Erklärungen sind nicht gleich Entschuldigungen

Der archetypische Amokläufer ist an seiner Schule ausgegrenzt und gemobbt worden. Deswegen besorgt er sich eine automatische Schusswaffe und richtet damit ein Massaker unter Mitschülern und Lehrern an.

Dies mag eine Erklärung sein, und natürlich ein Ansatz, solche Geschehnisse in Zukunft zu verhindern – aber es ist keine Entschuldigung. Die Gesellschaft mag ihm Unrecht getan haben, aber das entschuldigt seine Taten nicht im geringsten – es ändert nichts daran, dass er sich als Massenmörder schuldig gemacht hat.

Ich zweifle nicht daran, dass diejenigen Menschen, welche rechtspopulistischen (eigentlich bereits neofaschistischen) Parteien und Bewegungen ihre Stimmen und ihre Unterstützung geben, tatsächliche Probleme haben, um deren Lösung sich die etablierten Parteien und unsere freiheitliche Gesellschaft insgesamt nicht ausreichend gekümmert haben. Dies ist eine Erklärung dafür, dass in den USA Trump zum Präsidenten gewählt wurde (und dass die Partei, welche ihn als Kandidaten aufgestellt hat, in allen Regierungsgremien die Mehrheit besitzt); es ist eine Erklärung dafür, dass in Grossbritannien für den Brexit gestimmt wurde; und es ist eine Erklärung für den Erfolg der AfD in Deutschland, der eigentlich nur eine Annäherung an Verhältnisse darstellt, die in unseren Nachbarländern längst Status Quo sind (FPÖ in Österreich, SVP in der Schweiz, FN in Frankreich, PVV in den Niederlanden…)

Es ist keine Entschuldigung.

Ich habe schon (mindestens) einmal über den fatalen Fehler geschrieben, die Nationalsozialisten zu dämonisieren, und ich möchte Euch ermuntern, diesen Eintrag, der zu meinen lesenswertesten gehört, vollständig zu lesen. Dies hier ist vielleicht die wichtigste Aussage daraus:

„Es geht darum zu zeigen, dass genau jene menschlichen Denk- und Verhaltensweisen, die unter anderem dieses Dritte Reich ermöglicht haben, immer noch allgegenwärtig sind, und darum daran zu erinnern, was passieren kann, wenn man hier nicht gegensteuert!“

Diejenigen Menschen, die heute für Trump, Brexit oder die AfD stimmen, unterscheiden sich nicht maßgeblich von denjenigen, die damals für Hitler gestimmt haben, und sie machen sich nicht weniger schuldig – eher noch ein wenig mehr, denn objektiv ist ihre Lebenssituation allgemein besser, als sie für die Menschen am Ende der Weimarer Republik gewesen ist. Sicher gibt es Erklärungen für ihr Verhalten; für ihre Unzufriedenheit, ihre Ängste und vielleicht sogar ihre Wut – es sind aber keine Entschuldigungen.

So richtig und wichtig es ist zu analysieren, aus welchen Gründen Menschen zu Amokläufern oder Unterstützern des Faschismus werden, und was getan werden kann, um dies zu verhindern; so wenig darf man die Augen davor verschließen, dass es sich bei Menschen, die ihre eigene Unzufriedenheit in Menschenverachting und Hass kanalisieren, und die bereitwillig jede Lüge schlucken, falls diese in ihr simples Weltbild passt, nicht in erster Linie um Opfer moderner gesellschaftlicher Entwicklungen mit gerechtfertigtem Protestverhalten handelt, sondern schlicht um Nazis.

In der westlichen Welt sind wir so stolz auf die Errungenschaft der demokratischen Gesellschaft, dass wir die Demokratie zu Allheilmittel und Selbstzweck verklären. Wenn etwas eine Mehrheit, oder auch nur breite Unterstützung findet, dann muss es eo ipso auch zu rechtfertigen sein – den Volkswillen darf man schließlich nicht ignorieren oder schlechtreden! Wir glauben fest daran, dass die Demokratie uns vor allem Schlechten schützt; und daher kann alles, was aus ihr entsteht, nicht schlecht sein.

Oh, außer den ursprünglichen Nazis natürlich – aber das ist ja damals nur passiert, weil die Demokratie der Weimarer Republik fundamentale Schwächen besaß. Und die Türkei oder Russland, das sind ja auch keine „richtigen“ Demokratien. Und die USA mit ihrem Mehrheitswahlrecht und dieser idiotischen Wahlmännerversammlung…

STOP! Wenn wir gezielt danach suchen, finden wir natürlich immer einen Grund, warum so etwas überall passieren kann, wo es dann auch tatsächlich passiert ist – nur eben nicht bei uns. (Nun ja, jedenfalls heutzutage nicht mehr. Also, außer in den neuen Bundesländern vielleicht…)  Und genau das ist ein grundlegender, höchst gefährlicher Irrtum! Es kann überall passieren. Jede Demokratie besitzt Schwächen, die sie angreifbar machen. Und Nazis sind keine Ausnahmeerscheinung – sie leben unter uns.

Mit der letzten Erkenntnis tun wir uns am schwersten. Wir ziehen es vor zu glauben, dass die Nazis irgendwie grundlegend anders gewesen sind als wir; und wenn sich Menschen aus unserem näheren Umfeld entsprechend aufführen, dann verharmlosen wir dieses Verhalten und deuten es um, denn diese Menschen können ja keine Nazis sein.

Sie sind es aber. Wir alle sind es, mehr oder weniger – je nachdem, wie sehr wir bewusst dagegen ankämpfen. Wann immer wir bereitwillig eine Lüge glauben und weiterverbreiten, die wir mit moderatem Rechercheaufwand als solche enttarnen können, tun wir das Werk der Populisten. Wann immer wir uns dazu verleiten lassen, unsere Sorgen und Ängste in Hass auf leicht angreifbare Personen und Menschengruppen zu kanalisieren, handeln wir als Nazis. Nur wenn wir diesen Tendenzen bewusst entgegensteuern, grenzen wir uns tatsächlich ab.

Die sogenannten „Rechtspopulisten“ sind schlicht böse Menschen. Sie setzen gezielt faustdicke Lügen ein, weil sie sich darauf verlassen, dass ihre potenzielle Wählerschaft zu ignorant ist, diese zu erkennen oder zu enttarnen. Sie hetzen gegen Menschen anderer Hautfarbe oder Sexualität und appellieren damit an die in uns allen genetisch verankerte Furcht und Abscheu vor dem Andersartigen. Sie missbrauchen die Demokratie, indem sie deren Schwächen ausnutzen, um deren Ziele zu pervertieren. Sie manipulieren Menschen dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen und nehmen selbst einen allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang zur Erreichung ihrer persönlichen Ziele in Kauf. Die meisten von ihnen sind zynische Pragmatiker, aber es gibt auch hasserfüllte Fanatiker unter ihnen – auch Hitler war kein historischer Einzelfall.

Und „wir“, die wir uns als „anständige“, freiheitlich denkende, gebildete und tolerante Menschen begreifen, lassen sie viel zu sehr gewähren. Oh, wir engagieren uns dabei, die Ereignisse von vor über siebzig Jahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen; und wir treten entschlossen denjenigen wenigen verwirrten „Ewiggestrigen“ gegenüber, die dermaßen extrem bescheuert sind, dass sie offen mit Symbolen und Parolen des Nationalsozialismus hantieren.

Aber die historischen Nazis und die sich explizit auf sie berufenden Neonazis sind einfache Gegner – die Ersteren wurden ja längst für uns besiegt, und die Letzteren sind nichts weiter als ein vergleichsweise harmloser kleiner Haufen pathetischer Dummköpfe: zwar gefährlich, wenn sie einem mit einem Baseballschläger in der Hand gegenüberstehen; doch gesellschaftlich isoliert und mühelos als die Witzfiguren, die sie sind, entlarvt.

Wenn jedoch aus dem kleinen Haufen ein großer Haufen und aus dem großen Haufen ein maßgeblicher Bevölkerungsanteil wird, und wenn diese die offensichtlichsten Zeichen und Wörter, welche sie mit den Nationalsozialisten in Verbindung bringen, zu vermeiden wissen, dann versagen wir. Über ein paar Spinner mit Hitlerbärtchen, Seitenscheitel und ausgestreckten Armen können wir uns lustig machen – aber wenn wir es mit Gruppierungen und Bewegungen zu tun haben, die Zustimmung im Bereich von 10-50% der Gesamtbevölkerung finden, dann müssen wir diese auf einmal ernst nehmen. Und das fällt uns schwer.

Sowohl beim Brexit-Votum als auch bei der US-Präsidentenwahl haben wir bis zuletzt nicht daran geglaubt, dass passieren könnte, was dann schließlich doch passiert ist – wir haben die Populisten bis zuletzt nicht wirklich ernst genommen. Es war ja auch leicht, sich über sie lustig zu machen: Wie blöd musste man schließlich sein, um die Lügen, die Farage und Trump verbreitet haben, zu schlucken? Und dann war da ja auch noch das pathologische feste Vertrauen der Linken auf das Gute im Menschen: Wer würde denn heutzutage noch in Staaten, welche zu den wichtigsten Grundpfeilern der westlichen Demokratie gehören, den hasserfüllten, menschenverachtenden Parolen faschistischer Rattenfänger folgen?

Der blinde Glaube an die Unfehlbarkeit der Demokratie hat uns dazu verleitet, die Ignoranz der Menschheit und ihre Bereitschaft zum Hass zu unterschätzen. Und jetzt, wo das Undenkbare in Serie einzutreten begonnen hat, sind wir nur allzu bereit, die Realität so umzudeuten, dass sie in unser gleichzeitig aufgeklärtes und naives Weltbild passt. Die Menschheit kann nicht dermaßen dumm und böse sein, also kann alles gar nicht so schlimm sein; und die Populisten haben größtenteils nur Proteststimmen erhalten, weil Menschen, die von der Gesellschaft vernachlässigt wurden, der etablierten Politik einen Denkzettel erteilen wollen…

Ein Amokläufer will letztendlich auch nur der Welt, die ihm gegenüber nicht fair gewesen ist, einen Denkzettel erteilen; und der Denkzettel, den das Deutsche Volk damals der ganzen Welt erteilt hat, ist uns ja auch noch in bester Erinnerung… Erklärungen sind nicht gleich Entschuldigungen.

Die Unterstützer neofaschistischer Bewegungen sind keine kleinen Kinder, die in einem trotzigen Wutanfall schreien und um sich schlagen, und die man geduldig immer wieder beruhigt, während man darauf wartet, dass sich bei ihnen Einsicht einstellt. Es sind erwachsene Menschen, die für ihre Taten verantwortlich sind, und die der Wahrheit und der Menschlichkeit den Krieg erklärt haben. Es sind, unmissverständlich formuliert, gefährliche, dumme Arschlöcher.

Es gibt keine Entschuldigung dafür, einen Wahlkampf mit Lügen und Hass zu führen, und keine Entschuldigung dafür, sich davon mitreißen zu lassen.

Mangelnde Bildung ist nichts, worauf man stolz sein darf, sondern ein Makel; und wenn die maßgebliche Ursache für mangelnde Bildung selbstgewählte Ignoranz ist, dann ist dies ein Grund sich zu schämen. Diese Scham ist der Menschheit weitgehend verloren gegangen, und ironischerweise tragen linksorientierte intellektuelle Eliten eine erhebliche Mitschuld daran, weil sie die Grenze zwischen Erklärungen und Entschuldigungen immer mehr verschwimmen ließen. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren bildungsferne Schichten bildungsfern, weil die gebildete Elite sie von Bildung fern hielt. Heute ist es sinnvoller, statt von bildungsfernen Schichten von bildungsfeindlichen Milieus zu sprechen. In einer Zeit, in der praktisch jeder Mensch in der westlichen Welt (und nicht nur dort) ein Smartphone und Zugang zum Internet besitzt, gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, sich nicht über wichtige Dinge zu informieren. Wer heutzutage glaubt, dass die Türkei bereits Mitglied in der EU ist, wie es bei einem großen Teil der Brexit-Befürworter der Fall gewesen ist, der ist ein Idiot und sollte sich schämen; und das ist auch die Botschaft, die eine aufgeklärte Gesellschaft ihm vermitteln muss, anstatt diese selbstgewählte Ignoranz mit sozialer Benachteiligung nicht nur zu erklären, sondern auch zu entschuldigen.

Ignoranz ist heutzutage mit keinem funktionierenden sozialem Stigma mehr behaftet, und das ist ein großes Problem. Die dummen Arschlöcher haben über die sozialen Medien gelernt, dass sie keineswegs eine Minderheit sind, und dass sie durch penetrante pöbelnde Präsenz sogar als Mehrheit erscheinen können. Orte im Internet ohne funktionierende Moderation fallen dieser Internet-SA ohne jede Gegenwehr in die Hände, und in moderierten Umgebungen scheuen sich Moderatoren und Administratoren häufig, klare Zeichen zu setzen. Oft werden sogar die wenigen Stimmen, die sich gegen die Verbreitung von Falschbehauptungen zur Wehr setzen, stattdessen als Unruhestifter ausgemacht und sanktioniert.

Es ist eine Binsenweisheit geworden: Im Internet zu diskutieren ist weitestgehend fruchtlos, ist Zeitverschwendung. Deswegen ziehen sich mehr oder weniger vernünftige Menschen aus dem Internet immer mehr zurück, zumindest was die Beteiligung an Diskussionen angeht. Doch offensichtlich überlassen wir auf diese Weise den Pöblern, Trollen, Hetzern und Lügnern das Feld, und dies rächt sich nun. Das Brexit-Votum und die US-Präsidentenwahl wurden maßgeblich über die sozialen Medien entschieden – also genau auf demjenigen Schlachtfeld, von dem sich vernünftige Menschen zurückgezogen haben, weil es so unendlich mühselig und aufreibend ist, gegen die Armee der dummen Arschlöcher anzukämpfen. Aber leider nutzen diese das erfolgreich aus, um nun auch in der „wirklichen Welt“ ihren Siegeszug anzutreten…

Wir  – und mit diesem „wir“ meine ich weiterhin diejenigen Menschen, die an Ehrlichkeit und Toleranz als fundamentale Werte des menschlichen Zusammenlebens glauben – verlieren den Krieg gegen Dummheit, Lüge, Menschenverachtung und Hass, weil wir zu bequem sind, ihn dort zu führen, wo er entschieden wird; und weil wir uns weiterhin vormachen, dass Menschen, die sich in unserem näheren Umfeld befinden (und sei es auch nur virtuell), nicht wirklich Nazis sind, so lange diese sich nicht unmissverständlich und ausdrücklich dazu bekennen.

Ich bin wohl einer der letzten, die diesen Kampf aufgegeben haben; ich habe dort, wo ich im Internet aktiv war, immer wieder diskutiert und argumentiert und wurde gerade deswegen immer mehr verhöhnt. Ab und zu erreichen mich zwar immer wieder einzelne Kommentare, persönliche Nachrichten oder Emails, in denen mir versichert wird, dass mein Engagement als Aufklärer und Kritiker geschätzt wird, aber fast niemand mehr wirft sich für mich (oder irgendjemand anders) in die Bresche, wenn der Internet-Mob über mich herfällt. Ignoranz ist im Internet höchst mehrheitsfähig, und Menschenverachtung wird immer seltener sanktioniert.

Als der SPD-Politiker Otto Wels am 23. März 1933 in der Debatte über das Ermächtigungsgesetz, von dem er wusste, dass es nicht mehr aufzuhalten war, ein verzweifeltes Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit hielt, wurde er von den Nazis verhöhnt und verlacht. Vermutlich sind die Worte „Beschissene Verlierer“ nicht gefallen, aber selbst wenn, wäre derjenige wohl auch damals nicht zur Ordnung gerufen worden.

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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ach die Tränen linker Verlierer sind ach so köstlich. Irgendwie kann man sie in letzter Zeit auch immer häufiger geniessen, woran liegt das bloss? Hmm vielleicht daran, dass niemand arrogante Heulsusen mag?
    Nein es muss an den dummen bösen Arschlöchern liegen die sie nicht wählen, und diese zu beleidigen während man kläglich weint hilft sicher sie dazu zu bringen sich anders zu verhalten in Zukunft.
    Selbst wenn die falsche Person gewonnen haben soll, so haben wenigstens die richtigen Verloren und tun alles dies zu bekräftigen.

    • Das lasse ich dann mal als den Abschiedskommentar von Tigris alias nichteuphrat auf meinem Blog stehen. Es gibt schon zu viele Orte im Internet, an denen sich rechte Hassprediger austoben können. Hier ist kein Platz mehr für sie.

  2. Interessanter Text. Ich bin nach wie vor nicht der Meinung, dass man dieses „Nazi“-Label leichtfertig verwenden sollte – aus vielerlei Gründen, aber vor allem deswegen, weil es unpräzise ist und Angriffsfläche bietet. Und dadurch wiederum entgleisen Diskussionen, statt sie sinnvoll zu kanalisieren. Du kannst einem rechten Troll keinen größeren Gefallen tun, als ihn Nazi zu nennen. Dann nämlich kann er/sie die Sachebene verlassen und die Diskussion auf die Rechtmäßigkeit dieses Begriffes verlagern, statt ernsthaft Argumente und Fakten liefern zu müssen. Wer sich als die „gute“ Seite versteht, die rational und faktenorientiert handelt, der MUSS präzise sein in allem, was er sagt.

    Aus genau dem Grund warne ich auch davor, Rechtspopulismus einfach mit „das sind halt dumme Arschlöcher“ zu beschreiben. Das liest sich schön scharf, dient aber nicht der Wahrheitsfindung. Wir regen uns zurecht auf, wenn Rechte ganze Volksgruppen über einen Kamm scheren, aber wir tun ganz oft genau dasselbe.

    Der beste Erklärungsansatz, den ich für mich gefunden habe, ist (in aller Kürze) dieser hier: Unsere Bindung an demokratische Prinzipien hält nur solange, wie sie unseren eigenen Interessen nicht im Weg steht. Wenn wir uns in unserer grundlegenden Identität und Sicherheit bedroht fühlen, und jemand bietet uns auf Kosten der Demokratie einen schnellen und einfachen Ausweg an – dann nehmen wir den und scheißen auf die Demokratie. Das kann man jetzt „böse“ nennen, oder einfach „menschlich“.

    Die Washington Post hatte z.B. einen sehr schönen Artikel über die Belegschaft einer Fabrik in Ohio, die ethnisch total divers war – aber zu 90 Prozent für Trump gestimmt hat. Und warum? Weil er mal bei einem Wahlkampfbesuch versprochen hat, dass er die Verlegung der Fabrik nach Mexiko verhindern wird. Da haben Schwarze, Latinos und Muslime einen weißen Rassisten gewählt, und zwar nur deswegen, weil er ihnen versprochen hat, sie können ihre Jobs behalten. (Die Fabrik wird aller Wahrscheinlichkeit trotzdem abwandern, aber einen Versuch war’s wert.)

    Gerade in Deutschland sind diese Ängste allerdings sehr viel diffuser. Da geht’s dann um so Dinge wie Wohlstands- und Identitätsverlust. Und von diesen Ängsten ist vor allem (nicht ausschließlich!) eine Schicht betroffen: Männliche, unterdurchschnittlich gebildete Mittelstands-Babyboomer aus ländlichen Gegenden. Also die Generation, die den Krieg nicht mehr erlebt hat und stattdessen in jenen goldenen Jahren der BRD sozialisiert wurde, in denen man es auch ohne krassen Abschluss zu was bringen konnte. Man ist einfach nach der Hauptschule für die Ausbildung in den lokalen Industriebetrieb gegangen, wurde dann übernommen und die Jahre hinweg durchbefördert, bis man dann die dicke Rente kassiert.

    Das ist die behütetste Generation der Menschheitsgeschichte, aber genau deswegen kommt sie nicht darauf klar, wie schnell sich die Welt wandelt – und hat wahnsinnige Angst. Diese Generation versteht die Welt tatsächlich schlechter als die Generation ihrer Kinder, weswegen sie sich auch so leicht über das Internet manipulieren lässt. Und weil die Angst so groß ist, und die Krise in ihren Augen so existenziell, hat sie auch kein Problem damit, demokratische Prinzipien wie den Minderheitenschutz über Bord zu werfen. Aber die eigentliche Tragik ist, dass diese Generation plötzlich in einem geschlossenen Block nicht nur gegen ihre eigenen Interessen entscheidet – sondern vor allem gegen die ihrer Kinder. Siehe Brexit, siehe Trump.

    Und gerade weil das so eine irrationale Angst ist, bin ich auch mittlerweile der Meinung, dass Diskussionen nichts mehr bringen. Das ist ein klassischer Kulturkampf, und den gewinnt man nicht im Internet, sondern an der Urne. Deswegen nervt mich auch diese selbstkasteiende Ursachenforschung der Linken so, von wegen „oh, wir hätten besser zuhören müssen, wir waren so dumm“. Die richtige Strategie ist nicht Brücken bauen und schon gar nicht Appeasement (hallo CSU), sondern Verbündete mobilisieren. Man kann den Rechtspopulismus nicht mit Argumenten einfangen und schon gar nicht mit traumtänzerischer Kapitalismuskritik. Der Rechtspopulismus wird für die nächsten 20 bis 30 Jahre nicht weggehen. Bis dahin kann man ihn nur eindämmen, und zwar indem sich die Mehrheit der Gesellschaft zur Wehr setzt. Aber da haben wir noch einiges zu tun, weil was den Organisationsgrad angeht, sind uns die Rechten weit voraus.

    • Wir stimmen hier teilweise überein. Analysieren ist weiterhin wichtig, hilft aber kurzfristig nichts und mittelfristig nicht genug. Diskutieren ist sogar zwecklos, denn es ist ja gerade das grundlegende Merkmal der Rechtspopulisten, dass sie sich inhaltlichen Diskussionen verweigern und entziehen. Gesprächsbereitschaft wird stattdessen als Schwäche wahrgenommen, und wer versucht Überzeugungsarbeit zu leisten, wird dafür verhöhnt.

      Wie Du sagst ist es der falsche Weg, immer weiter Brücken zu bauen wollen. Wir müssen endlich damit aufhören, Wähler und Unterstützer der neuen Faschisten als Opfer (der Globalisierung, der Modernisierung, der sich wandelnden Gesellschaft, vonwasauchimmer) zu betrachten. Es sind TÄTER, und es ist wichtig, dies klar auszudrücken und klar Stellung zu beziehen.

      Klar wird kaum jemand, dem man ausdrücklich sagt, dass er ein dummes Arschloch ist, deswegen in sich gehen und denken „hoppla, ich will doch kein dummes Arschloch sein, vielleicht mache ich ja doch etwas verkehrt“. Aber es bringt ja auch nichts, verständnisvoll und diskussionsbereit auf diese Leute zuzugehen.

      Wichtig ist diese klare Positionierung jedoch, um solchen Menschen, die sich noch nicht mit den Rechtspopulisten identifizieren, deutlich zu sagen, dass es keine Entschuldigungen gibt – dass diffuse Ängste, das Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber eingefahrenen politischen Prozessen und das Bedürfnis nach Protest keine neofaschistischen Bewegungen legitimieren, und dass die selbstgewählte Ignoranz, welche ein großer Bevölkerungsteil geradezu stolz als Zeichen der Verbrüderung vor sich her trägt, vielmehr ein Grund ist sich zu SCHÄMEN.

      Die Bundesrepublik wurde vor dem Wiedererstarken der braunen Massenbewegungen im restlichen Europa nur durch die Scham geschützt, die aus den Schuldgefühlen für die Gräuel des Dritten Reiches entstanden ist; und diese Schundgefühle entstanden wiederum nur durch gesellschaftliche Ächtung. (Und natürlich den Umstand, dass Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat. In der Türkei zum Beispiel gibt es nicht anähernd ein vergleichbares Schuldbewusstsein für den Völkermord an den Armeniern – ganz im Gegenteil!)

      Die Bevölkerung von Nazi-Deutschland ist nicht damit durchgekommen, sich als OPFER zu betrachten. Die Welt hat ihr nachdrücklich klargemacht, dass sie ein TÄTERvolk war; dass auch bloßes Mitläufertum bedeutete, dass man Schuld auf sich geladen hatte. Diese moralische Dynamik fehlt heute. Gerade die Linke überschlägt sich geradezu dabei, die Ursachen für rechtspopulistische Strömungen überall zu suchen, nur nicht bei den Menschen selbst, die ihnen folgen. Damit macht sie sich lächerlich und erntet nur um so mehr Hohn und Spott.

      Der Rechtspopulismus lebt von klaren Botschaften. Diese sind zwar im besten Fall grob vereinfacht, meistens schlicht dumm und falsch und häufig erstunken und erlogen, aber sie sind KLAR.

      Die Linke, aber auch die gesellschaftliche Mitte (die für Rechte wie Tigris auch bereits zu den Linken zählt) beschäftigt sich hingegen viel zu sehr mit Differenzieren und Relativieren und verpasst es dadurch, klare Kante zu zeigen. Es gibt viele Schattierungen zwischen „richtig“ und „falsch“, aber es GIBT diese beiden Kategorien, und das gleiche gilt für „gut“ und „böse“. Ebenso gibt es Situationen, in denen es sinnvoll ist, auf politisch Andersdenkende zuzugehen und mit ihnen zu diskutieren; und es gibt Fälle, in denen es ur noch darum gehen kann, politische Brandstifter zu bekämpfen, bloßzustellen und zu isolieren.

      Und gerade deswegen ist es auch so wichtig die modernen Nazis auch als Nazis zu benennen und nicht erst zu warten, bis die Dinge tatsächlich so unvorstellbar schlimm geworden sind, dass dieser Vergleich für jeden offensichtlich gerechtfertigt ist. Wir haben trotz aller Vergangenheitsbewältigung darin versagt, aus dem Dritten Reich die allerwichtigste Lektion zu lernen, und die lautet NICHT „Ach herrje war das schlimm damals, damit darf man nichts anderes vergleichen“, sondern „wir müssen die Nazis RECHTZEITIG bekämpfen“!

      Wir drohen direkt aus der Phase, in der wir unseren Arsch nicht hochkriegen, um klar Stellung zu beziehen, weil die Dinge ja noch nicht so schlimm sind, in diejenige Phase zu rutschen, in der es zu spät ist, etwas zu unternehmen, weil die Dinge ja bereits so schlimm sind.

      Wenn Tigris vom Gejammer der „linken Verlierer“ spricht, dann äußert sich darin natürlich zunächst einmal die ekelerregende Menschenverachtung der Faschisten, für die alle Menschen, die sich für Toleranz und Wahrheit einsetzen, Opfer sind. Er legt damit aber auch den Finger in eine Wunde, denn wir beschäftigen uns zu viel damit, das Böse und Dumme in der Welt zu beklagen, und zu wenig damit, es zu bekämpfen.

  3. Irgendwie ist mir trotz Abo deines Blogs der Artikel komplett durchgerutscht…

    Interessante Diskussion. Ich möchte nur auf die schnelle noch einen anderen Punkt noch einwerfen: Ich bin absolut nicht religiös/gläubig, aber mit dem allgemeinen Rückzug der Kirche in der modernen Welt kommt auch die Nächstenliebe abhanden und der Egoismus ist stark ausgeprägt. Kombiniert mit dem Internet wo uns täglich gezeigt wird, was man alles haben könnte, was andere alles tolles machen (Stichwort Facebook, Urlaub, VIPs in Twitter usw.) und man vergleicht das mit dem eigenen Leben dann kann man schnell zu seltsamen Schlüssen kommen. Dabei übersieht man dann auch zusätzlich, dass bei den anderen eben nicht alles auch immer rosig und problemlos läuft – die zeigen meist eben nur die tollen Sachen.

    Das sind jetzt aber natürlich keine Hauptgründe für die derzeitigen Phänomene (davon habt ihr genug erwähnt) aber sie tragen eventuell zu der ganzen Geschichte auch ihren Teil bei. Zumindest erzeugen sie eine gewisse Unzufriedenheit und Dickköpfigkeit was dann in die von Florians genannten Dinge münden kann – eben dass man lieber direkt versucht sich selbst und seine Situation zu verbessern, Scheiß auf die Folgen für andere Gruppen und Koste was wolle, ein Versuch ist es wert…


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