Ein moralisches Dilemma aus Crystal Heart

Einer der Webcomics, die ich in meiner Tab-Sammlung habe, um sie regelmäßig auf Updates hin zu überprüfen, ist Up to 4 Players. Er begann als größtenteils lose Aneinanderreihung einzelner satirisch-surrealistischer Begebenheiten aus dem Leben zweier israelischer Gamer, die nach London gezogen sind, hat jedoch zuletzt eine kommentierte Rollenspielrunde des Spiels Crystal Heart illustriert (welches ich ziemlich interessant finde). Der Humor zum Reihenbeginn war ein wenig „hit-or-miss“, und die dargestellte Spielhandlung ist ein wenig simpel (was allerdings wegen der relativ seltenen Updates auch sinnvoll ist, weil sie sonst wohl nie zum Ende käme), aber ich finde diesen Comic insgesamt sehr unterhaltsam, auch wenn ich ihn nicht in die Kategorie „sollte jeder kennen“ oder auch nur „sollte jeder Gamer kennen“ einordnen würde.

Die aktuelle Folge stellt eine der handelnden Figuren vor ein moralisches Dilemma, und meiner Ansicht nach entscheidet sie sich falsch (was übrigens nicht bedeutet, dass die Spielerin sich falsch entschieden hätte, welche die Persönlichkeit ihrer Figur darstellt). Lest es Euch kurz durch, bildet Euch eine Meinung und kommt dann zurück! (Wer den gesamten Handlungsbogen lesen will, der bislang 22 Seiten umfasst: Er beginnt hier.)

Die Anführerin der Abenteurer (sie heißt Muna) wird vor eine schwierige Entscheidung gestellt, doch ich denke, diese Entscheidung ist nicht rational schwierig, weil die richtige Handlungsweise nicht eindeutig zu ermitteln wäre, sondern lediglich emotional problematisch, weil beide Optionen negative Folgen haben. Als militärisch ausgebildete Anführerin ist es allerdings ausdrücklich ihre Aufgabe, solche Entscheidungen zu treffen – sie ist dafür ausgeblidet worden, und sie trägt die Verantwortung.

Ihre oberste Leitmaxime ist es, das Leben Unschuldiger zu schützen. Das tut sie, indem sie Margarete vor einem wahrscheinlichen Tod bewahrt. Jedoch steht sie in der Verantwortung, nicht nur die unmittelbaren Folgen ihres Handelns zu bedenken. Die Augen vor dessen Konsequenzen zu verschließen (was sie auch keineswegs tut), wäre eine Form moralischer Feigheit – sie vereinfacht damit eine komplexe Entscheidung und wird ihrer Verantwortung nicht gerecht.

Menschen in Führungspositionen sind verpflichtet, über den unmittelbaren Moment hinauszudenken und ihre persönlichen Empfindlichkeiten hintanzustellen. Das ist die Verantwortung, die sich aus ihrer Entscheidungsgewalt ableitet. Einer Privatperson kann man moralisch keinen Vorwurf machen, wenn diese zum Beispiel das Leben eines geliebten Menschen über das anderer Menschen stellt. Eine Führungsposition jedoch verpflichtet dazu, das Allgemeinwohl in den Vordergrund zu stellen, und die Bereitschaft und die Fähigkeit dies zu tun, sind eine notwendige Qualifikation dafür. Die Entscheidung, wenige Menschenleben für viele zu opfern (und erst recht die Möglichkeit, dabei einen Fehler zu machen), ist furchtbar, aber wenn niemand solche Entscheidungen verantwortlich und kompetent trifft, sterben insgesamt mehr Menschen. Anführer erlegen sich diese Bürde im Austausch für ihre Entscheidungsgewalt auf.

Muna ist sich dessen bewusst und entscheidet sich trotzdem dafür, Margarete zu retten. Dabei riskiert sie sowohl das Leben ihres Mitkämpfers (es gibt noch eine dritte Figur, die jedoch momentan nicht an der Szene beteiligt ist), welchen sie mit ihrem Eingreifen vermutlich hätte beschützen können, als auch indirekt ihr eigenes – da sie sich ja weiterhin verpflichtet fühlt, das Monster zu bekämpfen, dabei aber alleine weitaus schlechtere Chancen besitzt – und darüberhinaus den Erfolg ihrer gesamten Mission, deren unmittelbares Ziel es ist, jenes Monster unschädlich zu machen und damit folgerichtig auch Leben unschuldiger Menschen zu schützen, denn es ist davon auszugehen, dass dieses Monster ebenso wie ein gleichartiges, welches sie bereits besiegt haben, viele Menschen töten wird, wenn sie es nicht aufhalten. In letzter Konsequenz verletzt Muna also mit ihrer Handlungsweise ihre primäre Direktive!

Diese Argumentation allein reicht jedoch meiner Meinung nach nicht aus, um Munas Entscheidung zu einer rational (wenn auch nicht emotional) einfachen zu machen. Einmal ist es als Anführerin auch ihre Aufgabe, Risiken einzuschätzen und einzugehen. Insbesondere ihre Mitabenteurer (die rein technisch ihrer Befehlsgewalt unterstellt sind, auch wenn sie bislang nicht gerade Musterbeispiele an Gehorsam verkörpert haben) sind als Mitglieder einer militärisch organisierten Einheit prinzipiell dazu verpflichtet, höhere Risiken für ihre eigene Gesundheit und ihr Leben einzugehen als „Zivilisten“. (Speziell die Übernahme solcher gefährlichen Missionen stellt beispielsweise bereits ein solches Risiko dar.)

Prinzipiell ist es also akzeptabel, wenn Muna Mitglieder ihrer Einheit in größere Gefahr bringt, indem sie eine Zivilistin rettet. Gleichzeitig muss sie jedoch auch den Erfolg ihrer Gesamtmission im Auge behalten und die nunmehr erhöhte Chance, dass diese mit katastrophalen Folgen scheitert, dem Wert des von ihr in dieser konkreten Situation geretteten Lebens gegenüberstellen und abwägen (und dies alles in Sekundenbruchteilen!) Das ist sicherlich nicht einfach, aber dafür ist sie ausgebildet worden – was nicht bedeutet, dass von ihr erwartet werden kann, zuverlässig die richtige Entscheidung zu treffen; wohl aber, dass von ihr erwartet werden muss, diese Entscheidung überhaupt zu treffen, weil sie die besten Chancen besitzt, sie richtig zu treffen.

Dann möchte ich noch darauf hinweisen, dass es ein Gegenstück zum Verschließen der Augen vor langfristigen Konsequenzen gibt, das ich Hybris nennen will. Hier überschätzt man als Entscheidungsträger seine Fähigkeiten, die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen vorherzusagen und zu bewerten. Als ein Extrembeispiel sei hier ein Politiker genannt, der ernsthaft überzeugt ist, dass er am besten geeignet wäre, ein Land zu regieren, und dass von seiner Herrschaft die Gesamtbevölkerung langfristig profitieren würde, und der deswegen sein Land in einen blutigen Bürgerkrieg stürzt, in dem er alle Ideale, für die er eigentlich steht, verrät. In weniger extremen Fällen ist es oft sehr schwierig zu erkennen, an welchem Punkt die Schwelle überschritten wird, bis zu der man verantwortlich und vorausschauend für ein erstrebenswertes Ziel handelt, und ab der man den Zweck die Mittel heiligen lässt und damit möglicherweise mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Entscheidend ist aber, dass man in beiden Richtungen zu weit gehen kann: Man kann der Verantwortung für sein Handeln entfliehen, indem man bei jeder Entscheidung deren größeren Kontext ausblendet; und man kann andererseits Einzelschicksale ausblenden und bei der Fokussierung auf langfristige Ziele seine Seele verlieren.

In diesem konkreten Fall glaube ich jedoch nicht, dass es Hybris ist, wenn Muna ihre Einschätzung der Gesamtsituation zur Grundlage nimmt, für ein größeres Ziel Opfer zu bringen: Es besteht eine zeitnahe konkrete Gefahr, deren Bekämpfung unmittelbar möglich ist und grundsätzlich in ihren Erfahrungsbereich fällt. Andererseits steigt das Risiko, diesen Kampf zu verlieren und damit den Tod zahlreicher weiterer Menschen (einschließlich der Mitglieder ihres Teams und Munas selbst) zu verursachen mit der Rettung Margaretes sehr deutlich an. So, wie uns diese Situation präsentiert wird, ist Munas Entscheidung daher meiner Ansicht nach auch ohne Berücksichtigung wichtiger weiterer Aspekte, auf die ich gleich noch eingehen werde, bereits falsch; aber sie ist lediglich konkret falsch, nicht prinzipiell falsch. Eine leichte Verschiebung der Parameter könnte dies bereits ändern: Wenn zum Beispiel das dritte Mitglied des Teams noch in den Kampf eingreifen und an Stelle Munas ihrem Kameraden helfen könnte, würde sich die Bewertung der Risiken ihrer beiden Optionen schon wieder völlig anders darstellen. Vermutlich käme es dann auf Munas genaue Einschätzung der kämpferischen Fähigkeiten ihres Teams an.

Ich denke jedoch, dass Munas Entscheidung prinzipiell falsch ist, und zwar aus folgendem Grund: Margarete ist zwar eine „Zivilistin“ und zweifelsfrei schützenswert, aber sie ist nicht unschuldig. Sie hat aus freiem Willen entschieden, sich in Gefahr zu bringen und dieses Monster zu bekämpfen, womit sie wiederum Munas gesamtes Team in Gefahr bringt, falls dieses ihrer unmittelbaren Rettung Priorität einräumt. Jemand, der mit seiner Handlungsweise erkennbar sich und andere in Gefahr bringt, ist nicht unschuldig. Margarete ist für ihre eigene Entscheidung verantwortlich und muss daher auch deren Konsequenzen tragen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Muna sie nicht retten sollte, wenn sie dies tun könnte, ohne damit das Leben anderer massiv zu gefährden! In diesem Fall jedoch haben wir auf der einen Seite einen Menschen, der leichtfertig sich selbst in Gefahr bringt, und auf der anderen Seite Menschen, die in verantwortungsvoller Weise eine Gefahr bekämpfen. Ich denke, es ist ein vernünftiges moralisches Prinzip, im Zweifelsfall eher denjenigen zu retten, der unverschuldet in eine Notsituation geraten ist, als denjenigen, bei dem dies aus Leichtfertigkeit geschehen ist. (Aber natürlich sollte man beide retten, falls diese Möglichkeit besteht!) Daher sehe ich bereits aus diesem Grund Munas Entscheidung als prinzipiell falsch an.

Das letzte Argument jedoch, welches für mich diese Entscheidung rational einfach macht (und welches ich auch emotional als ein wenig entlastend empfinde), ist der Umstand, dass Margarete mit ihrem mutigen Voranstürmen freiwillig ein Opfer bringt, um der Mission von Munas Team zu helfen. Sie besitzt zweifelsohne das moralische Recht, in einer Situation auf Leben und Tod ihr eigenes Leben zu riskieren, um das Überleben anderer wahrscheinlicher zu machen! Sie besitzt andererseits nicht das moralische Recht, das Leben anderer auf Grund ihrer leichtfertigen Entscheidung in Gefahr zu bringen – aber das ist ja auch nicht ihre Absicht. Sie erwartet nicht, von Muna oder jemand anderem gerettet zu werden; sie greift im Gegenteil unterstützend in diesen Kampf ein, was Munas Team prinzipiell einen Vorteil verschafft (klar, ein unerfahrener Kämpfer kann eine Situation mit unüberlegtem Handeln auch verschlimmern).

Das ist ihr Opfer, und Muna ist prinzipiell moralisch berechtigt, und in dieser konkreten Situation sogar moralisch verpflichtet, es anzunehmen! Durch Margaretes Rettung wird dieses Opfer nicht nur entwertet, sondern sogar umgekehrt – eine Aktion, die als Unterstützung beabsichtigt war, wurde dadurch zu einer erheblichen Belastung. Die einzige Person, deren Situation sich durch Munas Entscheidung nicht eindeutig verschlechtert, ist Margarete, und diese erhält dadurch nur etwas zurück, was sie freiwillig aufgegegeben hat, während sie gleichzeitig auch etwas verliert, nämlich die Möglichkeit zu helfen, sowie ihren geliebten Hans zu rächen. Muna entscheidet hier für Margarete, dass deren Überleben wichtiger ist als ihre Gründe, ihr Leben zu riskieren, und das ist bereits problematisch – es wäre noch vertretbar, wenn keine anderen Abwägungen ins Spiel kämen, aber durch die zusätzliche Gefährdung ihres Teams und seiner Mission ist diese Entscheidung klar falsch. An dieser Stelle kann man sogar von Hybris sprechen, wenn Muna sich berechtigt fühlt, für einen anderen Menschen, den sie kaum kennt, Entscheidungen zu treffen; und wenn sie es als gegeben ansieht, dass Margarete in diesem Kampf gestorben wäre, und dass sie nicht vielleicht der ausschlaggebende Faktor geworden wäre, ihn zu gewinnen.

Letztlich ist dies Munas Entscheidung: Margarete zu gestatten, freiwillig ihr Leben zu riskieren, um Munas Team bei dessen wichtiger Mission zu helfen; oder mit ihrem Eingreifen Margaretes Angebot abzulehnen und damit das genaue Gegenteil zu erreichen. Hier fallen für mich der utilitaristische und der menschliche Aspekt dieser ethischen Entscheidung zusammen, und deswegen ist Munas Handeln meiner Ansicht nach prinzipiell rational eindeutig falsch, wenngleich auch menschlich verständlich.

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