Die perverse Minute

Ich sehe wirklich zu viel fern.

Also, eigentlich sehe ich ja gar nicht so viel fern (an einem typischen Tag zum Beispiel überhaupt nicht), aber es ist doch immer noch zu viel.

So wie gerade eben zum Beispiel als ich, nach Hause kommend, aus irgendeinem Grund beim Abendessen den Fernseher einschaltete. Ich blieb bei der Spielshow „Die perfekte Minute“ hängen, weil ich diese noch nie gesehen hatte und neugierig war, und weil ich Spielshows generell eigentlich ganz interessant finde.

Tja, wie sagt man doch? Jetzt habe ich sie zwei Mal gesehen – das erste und das letzte Mal! Den Vergleich zu „Schlag den Raab“, das ich immer wieder mal ganz gerne schaue, hält diese Sendung in keiner Weise aus – es gibt keine vergleichbare Spannung, da die Rollenverteilung zwischen Raab und Herausforderer fehlt, und die Spiele hier überschreiten im Gegensatz zu dort zu häufig die Grenze von originell zu albern.

Über eine uninteressante Spielshow würde ich aber nicht bloggen, wenn da nicht noch etwas anderes wäre: Vor einem der dämlichen kleinen Spielchen, das von Sonja Kraus in Angriff genommen wurde, erinnerte diese daran, dass sie Botschafterin für den Red Nose Day sei und ihre erspielten Gewinne diesem guten Zweck zukämen. Dementsprechend wurde sie dann angefeuert: „Denk an die Kinder!“

Dann vergeigte sie dieses Spiel im ersten Anlauf, und was wurde ihr vorgeworfen: „Ich habe Dir doch gesagt: Denk an die Kinder!“

Wird da eigentlich nur mir schlecht?

Ich meine, ich verstehe ja das Konzept dieser Sendung: Gemeinnützige Organisationen erhalten Spenden und – vermutlich noch wichtiger – mediale Aufmerksamkeit, und dafür kriegt der Sender Einschaltquoten und die Prominenten positive PR, weil sie ja für einen guten Zweck antreten. Ach ja, und die Zuschauer bekommen mehr oder weniger gute Fernsehunterhaltung geboten. Es haben also alle etwas davon!

Trotzdem finde ich es unglaublich zynisch, wenn die Höhe der Spenden nicht nur von der „Leistung“ der Kandidaten abhängt, sondern dieser Umstand auch noch auf diese Weise vorwurfsvoll thematisiert wird. „Weil Du den Tischtennisball nicht rechzeitig durch das Röhrchen bugsiert hast, verhungert jetzt in Indien ein Kind!“

Wie pervers ist das denn bitteschön?

Schafft das der Kandidat nicht in 60 Sekunden, oder missachtet er die Regeln, verliert er ein Leben.

So die immer wiederkehrende Ansage. Was die teilnahmslose Stimme nicht sagt:

Schafft das der Kandidat nicht in 60 Sekunden, oder missachtet er die Regeln, verliert er ein KINDERLeben.

… aber das klingt doch gleich noch viel spannender, nicht wahr?

Ich stelle mir gerade die Spielshow der Zukunft vor:

Live aus aller Welt zugeschaltet sind zehn an seltenenen Krankheiten leidende todkranke Kinder, die dringend eine lebensrettende Operation benötigen, für die jedoch kein Geld vorhanden ist. Die Kinder und ihre Schicksale werden den Zuschauern in jeweils einem einminütigen Film kurz vorgestellt.

Einige prominente Kandidaten bemühen sich dann, ihnen gestellte Aufgaben zu erfüllen – rohe Eier auf Makkaroni balancieren und solche Sachen halt. Die live zugeschalteten Kinder sehen die Übertragung natürlich auch und feuern die Kandidaten, so gut ihre schwere Krankheit dies zulässt, an.

Es sind insgesamt zehn Aufgaben,und jedes Mal, wenn die Prominenten an einer Aufgabe scheitern, darf das Fernsehpublikum durch Wählen einer Telefonnummer mit einer bestimmten Endziffer (für 1,30 Euro pro Anruf) entscheiden, welches Kind aus der Liveübertragung ausgeschlossen wird. Vorher darf dieses noch einmal rasch mit traurigen Augen bekannt geben, dass es die Hoffnung aber trotzdem nicht aufgibt, und dass es den übrigen Kindern natürlich wünscht, dass ihnen geholfen werden kann.

Am Ende sind dann x von 10 Aufgaben erfolgreich gelöst, und im Abspann wird gezeigt, wie sich die Ärzte in den jeweiligen x Krankenhäusern an die lebensrettenden Operationen machen, deren Finanzierung die Prominenten durch die erfolgreiche Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben ermöglicht haben.

Wäre das nicht unglaublich spannend, anrührend und unterhaltsam zugleich?

Noch sind wir ja nicht so weit, aber gebt der Fernsehunterhaltung noch zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre Zeit – das wird schon!

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Published in: on Februar 25, 2011 at 11:12 pm  Comments (3)  
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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Siehe Folge 12 der ersten Staffel der neuen Doctor Who Serie, das wäre doch was, da wär die Spannung doch gleich noch viel größer!!!

  2. Also da kann ich nur beipflichten – es wird immer unterhaltungsloser im TV – und bezahlen soll man das auch noch. Schade um das Geld.

    • Wie kommt es nur, dass ich bereits beim Lesen dieses Kommentars sicher war, dass sich hier hinter dem Namen ein Werbelink verbergen würde (welches ich gerade entfernt habe)?


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