Die Gedächtnislücken des Herrn Magath

Ich schreibe wieder einmal über Fußball – nicht weil Fußball ein wichtiges Thema wäre, sondern weil er ein interessantes ist, und weil ich mir WÜNSCHE, dass er ein wichtiges Thema sein dürfte, weil es nicht so viele wichtigere Themen gäbe.

Ich fände es ja schön, wenn ich mir über solche objektiv größtenteils irrelevanten Dinge wie die Geschehnisse im Profifußball oder das Ableben eines ehemals niedlichen kleinen Eisbären Gedanken machen könnte, ohne eine mahnende Stimme im Hinterkopf haben zu müssen, dass unsere Welt maßgeblich von Gewalt, Korruption und Verblendung geplagt wird, und dass ich mich eigentlich damit befassen sollte. So ist es aber nicht. Trotzdem ist es ein Fakt, dass die virtuelle Relität des Profi-Fußballs mich häufig gedanklich beschäftigt (und möglicherweise ist das auch gut und wichtig für meine Seele), und da ich in meinen Blogs über die Dinge schreibe, die mich gedanklich beschäftigen, schreibe ich eben immer wieder auch über Fußball.

Ich will hier ausnahmsweise ein kurzes Video verlinken, in dem sich Felix Magath über seine aktuelle Situation beim VfL Wolfsburg äußert. (Dieses Link führt allgemein zur Video-Seite des Kicker. Das Video heißt „Magaths Zweifel“ und ist zur Zeit dort noch sehr weit oben zu finden. Mit der Zeit wird es vermutlich nach unten rutschen und irgendwann nur noch mit Hilfe der Suchfunktion, wenn überhaupt, zu finden sein – aber wen interessiert dieses Thema schon noch in ein paar Wochen?)

Einiges von dem, was Magath dort sagt, finde ich irritierend bis belustigend:

„Auch diese Situation ist natürlich neu auch für mich.“

Damit bezieht er sich auf den Abstiegskampf. Aber, Moment mal – ist Magath denn nicht gerade eben von einem Verein gefeuert worden, mit dem er sich im Abstiegskampf befand? Aber sicher! Bei Magaths Weggang besaß Schalke gerade einmal 5 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz (und das, obwohl es seine letzte Ligapartie sogar gewonnen hatte) – das ist Abstiegskampf, auch wenn die Situation natürlich nicht ganz so prekär ist, wie die, in der sich Wolfsburg zur Zeit befindet. Und wir wollen auch nicht Schalkes Saisonstart vergessen: Am 5. Spieltag noch Tabellenletzter, am 10. noch auf einem direkten Abstiegsplatz, am 12. zuletzt auf dem Relegationsplatz. Die Erfolge im DFB-Pokal und in der Champions League dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der FC Schalke 04 praktisch ununterbrochen im Abstiegskampf befand, auch wenn er die unmittelbare Gefahrenzone gegen Ende der Hinrunde verlassen hatte. Und man darf auch nicht darüber hinwegsehen, dass dieser Umstand sicherlich erheblich dazu beigetragen hatte, dass Magath überhaupt entlassen wurde: Trotz der ihm vorgeworfenen unsauberen Transferpolitik, trotz seiner für viele nicht nachvollziehbaren Entscheidungen, trotz seiner Differenzen mit der Mannschaft und trotz seiner zunehmenden Entfremdung von den Fans wäre eine Entlassung Magaths sicherlich undenkbar gewesen, wenn zu den Erfolgen in den Pokalwettbewerben auch noch eine vorzeigbare Bundesligasaison gekommen wäre!

Das war aber nicht der Fall. Tatsächlich hat sich die Mannschaft erst unter der Ägide Rangnicks mit zwei Siegen endgültig aus den unteren Tabellenregionen verabschiedet (mit nunmehr 11 Punkten Abstand auf den Relegationsplatz) und kann sich nun wieder nach oben orientieren (6 Punkte Abstand auf den 5. Platz, der zur Teilnahme an der Euro League berechtigt – was jedoch irrelevant wird, wenn Schalke das Pokalfinale gegen Duisburg gewinnt).

Nun kann man sicherlich nicht vereinfachend sagen, dass mit und wegen Rangnick beim FC Schalke der erfolgreiche Fußball zürückgekehrt sei, aber die Unterschiede in der Spielkultur sind durchaus schon auffällig, und wenn man einmal ehrlich ist, hat Schalke zumindest im DFB-Pokal trotz seiner Siege alles andere als geglänzt: Ein 2:1 gegen den VfR Aalen, ein 1:0 gegen den FSV Frankfurt, ein 1:0 gegen den FC Augsburg – drei Krampf-Siege gegen unterklassige Gegner. Dann folgten zwei etwas bessere Spiele mit dem Sieg nach Verlängerung gegen Nürnberg und schließlich dem 1:0 Erfolg gegen Bayern (die allerdings dort wohl auch ihr schwächstes Spiel der Saison ablieferten – grausig war das anzusehen gewesen!) Nur in der Champions League überwogen die guten Eindrücke.

Es darf natürlich darauf hingewiesen werden, dass der gute konditionelle Zustand, in dem Schalke die Mannschaft übernommen hat, Magaths Training zu verdanken ist. Dann darf man aber auch darauf hinweisen, dass die (zum Ende von Magaths Amtszeit) viertwenigsten geschossenen Tore des Teams in der Bundesliga ebenfalls auf ihn und sein taktisches Training zurückzuführen sind. Und gewiss darf man auch darauf hinweisen, dass der unter Magath als Trainer und Manager in Personalunion zur Ligarekordgröße von 38 Spielern aufgeblähte Kader (nur der 1. FC Köln leistet sich mit 37 Spielern – darunter allerdings auch vier Torleute – einen vergleichbar großen Kader) das Training sicherlich erschwert haben und vielleicht sogar für eventuelle taktische Defizite mitverantwortlich sein mag.

Auf jeden Fall ist es aber hochgradig albern, wenn Kommentatoren immer wieder darauf hinweisen, dass diejenigen Spieler, die jetzt unter Rangnick glänzen, schließlich von Magath geholt worden seien! Hallo – Magath hat in seinen weniger als zwei Jahren Tätigkeit auf Schalke praktisch den gesamten Kader ausgetauscht! NATÜRLICH spielen da jetzt diejenigen Spieler, die er geholt hat – welche auch sonst? Und ca. 20 weitere Spieler, die er ebenfalls geholt hat, sitzen währenddessen auf der Bank und auf der Tribüne…

Sicherlich ist Magath ein hochkompetenter Trainer! Dass hat er in seiner Laufbahn zu Genüge bewiesen – die Double-Verteidigung mit den Bayern, die Sensationsmeisterschaft mit Wolfsburg und die Vizemeisterschaft letztes Jahr mit Schalke sollten wirklich ausreichen, um das zu demonstrieren. Aber deswegen ist er nicht vor Fehlern gefeit, und auf Schalke hat er Fehler gemacht, und ich denke, sein Kardinalfehler war, dass er zuletzt nicht mehr in erster Linie wie ein Trainer gedacht hat; dass er, anstatt die Spieler, die ihm zur Verfügung standen, zu verbessern, einfach jede Menge neuer Spieler geholt hat, wohl in der Hoffnung, dass darunter dann einige sein würden, die seinen Ansprüchen genügen. Da war es schon lächerlich, wenn ausgerechnet dieser Trainer sich zwischenzeitlich über die Söldnermentalität von Profispielern ereiferte! (Endgültig zum Schießen ist diese Tirade natürlich seit seinem Wechsel mitten in der Saison zurück zum VfL Wolfsburg geworden.) Die mangelnde Menschlichkeit im Umgang mit seinen Spielern, die ihm vorgeworfen wurde, kann man bereits aus seiner Transfer-Politik erahnen. Spieler sind für ihn eben nichts als austauschbare Eratzteile in einer von ihm konstruierten Maschine.

Ich finde, das hört man auch aus einer seiner weiteren Aussagen dieses Interviews heraus:

„Ich kenne die Spieler natürlich nicht gut genug.“

Das bezieht sich auf seinen neuen – aber eben auch alten! – Verein, auf den VfL Wolfsburg.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, nachzusehen: Der jetzige Kader enthält immerhin 12 Spieler, die dort bereits in der Meistersaison unter Magath standen. Das mag noch nicht so beeindrucken, aber wenn man nur die Spieler betrachtet, welche in mindestens der Hälfte der bisherigen Ligapartien eingesetzt wurden (also in mindestens 16), dann sind das immerhin noch 9 von 13 ! Ich behaupte einmal, das ist bereits eine sehr gute Grundlage, um eine Mannschaft kennen zu lernen – wenn man das wirklich will: Auf Schalke scheint er die ihm zur Verfügung gestellte Zeit, sich mit seinem von ihm selbst zusammengebastelten Kader vertraut zu machen, jedenfalls nicht genutzt zu haben. Rangnick zumindest ist auf Schalke sogar noch ein wenig kürzer tätig als Magath in Wolfsburg und hat sich offenbar auch ohne den Vorteil, den größten Teil der Stammspieler bereits von früher zu kennen, in dieser Zeit bereits recht gut eingelebt.

Eigentlich wollte ich mich jetzt auch einigermaßen ausführlich über den FC Bayern äußern, aber dieser Eintrag hier wird mir zu lang. Deswegen nur die Kurzfassung: Trotz seiner desaströsen Leistung gegen Nürnberg ist Kraft sicherlich nicht Hauptschuldiger an der (für deren Verhältnisse) sportlichen Misere der Bayern, und es war eine absolute Gemeinheit von Hoeneß, diese in aller Öffentlichkeit an ihm festzumachen! Hier ging es ihm nur darum, das Werben der Bayern um Neuer zu unterstützen (welches prinzipiell natürlich eine exzellente Idee ist). Den Torhüterwechsel würde ich auch nicht als Fehler van Gaals sehen: Kraft hatte sich diese Bewährungschance verdient, selbst wenn er sie nicht nutzen konnte. Rensing war damals deutlich länger vom Verein gestützt worden, und Torwarttalente wie gerade eben Neuer, aber auch zum Beispiel Adler schafften nur gerade wegen solcher mutigen Trainerentscheidungen ihren Durchbruch.

Stattdessen müsste der Bayern-Vorstand eigentlich wütend auf sich selbst sein. Warum ließ er zu, dass sich der FC Bayern zu Beginn der Saison als einzige Bundesligamannschaft überhaupt nicht verstärkte, sondern durch Abgänge nur schwächte? Ich denke ja nicht, dass van Gaal Unrecht hatte, wenn er behauptete, dass die ihm zur Verfügung stehenden Spieler genügend Qualität boten – aber was ist mit der Quantität? Wo Magath es mit seinem Kader von zwischenzeitlich über 40 Spielern maßlos übertrieb, setzte van Gaal auf absolute Magerkost: Der FC Bayern hat zur Zeit gerade einmal ACHTZEHN Feldspieler unter Vertrag! Da sollte es doch offensichtlich sein, dass Verletzungen, Sperren und Formschwankungen kaum aufgefangen werden können, und dass kaum Raum für taktische Varianten existiert! Van Gaal mag ja immer mit der selben Taktik spielen wollen, aber die Praxis zeigt, dass dies eben auch gerade wegen des kleinen Kaders nicht möglich ist. Tatsächlich mussten seine Spieler ununterbrochen zwischen verschiedenen Positionen rotieren. Um konstant gute Ergebnisse zu erzielen, ist das einfach zu wenig.

Heynckes muss ja beileibe nicht alles umkrempeln, was der Beinahe-Triple-Gewinner van Gaal als sein Vorgänger getan hat, um das Spiel des FC Bayern zu prägen. Das Angriffsspiel auf die Zange von Robben und Ribery (oder auch „Robbery“ – ich liebe diese Bezeichnung!) aufzubauen, funktioniert hervorragend, wenn es nicht zu alternativlos wird. Auf Talente wie Müller oder Badstuber, aber eben auch auf Contento und – ja! – ebenso auch Kraft zu setzen, ist die richtige Herangehensweise für einen Trainer, der eine Mannschaft formen und Spieler verbessern will – wenn die nötige Grundstabilität gegeben ist. Ich denke, Holger Badstuber hat es nicht gut getan, dass er ständig zwischen Innenverteidigung (mit andauernd wechselnden Partnern) und Außenverteidigung rochieren musste. Ich denke, Thomas Müller wird Unrecht getan, wenn immer er derjenige ist, der, falls es nicht läuft, für den zweiten Stürmer Klose ausgewechselt wird, weil die Flügelzange Robbery für Van Gaal unantatstbar ist, selbst wenn Ribery wieder einmal einen dieser Tage erwischt hat, an dem praktisch jede seine Ballberührungen in einem Ballverlust endet. Ich denke, Bastian Schweinsteiger hätte sehr davon profitiert, wenn sein Nebenmann auf der Doppelsechs und die hinter ihm befindliche Verteidigung die Gelegenheit gehabt hätten, sich positionsgebunden einzuspielen, und seine Formkrise möglicherweise vermieden.

Es gibt einen Unterschied zwischen taktischer Variation und notgedrungener Improvisation, und van Gaal hat sich mit der von ihm durchgesetzten Personalpolitik selbst in die Lage gebracht, auf Letztere zurückgreifen zu müssen. Der Entwicklung seiner Spieler hat dies geschadet.

Warum allerdings noch zu Beginn der Saison, als sowohl diese Probleme, als auch die Differenzen zwischen van Gaal und dem Vorstand längst akut waren, der Vertrag mit van Gaal verlängert wurde, dass muss sich dieser Vorstand schon fragen lassen! Sicherlich stellte diese Verlängerung sowohl eine Stärkung der Position des Trainers dar, der seinen Weg somit noch länger unbeirrt weitergehen konnte, als auch eine zusätzliche Hürde, dieses Beschäftigungsverhältnis zu einem sinnvollen Zeitpunkt zu beenden.

Klar, mit dieser rabenschwarzen Woche, in der der FC Bayern nacheinander gegen Dortmund, Schalke und Hannover verlor, konnte niemand rechnen, und dass nach dem gelungenen Aufbäumen mit dem 6:0 gegen den HSV auch in der Champions League noch das Aus kam, war, ganz objektiv betrachtet, einfach Pech – der FC Bayern war das klar bessere Team gewesen und hatte auch kaum Chancen des Gegners zugelassen, aber diese wenigen Chancen hat Inter eben alle verwertet, während Bayern im Abschluss ein wenig zu ineffizient agierte. Doch ein vorausschauender Vorstand hätte eben nicht auf Grund aktueller Ergebnisse gehandelt, sondern die Gesamtsituation analysiert.

Seit dem frustrierenden und ungerechten Ausscheiden gegen Inter Mailand ist bei den Bayern die Luft auch einfach heraus. Gegen Freiburg und Mönchengladbach wurde zwar jeweils noch knapp gewonnen, aber keineswegs gut gespielt, und das Unentschieden, welches sich die Bayern jetzt gegen Nürnberg gefangen haben, hätte auch schon vorher passieren und sogar eine Niederlage werden können. Van Gaal demonstrierte zuletzt exemplarisch das Prinzip der „Lame Duck“ – ein Trainer, der bereits weiß, dass er bald gehen muss, und der daher einfach nicht mehr in der Lage ist, die notwendigen Impulse zu setzen, um seine Mannschaft aus einer Formkrise herauszuholen. Diese Situation jedoch hatte der Bayern-Vorstand voll und ganz zu verantworten, ebenso wie die Beendigung der Saison unter van Gaals Co-Trainer – eine höchst merkwürdige Konstellation, die andeutet, dass es zuletzt sogar wichtiger erschien, den alten Trainer loszuwerden, als einen neuen zu installieren.

Es wird jetzt sehr, sehr schwer für die Bayern, nächstes Jahr Champions League zu spielen. Trotzdem drücke ich ihnen die Daumen, denn dieses Team besitzt auf jeden Fall das Potenzial dafür, dort nächstes Jahr eine wichtige Rolle zu spielen, insbesondere mit ein paar gezielten Verstärkungen und natürlich einem Manuel Neuer im Tor, der hinter Spielern wie Lahm, Badstuber und Schweinsteiger, die er aus der Nationalmannschaft kennt, nur noch besser werden kann! Hannover 96 hingegen, ohne diesem Verein etwas Böses zu wünschen, möchte ich in der Champions League nicht sehen – das sollte Deutschland seiner Fünfjahreswertung, in der doch gerade erst der zusätzliche europäische Startplatz von Italien erkämpft wurde, nicht antun!

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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Nur zu Bayern: erstmal stimme ich mit Dir überein, dass Bayern in der CL spielen sollte, auch wenn ich immer noch nicht weiss, was genau ich von Slomka halten soll. Aber Konan+10 ist offensichtlich nicht nachhaltig.

    Dann zu den Problemen der Bayern:
    1. TW: Das ist ein Problem und wenn man das in der Öffentlichkeit anspricht, muss der Kraft das abkönnen. Da gehört ein Spitzenmann hinten rein, wobei ich denke, dass Spitzentorhüter nicht in Spitzenvereinen reifen können. Die müssen sich ihr Selbstbewußtsein erstmal in Mannschaften erarbeiten, in denen sie auch was zu tun bekommen (siehe z.B. jetzt auch Rensing, den zurückzuholen wäre interessant).
    2. Sturmspitze: *Wtf? Da ist doch alles OK?* IMHO nicht, aber ich bin auch genau gar kein Gomez-Freund. Wo letztes Jahr die 4 offensiven Leute gemeinsam gewirbelt und gearbeitet haben, läuft dieses Jahr vieles auf Gomez zu, der aber eben nur abschließt. Damit fehlt dann dieser 4.Mann immer wieder mal im Mittelfeld.

    • Es ist eine Sache, einen Torhüter für eine schwache Lesitung zu kritisieren, aber eine andere Sache, die gesamte Krise seit Dezember an ihm festzumachen. (Außerdem ist es ja auch einfach FALSCH, dass die Probleme erst da begannen – es ist nur so, dass von dann an die Ausreden WM und Verletzungspech nicht mehr griffen).

      Mir ist Gomez auch zu unbeweglich und zu wenig in das Angriffsspiel der Bayern eingebunden, aber er hat sich da schon ein wenig vebessert, und er schießt nun einmal seine Tore! Die Offensive ist wirklich NICHT das Problem der Bayern. Sie haben die meisten Tore der Liga erzielt – deutlich vor Dortmund!

      Wenn ihre Offensive ins Stocken gerät, dann liegt das vielmehr daran, das diese vier Leute vorne meistens auf sich alleine gestellt sind. Gegen einen Gegner, der sich hintern reinstellt, muss man eben mit der gesamten Mannschaft angreifen, und da ist dieses Jahr einfach häufig zu viel Statik drin. Ich denke, hier hat sich einfach deswegen ein ängstliches Spiel entwickelt, weil die Bayern immer und immer wieder dumme Gegentore kassiert haben und die hinteren 5 Feldspieler sich deswegen immer seltener und unentschlossener in die Vorwärtsbewegung trauen.

      Wessen Schuld das jedoch nicht ist, ist die von Kraft! Tatsächlich hat er – insbesondere in der Champions League – hervorragend gehalten. Erst zuletzt hat er sich eine kleinere Krise genommen, die dann in jenem Katatstrophenspiel für ihn in Nürnberg gipfelte, und Hoeneß hat auch gleich die Gelegenheit ergriffen, auf ihn einzuprügeln. Erzähl mir nichts – da ging es nur darum, den Fans zu vermitteln: Seht Ihr, wir brauchen Neuer!

      Das Problem der Bayern liegt hinten, wo sie einfach nie die Gelegenheit hatten, sich positionsgebunden einzuspielen.. Ich kann mich auch gut erinnern, dass sie zu Beginn der Saison hauptsächlich eine Ergebniskrise hatten – da hatten sie meistens besser gespielt als der Gegner und dann mit Pech doch nicht gewonnen.

      Seit der Druck allerdings auf die Mannschaft immer höher wurde, zog sich die Hintermannschaft immer weiter zurück. Von Lahm und Wer-immer-heute-gerade-den-linken-Außenverteidiger-machen-muss-weil-er-das-kürzeste-Streichholz-gezogen-hat kommt immer weniger nach vorne, und die Doppelsechs schafft es häufig nicht, das Spiel energisch genug voranzutreiben, weil sie miteinander und den Verteidigern nicht eingespielt ist, und weil Schweinsteiger zuletzt eine beinahe unerklärliche Formkrise hat (als Außenstehender muss man da ja geradezu private Probleme vermuten – was spielt der Mann plötzlich für Fehlpässe und verliert Zweikämpfe!)

      In einem Team, das besonders in der Bundesliga praktisch in jeder einzelnen Partie verpflichtet ist, das Spiel zu machen, muss die gesamte Mannschaft flüssig aufeinander abgestimmt nach vorne kombinieren. Die wirklich sensationelle Offensive der Bayern alleine reicht da nicht.

  2. Zu Magath: Ich frage mich auch was genau jetzt an seiner Position neu sein soll. Gegen den Abstieg hat er doch bereits damals mit Frankfurt gespielt.

    Zu van Gaal: Ich sehe das ähnlich, auch wenn der niederländische „Fußball total“ verlangt, dass jeder Spieler jede Position kennen und spielen können muss, ist das einfach nicht in die Realität übertragbar. Gerade in der Defensive ist Abstimmung und Zusammenspiel entscheidend, wenn dann noch ständig Mittelfeldspieler in der IV und IVler als AV spielen müssen ist das Chaos perfekt. Das größte Problem war jedoch die Prinzipienreiterei. Die Spiele gegen Dortmund (Liga) und Schalke (DFB-Pokal) haben gnadenlos gezeigt was passiert, wenn sich Mannschaften gut auf Bayerns Spiel einstellen: Es gibt keinen „Plan B“ der van Gaal Mannschaft die das Spiel doch noch in eine für die Bayern gute Richtung drehen könnte.

    Zuletzt eine (deftige) Kritik: „und natürlich einem Manuel Neuer im Tor, der hinter Spielern wie Lahm, Badstuber und Schweinsteiger, die er aus der Nationalmannschaft kennt, nur noch besser werden kann!“
    Sorry, aber was ein Schwachsinn! Wieso sollte der Torhüter besser werden, weil vor ihm Spieler aus der Nationalmannschaft stehen? Weht da die Aurora des Kaisers rüber oder macht ein Magnetfeld die Bäller langsamer? Natürlich ist/wäre Manuel Neuer eine Wahnsinnsverstärkung für die Bayern, meiner Meinung wäre er das sogar für jeden Verein der Welt, aber das ist er bereits wenn er die Form dieser Saison halten kann. Falls er noch besser wird ist das ein Resultat seiner zunehmenden Erfahrung (und evtl des Torwarttrainers, Stichwort „andere Methoden“) und nicht seinem Wechsel zu den Bayern geschuldet.

    • Auch zwischen Torhüter und Verteidigung ist eingespielt sein von Vorteil, ganz besonders bei einem modernen Torwart, der im Raum agiert und den Ball rasch und kontrolliert wieder in den Angriff bringen soll. Wie kommst Du darauf, dass gerade hier Abstimmung und Zusammenspiel nicht wichtig seien?

      Die deutsche Nationalmannschaft hat sich seit dem Wechsel von Kahn zu Lehmann im Tor auf einen mitspielenden Torhüter eingestellt und das kontrollierte, rasche Umschalten perfektioniert. Das ist genau das Spiel von Neuer, und das ist eben auch genau das Spiel, welches Badstuber, Lahm und Schweinsteiger in der Nationalmannschaft so hervorragend demonstrieren!

      Ein Torwart ist, um zu glänzen, ebenso von seinen Vorderleuten abhängig, wie ein Stürmer von seinen Hinterleuten, weil sein Stellungsspiel und seine Möglichkeiten zur Spieleröffnung davon abhängen.

  3. Sorry, aber deine Argumentation überzeugt mich nicht:

    1) „Auch zwischen Torhüter und Verteidigung ist eingespielt sein von Vorteil“: Das ist unbestritten. Aber das ist wie du sagst eine Sache der Eingespieltheit, und selbst da ist es hauptsächlich eine Anforderung an die Feldspieler. Ein Feldspieler der um die fehlende Strafraumbeherrschung seines Torhüters weiß muss eben auch im 5m-Raum zum Kopfball hochgehen, etwas was sich die Schalker Mannschaft in den letzten Jahren wohl abgewöhnen konnte. Ein Torhüter dagegen sieht den Ball, schätzt ein ob er ihn erreichen kann, schreit laut Leo und holt sich den Ball. Und wenn die Mitspieler ihm dann nicht absichtlich den Weg versperren ist ihre Schuld auch getan.

    2) Du benennst Lahm, Schweinsteiger und Badstuber als Garanten für die weitere Verbesserung Neuers. Dabei erweckst du den Eindruck, die bisherigen Mitspieler Manuel Neuers wären qualitätiv nicht gut genug gewesen um sein Stellungspiel und seine Spieleröffnung auszunutzen. Nehmen wir die Abstimmung als wichtigen Faktor, ist hierbei vor allem die Abstimmung IV und TW wichtig. Da dies die beteiligten in typischen Situation sind (Flanke aus dem Spiel heraus, langer Ball, usw.). Bei der IV der Bayern sehe ich keinen Qualitätsvorsprung gegenüber Schalke in den letzten Jahren. bis 07/08 waren Bordon und Krstajic nicht oder nicht wesentlich schwächer als die Bayernverteidigung. Danach kamen bei den Bayern Demichelis (mit schwankender Leistung, grade für einen TW nicht von Vorteil), van Buyten, und unter van Gaal diverse Experimente. Bei Schalke standen mit Westermann und Höwedes eher besser als schlechtere Spieler in der Defensive.

    3) Den Punkt was einspielen anbelangt der zweifellos für deine Argumentation spricht ist, dass Neuer nun noch mehr gemeinsame Spiele mit ebendiesen deutschen Nationalspielern haben wird, wobei Badstuber gehörig zulegen muss um dort wieder zu spielen.

    4) Schnelles umschalten: Hier sehe ich ebenfalls nicht, wieso Neuer sich hier aufgrund dieser Feldspieler verbessern sollte. Das ist eine taktische Ausrichtung die der Trainer vorgibt und die offensichtlich bei Schalke auch umgesetzt wurde, sonst hätte Neuer dafür gar nicht bekannt werden können. Schnelle Gegenstöße werden außerdem meist über die Seite eingeleitet, der richtige Abnehmer eines solchen weiten Abwurfs wären also Ribery und Robben gewesen, Schweinsteiger eher weniger. Und dass die Bayernspieler jetzt die Säulen des schnellen Umschaltens gewesen wären ist mir bei der WM auch nicht aufgefallen, ich habe da eher das offensive Mittelfeld Podolski, Özil und Müller gesehen.

    5) „Ein Torwart ist, um zu glänzen, ebenso von seinen Vorderleuten abhängig…“: „Gut spielen“ ginge ja noch aber „glänzen“. Selbst ein 80m Pass wie gegen England auf Klose wird doch in der Retrospektive nicht als Glanztat des Torhüters gesehen, sondern (zu Recht) als Leistung des Stürmers. Welches waren denn die herausragenden Spiele eines jeden Torhüters? Also ich kann mich noch gut an die Leistungen von Neuer z.B. im Achtelfinale gegen Porto erinnern oder aus dieser Saison gegen die Bayern oder in Dortmund erinnern, aber eher weniger an die Serie von Spielen in der Rückrunde 2007/08 an deren Ende der kicker in der Jahresbewertung schrieb, dass Neuer einfach zu wenig Bälle aufs Tor bekam um sich auszuzeichnen. Natürlich spielt der Torwart auch eine wichtige Rolle ohne ständig Bälle aus dem Winkel kratzen zu müssen indem er lange Bälle abfängt und das Spiel schnell eröffnet. Aber die Abhängigkeit von Feldspielern ist meines Erachtens deutlich geringer als du sie hier darstellst.

    • Nach dem Spiel gegen ManU muss ich zugeben, dass die Formulierung „glänzen“ unglücklich gewählt war, denn natürlich hatte Manuel Neuer hinter dieser Abwehr ganz besonders viele Möglichkeiten, sich auszuzeichnen…


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