Gedanken zu Ukraine-Deutschland

Die erste halbe Stunde habe ich verpasst, weil ich im Kino war, aber den Rest der Partie habe ich gesehen. Meine Erkenntnisse:

1. Nein, dieses komische 3-4-2-1 oder wie auch immer funktioniert nicht! Einerseits waren die Gegentore durchaus auf die daraus resultierende mangelhafte Abstimmung in der Defensive zurückzuführen, und andererseits gab es zahlreiche weitere Szenen, welche nicht zu Gegentoren führten, in denen die deutsche Defensivleistung einfach miserabel war. Weiterhin war auch das Offensivspiel der Deutschen nicht wirklich gut – zu oft standen zu viele deutsche Spieler in der Mitte herum, anstatt sich zu bewegen und freie Räume zu nutzen.

2. Letzteres lag auch daran, dass Özil und Götze tatsächlich nicht miteinander funktionieren. Genau genommen war es gestern Özil, der nicht funktionierte. Götze war weitaus aktiver, einsatzfreudiger und flexibler. Özils Leistungen bei Real Madrid kann ich nicht beurteilen, aber nach meinen Eindrücken aus der Nationalmannschaft und Götzes Spiel bei Dortmund würde ich diesem den Vorzug geben.

2. Einige Spieler aus Löws Kader befinden sich schlicht nicht auf dem notwendigen Level. Träsch und Aogo haben in der Form, welche sie zuletzt in der Bundesliga gezeigt haben, und die sie nun auch im Nationaltrikot bestätigt haben, nichts in dieser Mannschaft verloren.

3. Das schwache Ergebnis muss man insbesondere auch in Bezug auf einen ziemlich mäßigen Gegner sehen. Offensiv haben die Ukrainer ihre Konter gut ausgespielt, aber das Mittelfeld haben sie den Deutschen nahezu kampflos überlassen, und – schlimmer, denn das Mittelfeld zu räumen kann ja ein taktisches Mittel einer Kontermannschaft sein! – in der Abwehr ließen sie die deutschen Spieler ebenfalls häufig gewähren, ohne sie anzugreifen, so lange sie sich nicht direkt am oder im Strafraum befanden. Deswegen bin ich ja mit der deutschen Offensive so unzufrieden: Aus den Räumen, welche sich ihnen dort boten, haben sie viel zu wenig gemacht!

4. Andererseits spricht natürlich die Tatsache, dass die Mannschaft dieses Freundschaftsspiel nicht abgeschenkt hat und noch einmal zurückgekommen ist, für sie. Die taktische Einstellung hat nicht gestimmt, die Motivation hingegen schon.

5. Die Bayern-Spieler sind schon zu Recht in der A-Elf.

6. Doch, Zieler war am dritten Tor mitschuld – von wegen unhaltbar: Ich kenne eine Reihe deutscher Torhüter, welche diesen Ball gehalten hätten – und Zieler gehört dazu! Er stand einfach zu weit vor dem Kasten, ohne dass es dafür in dieser Situation einen vernünftigen Grund gab. Zieler ist sicherlich ein talentierter Torhüter, der sehr gute Reflexe besitzt, aber ich habe ihn jetzt schon in mehreren Spielen gesehen, in denen er mich insgesamt mit seinem Aufreten nicht überzeugt hat (einzelne Fehler unterlaufen natürlich jedem Torhüter mal). Es gibt vermutlich andere Gründe, warum Löw Weidenfeller nicht im Nationalteam haben will, aber die Behauptung, Zieler sei ein besserer Keeper als er, ist meiner Ansicht nach falsch und fies. Ich halte übrigens ter Stegen und Unnerstall beide für nicht weniger talentiert als Zieler, und sie machen auf mich auch einen besseren Gesamteindruck.

7. Nein, der nicht gegebene Elfmeter, als Gomez dem verteidigenden Ukrainer den Ball an die Hand schoß, hätte nicht gegeben werden müssen oder sollen! Wer der Ansicht ist, dass die Handhaltung des Spielers „unnatürlich“ gewesen sei, der soll einmal versuchen, dessen Bewegungsablauf nachzuvollziehen und wird rasch feststellen, dass er seinen Arm genau so halten wird, um das Gleichgewicht zu bewahren! Ich gebe zu, vor Ansicht der Zeitlupe ging ich auch von einem absichtlichen Handspiel aus, aber in der Wiederholung war klar zu erkennen, dass die Hand nicht zum Ball ging, und dass der Arm sich an der zu erwartenden Stelle befand.

Wenn ich, als einer der 80 Millionen Bundestrainer in Deutschland, zur Zeit das Team aufstellen würde, dann mit Neuer, Lahm, Badstuber, Hummels, Boateng, Khedira, Kroos, Podolski, Götze, Müller und Gomez. (Sobald Schweinsteiger wieder gesund ist, ersetzt er Khedira.) Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf das Spiel gegen die Niederlande, auch wenn ich der Idee, mit zwei Spitzen zu spielen, eher skeptisch gegenüber stehe – wir haben so ein Überangebot im offensiven Mittelfeld an kreativen Spielern, welche in der Lage sind, Stürmer in Szene zu setzen, dass ich einfach nicht verstehe, welchen Vorteil es hat, zwei Abschlussspieler zu bringen und dafür auf einen Vorbereiter zu verzichten. Ich würde sogar beinahe behaupten, dass das Spielsystem mit zwei „echten“ Stürmern von der Zeit überholt wurde, so ähnlich wie der Libero in den Neunzigern. Vielleicht geht es Löw ja aber auch nur darum, Klose seine Wertschätzung zu zeigen und ihn bei der Stange zu halten (denn leider ist hinter Gomez und ihm erst einmal lange kein A-Elf-geeigneter Vollstürmer für die Nationalmannschaft in Sicht), ohne Gomez‘ Status als Nummer Eins in Frage zu stellen.

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Published in: on November 12, 2011 at 3:44 pm  Comments (4)  
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4 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich gebe dir bei 6/7 punkten absolut recht, aber bei Punkt 6 muss ich dir widersprechen. er stand 1,5- 2 m vor seinem Tor. Das ist der Situation absolut angemessen, der Ball war bei ~30m weit weg.
    Er hätte ihn vielleicht gehalten, wenn er auf der Linie gestanden hätte, aber welche möglichen Bälle hätte er damit verschenkt?
    Diese 1,5m entsprechen absolut der Richtlinie im modernen Torwartspiel(bei dieser Ball-Torentfernung)

    Den Ball hätte maximal Olli Kahn gehalten, aber nur weil er sich niemals von seiner Linie wegbewegt hätte.

    • Hm. Auf Video sieht es eher nach 3 Metern aus. Problematischer ist wohl aber, dass er zusätzlich fast am linken Pfosten steht, wofür es in dieser Spielsituation keinerlei Grund gibt. Beides zusammen ermöglicht dem Schützen, diesen (zugegebenermaßen sehr schönen) Schuss „unhaltbar“ in die linke Ecke zu bringen.

      „Richtlinien“ für modernes Torwartspiel sind eine Sache, aber von einem Nationaltorwart muss man erwarten dürfen, dass er RICHTIG steht. Ich sehe keinen Grund für ihn, hier ein Herauslaufen zu planen – auf der linken Abwehrseite befindet sich zwar ein ungedeckter Angeifer, aber dessen Weg zum Tor ist nicht frei; ein Abwehrspieler kann ihn noch stellen, wenn er angespielt wird. Stattdessen muss der Torhüter sich auf den ebenfalls völlig frei stehenden Gegenspieler in guter Schussposition einstellen, der (was natürlich auch der Abwehr anzulasten ist) die Zeit hat, sich den Ball zurecht zu legen und sich eine Ecke auszusuchen. Hätte Zieler das getan, hätte er deutlich weiter rechts und einen Schritt weiter hinten gestanden und mit einer seiner guten Paraden den Ball halten können. Ich denke, Neuer, Wiese oder auch Weidenfeller haben üblicherweise ein besseres Stellungsspiel.

      • Die richtlinien sollen ja so sein, das man das bestmögliche play macht. Du hast lang genug Magic gespielt um zu wissen wie oft man mit dem richtigen play zu 100% doof aus der wäsche guckt.
        Zieler stand leicht links von der Mitte, der Ball war ebenfalls leicht links der Mitte. kein fehler an dieser stelle auch wenn er natürlich rechts von der mitte besser chancen für diesen ball gehabt hätte.

        btw Stellungsspiel und Wiese in einem Satz. Aber das ist nicht das Thema.

        • Ich weiß aber auch, dass Magicspieler, die sich an allgemeine Richtlinien halten, anstatt einzelnen Situationen angemessen zu entscheiden, damit oft Fehler machen.

          Wenn sich der Ball in 25 Meter Entfernung zum Tor ein oder zwei Meter rechts von der Mitte befindet, dann bedeutet das natürlich nicht, dass der Torwart entsprechend ein oder zwei Meter von der Mitte entfernt stehen muss! Das ist eine Frage des Winkels. Ich behaupte, für die korrekte Position des Torhüters war in dieser Szene ausschließlich die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Weitschusses aus ziemlich zentraler Position maßgeblich, und darauf hatte Zieler sich nicht korrekt eingestellt. Natürlich geht es nicht darum, dass er „ahnen“ müsste, dass der Schuss in den rechten Winkel geht! Ich kann mir seine Position aber nur damit erklären, dass er bereits auf dem Sprung war, dem gegnerischen Rechtsaußen entgegen laufen zu wollen, falls dieser angespielt würde, und das ist einfach falsch in dieser Situation.

          Zu Wiese kann ich nichts Genaueres sagen – ich habe ihn zwar einigermaßen häufig spielen sehen, mir aber nur ungefähre Eindrücke gemerkt.


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