Anstand ist nicht mehrheitsfähig, Dummheit schon

Ich gestehe es: Ich habe gestern abend die Diskussionsrunde bei Frau Maischberger über den Guttenberg-Rücktritt gesehen. Einerseits, weil ich ein wenig davon überrascht war, dass dieser Rücktritt nun tatsächlich doch stattgefunden hat. Andererseits (und so viel Ehrlichkeit muss sein, ich bin ja schließlich kein Politiker), weil ich vorher das Halbfinalspiel um den DFB-Pokal verfolgt und den Fernseher einfach nicht ausgeschaltet hatte.

Die Guttenberg-Affäre wirft ja zahlreiche Fragen auf: Nach der persönlichen Integrität eines Mannes, der bislang als Hoffnungsträger und Saubermann galt. Nach den Methoden seiner Prüfer, die es ihm ermöglicht haben, mit einer akademisch wertlosen Arbeit seinen Doktortitel nicht nur zu erringen, sondern sogar noch das höchstmögliche Lob „summa cum laude“ einzuheimsen. Nach der Glaubwürdigkeit der akademischen Prüfungsverfahren insgesamt. Nach der Moral der Politik, die wieder einmal bei Verfehlungen eines Angehörigen ihrer Zunft je nach Parteibuch nur zu bagatellisieren oder zu instrumentalisieren imstande war.

Dank dem unerträglich selbstgerechten Auftritt des Leiters der BILD-Parlamentsredaktion in Berlin, Nikolaus Blome, stelle ich mir jedoch noch weitere Fragen: Herr Blome trat auch in dieser Runde wieder einmal als eifriger Guttenberg-Apologet auf, und dies hauptsächlich mit der Begründung, dass dieser Minister schließlich trotz seiner Verfehlungen immer noch bei der Bevölkerung beliebt sei – eine Behauptung, die er offensichtlich auch mit Hilfe repräsentativer Umfragen belegen konnte. Was er allerdings dabei, so gut es ging, unter den Tisch fallen ließ, war der Umstand, dass gerade die Guttenberg-freundliche Position, welche die BILD-Zeitung stets so vehement vertreten hatte, für diese Stimmung in der Bevölkerung maßgeblich mitverantwortlich war!

Als jemand, dem es offensichtlich immer wieder zu seiner eigenen Verblüffung gelingt, eigenständiges, kritisches Denken mit rührender Naivität zu verbinden, konnte ich mich immer nur wundern: Wie konnte irgendjemand ehrlichen Herzens auf die Idee kommen, dass ein Mensch, der sich seinen Doktortitel erschlichen und erschummelt hatte, in einem dermaßen verantwortungsvollen politischen Amt wie dem des Verteidigungsministers noch tragbar sein könnte? Jeder seiner ihm als „obersten Dienstherr“ unterstellten Untergebenen würde für eine solche Verfehlung selbstverständlich degradiert! Dazu kommt noch, dass der hierbei Ertappte, mit den entsprechenden Vorwürfen konfrontiert, mit Lügen reagierte; dass er seine Verfehlungen verharmloste; dass er sich schließlich sogar zum Märtyrer stilisierte, der nicht etwa auf Grund seiner eigenen Fehler zurücktreten musste, sondern auf Grund des ungerechtfertigt gegen ihn aufgebauten Drucks, der es ihm leider unmöglich machte, seine Arbeit weiterzuführen!

Und doch scheint eine Mehrheit, oder zumindest ein sehr großer Teil unserer Bevölkerung, sich einen Verbleib dieser moralisch bankrottten Person im Amt zu wünschen! Man liest von Stimmungsmache und Hetzjagd, von einer aus Neid geborenen Kampagne gegen einen politischen Star. Ist Anstand in Deutschland tatsächlich nicht mehrheitsfähig? Oder liegt das Problem etwa darin begründet, dass der deutsche Umfragebürger, das Stimmvieh dieses Superwahljahrs, einfach nicht BEGREIFT, was an einem akademischen Plagiat so verwerflich ist?

Ich vermute, man muss erst einmal eine Dissertation auf ehrlichem Weg in jahrelanger, mühevoller Arbeit vollendet haben (was auf mich nicht zutrifft), um sich über diesen Fall von akademischem Betrug angemessen aufzuregen. Um ihn jedoch dergestalt zu bagatellisieren, wie es von Vielen getan wurde und immer noch wird, bedarf es schon einer vollständigen Ignoranz und Missachtung des wissenschaftlichen Betriebs!

Wer hat denn letztlich dem angesehenen und beliebten Freiherrn zu Guttenberg den entscheidenden Stoß versetzt? Die Sozis. Die Grünen. Die Linken. Die Intellektuellen. Die Vaterlandsverräter eben! Diejenigen, die hart arbeitende Menschen besteuern wollen, um Sozialschmarotzer zu finanzieren, und die auch den menschgemachten Klimawandel herbeireden und die Evolutionslüge verbreiten…

…hoppla, ‚tschuldigung, da bin ich gerade irgendwie aus der deutschen in die US-amerikanische politische Landschaft geraten! Das darf natürlich nicht passieren, denn Parallelen können sich ja eigentlich gar nicht kreuzen.

Also, zurück zu dem, was ich eigentlich sagen wollte: Kann es sein, dass auch bei uns in Deutschland Bildungsfeindlichkeit schleichend salonfähig wird?

Ich habe meinen Email-Account bei AOL – ein Relikt aus der Frühzeit meiner Internet-Erfahrung. Eines derjenigen Dinge, die mich am meisten daran ärgern, sind die Meldungen von Welt Online, die mir beim Verlassen meiner Mailseite angezeigt werden, und die ich wider besseren Wissens immer wieder einmal anklicke. So widerwärtig tendenziös die redaktionellen Artikel dort zumeist auch bereits verfasst sind, sind sie doch nichts gegen die zahlreichen dumpfnationalen Kommentare zu diesen Artikeln. Abgesehen vom Kreationismus werden dort tatsächlich all jene Positionen vertreten, die ich bis vor ungefähr einem Jahr nur aus den Kreisen rechtsgerichteter US-Amerikaner kannte!

Ich hatte mich früher bereits gefragt, wie es möglich war, dass der wissenschaftliche Konsens des Klimawandels in den USA von breiten gesellschaftlichen Schichten schlicht ignoriert wurde. Ich war zu dem Schluss gelangt, dass die Gründe hierfür in der besonderen gesellschaftlichen und kulturellen Situation in den USA zu finden sein mussten (einfacher ausgedrückt: „Die Amis sind halt dumm.“) Doch genau diese Denkweise, mit der wissenschaftliche Belege ignoriert wurden, da sie ja von „linken Intellektuellen“ stammten, finde ich zu meiner größten Bestürzung auch in deutschen Foren immer öfter!

Die hilflos anmutende Ignoranz, mit der Diskussionsgegner, welche schlicht die besseren Argumente vorbringen, als „unamerikanisch“ oder eben „undeutsch“ (ja, auch dieses Wort kann man vereinzelt bereits wieder lesen!) abqualifiziert werden, wäre eigentlich amüsant, wenn sie nicht so erstaunlich gut funktionieren würde.

Der Rücktritt zu Guttenbergs ist ein Sieg des Anstands. Er ist ebenfalls ein Sieg der wissenschaftlichen Welt gegen die Meinungsmach-Maschinerie des Springer-Konzerns. Er könnte sich jedoch als Pyrrhus-Sieg erweisen, nämlich dann, wenn er sich zur Dolchstoß-Legende des frühen 21. Jahrhunderts entwickelte.

Wenn ein Nikolaus Blome gegen alle Regeln des Anstands und der Integrität einen zu Guttenberg stützt, dann treibt er damit einen Keil zwischen seine bildungsferne Leserschaft und die intellektuelle Elite, und ich muss diesem zweifelsohne äußerst intelligentem Menschen unterstellen, dass er dies bewusst tut; dass er gezielt darauf hinarbeitet, die medialen Verhältnisse in Deutschland zu amerikanisieren. Diesmal ist er noch gescheitert – aber ich fürchte, die Zeit arbeitet für ihn.

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8 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Naja, was du so über die Bild schreibst ist ja schon länger bekannt (oder nicht??) und es wirft immer noch kein gutes Bild (haha) auf sie. Zu dem meiner Meinung nach etwas übers Ziel hinausschießenden Vergleich mit den USA: Längst nicht alle Amerikaner sind dumm, und längst nicht alle Deutsche sind klug, und ich frage mich immer mehr, wie sich dieses Bild tatsächlich so durchsetzen konnte. Und Verbrecher, die sich nur um Macht scheren (und damit meine ich jetzt eher nicht everybody’s Darling K-T), gibt es auch überall.

  2. Das größte was ich je geschreiben habe waren mal 15 seiten für die Schule und da bin wegen des Vergessens einer Quelle (in der Fußnote daraufverweisen und dann im Quellenverzeichnis nicht aufgeführt, mea culpa) um 1 Note abgewertet worden. (also auf 2)
    Das reicht mir ehrlichgesagt schon um mich anständig aufzuregen.

    Was verutlich viele Leute im Rücktritt an KTzGs Seite treibt ist diese Hetze um seinen Rücktritt zu erreichen, die viele vielleicht zume rsten mal bewusst wahrgenommen haben (und zum ersten mal seit Jahren, das sie nicht von Springer angeführt wurde). Verdammt nochmal es ist die Aufgabe der Opposition zu Hetzen bis der Betrüger weg ist! Natürlich war das ein stückweit lächerlich, aber das gehört nunmal dazu, genauso wie ds „vereehrter Herr Kollege“ gegenüber dem politischen gegner in der Debatte.

    Nächste Interessante Frage: warum sind die Intellektuellen eigentlich immer links? Weil die Dummen Rechts sind? (und dieser unsägliche Friedrich wird überwachungs äh innenminister). Oder weil die Intelligenten „rechten“ (hier in abgrenzung zu „linken“) skrupellose(unsachlich, ich weis) Unternehmer und Anwälte werden?
    100 Jahre Propaganda haben dafür gesorgt, das bei links immer an was schlechtes gedacht oder suggeriert wird.

  3. Erstmal ein seeehr großes Schmunzeln über die Einleitung, weil – auch wenn ich Maischberger öfters mal anschaue wenn es interessante Themen gibt oder Diskussionspartner vorhanden sind – ich auf genau dieselbe Weise in diese Show geraten bin. Ich hab den TV angelassen nach dem Fußballspiel…

    Über Guttenberg will ich auch erstmal gar nicht weiter reden, eher über die Kommentatoren diverser Online-Zeitungen! Auch ich stelle immer wieder mit erschrecken fest, wie (man entschuldige meine Ausdrucksweise) absolut behindert die Leute sind die im Internet Nachrichten kommentieren. Man kann sich die Diskussionen eigentlich sparen. Nein, nicht eigentlich sogar IMMER! Es gibt scheinbar nichts als Verschwörungstheorien, Schwarzseher und „asoziale“ Kommentatoren.
    Ich hoffe ja als inständig, dass da wirklich nur typische Harz IV Empfänger vorm Internet sitzen weil sie nichts besseres zu tun haben (ich hoffe das kommt verständlich rüber was ich meine, ich will keinesfalls alle über einen Kamm scheren) und das nicht wirklich ein Querschnitt der Gesellschaft ist.

    Eine Seite die ich gerne anschaue ist dnnd.de
    Da hat man einblicke in dei Verschiedenen online nachrichten und kommentare…

  4. Wieso ist es die Aufgabe der Opposition zu hetzen, na gut es mag jetzt ein anderer weniger Charmanter Typ stattdessen kommen aber ob sich das überhaupt gut für die Opposition (wegen Wahlen usw) auswirkt ist nichtmal klar. (Abgesehen davon dass es in der Politik um die Politik gehen sollte).
    Und ich sehe jetzt erlich immer noch nicht ein, was dieser Betrug bei der Doktorarbeit mit der Politik zu tun hat? Es ist als Politiker ja nicht verlangt dass man das hat, und es hat eigentlich auf den Politiker keinen Einfluss. Und klar er mag Glaubwürdigkeit verloren haben, aber was interessiert das seine Gegner? Er macht den Job ja noch genau gleich gut (oder gleich schlecht) wie vorher bevor man wusste dass er bei der Doktorarbeit betrogen hat, es sollte doch darum gehen wie er seinen Job macht und was er für politische Ziele vertritt. Das Privatleben oder vergangene nicht politische Taten sind doch egal. Ob jetzt jemand seine Freundin bedroht hat (schweizer Beispiel) oder bei der Doktorarbeit betrogen hat oder bei der Abitur abgeschrieben hat ist doch komplett egal, für einen politischen Job, darum soll sich die Justiz kümmern. Und dass jemand wegen sowas abtreten muss ist wirklich dämlich. Es sollte sich wieder mehr um die Politik und weniger um irgendwelche Hetzen und unwichtigen Dinge drehen. Das ist doch genau das selbe wie in Amerika Wahlkampf läuft nicht über Politik sondern über Dinge welche gar nichts damit zu tun machen, wie gut jemand Politiker ist bzw. welche Meinung er vertritt.

    • Wenn man sich natürlich auf den Standpunkt stellt, dass Politik mit Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Gesetzestreue nichts zu tun hat, kann man natürlich so argumentieren.

      Dann darf man sich aber auch nicht beschweren, wenn man eines Tages von einem Berlusconi regiert wird.

      Aber klar, Steuern zahlen nur Arme, und ehrlich sind nur die Erfolglosen.

    • Oh, und noch eine Frage: Woher stammt eigentlich dieser erstaunliche Einblick zahlreicher Guttenberg-Fans, dass der Mann seinen Job gut gemacht hätte? Was hat er denn eigentlich wirklich GEMACHT? Ich weiß nur, dass er eine Reform angestoßen hat, für die es bislang noch keinerlei Möglichkeiten zur tatsächlichen Umsetzung gibt.

      Aber klar, er hat sich eine gute Presse verschafft. Ist das bereits die hinreichende Qualifikation für ein politisches Amt – sich mit der Bild-Zeitung gut zu stellen?

      • OB er den Job gut gemacht aht weis man nicht, das wird nur suggeriert. Genaugenommen kann man bei niemandem genau sagen was er/sie denn eignetlich getan hat.z.B. Frau wieczorek-zeul hat man in den nachrichten fast nie gesehen und trotzdem hat sie angeblich nen guten job gemacht.
        Man weis immer nur ds was suggeriert und von den Medien verbreitet wird. (oder ist das in Berlin anders?)

        zumindest war er andauernd in Afghanistan und hat dort nach dem rechten gesehen, seine mindestanforderung als Verteidigungsminister hat er also erfüllt.
        Was der jetzt den gazen Tag macht kann man doch von garkeinem politiker genau sagen.

  5. Es ist den Medien, der scientific community und der Politik anscheinend nicht gelungen (oder es war zT nicht gewollt), der breiten, nicht-akademischen Bevölkerung klarzumachen, wie schwerwiegend das vorliegende Vergehen eigentlich ist.
    Dazu kommt die unsägliche Äusserung der Kanzlerin zum Thema, die einige Fragen mehr aufwerfen, wie es denn eigentlich dort mit Moral und Anstand bestellt. Ich hoffe auch sehr, bei Angela zu Hause hat es danach ordentlich geknallt und Prof. Sauer hat ihr ein, zwei Takte dazu gesagt.
    Da wurde seitens der Koalition und der Springermedien bagatellisiert, verniedlicht und das beste Argument war eigentlich, die Wissenschaft solle mit ihrer Titelgeilheit aufhören. Titelgeil war an der Stelle nur einer. Mit Sondergenehmigung und ohne zweites StEx promoviert und dann auch noch per Sondergenehmigung den Titel vor amtlicher Bestätigung geführt, das sagt eine ganze Menge aus über diesen Menschen.
    Auch eine Menge kann man ableiten aus seiner Performance in der aktuellen Stunde im Bundestag. Stellt er sich dort hin, und sagt, ihn habe die Befolgung wissenschaftlicher Zitationsregeln überfordert. Als Verteidigungsminister.
    Entweder er ist zu dumm für Dinge, die man ab Semester 1 eingeprügelt bekommt, dann ist er intellektuell nicht geeignet für höhere Ämter. Oder er lügt, ist in Wahrheit kriminell, und somit moralisch disqualifiziert.
    Und dann sagt der CSU-Huber gestern abend, 2013 könne Gutti wieder durchstarten. Mir wurde schlecht.
    Der Mann ist ein Betrüger, ein Erschleicher, ein akademischer Mundräuber, aber das zählt nicht – er ist ja beliebt beim Stimmvieh.
    Welch Geistes diese Leute sind, kann man ganz gut auf der facebook-seite anschauen. Orthographie ist geschenkt, aber nach ausgiebigem Studium der Kommentare dort merkt man schon: Manche Menschen werden gerne geführt. Am liebstem vom gutaussehenden Adel. Am besten mit AC/DC-T-Shirt.


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