Max und Moritz, moderne Massenmörder

„Bosheit ist kein Lebenszweck.“ – Max und Moritz

Ziemlich starker Tobak, dieses Gedicht von Wilhelm Busch!

Der Mann hat im 19. Jahrhundert gelebt, in dem Kinder gewiss nicht mit Samthandschuhen angefasst wurden, aber trotzdem handelt es sich natürlich um bewusste Übertreibungen, wenn erst der Bäcker versucht, sie lebendig in seinem Ofen zu backen; und dann der Müller sie in seiner Mühle schrotet. Ich vermute auch, dass diese Verbrechen – allen Streichen der beiden zum Trotz – allgemein auf Entsetzen und Ablehnung gestoßen wären, anstatt auf wohlwollende Zustimmung.

Aber was für Streiche sind das denn? Gut, ein paar davon stellen – ich erhebe hier keinen Anspruch auf juristische Korrektheit! – lediglich Sachbeschädigung, einfachen Diebstahl, Einbruch oder Hausfriedensbruch dar. (Ein moderner Begriff wie Tierquälerei ergibt im zeithistorischen Kontext keinen Sinn.) Vermutlich muss man auch nicht nur die Zeit, sondern ebenfalls das dörfliche Umfeld bei der Beurteilung berücksichtigen, in dem es wohl tatsächlich nicht unüblich war, dass herumstreifende Kinder Lebensmittel stahlen. Nichtsdestotrotz kann ich aus heutiger Sicht lediglich die Maikäfer und die angeschnittenen Maltersäcke überhaupt als „Streiche“ einordnen – bereits einigermaßen gemeine, aber zumindest weitgehend harmlose – denn ein Streich ist nach moderner Auffassung ein Selbstzweck; er ist etwas, was man jemandem gezielt „spielt“. Diebstahl oder (in veralteter Begrifflichkeit) Mundraub fällt nicht mehr darunter, auch wenn der Sprachgebrauch hier früher anders war.

Einer verwitweten Frau, welche auf dem Dorf lebt, alle ihre Hühner zu töten, war in der damaligen Zeit allerdings ein gutes Stück folgenschwerer, als wir es heute wahrnehmen würden: Vermutlich trugen diese Hühner maßgeblich zu ihrem Lebensunterhalt bei! Nun gut, dass Kinder über diese Konsequenzen vielleicht nicht nachdenken, das kann ich noch akzeptieren (wenn auch keineswegs gutheißen). Und die explodierende Pfeife? Ja, das ist schwere Körperverletzung! Doch so schwer es mir auch fällt, dies nachzuvollziehen: Solche gefährlichen Streiche waren damals keineswegs unüblich – ebenso wie die intensive körperliche Züchtigung von Kindern – und Schießpulver galt vielerorts als akzeptables Spielzeug für Jungs. Schließlich die Lücke in der Brücke: Die könnte man durchaus als Mordanschlag deuten! Der Steg führte über „brausendes“ Wasser; der Schneider konnte vermutlich (wie die meisten Menschen seiner Generation) nicht schwimmen… aber trotzdem darf man zu Gunsten von Max und Moritz annehmen, dass sie davon ausgingen, der Schneider würde nach einiger Zeit ein Stück flußabwärts prustend und plitschnaß, aber lebendig aus dem Wasser steigen.

Wenn ich nun schreibe „zu Gunsten… annehmen“, dann benutze ich bewusst eine Formulierung, die darauf hinweist, dass Zweifel bestehen, welche im Sinn der Unschuldsvermutung ausgelegt werden müssen – und die NICHT etwa bedeutet, dass ich es wirklich glaubte! Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die beiden „Kinder“ (Jugendliche?) die Herbeiführung einer lebensbedrohlichen Situation für ihr Opfer bewusst in Kauf nahmen, wenn nicht sogar anstrebten… Wieso? Nun, weil es solche jungen Menschen auch heute gibt! Sie legen schwere Hindernisse auf Eisenbahnschienen; sie schleudern von Autobahnbrücken aus Ziegelsteine auf fahrende Autos; und sie blenden die Piloten von Verkehrsflugzeugen im Landeanflug mit Laserpointern.

Ich setze jetzt einmal voraus, dass jener 14-Jährige nicht schwer geistig behindert war, und in diesem Fall gibt es keinen Zweifel daran, dass ihm klar gewesen sein muss, was er da tat: Ausprobieren, ob es ihm gelang, Flugzeuge zum Absturz zu bringen! Die korrekte Bezeichnung der hier vorliegenden Straftat lautet wohl „gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr“. Damit – und natürlich auch, weil er noch dem Jugendstrafrecht unterliegt – kommt der Täter wirklich verdammt gut weg! Max und Moritz konnten noch begründbarerweise annehmen, dass ihre Streiche anderen Menschen nicht den Tod bringen würden. Jener 14-Jährige hat diese Ausrede nicht: Dass ein Flugzeugabsturz Tote bedeutet – VIELE Tote – begreift ein Kind spätestens im Grundschulalter. Dieser jugendliche Täter ist ein potenzieller Massenmörder, und sein Alter ist keine Entschuldigung – lediglich Grundlage für die nicht vollständig unberechtigte Hoffnung, dass er sich noch ändern könnte (was man bei jedem Verbrecher hoffen möchte, aber in jungen Jahren noch deutlich wahrscheinlicher ist).

Ein „Streich“ war das nicht; ebenso wenig wie 14-jährige „Kinder“ sind. Ich sehe ein, dass es Entscheidungen gibt, deren Tragweite Jugendlichen auf Grund ihrer mangelnden Lebenserfahrung noch nicht bewusst ist, und dass deswegen das Jugendstrafrecht generell eine sinnvolle Einrichtung ist. Ich akzeptiere jedoch nicht, dass Minderjährigkeit eine Entschuldigung dafür ist, zu seiner Unterhaltung bewusst Menschenleben in Gefahr zu bringen! Natürlich verlange ich nicht, dass dieser Junge in einem Ofen gebacken oder in einer Mühle zerkleinert wird – aber ihm sollte unmissverständlich klar gemacht werden, dass er es absolut verdient hätte!

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