Warum mehr Rezensenten Spiele „testen“ sollten

Manchmal lese ich etwas im Netz, bei dem ich denke: „Ja, das klingt überzeugend… aber irgendwie fühlt es sich nicht richtig an.“ Das kann passieren, wenn eine eingefahrene, aber niemals wirklich durchdachte Überzeugung oder Gewohnheit meinerseits analysiert oder kritsch hinterfragt wird, und es mir mental einfach unbequem ist, meine Denkweise umzustellen. Glücklicherweise bin ich prinzipiell flexibel genug, um hier häufig stattdessen mit einem „Wow – das war mir ja noch gar nicht klar!“ zu reagieren, aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass mir das keineswegs immer gelingt. Stattdessen kaue ich nicht minder häufig häufig gedanklich längere Zeit an einer solchen Angelegenheit herum, bis ich schließlich bereit bin, diesen Teil meines Weltbilds umzustellen – oder ich lasse zu, dass mein Gehirn das Ganze verdrängt, so dass mich dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt erneut „überraschen“ kann – hey, ich bin auch nur ein Mensch!

In anderen Fällen wiederum ist dieses „es fühlt sich nicht richtig an“ stattdessen ein Hinweis darauf, dass es tatsächlich nicht richtig ist, ich jedoch aktuell nicht in der Lage bin, den oder die entscheidenden Fehler darin aufzuzeigen. Das geschieht sogar recht häufig, und auch keineswegs nicht nur mir – ein scheinbar schlüssig dargelegter Gedankengang überrumpelt uns, und wir fühlen uns verpflichtet zuzustimmen, weil wir ihn nicht widerlegen können, doch irgendetwas nagt an uns, und wenn wir lange genug darüber nachbrüten, finden wir zumeist auch heraus, was genau uns stört, und damit den Ansatz, jene zunächst so überzeugend dargebrachte Aussage zu widerlegen.

Kein Testen von Spielen?

Gerade eben ist mir dies bei diesem Blogeintrag auf www.spielbar.com von Matthias Nagy passiert. Genau genommen handelt es sich sogar um einen jener Fälle, in denen ich etwas, was sich nicht wirklich richtig anfühlte, verdrängt hatte, denn ich hatte bereits vor einigen Wochen den Eintrag auf trictrac.net, auf welchen Matthias verweist, gelesen; ebenso wie den Auslöser der ganzen Diskussion von Bruno Faidutti (so weit ich es verstanden habe), auf welchen beide verweisen – zugegebenermaßen jedoch nur den englischen Teil. Einerseits klang das alles irgendwie richtig – Spieledesign ist eine kreative Tätigkeit, und Spielebewertung hängt maßgeblich von subjektiven Kriterien (eben dem persönlichen Geschmack) ab, also müsste man sich bei den Begrifflichkeiten auch an anderen medialen Produkten wie Büchern und Filmen orientieren.

Andererseits sträubte sich irgendetwas in mir dagegen, die Terminologie des „Spieletestens“ zu verwerfen. (Die Differenzierung zwischen Spieleerfinder und Spieleautor stand nicht ganz so sehr in meinem gedanklichen Fokus.) Ich versuchte mich zu einem „Das war mir ja noch gar nicht klar gewesen!“ zu bewegen, aber mein Unterbewusstsein protestierte, und so einigten wir uns auf den Kompromiss, nicht weiter darüber nachzudenken. Nun aber stieß ich durch Matthias‘ Artikel erneut auf dieses Thema, und diesmal fiel mir auf, weswegen ich bereits mit den ursprünglichen Argumentationen nicht glücklich gewesen war.

Zunächst einmal dreht sich diese ganze Angelegenheit um sprachliche Begrifflichkeiten, deren Bedeutsamkeit wiederum in ihrer Verbandelung mit etablierten Denk- und Betrachtungsmustern zu finden ist. Deswegen muss ich, was den Originalartikel von Bruno angeht, passen – meine rudimentären Französischkenntnisse reichen einfach nicht aus, um hierzu Stellung zu nehmen. Mein englisches Sprachverständnis hingegen betrachte ich zwar bereits als ausreichend, aber letztlich geht es mir nur darum, welche Terminologie im Deutschen sinnvoll wäre – inwieweit entspechende Rückschlüsse in andere Sprachen übertragbar sind, ist hier nicht mein Anliegen.

Ein erster Denkfehler

Der hauptsächliche Stein des Anstoßes ist also der Begriff des „Spieletests“. In dieser Diskussion wird er hauptsächlich dem der „Kritik“ gegenüber gestellt (gelegentlich durch „Rezension“ ersetzt) – Spiele sollen nicht „getestet“, sondern „kritisiert“ werden. Bereits hier liegt jedoch ein grundlegender konzeptueller Fehler!

Das Wort „Test“ bezieht sich auf einen Vorgang, bei dem man Erfahrungen macht; das Wort „Kritik“ auf einen, bei welchem man von seinen gemachten Erfahrungen berichtet. Das Testen eines Produkts müsste also stattdessen dem Lesen eines Buches oder dem Ansehen eines Films gegenüber gestellt werden, und damit auch dem Spielen eines Spiels. Die Kritik wiederum, welche sich an dieses Lesen oder Ansehen anschließen mag, steht dem Testbericht gegenüber – nicht dem Test selbst.

Diese beiden separaten Kategorien – das Erlebnis, und die wertende Stellungnahme – existieren sprachunabhängig, und jede Argumentation, in welcher sie miteinander vermischt werden, macht sich bereits sehr angreifbar. Innerhalb dieser Kategorien wiederum existieren jeweils eine Vielzahl sprachliche Begriffe, deren exakte Belegung Gegenstand dieser Diskussion sein kann. Ich will hier die Wichtigsten aufzählen, welche mir in diesem Zusammenhang einfallen:

Kategorie Erlebnis:

Test, Prüfung, Ausprobieren, Nutzen, Rezeption, Spielen, Ansehen, Anhören, Lesen.

Kategorie Stellungnahme:

Meinungsäußerung, Kritik, Rezension, Review, Bericht, Bewertung, Analyse.

Es wird sich wohl als unmöglich erweisen, zur exakten Bedeutung aller dieser Begriffe einen Konsens zu erreichen, weil Sprachgebrauch nicht nur regional und sozial verschieden ist, sondern auch mit „Sprachgefühl“ zusammenhängt, aber ich will mich so weit wie möglich daran versuchen. (Das wird jetzt recht lang, aber begriffliche Genauigkeit ist für diese Diskussion leider unverzichtbar, denn es geht ja gerade um eine terminologische Frage.)

Begriffe aus der Kategorie „Erlebnis“

„Spielen“, „Ansehen“, „Anhören“ und „Lesen“ sind alles an spezielle Erlebnisformen gekoppelte Begriffe – ein Buch lesen wir eben, während wir Musik hören, einen Film sehen und ein Spiel spielen. Der etwas aufgesetzt wirkende Begriff „Rezeption“ ist meinem Empfinden nach eine Möglichkeit, diese speziellen Termini zu vereinen, in dieser exakten Bedeutung möglicherweise jedoch nicht allgemeinverbindlich definiert. Wer sich dagegen sperrt, findet allerdings meines Wissens nach keine Alternative, wenn er nicht das deutlich allgemeinere „Erleben“ benutzen will. Für mich ist „Rezeption“ jedenfalls wichtige Terminologie, um eben gerade jene Gemeinsamkeit verschiedener Erlebnisformen hervorzuheben, um die es in unserer Diskussion geht – es herrscht doch weitgehend Einigkeit darüber, dass das Lesen eines Buches, das Hören von Musik und das Sehen von Filmen ähnlich gelagerte Vorgänge sind, die dementsprechend auch von Rezensenten gleichartig behandelt werden sollten; und ein Knackpunkt dieser Diskussion ist, ob und inwieweit das Spielen von Spielen sich hier ebenfalls einfügt.

Dieser Überbegriff der Rezeption schließt also offensichtlich gewisse Formen der Unterhaltung ein – je nachdem, wie genau man wiederum „Unterhaltung“ definiert, sogar alle. Im Rahmen unserer Diskussion kann man dieser Rezeption von Unterhaltung nun das bloße „Nutzen“ von Produkten oder Dienstleistungen gegenüberstellen. Dafür muss man sich festlegen, dass zum Beispiel das Fahren eines Sportwagens, oder der Besuch eines Wellness-Hotels nicht als „Unterhaltung“ zu werten sind, aber ich hoffe, dass die meisten Leute dies noch nachvollziehen können. (Und „Nutzen“ ließe sich selbstverständlich noch in zahlreiche speziellere Begriffe, wie unter anderem „Fahren“ und „Aufsuchen“ aufsplitten, doch jetzt wo das Prinzip hoffentlich klar ist, sollte dies nicht notwendig sein.)

Innerhalb der Kategorie „Erlebnis“ bestehen nun jedoch zwei Subkategorien (und Achtung, das ist jetzt wichtig!): „Nutzen“ und „Rezeption“ beschreiben den normalen Umgang von Kunden mit Produkten und Medien, während „Test“, „Prüfung“ und „Ausprobieren“ darauf hinweisen, dass eine besondere kritische Distanz besteht. Dabei scheint mir „Ausprobieren“ eindeutig die unverbindlichste und unsystematischste Herangehensweise zu beschreiben, während „Prüfung“ sehr stark den Anspruch auf Objektivität, Kompetenz und Gründlichkeit suggeriert. Das umstrittene Wort „Test“ hingegen befindet sich irgendwo dazwischen. Die Kritiker des „Testens“ von Spielen verorten es offensichtlich sehr nahe an der „Prüfung“, aber es ist fraglich, inwieweit dies den tatsächlichen Sprachgebrauch dieses eingedeutschten Begriffs beschreibt, der im Englischen zwar häufig dort Anwendung findet, wo wir „Prüfung“ verwenden, sich jedoch in Konkurrenz zu zahlreichen ähnlichen Begriffen befindet.

Ein sprachkundlicher Einschub

Ein kurzer Einschub hier: Eine wesentliche Eigenheit von Sprache ist es, dass sie exakt bedeutungsgleiche Begriffe vermeidet. Stehen mehrere davon in Konkurrenz zueinander, weichen sie unweigerlich auf leicht unterschiedliche Bedeutungen aus. Ein klassisches Beispiel sind die Wörter „Pferd“, „Ross“ und „Gaul“, die ursprünglich in unterschiedlichen Dialekten alle schlicht „Pferd“ im heutigen Sinne bezeichneten – heute steht „Ross“ aufwertend und „Gaul“ abwertend neben der Normalform. Ein anderes Beispiel ist das eingedeutschte „Job“, dessen Bedeutung bei uns zwischen einer einzelnen zu erledigenden Aufgabe und einem vollwertigen Beruf anzusiedeln ist. Zwar weicht der Sprachgebrauch im Einzelfall häufig davon ab, doch tendenziell ist für einen Feuerwehrmann das Löschen eines bestimmten Feuers eine Aufgabe, das Löschen von Feuern generell sein Job (aber bei Weitem nicht sein einziger – zum Beispiel ist es auch sein Job, in Schächten eingeklemmte Menschen zu befreien), und Feuerwehrmann sein Beruf.

Der Erfolg des Wortes „Test“ im Deutschen ist also entweder bereits auf den Bedarf an einer Abgrenzung zu dem Wort „Prüfung“ zurückzuführen, oder er erzwingt eine unterschiedliche Belegung dieser Begriffe, oder beides. Diese Abgrenzungen erfolgen allerdings in der Regel nicht bewusst – wir müssen sie rückwirkend aus dem bestehenden Sprachgebrauch herleiten. In diesem finden wir den Begriff „Test“ unter anderem äußerst prominent bei der „Stiftung Warentest„, wo er dem Begriff „Prüfung“ sicherlich recht nahe kommt, aber eben auch – der Stein des Anstoßes! – beim „Testspielen“ oder „Spieletesten“. An dieser Stelle will ich zunächst lediglich darauf hinweisen, dass eine Ablehnung des Begriffs „Test“ auf Grund einer Gleichsetzung mit „Prüfung“ nicht legitim ist, und dass sich meinem Eindruck nach auch unter den Befürwortern des „Spieletestens“ kaum jemand befindet, der von einer „Spieleprüfung“ reden würde.

Wichtig ist hier allerdings festzuhalten, dass sich nicht alles, was genutzt oder rezipiert werden kann, „testen“ lässt! Dies ist auch einer der Kernpunkte der Diskussion: Ein geistiges Werk wie einen Film, ein Buch oder ein Musikstück kann man nur „rezipieren“, aber eben im Unterschied zu einem CD-Player, einem Filmprojektor oder einem Bucheinband nicht „testen“. Dementsprechend, so die Folgerung, seien auch Spiele, die ja ebenfalls geistige Schöpfungen darstellen, nicht testbar. Dieser Schluss ist jedoch angreifbar, worauf ich etwas später noch eingehen werde. Ich stimme jedoch zu, dass man Filme, Buch und Musik nicht „testen“ kann und daher diesen Begriff hier auch vermeiden sollte. Spiele allerdings entscheiden sich hinreichend von jenen, dass eine automatische Übertragung dieser Erkenntnis nicht gerechtfertigt ist.

(Hier fällt mir allerdings etwas auf: Man kann durchaus in Filme „hineinsehen“, in Bücher „hineinlesen“, oder in Musik „hineinhören“; und Spiele ebenso „anspielen“; oder – auf gut Neudeutsch – „Antesten“! Hm…)

Begriffe aus der Kategorie Stellungnahme

Ich komme nun zu den Begriffen aus der Kategorie „Stellungnahme“: Da ist zunächst die „Meinungsäußerung“. Diese erfordert letzlich keinerlei Voraussetzungen: Jeder kann zu allem eine Meinung haben (und hat dies zumeist auch). Ja, ich kann eine Meinung zu den Transformers-Filmen haben, obwohl ich nie einen davon gesehen habe. Ich kann ebenso eine Meinung zu Pandemic Legacy haben, obwohl ich es nie gespielt habe; und auch über gegrillte Heuschrecken, die ich nie probiert habe. Auch unfundierte Meinungen sind Meinungen (obwohl auch solche Meinungen niemals komplett unfundiert sind, da sie per Definition ja immer zumindest auf einem Minimum an Informationen beruhen müssen). Eine andere Frage ist jedoch, wie wertvoll die Äußerung solcher Meinungen für andere ist, und daraus abgeleitet, ob es legitim ist, sie als Kritik oder Rezension zu präsentieren.

Es lohnt sich für diese Diskussion durchaus, über den Stellenwert dieser bloßen „Meinungsäußerung“ nachzudenken, denn sie spiegelt letztlich exakt das wider, was teilweise für die Rezension von Spielen gefordert wird: Subjektive Kritik. Wie, derjenige sollte das Spiel zumindest einmal gespielt haben? (Vielleicht sogar bis zum Ende?) Das ist doch bereits die Forderung nach einer zumindest teilweise objektivierten Herangehensweise!

„Und wieder kommt ein neuer Teil der Transformers-Reihe in die Kinos. Bereits die Trailer beweisen, dass es genau so Zeitverschwendung wäre, sich diesen Streifen anzutun, wie es bereits bei den vorigen der Fall war – gigantische Riesenroboter liefern sich apokalyptische Materialschlachten, und irgendwo zwischendurch sind auch mal ein paar Menschen im Bild, deren Befindlichkeiten kurz genug dargestellt werden, um nicht von den kämpfenden Metallkolossen abzulenken. Diesen Film braucht niemand! (0 von 5 Sternen)“

„Schon die Verpackung dieses Spiels lässt Böses ahnen. Ein Karton von ausreichender Größe, um seinen Labrador darin zu beerdigen, und das, obwohl sich doch hauptsächlich kleine Pappplättchen darin befinden? Nun, nach dem Öffnen wissen wir, dass nur die Hälfte dieses Kartons mit Pappplättchen gefüllt ist – die andere Hälfte wird von hässlichen, überdimensionalen Plastikfiguren (und natürlich viel Luft) belegt. Auch ein halber Karton Pappplättchen bedeutet jedoch immer noch mindestens eine halbe Stunde gemeinschaftliches Drücken und Sortieren. Bevor wir uns diese Mühe machen, werfen wir erst einmal einen Blick in die Spielanleitung: Ernsthaft – beinahe sechzig Seiten kleingedruckter Text, plus fünf Seiten ebenso klein gedruckter Tabellen? Wir gelangen zu dem Schluss, dass die Teleportationsregeln für Nekro-Protektoren uns ebenso wenig interessieren wie der Phaser-Flächenschaden der Warp-Kanonen und packen den ganzen Kram besser vorsichtig wieder ein. Da spielen wir an diesem Abend doch lieber Doppelkopf! (0 von 5 Sternen)“

Wer subjektive Kritik einfordert, der darf sich auch nicht beschweren, wenn er subjektive Kritik erhält! Wer sich hingegen fundierte Kritik wünscht, der muss sich damit abfinden, dass diese zumindest bis zu einem gewissen Grad objektivierbare Kriterien und eine analytische Herangehensweise erfordert. Objektive Testvorgänge subjektiven Meinungsäußerungen kategorisch gegenüber zu stellen – das funktioniert in dieser Simplizität nicht, was einen weiteren Teil der Argumentation der Gegner des „Spieletestens“ entkräftet.

(Und noch etwas, was mir gerade auffällt: Wisst Ihr, was Waschmaschinen, Rasenmäher und Spiele gemeinsam haben; aber Bücher, Filme und Musikstücke nicht? Genau: Anleitungen! Auch darüber sollte man einmal in Ruhe nachdenken.)

Das Wesen der Kritik

Von der „Meinungsäußerung“ bis zur „Kritik“ ist es also nicht weit. Nun, „Kritik“ suggeriert jedoch wenigstens ein Minimum an tatsächlicher Beschäftigung (zumindest gedanklich) mit dem Kritisierten, und ebenso wenigstens ein Minimum an fachlicher Kompetenz. „Kritiker“ ist zwar kein definierter Beruf, aber wir stellen uns hier dann doch nicht einfach bloß irgendeinen Fanboy (oder ein Fangirl) vor, welcher seine undifferenzierte Meinung äußert. Eine „Kritik“, welche diese Bezeichnung verdient, erfordert tatsächlich gewisse „Kriterien“ – nein, es ist kein Zufall, dass diese Wörter mit den gleichen Buchstaben anfangen! „Kritik“ setzt notwendigerweise immer eine Mischung aus subjektiver und objektiver Herangehensweise voraus. Das unterscheidet sie einerseits von der „Meinungsäußerung“ und der „Rezension“ (dazu gleich mehr), und andererseits von der „Analyse“, welche sich um maximale Objektivität bemüht – absolute Objektivität gibt es prinzipiell nicht, aber natürlich erreicht man einen höheren Grad an Objektivität, wenn man die Reißfestigkeit eines Stoffs untersucht, als wenn man die Schlüssigkeit einer Filmhandlung analysiert. Dabei kann eine Analyse durchaus Teil einer Kritik sein und wertet sie dann auf.

Zur „Rezension“: So, wie mir dieses Wort im Sprachgebrauch bisher untergekommen ist, handelt es sich hierbei im Wesentlichen um eine Meinungsäußerung zu einem Produkt oder Werk mit einem gewissen Anspruch an umfassende Abdeckung der wichtigsten Punkte (und somit auch einem Minimum an Werthaltigkeit für Rezipienten dieser Rezension). „Emma Watson ist ja voll süß!“ ist eine Meinungsäußerung zu den Harry-Potter-Filmen, aber keine Rezension dazu. (Okay, im geeigneten Kontext könnte es auch eine Rezension sein, wenn die Weglassung der Besprechung aller anderen Aspekte des Films als Aussage aufgefasst werden kann, aber Ihr versteht das Prinzip gewiss.) Damit ist die „Rezension“ effektiv ein Oberbegriff, dem der Begriff „Kritik“ zugeordnet werden kann – ein „Rezensent“ braucht nicht den Anspruch auf Gründlichkeit und Kompetenz zu erheben, welchen ein „Kritiker“ meinem Sprachgefühl nach besitzen sollte. Wenn mir jemand ein Spiel schenkt, und ich spiele dieses Spiel ein, zwei Mal (probiere es also aus!), und schreibe dann eine Rezension darüber, dann macht mich das zu einem Spielerezensenten, aber noch lange nicht zu einem Spielekritiker. So sehe ich das.

Ich habe noch den englischen Begriff „Review“ eingebracht: Den kenne ich hauptsächlich aus dem Sammelkartenspielebereich. Teilweise wird er hier an Stelle von „Rezension“ benutzt, weswegen ich ihn erwähne, aber prinzipiell besitzt er eine etwas andere Bedeutung: Hier wird nicht in erster Linie die (objektive oder subjektiv empfundene) Qualität eines Produkts in den Vordergrund gestellt, sondern betrachtet, wie man damit umgehen und was man damit anfangen kann. Bei konventionellen Brettspielen ist die nächste Entsprechung vermutlich „Spieltipps“.

Zwei Arten Berichte

Ein „Bericht“ wiederum kann effektiv zwei einigermaßen unterschiedliche Dinge bedeuten: Da ist einmal der Erlebnisbericht. Hier steht der Fokus nicht auf einer umfassenden Behandlung eines Produkts, sondern auf der Wiedergabe dessen, wie – im Fall eines gespielten Spiels – der Spieleabend (-nachmittag usw.) verlaufen ist, was sich dabei ereignet hat, und was die Teilnehmer dabei empfunden haben. Eine subjektive Wertung ist nahezu zwingend Teil davon („Wir hatten viel Spaß!“ etc.), aber der Anspruch ist nicht derjenige einer Rezension oder gar Kritik. Diese Form eines Berichts existiert von Spieleabenden ebenso wie von Restaurantbesuchen oder Betriebsausflügen.

Daneben steht der Bericht im Sinne eines „Testberichts“, welcher sich, ebenso wie eine Analyse, um maximale Objektivität bemüht. Allerdings verlangt ein Testbericht keine analytische Herangehensweise! Ich kann zum Beispiel den öffentlichen Nahverkehr in Berlin testen, indem ich einen Tag land kreuz und quer durch die Stadt fahre und mir genau notiere, wie lange ich jeweils warte und unterwegs bin. Davon kann ich dann einen exakten, sachlichen, objektiven Bericht verfassen, der jedoch keinerlei analytische Merkmale besitzen muss. Eine Analyse schließt solche Berichte oft als Grundlage ein, geht aber darüber hinaus, indem sie Vergleiche zieht und Ergebnisse interpretiert.

Schließlich die „Bewertung“: Sie ist zumindest implizit Teil jeder Kritik und Rezension, auch wenn sie nicht immer quantifiziert wird. Eine Kritik hebt sich auch dadurch von einer bloßen Rezension ab, dass ein Gesamtwerturteil durch den Kritiker zumindest deutlich erkennbar sein muss (der Begriff „Kritik“ selbst begründet diese Erwartungshaltung). Die meisten Rezensionen enthalten ebenfalls Bewertungen, aber es kommt auch schon einmal vor, dass gerade Rezensenten, die sich nicht für kompetent genug halten, ein wertendes Urteil abzugeben, sich dessen enthalten und sich auf die von ihnen gemachten Erfahrungen und ihr subjektives Empfinden konzentrieren.

Eine Bewertung kann Teil einer Analyse sein, muss es aber nicht – es ist absolut möglich, analytische Ergebnisse wertneutral zu präsentieren, und im wissenschaftlichen Bereich ist dies auch der Normalfall. Im Kontext der Kunden- oder Verbraucherinformation sind Bewertungen aber natürlich allgegenwärtig, egal ob es sich um Filmrezensionen oder Berichte der Stiftung Warentest handelt.

Nutzen oder rezipieren?

Das war jetzt bereits sehr viel Text, bevor ich mich dem Kern der Diskussion nähere, aber da es dabei um die Bedeutung von Wörtern geht, musste ich mir diese Mühe leider machen. Also, zurück zur Ausgangsfrage: Kann man Spiele testen oder bloß kritisieren? Ach ja, das sind ja verschiedene Kategorien… wie hängen die Begriffe aus diesen denn überhaupt zusammen?

Wir suchen die Stellung des Spiels zwischen einerseits der Gruppe medialer Werke, und andererseits der von Gebrauchsgegenständen und Dienstleistungen. Das zunächst einleuchtende Argument lautet doch, dass Spiele viel mehr mit Büchern gemeinsam haben als mit Waschmaschinen! Mediale Werke werden rezipiert, Gebrauchsgegenstände hingegen genutzt. Dies spricht natürlich für eine Einordnung von Spielen bei den Medien, denn man nutzt ein Spiel nicht – ein Spielzeug, gewiss, aber eben kein Spiel (ein Unterschied, der im Englischen mit toy und game viel deutlicher wird). Aber Moment einmal – nutze ich denn ein Restaurant, oder einen Frisör? Nein. Und ein Restaurantbesuch ist einem Kinobesuch eindeutig ähnlicher als dem Benutzen einer Waschmaschine. Vielleicht sind unsere Analogien noch nicht exakt genug: Der Genuss eines Essens mag dem Genuss eines Films entsprechen, und wohl auch dem Genuss eines Spiels. Schlagen wir also gewisse Dienstleistungen (Restaurantbesuch, Bordellbesuch usw.) eher dem Erlebnisfeld Unterhaltung zu, während wir andere (Waschsalon, Autoreparatur) bei den zu nutzenden Produkten belassen? Das klingt fair – schließlich ist auch Kochen (und Sex ebenfalls) ein Ausdruck von Kreativität! Wir formulieren zwar üblicherweise nicht, dass wir uns von einem Restaurantbesuch „gute Unterhaltung“ erhoffen, aber doch unzweifelhaft ein genüssliches Erlebnis (und Erlebnisrestaurants gibt es ja durchaus).

Funktioniert diese Trennung? Ja – aber nicht für den Zweck, für den wir sie betreiben! Es wird wohl niemand bestreiten, dass es möglich (und sehr notwendig) ist, Restaurants zu testen. Sicherlich gibt es zusätzlich Restaurantkritiker, die teilweise alle Bedingungen des subjektiven Kritisierens einer kreativen Leistung erfüllen, aber auch der objektive Restauranttest anhand nachvollziehbarer Kriterien existiert zweifelsfrei. Und ja, bei Bordellen ist dies genauso, und auch bei „echten“ Massagesalons, Wellness-Hotels usw. Halten wir daher fest (der Grund, warum ich mir darüber an dieser Stelle Gedanken mache): Gegenstand subjektiver Kritik oder objektiven Testens (oder sogar offiziellen „Prüfens“) zu sein, schließt einander keineswegs aus!

Die Natur des Spiels

Die Konstruktion von auf Kategorisierungen beruhenden sprachlichen Analogien hilft uns also nicht weiter. Dass man Spiele rezipieren, erleben und genießen kann; dass man sie rezensieren und subjektiv kritisieren kann – das ist alles richtig, bedeute aber weder, dass man sie nicht auch testen könne, noch dass man es nicht sollte! Die begriffliche Gegenüberstellung von „Kritik“ und „Test“ ist also auch bei tieferem Nachgraben ein Irrweg. Ignorieren wir diese Idee also und stellen uns stattdessen nur die Fragen: Kann man Spiele testen, und sollte man dies als Rezensent tun?

Um hier Antworten zu finden, müssen wir die grundlegende Natur des Spiels untersuchen: Trotz mancher Gemeinsamkeiten sind Spiele keine Filme, Bücher, oder Musikstücke (und auch keine Feinschmeckergerichte), und diesen auch nicht allzu ähnlich. Wir haben bereits festgestellt, dass Spiele – ganz so wie Waschmaschinen, aber eben anders als Bücher – Anleitungen benötigen. Wir wissen auch, dass Spiele in einer Weise „ausprobiert“ werden können, welche bei Filmen etc. keinen Sinn ergibt. An welchen fundamentalen Unterschieden liegt das?

Nun, einer davon ist, dass mediale Werke weitgehend unabhängig von ihrem Trägermaterial sind. Aufnahmen eines Musikstücks auf CD, Vinyl, Kassette oder als MP3-Datei geben nicht nur alle das gleiche, sondern sogar das selbe Musikstück wieder. Klar, die Aufnahmen sind in der Qualität unterschiedlich, aber das hat mit der Musik als schöpferischem Werk nichts zu tun, und ein Musikkritiker kann zwar auch die Qualität eines Tonträgers berwerten (Tonträger lassen sich selbstverständlich ebenso wie Waschmaschinen testen!), doch ist dies von seiner Kritik der Musik an sich unabhängig.

Spiele hingegen sind häufig nicht von ihrem Trägermaterial zu trennen. Spielerezensenten sind sich dessen bewusst: Sie bewerten selbstverständlich das Material ebenso wie das Spielprinzip. Logisch, dass bei einem Videospiel entscheidend in die Bewertung einfließt, ob die Steuerung hakelig ist, die Grafik ruckelfrei läuft und die Ladezeiten kurz oder lang sind. Bei Brettspielen wiederum ist es unter anderem bedeutsam, wie stabil die Materialien sind, und ob Texte und Symbole gut leserlich sind. Das sind objektive Testkriterien, die nichts mit dem Spielprinzip zu tun haben, wohl aber integraler Bestandteil des rezensierten Produkts sind! Allein schon deswegen ist es falsch, den Begriff „Test“ rigoros abzulehnen. Es gibt hier noch reichlich weitere mögliche Mängel – Spielfiguren, die keinen sicheren Stand haben; Würfel, deren Kanten unsauber geschliffen sind, und die keine wirklich zufälligen Ergebnisse liefern; Kleinteile, welche zu leicht bei einem Luftzug davonfliegen und verloren gehen… Materialqualität, Haptik und Optik sind bei den meisten Brettspielen mitentscheidend für das Spielerlebnis und liegen doch in keiner Weise im Verantwortungsbereich des Spieleautors oder -erfinders (auch noch auf diese Frage einzugehen, würde diesen Text wohl selbst für meine Verhältnisse zu lang werden lassen…) Spieletests sind auch Warentests.

Strukturelle Mängel

Jedoch ist dies nicht mein wichtigstes Argument! Selbst wenn man die Materialkomponente außen vor lässt, benötigen Spiele Tests. Matthias hat dies in seinem Artikel selbst eingeräumt, als er „Hunderte von Testspielern“ erwähnt… Spiele sind eben keine Filme, welche immer auf die selbe Art und Weise ablaufen: Sie erzeugen eine Vielzahl unterschiedlicher Situationen, und es kann sein, dass sie – rein regeltechnisch, ich spreche hier nicht von Bugs in Videospielen – in einigen davon nicht funktionieren, oder zumindest nicht gut funktionieren.

Dies kann auf einer absolut grundlegenden Ebene der Fall sein. Erinnert Euch an Abalone: Das ist ein elegantes Spiel mit einfachen Regeln und doch komplexer Taktik, welches allerdings einen enormen Schönheitsfehler besitzt – mit seinen ursprünglichen Regeln gibt es für zwei kompetente Spieler nach einigen wenigen, naheliegenden Zügen keinen Anreiz mehr, die Brettposition zu verändern – die beste Taktik ist, immer hin- und herzuziehen und zu hoffen, dass der Gegner sich irgendwie mit einem abweichenden Zug angreifbar machte. Dies ist ein Kardinalfehler, der immer wieder auftaucht: Zuletzt habe ich ihn bei der allerletzten Folge von Schlag den Raab beim Spiel Karussell-Ball bemerkt, wo zwei Spieler jeweils eine begrenzte Anzahl Bälle ihrer Farbe zur Verfügung hatten, um damit in fünf Rohre zu werfen, wobei der Sieg an denjenigen Spieler ging, welcher in mehr Rohren den fünften Ball versenkt hatte. Hier ist die korrekte Taktik für jeden Spieler ganz klar nichts zu tun und abzuwarten, während der Gegner hoffentlich Bälle darin investiert, Punktmöglichkeiten für beide zu schaffen (sogar mit leichtem Vorteil für den abwartenden Spieler, welcher ja rascher den nächsten Wurf durchführen kann). Rezensionen beider Spiele nach bloßem Spielen können sehr positiv ausfallen (denn sie machen beide gewiss Spaß, wenn man einfach darauf los spielt), aber ein Bericht nach einem Spieletest muss den Anspruch haben, einen solchen offensichtlichen Mangel zu erkennen!

Zugegeben, im letzteren Fall wäre ein tatsächlicher Test nicht einmal erforderlich gewesen – simples Durchdenken hätte genügt. Heutige Brettspiele besitzen aber zumeist weitaus komplexere Regeln und Regelinteraktionen, und Durchdenken allein reicht häufig nicht aus, um solche konzeptuellen Fehler zu erkennen. Deswegen brauchen Spiele ja auch Testspieler! Nur… bloßes Spielen ist eben nicht immer genug. Es ist durchaus möglich, dass selbst bei mehreren Spielgruppen in mehreren Sitzungen manche Situationen einfach nicht eintreten. Dann wird das Spiel veröffentlicht, und plötzlich stellen Spieler weltweit beispielsweise fest, dass eine bestimmte Taktik nahezu unbesiegbar ist, oder dass mit einem unorthodoxen Spielzug eine Situation eintritt, welche die Regeln nicht erfassen. (Bei den besonders komplexen Sammelkartenspielen passiert dies ständig.)

Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich vom Autor/Erfinder (das englische „Designer“ wäre doch eigentlich ein guter Kompromiss?) nicht vorhergesehene und auch nicht erwünschte Situationen manifestieren können: Ein Spieler macht einen einzigen etwas unglücklichen Zug, der ihn zurückwirft, und hat nie wieder die Möglichkeit, zu den anderen aufzuschließen. Eine unerwartete Kombination von Ereignissen hält einen Spieler oder sogar das gesamte Spiel in einer Endlosschleife gefangen. (Eine Abwandlung davon ist jene Situation, in der es für alle Spieler am vorteilhaftesten ist, nichts zu tun – wenn dies erst tief im Spiel passiert, ist es viel schwieriger zu erkennen.) Und was geschieht eigentlich, wenn ein Spieler, dessen Chancen auf den Gesamtsieg schlecht stehen, es sich zum neuen Ziel macht, nicht etwa selbst zu gewinnen, sondern den Sieg eines anderen Spielers zu sabotieren („kingmaking“)? Wie häufig treten solche Situationen ein, und wie viel Spaß macht das Spiel von diesem Punkt ab den Beteiligten noch?

Nicht nur spielen – testen!

Worum es mir geht: Einen Film kann man ansehen, aber eben nicht „testen“. Ein Spiel allerdings kann man sowohl „spielen“ als auch „testen“, und es ist nicht das Gleiche. So zu spielen, wie man es als ganz normaler Kunde nun einmal tut, ist sicherlich Grundlage jeder Rezension, aber ein Test verlangt mehr! Was passiert, wenn ich die Waschmaschine voller belade, als ich es normalerweise tue? Wie macht sich ein Auto im Stop-and-Go-Verkehr, den ich üblicherweise vermeide? Wenn ich ein Restaurant anstatt zu meiner gewohnten Zeit kurz vor Küchenschluss aufsuche, ist der Salat dann noch frisch?

„Testspieler“ ist nicht das Gleiche wie „Spieletester“. Ein Spiel spielen und dann erzählen, wie es einem gefallen hat, das macht wenig Arbeit und bringt sogar eine Menge Spaß. Ein Spiel wirklich zu testen ist hingegen viel näher dran an Arbeit! Anstatt normal zu spielen, probiert man Dinge aus, die andere Spieler möglicherweise tun würden – eine andere Strategie, einige bewusst suboptimal gewählte oder irrationale Züge… Auf jeden Fall sollte man immer wieder darüber nachdenken oder ausprobieren, was passiert, wenn man in bestimmten Situationen einfach nichts tut (so weit es die Regeln erlauben), und auch das Königsmacherprinzip sollte man angewendet haben, selbst wenn die eigene Spielrunde eigentlich vernünftig genug ist, sich nicht so zu verhalten. Sowohl mit erfahrenen Spielern als auch mit Gelegenheitsspielern zu spielen ist ebenfalls eine gute Idee – und ja, man kann sogar auch einmal den Spieltisch umkippen und schauen, ob sich alle Teile leicht wiederfinden lassen, und ob etwas kaputtgegangen ist! Mehr Beispiele sollten eigentlich nicht nötig sein – wenn man erst einmal darüber nachdenkt, ist der Unterschied zwischen spielen und testen offensichtlich genug.

Und Rezensionen nach solchen Tests sind weitaus wertvoller als die nach bloßem Spielen (aber auch weitaus seltener). Wenn sich allerdings jemand der zusätzlichen Mühe unterzieht, die Mechanismen eines Spiels (und auch dessen Material) systematisch auf ihre Belastbarkeit hin zu prüfen, dann darf und soll derjenige sich auch als Spieletester bezeichnen, und nicht lediglich als Rezensent oder Kritiker; und eine Publikationsplattform, welche Berichte solcher Tester veröffentlicht, soll sich auch als Spieletest-Plattform bezeichnen dürfen. Matthias‘ Einwand, dass es nicht möglich sei, bei einem doch bereits von Produktionsseite her auf Herz und Nieren geprüften Produkt Mängel zu finden, kann man hierbei getrost ignorieren, denn diese Ansicht ist so kleinmütig, wie sie weltfremd ist: Produkte weisen häufig absolut auffindbare Mängel auf, punktaus!

Oder einfach nur testspielen

Doch so hoch, wie ich es gerade getan habe, müssen wir unsere Ansprüche gar nicht hängen, um den Begriff des „Testens“ zu verteidigen! Nicht nur Spieletester, auch Testspieler existieren schließlich: Sie testen vielleicht nicht das Spiel, aber sie spielen es testweise – mit anderen Worten, sie probieren es aus. Noch einmal: Im Gegensatz zu einem Film ist ein Spiel ein Produkt und ein System, welches man ausprobieren kann, und man kann es auch von anderen (wie eben Testspielern bzw. Probespielern) ausprobieren lassen. Dummerweise gibt es dazu aber kein passendes Hauptwort, denn eine „Spielprobe“ wäre etwas anderes, und eine „Spieleprobierung“ gibt es nicht. Damit sind wir dann wohl auch dem Geheimnis auf die Spur gekommen, warum sich das Wort „Test“ im Deutschen durchgesetzt hat: Wer ein Spiel ausprobiert oder eben getestet (oder von mir aus auch angetestet) hat, der hat einen Spieletest durchgeführt und nicht einfach nur normal gespielt.

Deswegen wird der Kampf, den einige Spieledesigner und -rezensenten – wenngleich auch aus noblen Motiven – gegen den Begriff „Spieletest“ führen, zu Recht vergeblich sein. Ja, ein Spiel ist eine kreative Schöpfung, aber es besitzt auch eine materielle Form, welche Funktionalität verlangt; und es besitzt eine komplexe Struktur, deren Verhalten nicht für alle Situationen zuverlässig vorhersagbar ist. Deswegen verlangt ein Urteil darüber, dass man es ausprobiert hat – dass man es getestet hat. Dies ist keine Absage an die Wertschätzung von Spieledesignern als Erbringern kreativer Leistungen und Erschaffern von kulturellen Gütern: Es ist schlicht die Übereinstimmung von Sprachgebrauch, Sprachempfinden und Sinnfälligkeit.

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