auch weitergeben, ohne uns darüber zu informieren. Eigentlich ist uns bekannt, dass der Aufenthaltsort unserer Handys jederzeit, selbst wenn sie ausgeschaltet sind, ermittelt werden kann. Und natürlich ist uns klar, dass die immer stärkere Synthese von Handys und tragbaren, internetfähigen Computern bedeutet, dass immer mehr Daten über unser persönliches Verhalten ausspionierbar werden.

Wir ignorieren es aber, weil wir nicht mehr wissen, wie wir anders leben könnten, ohne die Informations-, Kommunikations- & Unterhaltungsmöglichkeiten, welche diese Vernetzung uns bietet. Wir verschließen die Augen davor, dass wir unser Privat- und Geschäftsleben immer stärker in einen Bereich verschieben, der in einem noch nie dagewesenen Maß überwacht werden kann und auch überwacht WIRD. Wir regen uns gelegentlich über Kameraüberwachungen an öffentlichen Plätzen, über Google Street View oder über „Nacktscanner“ an Flughäfen auf, während wir freiwillig einen immer größeren Prozentsatz unseres Lebens virtualisieren und dabei offenlegen.

Aber die virtuelle Welt des Internets gehört uns nicht. Sie ist in einem Ausmaß und mit einer Leichtigkeit beherrschbar, die in der früheren Offline-Realität unerreichbar waren. Während sich das Netz immer schneller immer mehr mit Unmengen von Daten- und Meinungsmüll anfüllt, der eine Orientierung abseits der etablierten Datenwege (wie Wikipedia, oder auch der Nachrichtenseiten, die ihre Meldungen größtenteils aus den selben Nachrichtenagenturen beziehen) immer schwieriger macht, werden diese etablierten Institutionen zunehmend gleichgeschaltet und unliebsame Personen immer müheloser herausgefiltert.

Der Verlust der Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass niemand seine Meinung mehr äußern könne! Das ist der große Irrtum derjenigen, die darauf hinweisen, dass ins Netz eingestellte Informationen kaum zu kontrollieren und unmöglich daraus wieder zu entfernen sind: In jeder Diktatur konnten die Menschen sich natürlich auf die Straße stellen und laut hinausschreien, was immer sie zu sagen hatten! Die entscheidenden Fragen sind aber: Fanden diese Aussagen Gehör – und was passierte mit denjenigen, die sie tätigten? Den Menschen in einer Diktatur wurde nicht der Mund zugenäht – es war Angst, die ihnen den Mund verschloss. Dazu kam die staatliche Propaganda, welche unliebsame Äußerungen mit ihrer Häufigkeit und Lautstärke einfach übertönte.

So funktioniert das auch im Netz. Das Internet ist ein riesiges Gebäude mit Abhörmikrofonen in jedem Zimmer. Die totalitären Staaten aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts besaßen nicht annähernd die Möglichkeiten zur individuellen Überwachung, die wir den großen Internetdiensten heutzutage freiwillig einräumen.

Wir haben gemeinsam den weltweiten, perfekten Überwachungsstaat gegründet. Willkommen in Virtopia.

(Ja, mir ist die Ironie wohlbewusst, dass mir nichts Besseres einfällt, als über dieses Thema zu bloggen.)
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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Sehr gut beschrieben, dem ist nicht zu wiedersprechen. ;-)
    Gruss

  2. Sorry, aber ich verstehe es einfach nicht… ich habe ersten den großen Spiegel-Artikel dazu gelesen, und folge den Diskussionen dazu aber … ich verstehe es einfach nicht.

    Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man nichts im Leben für umsonst kriegt. Ich frage mich, was die Leute bei Facebook glauben – dass der Service aus purer Menschenliebe angeboten wird?

    Und mir erschließt sich nicht, wo der Schaden herkommen soll.

    OK, Facebook weiß also, in welche Kneipe ich gerne gehe, mit wem ich mich dort treffe, was ich trinke, sie entwickeln daraus das perfekt auf mich zugeschnittene Werbeprogramm – das ich nie sehe, weil ich Adblock anhabe.
    Trotzdem sind Goldmann-Sachs 0,8% Facebook 450 Millionen Dollar wert. Das ganze erinnert mich immer wieder an die Unterhosengnome aus Southpark:
    1. Collect Information
    2. ?
    3. Profit!

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die gesamten Investoren bald feststellen werden, dass diese ganzen achsotollen Infos eigentlich nicht so wertvoll sein können. Und dann platzt die 2. Internetblase, was wesentlich lauter als die erste knallen wird…

    Bitte nicht falsch verstehen, im Internet läuft sehr viel falsch (Stichwort „Abmahnverein“), aber diese Facebookpanik verstehe ich z. Z. nicht.
    Und bitte keine „Was, wenn die Regierung diese Daten beschlagnahmt?“-Szenarien…

    • Wenn Du den von mir verlinkten Artikel gelesen hast, dann weißt Du, dass diese „Szenarien“ längst Wirklichkeit geworden sind.

      Facebook, Twitter, Google, WordPress – egal, was Du im Internet machst, Du wirst dabei beobachtet, und wie dieser Twitter-Rechtsstreit beweist, bedient sich zumindest die US-Regierung auch ganz selbstverständlich an diesen Daten.

  3. Gut, dass ich mich weiterhin weigere mir einen Facebook- oder StudiVZ-Account zuzulegen und auch nicht twittere. Meine Wohnung ist durch viele Bäume vor Google-Street-View geschützt und Werbung jeglicher Art wird von mir konsequent ignoriert.
    Blöderweise hat mich meine Freundin ein Jahr lang genervt, so dass man mich jetzt doch über mein Handy orten kann…
    …vielleicht sollte ich mir noch 10 weitere kaufen und an markanten Orten plazieren…?

    • Ich hatte mich ja auch lange gegen ein Handy gewehrt, aber ohne Handy und ohne regelmäßige Aufenthalte im Internet ist man heute kommunikativ einfach abgeschnitten.

      Die Welt wird kleiner und der Einzelne immer besser auffindbar; das ist nicht zu ändern.


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