Gedanken zur ewigen Bundesligatabelle

Neben meinem Update der Tabelle der besten deutschen Fußballvereine habe ich jetzt, am Ende der Saison, noch den einen oder anderen weiteren Blogeintrag zum Thema Fußball vor, das mich weiterhin fasziniert. Da ist zum Beispiel die ewige Bundesligatabelle. Ihre Untauglichkeit, irgendwelche Aussagen über den Erfolg von Vereinen im Vergleich miteinander zu treffen ist offensichtlich, aber als historisches, sich entwickelndes Dokument ist sie trotzdem für einen Tabellenfan wie mich interessant. So schlagen sich darin punktuell aktuelle Entwicklungen sogar in bedeutsamen Veränderungen wieder: Erst in der zurückliegenden Saison zum Beispiel hat der FC Schalke 04 den 1. FC Köln überholt und sich damit Platz 7 gesichert! Da Köln am sofortigen Wiederaufstieg gescheitert ist, wird dieser Wechsel auch von längerer Dauer sein.

Ein spannendes Rennen lässt sich hier übrigens zwischen dem HSV und Werder Bremen um Platz 2 (hinter den Bayern, natürlich) verfolgen. Hatten die Hanseaten zu Beginn der Saison noch 17 Punkte Rückstand auf Werder, so ist dieser nunmehr auf bloße 3 Punkte geschrumpft. Da kann sich also jederzeit etwas tun! Der HSV ist ja auch der einzige Verein, der seit der Gründung der Liga dieser ununterbrochen zugehörig ist, wohingegen Bremen ein Jahr ausgesetzt hat. Dieser Einjahresvorsprung hat den Hamburgern allerdings bislang noch nicht ausgereicht, den zweiten Platz zu erobern.

Natürlich spielen sich die meisten Bewegungen der Punktestände im Niemandsland einer feststehenden Platzierung ab, die zu einem großen Teil von der Dauer der Ligazugehörigkeit bestimmt wird. Dortmund zum Beispiel befindet sich bei zwei Jahren weniger Zugehörigkeit auch nach den drei hervorragenden letzten Saisons immer noch 58 Punkte hinter dem VfB Stuttgart. Zwar haben die Dortmunder in diesem Zeitraum sagenhafte 74 Punkte aufgeholt, aber selbst wenn sie diesen Schnitt halten, benötigen sie drei weitere Jahre, um Stuttgart zu überrunden.

Ein Klub, der nach oben und unten so viel Luft hat, dass man davon ausgehen kann, ihn auch in 10 Jahren noch an der selben Stelle zu sehen (es sei denn, einer der Vereine vor ihm verabschiedet sich dauerhaft aus der ersten Liga) ist Bayer Leverkusen – eineinhalb Jahrzehnte weniger Bundesligatradition lassen sich eben kaum wettmachen. Allerdings ist hier der Vergleich mit dem VfL Bochum interessant, der aktuell genau so viele Ligajahre aufzuweisen hat wie Bayer (kaum zu glauben eigentlich!), aber mehr als unglaubliche 400 Punkte hinter dem Werksklub steht.

An dieser Stelle möchte ich Euch ans Herz legen, aus der „klassischen“ Ansicht der Tabelle herauszugehen, und in die „relative“ zu wechseln – die ist nämlich noch viel interessanter! (Allerdings ist sie natürlich immer noch nur begrenzt aussagekräftig, da auch auch hier Vereine in alle Ewigkeit Altlasten mit sich herumschleppen.) Hier erkennt man sofort, wieso Leverkusen einen derartig riesigen Vorsprung vor Bochum hat. Wie kann es nur sein, dass ein Verein mit derartiger Tradition wie der VfL es einfach nicht geschafft hat, über einen längeren Zeitraum respektable Ergebnisse zu erzielen? Die relative Tabelle ist eine der besten Möglichkeiten, sich den Begriff „graue Maus“ am Beispiel von Bochum vor Augen zu führen: Ein Punkteschnitt von 1,184 – das entspricht einer durchschnittlichen Punktzahl pro Saison (nach der 3-Punkte-Regel, auf welche die Tabelle natürlich umgerechnet ist) von knapp über 40 Punkten (in einer Liga mit 18 Mannschaften) – gerade genug, um den Abstieg einigermaßen sicher zu vermeiden. Der Spruch „zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben“ kommt mir in den Sinn.

Eine geeignete Stelle, um einen sinnvollen Cut hinter Mannschaften mit starker Tradition zu machen, ist übrigens ein Punkteschnitt von 1,33 (oder, genauer, von 4/3) – das entspricht einer jeweils gleichen Anzahl von Siegen, Niederlagen und Unentschieden, sowie einem jährlichen Punktedurchschnitt von 45,33. Wer darüber liegt, hat selbst bei recht geringer Varianz nahezu zwingend immer wieder um die internationalen Plätze mitgespielt. Hier ist auch eine besonders große Lücke zwischen Hertha BSC und dem TSV 1860 München auszumachen (München 60 profitiert dabei immer noch von ganz alten Zeiten). Es ist nicht zuletzt diese Tabelle, welche mir die Zuversicht gibt, dass Köln und Kaiserslautern spätestens mittelfristig wieder in der Bundesliga ankommen werden, während ich dies bei München 60, Duisburg oder Bochum nicht erwarte – hier zeichnet sich eben das Bild einer Tradition des unteren Mittelmaßes.

Für „neue“ Vereine ist es natürlich schwierig, in dieser Tabelle zu den ganz alten Traditionsmannschaften aufzuschließen. Leverkusen und Wolfsburg haben bewiesen, dass es geht, aber natürlich war da viel Geld im Spiel, welches Nicht-„Werksklubs“ nicht aufbringen können. Selbst Mainz und Hoffenheim, die durchaus ordentliche Leistungen gezeigt haben, scheinen diesen letzten Sprung nicht machen zu können. Ich sehe lediglich Hannover als Kandidaten, welches eine langjährige Graumaustradition möglicherweise gerade abzuschütteln beginnt (da ist allerdings noch eine ganze Weile Schütteln angesagt). Ich hatte schon dieses Jahr darauf gehofft, dass Hannover wenigstens die Punkteschnittmarke von 1,2 knackt, und die dafür erforderliche 51-Punkte-Saison war ja auch wirklich nicht allzu unrealistisch anzunehmen, aber am Ende haben zwei Siege gefehlt. Nächstes Jahr würden 46 Punkte genügen – wenn Hannover nicht wieder in Abstiegsgefahr gerät, sollte das doch machbar sein!

Bemerkenswert ist übrigens, mit welchem erbärmlichen Punkteschnitt (1,044) Augsburg sich nun bereits zwei Jahre in der ersten Bundesliga hält – damit sind sie der punkteschnittschlechteste Verein ohne eine Abstiegssaison. Noch viel bemerkenswerter ist jedoch der Punkteschnitt von St. Pauli. 0,934? ÜBER ACHT SAISONS? Für einen Klub, der nicht nur ein oder zwei Jahre Bundesligaluft geschnuppert hat und dann wieder für alle Zeiten in der Versenkung verschwunden ist, ist das sagenhaft. DAS ENTSPRICHT EINER DURCHSCHNITTLICHEN SAISONPUNKTZAHL VON WENIGER ALS 32 PUNKTEN. Zieht Euch das rein! Unter anderem auch deswegen sage ich immer wieder, dass St. Pauli, der angeblich besonders sympathische Verein, gerne in der zweiten Liga sympathisch sein darf.

Zurück zum oberen Tabellenende: Es gibt 6 Klubs, die sich mit einem Punkteschnitt von über 1,5 (entspricht 51 Saisonpunkten) ganz besonders auszeichnen. Das ist die Creme de la Creme des deutschen Fußballs; dies sind die Vereine, welche zumindest mit historischer Berechtigung tatsächlich erwarten können, immer wieder um das internationale Geschäft mitzuspielen – hier liegt Konstanz über viele Jahrzehnte hinweg vor. Selbst eine mehrjährige Krise darf man daher zunächst einmal als genau dies ansehen: Eine Krise, nicht mehr. Bremen, Stuttgart und der HSV sind zuletzt ein wenig abgetaucht, aber ich habe keinen Zweifel, dass sie wiederkommen werden.

Und dann sind da noch die Bayern. Bei all den Rekorden, welche sie in dieser Saison aufgestellt haben, ist eine Sache gar nicht angesprochen worden, obgleich ich sie für besonders sensationell halte: DER FC BAYERN HAT JETZT EINE DURCHSCHNITTLICHE TORDIFFERENZ VON ÜBER +1,0 PRO SPIEL. Über die gesamte Dauer seiner Bundesligazugehörigkeit. Das ist schlicht Wahnsinn!

Auf Platz zwei in dieser Rangliste findet man dann Bayer Leverkusen mit +0,32. Von einem Klassenunterschied zu sprechen, ist hier eine Verharmlosung. Da liegen wahrhaftig WELTEN dazwischen – in diesem Fall passt diese Phrase ausnahmsweise einmal. Zu Beginn dieser Saison war ich noch vorsichtig optimistisch gewesen, dass der FC Bayern die Schwelle von +1 überschreiten könne, war mir aber bewusst, dass sie dafür eine hervorragende Saison benötigten (sie hatten weitere 34 Tore gegenüber dem „Standard“ einer Saisontordifferenz von +34 aufzuholen – sie benötigten also eine Tordifferenz von +2 PRO SPIEL). Nun ja, sie haben dieses Erfordernis um 12 Tore überboten…

Was bleibt den Bayern noch zu tun? Das nächste logische Ziel (im Kontext der ewigen Bundesligatabelle) ist ein Punkteschnitt von 2,0. Das ist ein gigantisches Ziel, bedeutet es doch eine durchschnittliche Saisonpunktzahl von 68 Punkten (was in ca. der Hälfte der Fälle für den Meistertitel reicht)! Aber Bayern steht bereits bei über 66 Punkten Saisonpunkteschnitt (ja, auch das ist schon Wahnsinn), und ihr Punkteschnitt der letzten 10 Jahre liegt bei 72,2 – da erscheint es nur als eine Frage der Zeit, bis die Bayern ihre „Altlasten“ abgearbeitet und auch dieses Ziel erreicht haben… legt man ihre Leistungen der letzten 10 Jahre zugrunde, reichen allerdings 20 Jahre dafür gerade knapp nicht aus.

50 Jahre Bundesliga sind eben doch eine ganze Menge.

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