Das Geschäft – ein Beitrag zur Welt der Dunkelheit

Wie Monumente der Düsternis ragten die Häuserblöcke in die Nacht auf und ließen das bleiche Licht des Mondes nur in dünnen Streifen zwischen sich hindurchsickern. In diesem halb verfallenen, halb vergessenen Viertel im Herzen der Stadt schienen die Menschen nicht einfach nur zu schlafen, das Leben selbst schien aufgehört zu haben; der Puls der Zeit war zum Erliegen gekommen, und die Nacht floss wie eine zähe, trübe Flüssigkeit durch die dunklen Straßenschluchten.

Im unsicheren Licht einer Straßenlaterne erschien die Gestalt eines Mannes, der aus einer versteckten Bar hinaus auf die Straße trat. Er blickte sich mehrmals nervös um, als könnte er dadurch die bedrohlichen Schatten bannen, die auf dem Asphalt dunkel flackerten. Mit zögernden Schritten begann er seinen Weg, verfiel aber bald in einen schnelleren, hastigen Rhythmus, ohne jedoch das Gefühl verdrängen zu können, fremd in einem gefährlichen Medium zu treiben – eine Fliege, die in einem schmutzigen Rinnsal schwamm. Obwohl in den Häusern hier Tausende von Menschen leben mussten, war niemand sonst auf der Straße. Auch kein Auto durchbrach mit vertrautem Brummen die unnatürliche Stille – nur von der fernen Autobahn, die diese Gegend von den belebteren Vierteln der Stadt abschnürte, drang ein leises, regelmäßiges Rauschen herüber.

Der Barkeeper hatte ihm mit unbeteiligtem Gesicht mitgeteilt, dass hier niemand nachts unterwegs war, der nicht einen sehr guten Grund dafür hatte. Jacobsen hatte sich gefragt, warum dann diese Bar offenblieb, in der er seit Stunden, seit Einbruch der Dunkelheit, der einzige Gast gewesen war, aber er hatte nichts gesagt – er wusste, dass ihm die Antwort nicht gefallen hätte. Auch die Polizei patroullierte in diesem Gebiet nicht – ein Umstand, der Jacobsen ganz im Gegensatz zu seinen normalen Reaktionen geradezu ängstigte.

Beinahe hätte er den schmalen, unbeleuchteten Seiteneingang übersehen, der sein Ziel war und sich als ein rechteckiges Loch von noch etwas düstererem Grau in der schmierigen Häuserfassade auftat. Mit erleichtertem Seufzen blieb Jacobsen vor der Tür stehen und suchte im Licht seines Feuerzeugs nach einer Klingel. Er fand keine. Versuchsweise drückte er stattdessen gegen die rostige Tür. Tatsächlich gab sie mit einem leisen Quietschen nach und öffnete sich in einen schwach von einer Notbeleuchtung erhellten Hausflur, an dessen Ende eine Treppe hinaufführte. Erst nachdem Jacobsen das Haus betreten hatte, und seine Augen sich an das fahle Licht gewöhnt hatten, das zunächst mehr verbarg als enthüllte, entdeckte er den Aufzug in der Ecke. Die Kabine befand sich im Erdgeschoss. Als er die Tür öffnete, schlug ihm ein modriger Geruch entgegen, der ihm beinahe den Atem nahm. Das Holz der Wandverkleidungen war brüchig und fleckig, und der Teppichbelag am Boden von Schimmel überwuchert. Die Bedienungsknöpfe schienen fingerdick unter Staub zu liegen, und im Innern war kein Licht. Ein Schild „Außer Betrieb“ wäre vollständig überflüssig gewesen.

Jacobsen murmelte leise einen Fluch, hielt aber erschrocken inne, als das Echo seiner Worte beinahe ebenso laut zu ihm zurück scholl. Es dauerte beinahe eine Minute, bis der Nachhall endgültig erstarb. Er fühlte sich elend. Der Gedanke, zweiundvierzig Stockwerke im Dunkeln zu Fuß auf der Treppe zurücklegen zu müssen, war entsetzlich genug, aber diese Strecke unablässig vom Geräusch seiner eigenen Schritte verfolgt zu werden, war undenkbar. Vorsichtig betrat er den Fahrstuhl. Die Tür schloss sich hinter ihm, und sofort hüllte ihn die Dunkelheit vollständig ein. Mit zitternden Fingern näherte er die Flamme seines Feuerzeugs dem Bedienungspaneel. Die Knöpfe schienen nicht bezeichnet zu sein, oder zumindest war eine Beschriftung unter dem Schmutz und Staub nicht zu erkennen. Jacobsen drückte einfach den obersten. Einen bangen Augenblick geschah nichts, dann ertönte zu seinen Füßen ein kurzes, lautes Kreischen, und die Kabine erzitterte. Schließlich setzte sich der Boden in Bewegung und schob ihn langsam nach oben.

Nach einem endlosen, ängstlichen Aufwärtsgleiten im Dunkel kam das Gefährt mit einem merkwürdig sanften Ruck zum Halten. Als Jacobsen eilig die Tür aufstieß, entschlüpfte ihm ein überraschter Laut: Vor ihm breitete sich in schimmerndem, goldhellen Licht ein Teppich von Burgunderfarbe einen weitgestreckten Flur entlang; die Wände waren mit blinkenden Spiegeln verkleidet, welche das Leuchten dieses Ganges verstärkten und unaufhörlich wiederholten. Hunderte, wenn nicht Tausende kunstvoll gefertigter Figuren säumten den Weg; von der Decke spendeten verschwenderisch geschmückte Lampen das goldene Licht. Obwohl er kein Kunstkenner war, konnte Jacobsen mühelos erkennen, dass sich hier auf wenigen Metern reichere Schätze drängten, als er auf allen seinen Unternehmungen bisher auch nur aus der Ferne gesehen hatte. Vorsichtig schritt er voran, wobei der watteweiche Stoff zu seinen Füßen jedes Geräusch schluckte. Bald kam er zu beiden Seiten an breiten, doppelflügeligen Türen vorbei, die aus schwerem, edlen Holz gearbeitet schienen und mit aufwendigen, verschnörkelten Schnitzereien verziert waren. Er wagte es nicht, sich ihnen zu nähern, sondern folgte weiter dem Gang, bis dieser schließlich vor einem gewaltigen Portal – allein die Größe dieses Durchganges verbot die Bezeichnung „Tür“ – sein Ende fand. Jacobsen stand zunächst eine Weile unschlüssig davor, bevor er sich fasste und mit der Faust dagegenschlug. Wenige Sekunden wartete er bang, dann schwangen die mächtigen Flügel geräuschlos und majestätisch langsam nach innen auf.

Im selben Augenblick, wie von einem heftigen Windstoß ausgeblasen, erloschen hinter ihm die Lampen. Vor ihm war der Raum in Schwärze getaucht, nur in einiger Entfernung erblickte Jacobsen im Schein einer altmodischen Gaslampe einen Schreibtisch, vor dem sich offenbar ein Stuhl befand. Auf der anderen Seite des Tisches stand ein Sessel, in den sich eine massige Gestalt zurücklehnte. Um diesen Platz war Finsternis, nichts anderes schien in diesem Raum zu existieren. Zögernd näherte sich Jacobsen. Erst als er bereits die Lehne des hohen Stuhles berühren konnte, erkannte er in der Gestalt im Sessel den Körper eines riesenhaften Mannes. Er war in einen scharlachroten Kimono gekleidet, der mit goldenen Borten bestickt war und dessen Falten in verschlungenen Mustern über die Sessellehne fielen. Über dem goldglänzenden Kragen nahm er das Gesicht des Mannes wahr, das eine seltsam unbestimmte, am ehesten als kupfern zu beschreibende Farbe besaß. Der Kopf war haarlos, jedoch fielen die buschigen, goldblond leuchtenden Augenbrauen auf, unter denen kalte, reptilienhafte Augen unbewegt in seine Richtung starrten. Nach dem Rest seiner Erscheinung mochte der Mann um die vierzig, fünfzig Jahre alt sein, aber die Augen… die Augen waren uralt. Ihr Blick ließ Jacobsen frösteln. Als er das Wort ergreifen wollte, versagte ihm die Stimme, er musste sich erst heftig räuspern, bis er vernehmlich sprechen konnte.

„Mr. Gonard?“ Er brachte kaum mehr als ein Flüstern hervor.

„Sie kommen spät.“ Die Antwort war eine gezischte Zurechtweisung, die ihn unwillkürlich zusammenzucken ließ.

„Ich… wollte sichergehen, dass ich nicht verfolgt würde“, log Jacobsen.

„Wo ist der Ring?“ Die Stimme seines Gegenübers blieb unbewegt wie Eis, aber in den Augen glaubte er ein kurzes Aufblitzen der Gier wahrzunehmen.

„Ich habe ihn bei mir.“ Seine Stimme, der er einen festen Klang zu verleihen suchte, zitterte nur um so stärker.

„Zeigen Sie ihn mir!“ Wieder sprach der Mann völlig unbewegt.

„Erst wollen wir über den Preis reden!“ Jacobsen musste seinen ganzen Mut zusammennehmen, um diese Forderung zu stellen. Seine Augen wanderten nervös umher; seinen unheimlichen Geschäftspartner stetig anzusehen, wagte er nicht, aber in der grenzenlosen Nacht, die nach allen Seiten um ihn herum wartete, fand sein Blick keinen Halt. „Man hat mir gesagt, dass Sie faire Preise zahlen.“

Mr. Gonards Mund, der bis jetzt ein beinahe waagerechter, schmaler Schlitz gewesen war, zeigte die Andeutung eines Lächelns. „Wir werden… fair verhandeln“, zischte er.

Jacobsen wand sich unbehaglich, als ihn Mr. Gonard prüfend anstarrte. Er hatte das Gefühl, dass dieser Mann in seinen Gedanken blätterte und bei einigen besonders interessanten Seiten kurz verharrte. „Wieviel zahlen Sie mir?“

Die Falten des Kimonos flossen wie Schlangen, als die enorme Gestalt im Sessel sich zu ihm herüberbeugte. Der trübe Schein der Lampe enthüllte kräftige Zähne in ihrem Mund. „Wir werden ein Spiel spielen… wenn ich gewinne, bekomme ich den Ring… gewinnen Sie, erhalten Sie: Dies!“

Weit hinter dem Schreibtisch begann etwas zu funkeln. Als Jacobsen hinübersah, überfuhr ihn ein Schauder der Erregung: Von einem inneren Leuchten erhellt, strahlte dort eine ungeheure Menge Goldmünzen. Er konnte die Entfernung nicht genau schätzen, da die alles umgebende Schwärze ihm jedes Maß nahm, aber der Haufen wirkte genügend groß, um ein halbes Dutzend Männer aufrecht stehend dahinter zu verbergen.

Mühsam löste sich Jacobsen von diesem Anblick. „Sie sind verrückt!“, keuchte er. Er versuchte aufzustehen, aber er vermochte es nicht.

„Ein Rätsel!“, zischte Mr. Gonard. „Wenn Sie es lösen, gehört dieses Gold ihnen, wenn nicht… gehört der Ring mir!“

Unwillkürlich glitten Jacobsens Augen zurück zu dem Schatz, der in der Finsternis glühte. Sein Verstand schrie ihm ein überlautes Nein! zu, aber sein Wille schien nicht mehr ihm zu gehören. „Wie lautet das Rätsel?“, hauchte er.

Mr. Gonard lehnte sich langsam wieder zurück. Dann rezitierte er, feierlich, mit dunkler Stimme:

„Was ist mächtig und alt,
beherrscht die Luft mit Gewalt,
leuchtet golden und rot,
bringt Feuer und Tod?“

Jacobsen ließ die Worte verzweifelt in seinem Gedächtnis nachhallen. Ihm war, als wäre die Lösung lächerlich einfach, aber irgendetwas schien seinen Geist zu blockieren, verwirrte ihn, so dass er sich nicht konzentrieren konnte. In seinen Gedanken tauchte immer wieder das Bild eines Abfangjägers auf, aber er wusste genau, dass dies nicht die Lösung war. Ohne es zu merken, hatte er die Finger ineinander verschränkt, so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Mr. Gonard wartete ruhig ab.

„Sie sind der Lösung näher, als sie denken“, bemerkte er nach einiger Zeit spöttisch. Jacobsen zerbrach sich den Kopf – und plötzlich glaubte er, die Erleuchtung zu haben.

„Die Sonne!“, schrie er. „Natürlich, die Sonne!“

Erwartungsvoll sah er Mr. Gonard an, doch dieser schüttelte bedächtig und mit unbewegter Miene den Kopf.

„Nein!“, fauchte er, „Die Antwort ist falsch! Her mit dem Ring!“

Die Enttäuschung, die Jacobsen zunächst empfand, wich schnell heller Empörung. „Sie haben mich hereingelegt!“, schrie er.

„Nein!!“, brüllte Mr. Gonard. Mit einem Ruck erhob er sich vom Sessel und überragte nun den eher kleinen Dieb um mehr als zwei Köpfe. Furchtsam wich Jacobsen vor ihm zurück. Kleine Rauchwolken schienen aus den Nasenlöchern des Mannes zu quellen.

„Wir haben fair gespielt!“, donnerte der Riese. Seine Augen schienen in Flammen zu stehen. „Den Ring!“ Mit einem einzigen kraftvollen Stoß schob er den Schreibtisch quer beiseite.

Panische Angst überkam Jacobsen. Mit fliegenden Fingern nahm er den Ring aus der Tasche; ohne das unschätzbare Schmuckstück, für das er die Todeszelle riskiert hatte, auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, warf er es vor sich auf den Boden. Dann drehte er sich um und rannte. Ein vages Schimmern deutete die Umrisse der wieder geschlossenen Tür an. Er riss die schweren Flügel mit verzweifelter Kraft auf und flüchtete den Flur hinunter. Ein weiter letzter Satz brachte ihn in den Aufzug. Dort drückte er hektisch mehrmals auf den untersten Knopf.

Nichts geschah. Verzweifelt schlug Jacobsen auf die Knöpfe ein, so heftig, dass das Holz der Verkleidung splitterte. Dann hielt er inne, als ihn schlagartig die Lösung des Rätsels überfiel. Er begann hysterisch zu lachen. „Drache“, brüllte er, „Drache!“ Er wiederholte den Ruf, wieder und wieder, bis schließlich gleißende Flammen durch die Tür schlugen und ihn mitsamt des Fahrstuhls innerhalb von Sekundenbruchteilen zu Asche verbrannten.

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Veröffentlicht on Januar 7, 2007 at 4:33 pm  Schreibe einen Kommentar  
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