Die Grundlagen von Glaube und Ethik

Was ist richtig, was ist falsch? Was ist der Sinn des Lebens? Und führt die Antwort auf die zweite Frage zur Antwort auf die erste?

Dies sind die grundlegenden Fragestellungen unserer Existenz. Alles andere sind Details, oder eine Suche nach Fakten, welche ohne Einordnung in diese fundamentalen Konzepte bedeutungslos sind – gewiss ist es nützlich zu wissen, wie das Universum funktioniert, aber mit diesem Wissen können wir nur etwas anfangen, indem wir es zielgerichtet einsetzen, und diese Ziele ergeben sich aus den Antworten auf die Grundfragen.

Wer meine Blogs liest oder mir auf Twitter folgt weiß, dass ich Religion äußerst kritisch gegenüberstehe. Eigentlich jedoch zielt meine Kritik auf bestehende Religionen, bzw. darauf, wie deren bekannte Vertreter sich präsentieren, gelebt und wahrgenommen werden. Real existierende Religionen versuchen nicht zu erklären; sie leugnen die Realität, nutzen die Dummheit und emotionalen Bedürfnisse der Menschen für die Zwecke einiger weniger aus, verschleiern und ignorieren innere Widersprüchlichkeiten, locken mit Lügen und falschen Versprechungen, und drohen sowohl ihren eigenen Anhängern als auch anderen Menschen. Sie sind schädlich, gefährlich und unnütz, da ihre axiomatisch gesetzten Grundannahmen und die auf ihnen basierenden Wertesysteme weder notwendig sind, um ethisches Handeln zu begründen und zu motivieren, noch dies in der Regel überhaupt tun. Sie sind im Prinzip nichts weiter als ansteckende Geisteskrankheiten, zu deren Symptomen es gehört, dass die Befallenen sich einer Heilung verweigern.

Nein, es gibt keinen Gott, zumindest nicht in einer Form, welche auch nur annähernd mit dem Begriff „Gott“, wie die großen Religionen ihn verwenden, verwandt wäre. Zwar können wir nicht wirklich mit letzter Sicherheit wissen, dass es kein übernatürliches, äußerst mächtiges Wissen gibt. Wir können aber in jedem Fall ausschließen, dass dieses allmächtig ist, denn daraus ergeben sich zwingend Widersprüche, die sich nur auflösen lassen, wenn wir unsere Fähigkeit die Welt um uns herum zu erkennen, komplett in Abrede stellen, und damit dem Konzept, welches wir so retten wollen, ebenfalls die Grundlage entziehen: Die Annahme, dass es ein allmächtiges Wesen geben könnte, unterliegt nur dann keinem Widerspruch, wenn wir die Bedeutungslosigkeit aller Annahmen annehmen.

Doch selbst eine Relativierung des Begriffs der Allmacht rettet das Konzept „Gott“ nicht. Einmal gibt es keinen Hinweis auf die Existenz eines solchen Wesens, welcher einer kritischen Überprüfung standhält. Zum anderen gibt es sehr wohl funktionierende Erklärungsansätze, wieso die irrtümliche Annahme einer solchen Existenz – der „Gottesglaube“ – in der menschlichen Psyche entsteht. Deswegen ist es genau so sinnvoll, die Existenz des fliegenden Spaghettimonsters oder des unsichtbaren rosa Einhorns anzunehmen (darauf hinzuweisen, stellte wohl den Ursprung jener Pseudo-Religionen dar) – mit anderen Worten, es ist unsinnig.

Tatsächlich aber ist die Existenz Gottes nicht nur extrem unwahrscheinlich und in keiner Weise zu erwarten; sie ist sogar komplett auszuschließen! Der Grund dafür ist ein unauflösbarer Widerspruch, welcher diesem Konzept, wie Religionen es präsentieren, innewohnt. Warum sollte ein wohlmeinender Gott, dem ausdrücklich daran gelegen ist, dass seine Existenz angenommen und seine Gebote befolgt werden, keine einem ehrlichen Zweifler einleuchtenden Hinweise auf seine Existenz geben? Warum sollte er unkritischen, blinden Glauben belohnen, welcher Menschen doch ebenso leicht in eine konkurrierende Religion oder in den Fanatismus einer extremen Ideologie treiben kann (und dies auch tut), je nachdem, womit sie in prägenden Phasen ihres Lebens gerade in Berührung kommen?

Es wäre ja nachvollziehbar, dass ein Gott, der Wert darauf legt, dass Menschen sich selbsttätig dafür entscheiden, gut zu handeln, seine Präsenz als allmächtiger Gott nicht unzweifelhaft darstellte, denn damit zwingt er ja effektiv alle Menschen aus bloßer Furcht seine Gebote zu befolgen. (Nicht wirklich überraschend – da sie ja in Wahrheit menschliche Erfindungen sind – haben Religionen auch jahrtausendelang genau so funktioniert.) Wenn allerdings die selbständige Entscheidung der Menschen wichtig ist, dann ist es widersinnig, sie darauf zu beschränken, die göttliche Existenz zu erraten, und sich dann blindlings auf deren (von Menschen offensichtlich zumindest weitergeleitete) Gebote zu verlassen, anstatt die Frage, was gut und richtig ist, zu jedem Zeitpunkt unter Einbeziehung aller verfügbaren Informationen erneut zu treffen! Tatsächlich würde also ein solcher hypothetischer Gott in logischer Konsequenz seine eigene Existenz verschleiern. In gar keinem Fall aber würde er sich erst in einer frühen Zeit den Menschen eindeutig offenbaren, und dann später, wenn die Menschheit in der Lage ist, die Authentizität einer solche Offenbarung zweifelsfrei nachzuweisen oder zu widerlegen, solche Offenbarungen einstellen!

Alle größeren Religionen beruhen offensichtlich im günstigsten Fall auf einem Irrtum, wenn nicht sogar auf einer mehr oder häufig auch weniger gut gemeinten Lüge. Doch stellt dies ein zwingendes Merkmal dar? Ich bin hier kein Fachmann und kenne nicht jede einzelne existierende Religion, doch meiner Ansicht nach schließen Vernunft und Religion einander nicht unbedingt aus – es sei denn, man zieht dies zur Definition des Begriffs heran.
Ich tue das nicht. Für mich ist Religion der Versuch, die beiden obigen Fragen spekulativ, jedoch ohne Verleugnung der Wirklichkeit zu beantworten – sie befasst sich mit denjenigen Dingen, welche die Wissenschaft prinzipiell nicht klären kann, für die wir Menschen aber trotzdem Antworten benötigen. Diesen Raum für metaphysische Fragestellungen nimmt sie ein.

Eine dieser unbeantwortbaren Fragen lautet: Warum gibt es… irgendetwas? Selbst wenn die endgültige wissenschaftliche Antwort auf die Frage nach der Natur der Realität lauten sollte, dass schlicht alle mathematisch darstellbaren Universen existieren, bleibt immer noch die Frage, warum so etwas wie Mathematik existiert. Kein von uns darstellbares Modell der Welt kann aus sich selbst heraus ihre bloße Existenz erklären. Die Vermutung, dass es ein „außerhalb“ gibt, von dem aus die Realität, in der wir uns befinden, erschaffen wurde, ist unwiderlegbar. Sollte jedoch eine solche Schöpfung stattgefunden haben, dann hat diese wohl auch einen Sinn gehabt. Dass dieser Sinn mit uns Menschen zu tun haben sollte, erscheint allerdings auf den ersten Blick so unglaublich unwahrscheinlich, dass es schlicht abwegig ist, denn wir existieren ja nur in einem winzigen Bruchteil dieser aus unvorstellbar vielen Multiversen zusammengesetzten Realität.

Und doch haben wir Grund zu der Annahme, dass wir einzigartig sind, denn wir – und mit wir meine ich zunächst einmal mich als einzigen tatsächlich nachweisbaren Fall – sind uns unser bewusst. Oder anders ausgedrückt, es gibt ein Ich, welches ich unzweifelhaft wahrnehme. Dies ist das zweite fundamentale Rätsel unserer Welt, und auch hier kann die Wissenschaft mit Erklärungsansätzen über einen bestimmten Punkt nicht hinaus gelangen. Sie kann erklären, wie ein Bewusstsein funktioniert; sie kann aus dem Verhalten von Lebewesen oder vielleicht auch künstlichen Intelligenzen ableiten, dass diese ein Bewusstsein haben könnten; aber sie kann nicht beweisen, dass dieses Bewusstsein tatsächlich von einem Ich von innen heraus wahrgenommen wird. Dies ist zwar eine vernünftige Annahme, da andere Menschen uns in Gestalt und Verhalten weitgehend gleichen, aber sie ist nicht beweisbar. Tatsächlich ist nicht einmal beweisbar, dass die Welt in der Form, in der wir sie um uns herum wahrnehmen, überhaupt existiert, und dass nicht in Wahrheit ausschließlich unser Bewusstsein existiert und sich diese Existenz durch die Illusion der Wahrnehmung einer umgebenden Realität erklärt. Es ist also in jedem Fall begründbar anzunehmen, dass diese Ich-Wahrnehmung etwas Besonderes ist, was wir möglicherweise mit anderen Menschen, mit Tieren oder Computern teilen, aber das nichtsdestotrotz in den Multiversen der Realität eine absolute Besonderheit darstellt.

Vielleicht habt Ihr darüber nachgedacht, wieso ich die beiden Grundfragen am Anfang dieses Beitrags in dieser Reihenfolge aufgelistet habe, und nicht umgekehrt – bedingt denn nicht die zweite die erste? Ich bin der Ansicht, es ist umgekehrt (und deswegen stimmt die Reihenfolge so)! Ich glaube (und beachtet bitte diese Wortwahl – ich glaube), dass der Sinn unseres Lebens sich nicht sinnvoll aus den (uns unbekannten) Gründen, warum unsere Schöpfung existiert, ableiten lässt. Diese möglichen Gründe können äußerst vielgestaltig sein, selbst wenn sie überhaupt mit uns zu tun haben sollten, und wir dürfen nicht einmal darauf hoffen, dass irgendjemand oder irgendetwas dabei unser Wohlergehen schätzt – wir könnten zum Beispiel nichts weiter als ein Experiment sein. In jedem Fall gilt hier genau wie bei der Überlegung zu einem hypothetischen Gott (der lediglich eine gewohnte Bezeichnung für solche hypothetischen Entitäten darstellt, die irgendeine Agenda mit uns verfolgen): Wenn ein bestimmtes Verhalten oder eine Schlussfolgerung von unserer Seite gewünscht wäre, dann müssten wir auch die notwendigen Hinweise besitzen, diese zu schlussfolgern. Haben wir diese?

Ich glaube – ja, ich glaube – wir haben sie! Der entscheidende Hinweis ist gerade die Tatsache, dass wir unser selbst bewusst sind, und die sich daraus ergebende fundamentale Fragestellung, ob wir (also ich) mit diesem Bewusstsein allein sind, oder ob es andere gleichartige Bewusstseine gibt – anders ausgedrückt, ob wir allein in dieser uns letztlich unerklärlichen Realität sind, oder ob wir Angehörige einer mit uns durch das Band des Bewusstseins eng verbundenen Gemeinschaft sind.

Das Bedeutsame an dieser Frage ist jedoch nicht ihre für uns unerreichbare Antwort; es ist gerade der Umstand, dass wir diese Antwort nicht kennen können! Insbesondere können wir nicht ausschließen, dass es andere bewusste Existenzen wie uns in der Welt gibt, und diese Erkenntnis fordert von uns die Entscheidung, wie wir mit dieser Möglichkeit umgehen. Akzeptieren wir das Wohlergehen jener uns ähnlichen anderen Existenzen als ähnlich bedeutsames Gut wie unser eigenes, oder nicht? Diese Entscheidung stellt nichts Geringeres als den Unterschied zwischen „gut“ und „böse“ dar!

Sobald diese Kategorien aber etabliert sind, besitzen wir auch Maßstäbe für „falsch“ und „richtig“. Natürlich klafft hier zwischen Absicht und Tat häufig eine große Lücke – deswegen ist gut gemeint oft nicht gleich richtig (böser Wille hingegen ist immer falsch). Aber Moment – wo kommt denn nun der Sinn des Lebens ins Spiel? Nun, ganz einfach – dieser Sinn besteht darin, so häufig wie möglich richtig zu handeln! Es bedarf nämlich gar nicht einer hypothetischen höheren Macht, welche uns Vorgaben macht, nach denen wir uns zu richten hätten. Sobald wir akzeptieren, dass unsere bewusste Existenz nur einen Teil der Gesamtheit bewusster Existenzen darstellt, ist unser Leben nicht sinnlos, obgleich es unweigerlich mit dem Tod endet. Entscheiden wir uns natürlich für die Annahme, dass wir einzigartig sind, gibt es keinen Sinn des Lebens als Ganzes mehr – nur noch eine Aneinanderreihung einzelner Momente, in denen wir uns mehr oder weniger wohl fühlen.

Die Idee eines „höheren“ Wesens ist nicht nur unnötig; es gibt auch keinen vernünftigen Grund, die Wünsche eines solchen Wesens über unsere eigenen zu stellen (es sei denn, aus Angst vor Strafe – womit wir wieder bei den etablierten Religionen mit ihren Höllenbildnissen sind). Unsere Existenz (also, meine) ist ein Fakt. Die Existenz anderer, welche uns weitgehend gleichgeartet sind, ist zuallermindest nicht auszuschließen und wohl auch als sehr wahrscheinlich anzunehmen. Die Existenz eines Gottes in irgendeiner für uns relevanten Form hingegen ist äußerst unwahrscheinlich. Daher muss eine vernünftige, reflektierte Religion immer vom Menschen ausgehen und uns nicht nur erlauben, sondern ausdrücklich von uns fordern, unseren Verstand zu gebrauchen um zu erkennen, was richtig und was falsch ist, anstatt sich bequem auf abstruse „göttliche“ Überlieferungen zu berufen.

Es gibt keinen Gott, aber es gibt mich; und nach meinem Glauben gibt es auch Dich, geschätzter Leser! Dies ist absolut ausreichend, um die Notwendigkeit eines moralischen Systems und dessen ultimative Zielsetzung zu begründen. Der Glaube an eine göttliche Instanz hingegen ist letztlich nichts weiter als ein seiner ureigensten Natur nach heuchlerisches Mittel, sich der Verantwortung zu entziehen, selbst entscheiden zu müssen, was falsch und was richtig ist.

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Published in: on November 23, 2014 at 9:52 pm  Schreibe einen Kommentar  

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