Gedanken zu den Aufständen in islamischen Ländern

In Tunesien wurde der Staatschef also bereits aus dem Amt gejagt. In Ägypten wächst der Druck auf Mubarak. Die Situation in beiden Ländern ist unübersichtlich. Der allgemeine Tenor unserer Presse lautet in beiden Fällen: Das Volk erhebe sich gegen seinen Unterdrücker und fordere Reformen ein!

Aber wer genau erhebt sich da eigentlich mit welchen Forderungen – und wie werden diese Länder dann in Zukunft regiert werden? Darüber finde ich keine Informationen.

Ich bin skeptisch, wenn mir vermittelt wird, dass hier freiheitsliebende Menschen auf die Straße gehen, um Korruption und Unterdrückung ein Ende zu bereiten. Ich bin sogar so pessimistisch zu befürchten, dass es am Ende nur noch schlimmer kommt.

Was war im Iran geschehen, nachdem der Schah – sicherlich ein korrupter und rücksichtsloser Despot – aus dem Land gejagt wurde? Was in Afghanistan, nachdem die Russen ihre Besetzung aufgaben?

Die Türkei gilt als die einzige islamisch geprägte Demokratie der Welt. Das allein ist bereits bedenklich genug. Dann darf man auch nicht vergessen, dass diese Demokratie erhebliche Defizite besitzt, die maßgeblich ihrem Beitritt zur EU entgegen stehen. Am bedenklichsten jedoch finde ich, dass in dem Maß, in dem das türkische Militär widerwillig seine Macht nach und nach abgibt, um demokratische Reformen zu ermöglichen, auch der Laizismus in diesem Land aufzuweichen scheint.

Vielleicht liegt es ja an meiner unzureichenden politischen Bildung, aber ich kenne islamische Länder nur als Militärdiktaturen, Theokratien oder mittelalterliche Feudalsysteme. Freiheit und Menschenrechte assoziiere ich mit ihnen nie. Ich frage mich, ob die harte Hand einer rücksichtslosen Diktatur nicht vielleicht tatsächlich die einzige Möglichkeit ist, den dortigen religiösen Fanatsimus einzudämmen.

Über die politischen Verhältnisse in Tunesien weiß ich praktisch gar nichts. (Es ist auch auffällig, dass die offensichtlich oppressiven Verhältnisse dort erst dann die Aufmerksamkeit unserer Presse erregten, als die Unruhen begannen.) Über Ägypten weiß ich nur wenig, aber mir ist bekannt, dass der fundamentalistische Islam dort eine ziemlich starke Präsenz besitzt.

Ich wünschte, ich könnte die Volksaufstände dort als Geburtswehen freiheitlicher, demokratischer Staaten betrachten. Ich wünschte, es würden einige islamische Länder entstehen, die nur noch in der gleichen Weise islamisch geprägt sind wie Deutschland, England oder Schweden christlich geprägt sind, so dass ich vor dem Islam keine Angst mehr haben müsste (und ja, ich HABE Angst vor dem Islam, der sich bislang beharrlich weigert den Beweis anzutreten, dass er in der gesellschaftlichen Praxis mit der Wahrung von Menschenrechten koexistieren kann). Stattdessen fürchte ich jedoch eine Veränderung vom Schlechten zum Schlimmeren.

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9 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Die armen Menschen in Ägypten. Warum können solche Machtübergänge nicht friedlich passieren. Bei den gewaltsamen landesweiten Protesten gegen die Regierung in Ägypten sind am Freitag nach Informationen des Gesundheitsministeriums 38 Menschen getötet worden. Wie Vertreter des Ministeriums am Samstag in Kairo mitteilten, kamen jeweils zwölf Menschen in der Hauptstadt sowie in der Stadt Suez ums Leben. Rund 1900 Menschen seien verletzt worden, unter ihnen 500 Polizisten. Seit Beginn der Proteste am Dienstag hat es somit fast 50 Todesopfer und 2500 Verletzte gegeben. Die Menschen tun mir richtig leid.

    • Ja, das bedeutet der harmlos erscheinende Begriff „Unruhen“.

      Noch trauriger ist es, dass an zahlreichen anderen Stellen in der Welt gleichzeitig ähnlich viele Menschen auf Grund bewaffneter Konflikte, staatlicher Willkür oder „ethnischer Säuberungen“ sterben, ohne dass unsere Presse uns dies täglich in Erinnerung ruft.

      Ach, übrigens, ich sehe gerade einen Bericht über die Situation deutscher Touristen in Ägypten, die zur Zeit nicht die Pyramiden und Museen besuchen können. Das ist natürlich sehr schade. Aber am Roten Meer soll es laut Westerwelle noch ruhig sein, und Buchungen dorthin dürfen daher nicht kostenlos storniert werden. Sicher sind die Ägypter ja auch vernünftig genug, ihre kleine Revolte nicht auch noch auf diese Touristenzentren auszudehnen.

  2. Hab gestern einen Beitrag im Fernsehen gesehen, in dem sie Touristen interviewt haben, die gerade am Flughafen auf Ihren Abflug Richtung Ägypten gewartet haben. Es ist echt erstaunlich, wie erfolgreich Menschen verdrängen können, dass das Land in das sie gerade aufbrechen quasi am Rande eines Bürgerkrieges stehen könnte und Menschen sterben, während sie im vermeintlichen Urlaubsparadies im Meer tauchen gehen.

  3. Ich teile in gewisser Weise Deine Bedenken. Der Islamismus hat ziemlich sicher das Potential, die Volksmassen auf populistische Weise zu ähnlichen Taten zu führen wie der Nationalismus in seiner düstersten Phase. Immerhin ist aber das freiwillige Abdanken der autoritären Staatenlenker ein positiver Auftakt, da die Islamisten nun keine Gelegenheit haben, ihre Methoden und Propaganda in einer Weise zu radikalisieren, aus der sie dann nicht mehr hinausfinden; oder vielleicht besser: Sie sind im Konflikt mit dem Regime bislang eigentlich gar nicht als zentrale Meinungsführer aufgetreten.

    Im Iran und in Afghanistan liefen im Direktvergleich diese Dinge ziemlich schief. Im Iran war zunächst die Ablösungsphase des Regimes ein längerer Kampf, der von den Protestlern auch vergleichsweise radikal geführt wurde; der Lenker des Ganzen, Chomenei, der für die radikale propagandistische Zuspitzung direkt verantwortlich war, wurde direkt im Anschluß das neue Zentraloberhaupt; und direkt nach dem Umsturz brach der erbittert geführte erste Golfkrieg aus => ziemlich guter Nährboden für einen Totalitarismus. Die Lage ist in Tunesien und Ägypten eher so, daß folgende Möglichkeiten wahrscheinlich sind:

    1) eine anhaltende Phase der Unregierbarkeit => die „Neuen“ können sich auf keine gemeinsamen Verassungsentwurf verständigen; wenn das lange genug dauert, wird eine starke de facto ‚Partei‘ irgendwann einfach Tatsachen schaffen; oft ist es das Militär und die Fortsetzung der Geschichte schreibt dann nur die Vergangenheit fort.

    2) Es wird tatsächlich eine Verfassung mit mehr oder weniger demokratischen Zügen nicht nur erarbeitet, sondern auch von einer Mehrheit anerkannt und erfolgreich umgesetzt. Das ganze wird anfangs relativ störanfällig sein, und zwar sehr wahrscheinlich gerade gegenüber dem islamistischen Populismus. Sehr heikel ist dann sicher die Frage, was das mittelfristig für Israel bedeutet.

    • Ich sehe leider nicht, wie Demokratie ohne Säkularismus gutgehen kann. Wenn mein Geschichtsverständnis mich nicht im Stich lässt, konnte die Erstere immer erst Fuß fassen, nachdem das Letztere durch staatlichen Zwang durchgesetzt wurde, in Europa ebenso wie in der Türkei. Religion ist ihrem grundlegenden Anspruch und Wesen nach totalitaristisch; die Propagierung eines „göttlichen Willens“ ist mit dem Prinzip des Volks als Souverän unvereinbar.

      • Mir ist nicht ganz klar, auf welchen Teil meines Beitrags Du Dich beziehst, aber die medialen Darstellungen werten die revolutionären Kräfte eigentlich sehr eindeutig als säkular und attestieren den Islamisten angesichts der Ereignisse sogar Positionierungsschwierigkeiten: http://www.heise.de/tp/blogs/8/149234

        • Wobei natürlich immer die Frage ist, inwieweit solche Analysen nicht auch auf Wunschdenken beruhen.

          Meine Befürchtung ist ja auch gar nicht in erster Linie, dass die revolutionären Kräfte selbst islamistisch geprägt wären (was ich wirklich nicht beurteilen kann), sondern was geschieht, wenn dann irgendwann tatsächlich mehr oder weniger freie Wahlen stattfinden. Wie stark würde eine Partei, welche die Einführung der Scharia fordert, werden? Wie stark eine gemäßigte, die mit dieser zu koalieren bereit wäre?

          Wie gesagt, ich kenne mich in Ägypten nicht wirklich aus. Unsere liebe Freundin, die Wikipedia, teilt uns jedenfalls mit, dass dort der Islam Staatsreligion sei, und dass Angehöriger anderer Religionen und insbesondere Konvertiten vom Islam weg Repressalien und Verfolgung ausgesetzt seien. Oh, und dass die Scharia Hauptquelle der Gesetzgebung sei. Das ist kein Säkularismus!

        • Ja, Dein zweiter Absatz beschreibt den Teil, den ich auch nicht anders sehe.

          Aber: „Hegasy: Die Muslimbruderschaft ist die einzige breite gesellschaftliche Bewegung. Sie ist offiziell keine Partei, weil der Staat keine Parteien auf religiöser Basis erlaubt.“ (http://www.tagesschau.de/ausland/aegypten418.html)

          Das könnte sich natürlich jetzt ändern.

          Eine relevante Frage ist sicher auch, welche sinnvollen Handlungsspielräume solch eine radikal-islamistische Regierung überhaupt in der heutigen Zeit hätte, wenn sie denn einmal an die Macht käme. Das schlimmste außenpolitische Szenario wäre eine neuerliche kriegerische Zuspitzung des Israel-Konflikts, in dem sich in zweiter Instanz auch andere islamistische Staaten auf Israel stürzen, das in dritter Instanz die NATO zur militärischen Intervention bewegt und in dem in vierter Instanz die Türkei die Seiten wechselt. Angenehm wäre das sicher nicht, aber ich kann Dir jetzt schon verraten, wer diesen Konflikt aufgrund überlegener Militärtechnologie „gewinnen“ würde. Und diese Ereigniskette ist auch hochgradig unwahrscheinlich, denn die Beteiligten wissen alle, wenn die Sache zu arg eskaliert, können sie dabei rein gar nichts gewinnen.

          Ich fand diesen gestrigen Kommentar ziemlich treffend (auch wenn er vom Mob längst ausgebuht wurde, weil der Mob aus Prinzip Leute ausbuht, die als Experten vorgestellt werden): Letztlich darf man einfach nicht zu viel erwarten.

        • Ich fürchte, das Zeitalter der „gewinnbaren“ Kriege ist vorbei. (Darüber habe ich hier auch irgendwo gebloggt, denke ich…) Gegen fanatische Kämpfer, die zu terroristischen Mitteln greifen, hilft militärische Stärke nichts, wie wir ja zur Zeit gerade wieder in Afghanistan sehen.

          Ich will übrigens auch gar nicht darüber nachdenken, wie so ein „gewonnener“ Krieg aussieht, wenn die „Verliererseite“ Atomwaffen einsetzt…

          Aber so weit denke ich ja gar nicht. Ich befürchte ja nur, dass sich die Umstürze auch für die Bevölkerung der Länder selbst als Wandel vom Schlimmen zum Schlimmeren erweisen könnten.

          Atatürk hatte die Türkei säkularisiert und demokratisiert, indem er rigoros und repressiv gegen den Islam vorging (und so nebenbei brutal gegen Kurden und Armenier vorging). Dass es anders geht – oder dass es überhaupt in einem arabischen Land geht – konnten wir bislang noch nicht beobachten.


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