Gedanken zum Tag, 14.09.2012

Ich will einmal etwas Neues versuchen. Ob diese Rubrik es längere Zeit schafft, bleibt abzuwarten – sie stellt einen weiteren Versuch dar, meiner Veröffentlichungsflaute auf Ein Platz für Andi zu begegnen. Es tut mir einfach weh, nur einen winzigen Bruchteil meiner Gedanken zu einem Thema darzulegen, aber da die Alternative nun einmal offensichtlich ist, dass ich gar nichts mehr poste…

Oh, und auch wenn die Betitelung unter Einschluss des jeweiligen Datums dies suggeriert: Natürlich wird es keine täglichen Einträge geben, das nehme ich mir gar nicht erst vor – so realistisch bin ich dann doch noch!

„Proteste“ (eher Lynchmobs) in der arabischen Welt:

Ich fürchte, die gerne vorgenommene strikte Unterscheidung zwischen (friedlichen, toleranten, weltoffenen) Muslimen und Islamisten ist eine künstliche und halb auf Wunschdenken, halb auf Beschwichtigungsabsichten zurückzuführen. (Man beachte, dass wir uns in unserem Sprachgebrauch angewöhnt haben, Islamisten und islamische Fundamentalisten gleichzusetzen, obwohl dies eigentlich unterschiedliche Begriffe sind.) Islamisten sind für uns offenbar Muslime, die sich auf Grund ihrer Ansichten in einer Weise verhalten, die wir nicht akzeptabel finden – genauer: von denen wir mitbekommen, dass sie sich so verhalten. Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir die Allgegenwart intoleranter, fundamentalistisch geprägter, aggressiver Muslime in allen vom Islam dominierten Ländern zur radikalen Randerscheinung verklären. Meinungsfreiheit, welche auch die Möglichkeit zur Kritik am Islam beinhaltet, war doch niemals ein konsensuelles Ziel in irgendeinem vom arabischen Frühling betroffenen Land, und ein Bekämpfen der massiven Frauenfeindlichkeit in jeder islamisch geprägten Gesellschaft stand auch nirgends wirklich auf der Tagesordnung.

Es ist übrigens nachvollziehbar, dass die arabische Welt sich von unserem westlichen Menschenrechtsgefasel nicht sonderlich beeindruckt zeigt, denn weder stehen wir konsequent für diese Standpunkte ein, noch leben wir sie vor: Wir demonstrieren einerseits immer wieder, dass wir mit Selbstzensur und Beschwichtigungspolitik vor Gewalt und Machtdemonstrationen einknicken, und opfern andererseits unsere vorgeblichen Ideale nur zu gerne auf den Altaren von wirtschaftlichen Interessen und Realpolitik. Die USA, verheerenderweise das Leitbild der westlichen Zivilisation, nutzen jeden Vorwand, selbst Menschenrechte einzuschränken und bemänteln unzureichend aus wirtschaftlichen Gründen geführte Kriege als Kampf für die Freiheit.

Ich kann nirgends in der Welt einen friedlichen, toleranten Islam als relevante gesellschaftliche Bewegung erkennen; ich stelle nur fest, dass viele Muslime unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle leben und daher in dubio pro reo als Freunde von Demokratie und Menschenrechten eingestuft werden. Ich kann aber leider auch nicht erkennen, dass der Westen sich als Vorbild zeigt: Was wir der Welt vorleben, ist zynische, kapitalistisch orientierte Machtpolitik, angereichert mit der fahrlässigen Verharmlosung nicht nur des zunehmenden islamischen, sondern auch des christlichen und jüdisch-orthodoxen Einflusses auf die Gesellschaft. In Deutschland fordern wir (zu Recht, aber halbherzig) die Abschaffung des von Muslimen als religiöses Symbol gesehenen Kopftuchs als Symbol der Unterdrückung der Frau, verteidigen aber gleichzeitig das Aufhängen von Kruzifixen in Klassenzimmern als Teil unserer christlichen „Leitkultur“, und suchen verkrampft nach Wegen, die religiös motivierte Beschneidung von Kindern, welche nicht nur eine irreversible Körperverletzung, sondern vor allem auch eine irreversible religiöse Stigmatisierung des Kindes (und damit einen Verstoß gegen eben jene Religionsfreiheit, auf welche sich die Befürworter der Beschneidung so gerne berufen!) darstellt, zu rechtfertigen. Der Einfluss christlicher Gruppierungen in den USA und orthodoxer Juden in Israel ist natürlich noch hundert Mal massiver und demonstriert unmissverständlich, dass es auch bei uns im Westen mit der Trennung von Religion und Staat, sowie der Verteidigung von Menschenrechten gegen religiöse Ideologien, wie wir sie von der islamischen Welt fordern, nicht allzu weit her ist.

Versumpfung zwischen Verfassungsschutz und Neonazis:

Die Bedenklichkeit, dass hier einer Gruppe Neonazis zumindest durch grobe Fahrlässigkeit das wiederholte Morden ermöglicht wurde, ist nur eine Sache, die mir hierbei in den Sinn kommt. Die andere ist, dass sich wieder einmal erweist: Wo Behörden ohne öffentliche Kontrolle arbeiten, wird geschlampt und geschachert. Eine Organisation, die sich in der Lage sieht, Dinge zu vertuschen, tut dies auch – das gilt für Regierungsbehörden ebenso wie für Parteien, Konzerne und Kirchen. Wir müssen endlich aufhören, uns eine „Unschuldsvermutung“ für Organisationen einreden zu lassen: Macht korrumpiert, und die Annahme, dass Fehlverhalten systematisch vertuscht wird, ist keine Verschwörungstheorie, sondern nichts weiter als gesunder Menschenverstand!

Oben-ohne Fotos von Kate Middleton:

Wie, das ist kein wichtiges Thema? Nun, das bedeutet ja nicht, dass ich mir keine Gedanken dazu mache… und außerdem ist es sehr wohl doch ein wichtiges Thema, oder sollte es zumindest sein. Das Recht auf Privatsphäre geht uns alle etwas an! Was haben wir (ich schreibe „wir“, denn Frankreich und England sind uns juristisch doch wohl nicht allzu fern) eigentlich für eine Rechtslage, die es gestattet, Bildaufnahmen von Personen, die sich auf einem Privatgrundstück befinden, ohne deren Einwilligung zu veröffentlichen, ganz unabhängig davon, wie viel Kleidung diese Personen tragen?

Wenn Personen des öffentlichen Interesses sich auf der Straße oder an einem öffentlichen Badestrand zeigen, dann ist das eine Sache (auch wenn es zunächst einmal traurig ist, dass es für solche Paparazzi-Fotos überhaupt einen dermaßen einträglichen Markt gibt). Doch woher kommt dieses Recht, über den Zaun hinweg zu fotografieren?

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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Find ich ne richtig gute Idee, wenn wir auf die Weise wieder mehr von dir zu lesen kriegen. Inhaltlich stimme ich dir leider zu. Erstens leider, weil es ja ziehmlich ernste Probleme sind. Zweitens leider, weil es dann nix zu diskutieren gibt.
    liebe Grüße


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