Dann lieber über Fußball aufregen

Oder genauer, über die Fußball-Berichterstattung. Besser, als sich über wirklich wichtige Dinge aufzuregen, ist es alle Mal, denn das müsste konsequenterweise in Frustration und Trostlosigkeit enden. Und gar nicht bloggen, das ist ja auch doof. Also nehme ich mir rasch einmal fünf Minuten Zeit und rege mich über diese Fußball-Statistiken auf, die in den letzten Jahren allgegenwärtig geworden sind.

Das Prinzip kommt ja wohl aus den USA, auch wenn es auf Fußball vielleicht nicht ganz so sinnvoll anzuwenden ist wie auf zum Beispiel Baseball oder American Football. An Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist insbesondere die in Klammern hinter dem Namen von Spielern stehende Anzahl der Tore, welche diese in dieser Saison bereits erzielt haben – unabhängig davon, welche Position dieser Spieler bekleidet (Manuel Neuer (0 Tore)). Weniger lächerlich, aber schon deutlich ärgerlicher sind die Kicker-Noten, die dieses Magazin so gerne als Teil seiner Analysen nutzt: Die Mitglieder der Siegermannschaft bekommen im Schnitt fast immer deutlich bessere Noten als die der Verlierermannschaft, völlig unabhängig vom eigentlichen Spielverlauf; ganz so, als gäbe es im Fußball keine unverdienten Siege oder ungerechte Niederlagen. Wenn man das konsequent durchzieht, kann man dann später in einer umfassenden Analyse verschiedene Mannschaftsteile als Problemzonen benennen, und um diese Argumentation zu untermauern, hat man ja ein Maß für die Leistung der einzelnen Spieler – richtig, die Kicker-Noten! Im Endeffekt laufen diese Analysen dann natürlich darauf hinaus, dass eine Mannschaft Spiele verliert, weil sie Spiele verliert; aber da man diese sinnentleerte Aussage über den Umweg einer Zahl mit vorgeblich drei signifikanten Stellen absondert, liest sich das Ganze doch furchtbar fundiert, oder?

Und dann sind da diese Spielstatistiken… Besonders gerne werden diese ja hervor gezaubert, wenn eine Mannschaft eigentlich drückend überlegen war, aber trotzdem verloren hat. Das kann man natürlich so nicht stehen lassen; im Fußball verliert die bessere Mannschaft schließlich nie! Was macht man also, wenn ein Team 70% Ballbesitz, ein Eckenverhältnis von 11:0 und ein Torschussverhältnis von 9:1 aufweist, am Ende aber doch diesen einen, entscheidenden Konter erleiden musste, welcher zur 0:1 Niederlage führte? Nun, einerseits benutzt man Begriffe wie „schlechte Chancenverwertung“, „fehlende Entschlossenheit“ oder „Abschlussschwäche“ und tut so, als handele es sich dabei um real existierende Attribute einer Mannschaft, und nicht etwa nur um die rückwirkende Beschreibung eines durch Zufälligkeiten bestimmten Ergebnisses. Dann aber gräbt man noch ganz andere Statistiken aus und hält fest, dass das unterlegene Team ja 53% seiner Zweikämpfe gewonnen und zehn Kilometer mehr als der Gegner gelaufen sei, was man dann wiederum wunderbar mit Begriffen wie „Herz“, „Kampfgeist“ oder „Leidenschaft“ kombinieren kann (mit anderen Worten, man unterstellt den Spielern des Verlierers, sie seien zu faul, wobei allerdings Formulierungen wie „pomadig“, „arrogant“ oder „ohne den letzten Biss“ bei Kommentatoren beliebter sind).

Dabei lässt man zwei eigentlich banale Erkenntnisse einfach unter den Tisch fallen: Einmal, dass diejenige Mannschaft, die sich häufiger in der Defensive befindet, auch mehr Zwiekämpfe gewinnt, weil in der Defensive das ins Aus Spielen eines Balles als gewonnener Zweikampf gezählt wird, in der Offensive hingegen als verlorener. Und zum anderen, dass die Mannschaft, die weniger Ballbesitz hat, mehr laufen muss, weil sie eben dem Ball hinterher läuft, während der Gegner stattdessen den Ball laufen lässt. In solchen Spielen sind eine negative Zweikampfbilanz und weniger gelaufene Kilometer in Wirklichkeit eine Bestätigung der optisch klar erkennbaren Überlegenheit einer Mannschaft! Solche nackten Zahlenwerte sind komplett ungeeignet, um eine Spielanalyse aufzubauen; sie taugen höchstens dazu, einzelne Aspekte einer ansonsten kompetenten holistischen Analyse zu illustrieren… oder aber, man pickt sich einfach diejenigen heraus, die gerade am besten zum Ergebnis zu passen scheinen und „erklärt“ dieses dann damit…

Noch so eine weigehend sinnlose Statistik ist der Prozentsatz der angekommenen Pässe. Ist ja toll, wenn ein Spieler eine Passicherheit von 98% besitzt, aber wenn es sich dabei ausschließlich um risikolose Querpässe in der eigenen Hälfte handelt, hat der Spieler damit nicht wirklich etwas geleistet, während ein Spieler, der immer mal wieder steil in die Spitze spielt, auch auf die Gefahr hin, dass diese Bälle ihren designierten Abnehmer nicht erreichen, zwar vielleicht nur eine Passicherheit von insgesamt 70% aufweist, aber dafür auch drei oder vier gute Torchancen vorbereitet hat!

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Zahlen uns Aussagekraft vorgaukeln, die sie gar nicht besitzen. Das ist gewiss nicht nur im Fußball so – aber über andere Dinge will ich mich jetzt ja nicht aufregen. Oh, und dabei rede ich hier nur von zumindest korrekt erhobenen und wahrheitsgemäß wiedergegebenen Zahlen! Ihr wisst ja: 79,5% aller im Internet befindlichen Statistiken sind frei erfunden…

(Dieser Artikel besitzt übrigens eine Pischner-Note von 1,0.)

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Published in: on Oktober 3, 2012 at 12:00 am  Comments (3)  
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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Der Artikel ist zwar sehr gut und zutreffend, aber nach deiner eigenen Logik (Bayern hat verloren) kannst du leider nur eine 3,5 bekommen ;-)

    Die Noten kommen einem sowieso immer wie ausgewürfelt vor. Der Kicker hat überhaupt nicht die Zeit (= Geld) einzelne Spieler zu bewerten, dafür müsste man das Spiel ja circa 5-6 mal anschauen.

    Die Statistiken sind natürlich nur Spielerei. Ein paar Anmerkungen:
    – Defensivzweikämpfe sind einfacher zu gewinnen, die ausschlaggebenden Effekte sind jedoch: Unterstützung durch Mitspieler, bessere Positionierung bei langen & hohen Bällen (man sieht den Ball z.B. die gesamte Zeit) und der generelle Vorteil, dass man schon dort steht wo der andere erst vorbei muss.
    – Eine Mannschaft die in der Defensive mehr laufen muss als der Angreifer hat schon so gut wie verloren und wird von jeder 1. oder 2.Ligamannschaft hoffnungslos auseinander genommen. Der Sinn der raumorientierten Defensive ist es ja gerade, Gegenspieler zu übergeben und die Formation zu halten. Spielt eine Mannschaft ultradefensiv wird es immer weniger, da die Abstände der Spieler zueinander immer kleiner werden. Wenn zwei eigene Spieler dem Ball näher sind als ich, muss ich als Verteidiger ja nicht lossprinten. Umgekehrt muss die angreifende Mannschaft ständig durch aufwändige Bewegungen versuchen lücken zu reißen. Gut sieht man das bei Barcelona, die quasi immer eine enorme Laufleistung zu stande bringen. Das Ergebnis sieht dann so aus, dass auch immer 4-5 Anspielstationen für den ballführenden Spieler da sind.

    • Ja, dass der Ausgang von Zweikämpfen keineswegs nur vom Verhalten zweier Spieler abhängt, ist natürlich auch richtig, wenn auch die Zweikampfwerte insgesamt trotzdem immerhin vom Verhalten des gesamten Teams abhängen.

      Deine Anmerkungen zur Defensive beziehen sich auf den eigentlichen Angriff. aber ich denke, die meiste Laufarbeit wird im Mittelfeld verrichtet (zumindest stützen das diese Statistiken), wenn es darum geht, Bälle zu erkämpfen oder zu halten und Angriffe einzuleiten. Klar kann sich ein Team ganz an den eigenen Strafraum zurückziehen und den Gegner dann kommen lassen, aber wenn es versucht, im Mittelfeld die Räume eng zu machen und via Pressing dem Gegner den Ball wieder abzujagen, dann geht das Gerenne richtig los, und das sind normalerweise die Extrakilometer, die bei weniger Ballbesitz anfallen.

  2. Statistik kann richtig eingesetzt und analysiert tatsächlich etwas aussagen, aber immer nur im kontext des Gewinnplans der Mannschaft. Random statistik heranziehen um random Fakt zu belegen führt halt nur zu Müll. wusste man aber schon.

    Durch diese dauerhaften Unterbrechungen in amerikanischen Sportarten und die Eventisierung jedes einzelnen Balls haben diese Sportarten deutlich mehr aussagekräftige Statistiken, weil man jede Aktion als irgendwas besonderes Zählen kann und diese aktionen dann auch in sich abgeschlossen sind. Leider versucht jeder Depp aus den wenigen Statistiken die der Fussball bietet seine Analyse zu belegen.

    Die Prozentzahl der angekommenen Pässe ist übrigens zum Vergleich von Spielern durchaus Sinnvoll. wenn man z.B. Kroos und Diego vergleicht. Kroos und Gustavo vergleichen kann hingegen weniger. Hilfreich ist es auch die Zahlen nicht isoliert zu sehen sondern dazu z.B. Keypässe/Lochpässe mit den Quote zu vergleichen.

    Merke: die Statistik selbst ist selten Sinnlos, ihre Nutzung deutlich häufiger.

    Wenn du mehr zu asusagekräftigen Stistiken lesen willst kann ich dir das Blog von James Grayson empfehlen, besonders folgende Artikelserie: http://jameswgrayson.wordpress.com/2011/04/10/predicting-future-performance/

    Übrigens kann man auch verteidigen ohne Aktiv dem Ball nachzujagen, z.B. durch eine Ballorrientierte Raumdeckung. (Stale Solbakken hat das Spielen lassen, in Kopenhagen durchaus mit Erfolg. Wie viele Vereine haben verdient gegen Barca gewonnen in den letzten 5 Jahren?). Dann läuft man weniger als die Mannschaft mit Ball, aber es kommt da auch auf den Stil des Ballbesitzfussbals an.

    Ach ja: Noten sind zur Bewertung von Leistungen im Fussball beinahe genauso Sinnvoll wie in der Schule.
    Und der Kicker ist nach wie vor die beste Printquelle für Fussball in Deutschland.
    Fakt ist leider das in Fussball immernoch gilt: Wer gewinnt hat recht.
    Der HSV war auch in den letzten 4 Spielen klar die schlechtere Mannschaft und hat trotzdem gewonnen. Die sind eigentlich in keinem punkt besser geworden, aber Son trifft auf einmal das Tor.


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