Pischner träumt mal wieder

Klar, ich träume vermutlich jede Nacht, und zuletzt erinnere ich mich auch fast immer daran, aber diesmal war es wieder einer dieser Träume, die gleichzeitig unglaublich interessant und ziemlich verstörend sind, und die vor allem FAST Sinn zu ergeben scheinen – jedenfalls gerade genug, um sie einigermaßen zusammenhängend nacherzählen zu können. Allerdings handelt es sich diesmal nicht um eine komplett abgeschlossene Geschichte, wie ich sie einmal geträumt hatte, sondern nur um ein Fragment:

Ich wurde (in diesem Traum war ich unzweifelhaft ich und nie nur in der Beobachterrolle) zusammen mit einigen ehemaligen Freunden (und ehemaligen Haustieren) von einer bösen Hexe am Nordpol festgehalten. Uns gelang es jedoch nach und nach mit untereinander abgesprochenem Verhalten, dass sie einigen von uns zu vertrauen begann (im Wesentlichen durch die Inszenierung eh zum Scheitern verurteilter Fluchtversuche, die wir dann selbst verrieten/vereitelten). Das funktionierte wohl nur, weil die Hexe nicht einfach abgrundtief böse war, sondern auf Grund früherer schlechter Erfahrungen verletzt und hasserfüllt (und mehr als nur ein kleines bisschen gestört), und deswegen ernsthaft glauben konnte – wenn nicht sogar erwartete! – dass andere für ihre Ansichten und Pläne Sympathie aufbrachten.

Was ihre Pläne anging: Sie hatte heimlich eine Zeppelin-Flotte aufgebaut, und da die ganze Geschichte irgendwie im frühen 19. Jahrhundert spielte, war sie damit militärtechnisch Europa meilenweit voraus. Mit dieser Flotte wollte sie Teile Europas erobern, und zwar Gebiete entlang des Rheins, der Donau und dem Schwarzen Meer – vermutlich war das der Weg, den sie im Verlauf ihres Lebens zurückgelegt hatte, bis sie in ihr Exil am Nordpol gelangte (sie machte Andeutungen, dass sie aus der Gegend östlich von Trabzon stammte), und weil ihr dort überall Hass und Ablehnung entgegen schlugen, wollte sie sich an den Menschen dort rächen und sie versklaven… oder auch nur die herrschenden Eliten absetzen und die Dinge dort zum Guten ändern, wer kann das schon sagen? Die Hexe spekulierte wohl darauf, dass die zerstrittenen deutschen Kleinstaaten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen sie einigen konnten; sowie dass Teile des Königreichs Österreich (insbesondere Ungarn) sowie des Osmanischen Reiches sie eher als Befreier denn als Besetzer sehen würden; und dass der Rest Europas stillhalten würde, um nicht in diesen Konflikt hineingezogen zu werden, und vielleicht sogar politischen Vorteil daraus zu ziehen.

Sie konsultierte dann mich, um ihr bei der Durchführung ihrer Pläne zu helfen, vermutlich weil ich so oberschlau bin, aber wohl auch, um meine Loyalität auf die Probe zu stellen. Im Interesse unserer Fluchtpläne tat ich mein Bestes. Ich erklärte ihr, dass ihr anfänglicher militärischer Vorteil nicht ausreichen würde, um ein dermaßen langgestrecktes Gebiet zu erobern und unter Kontrolle zu behalten, und dass eine solche spektakuläre Offensive dazu führen würde, dass sowohl die deutschen Kleinstaaten, als auch die europäischen Großmächte Preußen (das ja selbst am Rhein gelegene Gebiete verlieren würde), Frankreich und Großbritannien sich unmittelbar bedroht führen und eine Entente gegen sie eingehen würden. (Russland würde sich vermutlich tatsächlich heraus halten.) Anstatt die Gespaltenheit Europas auszunutzen, würde die Hexe es mit einem gemeinsamen Feindbild vereinigen. Napoleon war den Menschen noch frisch in Erinnerung, und in Gegensatz zu diesem besaß die Hexe nicht einmal eine patriotische Heimatfront.

Die Hexe erwähnte, dass sie einige wichtige politische Persönlichkeiten Großbritanniens kontrollierte und so genügend Verwirrung stiften könne, dass zumindest diese Großmacht nicht in den Krieg eingreifen würde. Ich wies darauf hin, dass sie in diesem Fall das Pferd falsch herum aufzäumte: Einmal würde ein Reich, welches seine Vormachtstellung seiner Seeflotte verdankte, niemals tatenlos zusehen, wie eine auf einer überlegenen Luftflotte basierende Weltmacht auf dem europäischen Kontinent entstünde. Zum anderen wäre der Einfluss der Hexe doch viel besser eingesetzt, um nach und nach (also unauffällig, nicht spektakulär) die Herrschaft in Großbritannien zu übernehmen, und zwar mit weitgehender Billigung der politischen Elite, indem man ihnen die Zeppelin-Flotte als BRITISCHES Machtinstrument verkaufte; die logische Fortsetzung der Seeherrschaft als Luftherrschaft! So könnte die Hexe erreichen, dass zumindest eine europäische Großmacht sie tatsächlich unterstützte, und dass ihre Herrschaft über verstreute kontinentale Gebiete als nebensächliche Konzession verstanden werden konnte, ja mehr noch; als ein Beitrag zur weiteren politischen Destabilisierung Kontinentaleuropas, die natürlich im ureigensten britischen Interesse lag.

Preußen und die deutschen Kleinstaaten wiederum ließen sich durch die Weltmacht Großbritannien natürlich viel besser gegeneinander und gegen Österreich ausspielen, ebenso wie Unruhen im Vielvölkerstaat geschürt werden konnten, und zwar BEVOR die Hexe als neue europäische Macht in Erscheinung trat. Wenn dann Mitteleuropa mit kleineren Kriegen gegeneinander und Aufruhren beschäftigt war, während die Hexe ihre Macht in Großbritannien konsolidierte, war abzusehen, dass das Osmanische Reich die Situation nutzen würde, um seinen Einfluss in Richtung Österreich weiter auszudehnen, diesen Rivalen weiter zu schwächen und alte Rechnungen zu begleichen.

Dann schließlich konnte die Hexe mit ihrer Zeppelin-Flotte tatsächlich als Befriederin und Befreierin auftreten; eine starke ordnende Hand in den deutschen Gebieten, nach der sich eine kriegsmüde Bevölkerung unterdessen sehnte; eine Wiederherstellerin der österreichischen Monarchie (die allerdings komplett von der Hexe abhängig wäre und zu einer Marionettenregierung verkäme); sowie die Verteidigerin Europas gegen die osmanischen Horden. Damit bliebe als einziger größerer Gegner nur noch das Osmanische Reich übrig. Preußen verlöre zwar einen Teil seiner Westgebiete, wäre aber froh, sich überhaupt noch als Großmacht stabilisieren zu können und würde seinen Blick lieber wieder einmal eher nach Osten, auf Polen, richten, anstatt sich mit einer militärtechnisch weit überlegenen Macht, die auch noch mit Großbritannien verbündet war, anzulegen; insbesondere, da mit Österreich ein klassischer Rivale im Kampf um Einfluss auf das polnische Gebiet anderweitig beschäftigt war (und die Hexe konnte Preußen ja ausdrücklich Konzessionen für diese Gegend im Austausch für die Länder am Rhein anbieten).

Russland würde dieser Entwicklung zwiespältig gegenüber stehen: Einmal wäre eine Schwächung des Osmanischen Reichs natürlich in seinem Interesse. Andererseits würde Russland sich natürlich von einer Luftflotte, welche die größte russische Stärke in den früheren Landkriegen – seine Ausgedehntheit – relativierte, bedroht fühlen. Wenn die Hexe sich jedoch ausdrücklich auf Österreich (einschließlich Ungarn), sowie die Übernahme von Gebieten innerhalb des Osmanischen Reichs beschränkte, und keine Ambitionen auf das nördliche Schwarzmeergebiet und Polen zeigte, würde Russland sich Preußen als hauptsächlichem europäischen Konkurrenten zuwenden. Preußen und Russland gegeneinander ausspielen, das wäre doch perfekt!

Da Spanien nicht unmittelbar betroffen und zur Zeit mit sich selbst beschäftigt war (Carlisten-Krieg), und für das sich gerade erst zu vereinigen beginnende Italien das Gleiche galt (wobei der Kirchenstaat der Zurückdrängung der Osmanen natürlich sehr wohlwollend gegenüber stünde), bliebe so nur noch Frankreich als Gegenspieler übrig, welches aber ebenfalls mit einer eigenen drohenden Revolution zu kämpfen hatte und schlicht nicht die Möglichkeiten besaß, Großbritannien im Verein mit einer neuen Luftmacht die Stirn zu bieten, sondern im Gegenteil froh war, wenn es nicht allzu tief in die Verwirrungen in Mitteleuropa hinein gezogen wurde (schließlich existierten noch gewisse französische Bündnispflichten mit Preußen, Österreich und Russland).

Während ich all dies darlegte, applaudierten mir meine Mitgefangenen heimlich, weil ich so überzeugend war, während ich gleichzeitig stolz auf mich und besorgt war, dass ich der Hexe gerade einen Plan in die Hand gab, ganz Europa mit Krieg zu überziehen und teilweise zu erobern (aber hey – ich würde Hitler verhindern, stimmt’s?) Und dann wachte ich auf, ohne dass die Geschichte ein Ende fand. Nun ja, offensichtlich ist es mir ja gelungen zu entkommen und die Welt rechtzeitig zu warnen, nicht wahr?

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Published in: on August 15, 2013 at 5:51 pm  Schreibe einen Kommentar  
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