Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 23

*** Erziehung ***

Einige Katzen fauchten, als Tirvo das metallene Gartentor deutlich kräftiger als nötig hinter sich zuwarf.

„So eine alte Ziege“, murmelte er.

„Du hast ja Recht, sie ist wirklich unausstehlich“, pflichtete Aurora ihr bei. „Aber hättest du dich nicht trotzdem zusammenreißen können? Jetzt hat sie uns wohl den Auftrag wieder entzogen.“

„Mir doch egal. Sie will ja offensichtlich unsere Hilfe nicht.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Mareike. „Gehen wir unverrichteter Dinge zu Hartmut zurück?“

„Wir können ja schauen, ob Ludwig und Rogo etwas herausgefunden haben“, schlug Tirvo ausweichend vor.

„Selbst wenn – du hast es doch gehört: Sie besteht darauf, dass du dich in aller Form bei ihr entschuldigst“, erinnerte ihn Aurora.

„Darauf kann sie lange warten“, bockte Tirvo.

Mareike zuckte mit den Schultern. „Ihr seid die Chefs.“

Sie gingen langsam um das Grundstück herum. Als sie auf der Rückseite anlangten, hinter der bereits nach wenigen Metern der Wald begann, sahen sie in einiger Entfernung Ludwig winken und steuerten auf ihn zu.

„Rogo sagt, er hat am Zaun tatsächlich die Spuren der Kinder gefunden, auch wenn sie vom Geruch zahlloser Katzen überlagert wurden. Ab hier allerdings riecht er nur noch die vier Kinder.“

Aurora fragte sich, ob sie in absehbarer Zeit ebenfalls lernen konnte, sich mit Pfoten so gut zu verständigen, wie Ludwig es offenbar vermochte.

„Die beiden Katzen – wie hießen sie, Tammi und Mimmi? – waren also nicht dabei?“, fragte Tirvo.

Rogo blaffte etwas, aber Ludwig antwortete bereits. „Ich gehe eher davon aus, dass die Kinder die Katzen auf den Arm genommen haben. So sind sie nicht mehr zu riechen, oder zumindest ist ihr Geruch nicht mehr von dem der Kinder zu trennen, wenn diese sie vorher berührt haben.“

„Ziemlich schlau von den Kindern“, meinte Aurora beeindruckt.

Ludwig blinzelte sie verwirrt an. „Wieso von den Kindern? Darauf sind die Katzen gewiss ganz von selbst gekommen. Schließlich führen sie seit Jahrhunderten einen Krieg gegen die Hunde, da werden sie solche Tricks wohl kennen!“

„Natürlich“, pflichtete die Elbin ihm bei. Ich muss mich wohl erst noch daran gewöhnen, dass in Arkheim Katzen und Hunde eigenständig denken und handeln.

„Und die Spur führt tiefer in den Wald?“, wollte Tirvo wissen.

„Ja“, bestätigte Ludwig. „Wollen wir ihr folgen?“

„Ich fürchte, wir müssen zurück zum Turm“, sagte Aurora zögernd.

„Wieso denn das?“, fragte Ludwig verblüfft.

„Tirvo hat sich der Vorsteherin gegenüber ein wenig daneben benommen, und… naja, sie hat uns aufgetragen, Hartmut zu unterrichten, dass sie kein Interesse mehr an unserer Hilfe hat.“

„Ich habe nichts Falsches gesagt“, verteidigte sich Tirvo, aber es klang bereits ein wenig kleinlaut.

„Du warst schon ein wenig unbedacht bei deinen Äußerungen“, warf Mareike ein.

Ludwig schüttelte den Kopf. „Na großartig. Aber was soll’s, gehen wir eben zurück.“

***

Tirvo erreichte den Turm als Letzter. Ludwig war mit Rogo vorausgegangen, und auch die Mädchen liefen schneller als er. Eingeschnappt trottete er hinter den anderen her. So langsam dämmerte ihm, was für großen Mist er gebaut hatte.

Hartmut erwartete ihn bereits. Wortlos bedeutete er ihm, ihn in die Küche zu begleiten. Sie setzten sich hin, und sein Fürsprecher sah ihn an. „Also?“

„Nun ja… die Vorsteherin hat uns hinaus geschmissen… aber das weißt du ja wohl schon. Sie hat sich aber auch wirklich unausstehlich aufgeführt!“, beschwerte sich Tirvo.

„Ja“, stimmte Hartmut ihm zu. „Und?“

„Naja, ich meine, sie erwartet doch schließlich Hilfe von uns, da ist es doch völlig unlogisch, nicht vernünftig mit uns reden zu wollen!“

„Ja“, wiederholte Hartmut. „Und?“

„Sie war wirklich richtig unverschämt zu mir! Und jetzt soll ICH mich entschuldigen? Das ist doch nicht fair!“

„Ja.“ Hartmut sah ihm in die Augen. „Und?“

Tirvo wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Ihm war doch selbst klar, dass er eine Dummheit gemacht hatte, und wenn er es wusste, dann wusste Hartmut es ebenfalls, und ebenso wusste sein Fürsprecher dann auch, dass Tirvo wusste, dass dieser es wusste. Er senkte den Blick.

Nach einigen Augenblicken Schweigens richtete sein Fürsprecher das Wort an ihn.

„Deine Dummheit, Tirvo, gefährdet dich und andere. Deswegen gibt es keine Entschuldigung dafür. Du wusstest, dass du dich falsch verhieltest, und du hast es trotzdem getan. Jetzt musst du die Konsequenzen dafür tragen.“

„Das bedeutet, ich muss mich entschuldigen“, murmelte Tirvo widerwillig.

„Es wird vermutlich sehr unangenehm werden“, teilte Hartmut ihm mit.

Tirvo nickte.

„Nutze die Gelegenheit, diese Lektion zu lernen.“

Mit diesem Worten entließ Hartmut ihn.

***

„Und?“, fragte Aurora ihn, als Tirvo wieder hinaus zu den anderen trat.

„Wir gehen zurück, und ich werde mich entschuldigen“, seufzte Tirvo.

Ludwig, der mit seiner Axt gespielt hatte, sah ihn vorwurfsvoll an. „Den Weg hätten wir uns auch sparen können.“

„Jaja, tut mir leid“, entgegnete der Angesprochene kleinlaut.

Als sie gerade wieder aufbrechen wollten, rief Hartmut noch einmal Aurora zu sich. Sie eilte zu ihm in die Küche.

„Hast du mir nichts zu sagen?“

„Ich… ich weiß nicht“, antwortete die Elbin verwirrt. Er konnte doch ihre Gedanken lesen, da musste er doch wissen, dass sie keine Schuld traf?

Hartmut sah sie streng an. „Du bist gemeinsam mit Tirvo für das Gelingen dieses Auftrags verantwortlich. Hast du auch wirklich alles getan, um ihn von dieser Dummheit abzuhalten?“

„Aber was hätte ich denn tun sollen?“, protestierte Aurora.

„Du musst lernen, Verantwortung für andere ebenso wie für dich zu übernehmen. Tirvos Versagen ist zum Teil auch deines.“

Ich kann doch nichts dafür!, dachte Aurora wütend.

„Verantwortung bedeutet nicht nur, keine eigenen Fehler zu machen, sondern auch, andere daran zu hindern, Fehler zu machen und ihnen zu helfen, ihre Fehler auszubügeln. Hier hast du versagt.“

Aurora war fassungslos. Das konnte er doch nicht wirklich von ihr erwarten!

„Das erwarte ich von dir, und das solltest du auch von dir selbst erwarten“, ging Hartmut auf ihren unausgesprochenen Gedanken ein. „Aber ich merke, du bist uneinsichtig. Dann geh jetzt. Ich hoffe, du wirst noch lernen, Verantwortung für andere zu übernehmen.“

Verärgert verließ Aurora die Küche. Sie fühlte sich unfair behandelt und überfordert.

***

Als Tirvo dieses Mal an der Tür des Waisenhauses klingelte, öffnete ihm die Vorsteherin persönlich.

„Ja?“, fragte sie mit strengem Gesichtsausdruck.

„Ich… ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen, Frau Vorsteherin“, murmelte Tirvo mit gesenktem Kopf.

„In aller Form?“

„In aller Form“, bestätigte er leise.

„Soso. Dann wollen wir doch einmal sehen, ob du deine Entschuldigung ernst meinst.“

Sie führte ihn auf einen kleinen Hof hinter dem Haus. Dort blies sie zwei Mal in eine kleine Holzpfeife, die sie an einer Kette um ihren Hals trug, und sofort kamen aus allen Richtungen Kinder angerannt. Auch zahlreiche Katzen gesellten sich hinzu.

Die Mädchen stellten sich auf einer Seite in einer Reihe auf, die Jungen auf der anderen. Offenbar war ihnen dieses Ritual vertraut.

Tirvo musste langsam zwischen den beiden Reihen hindurch zu einem Baumstumpf gehen. Dort verlangte die Vorsteherin von ihm, seine Hosen herunter zu lassen und sich über diesen Stumpf zu beugen. Tirvo gehorchte.

Dann zog Thelunia Pymithiel einen Rohrstock hervor und ließ diesen kräftig auf Tirvos nackten Po herab sausen. „Eins“, verkündete sie feierlich.

Tirvo biss sich auf die Lippen, gab aber kein Geräusch von sich.

Langsam zählte die Vorsteherin auf diese Weise bis fünfundzwanzig. Die Schläge waren äußerst schmerzhaft, aber noch unangenehmer für Tirvo war das Bewusstsein, von Dutzenden Kindern (und noch einmal so vielen Katzen) angestarrt zu werden. Ich habe Schlimmeres durchgestanden, erinnerte er sich. Er konzentrierte sich auf den Gedanken, im Boden zu versinken, sich den Blicken der Kinder und vor allem dem Rohrstock der Vorsteherin auf diese Weise zu entziehen.

Irgendwann war es schließlich vorbei. Tirvo zitterte am ganzen Leib, und als er sich die Hosen wieder hochzog, bemerkte er, dass Thelunia ihn mit ihrem Stock bis aufs Blut geprügelt hatte.

Die Vorsteherin schenkte ihm ein kaltes Lächeln. „Ich nehme deine Entschuldigung an, Tirvo Banrus.“

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Veröffentlicht on Februar 22, 2011 at 8:13 pm  Schreibe einen Kommentar  

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