Der letzte Tag

Als ich erwachte, musste es bereits später Nachmittag sein; ich hatte gestern mit Freunden weit in den heutigen Tag hinein gefeiert und im wahrsten Sinne die Nacht zum Tag gemacht, so dass mich die letzten Gäste erst gegen elf Uhr vormittags verließen.

Die Müdigkeit lastete schwer auf mir, und mein einziges Bedürfnis war, mich auf die andere Seite zu drehen und noch ein Weilchen weiterzuschlafen, doch dabei fiel mein Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Ich benötigte einige Sekunden, um die Stellung der Zeiger zu deuten, dann durchzuckte es mich: Es war bereits beinahe halb sechs! Fluchend wälzte ich mich aus dem warmen, bequemen Bett und versuchte, nicht auf eines der zahlreichen, überall auf dem Fußboden verteilten Gläser zu treten. Dann richtete ich mich ächzend auf und überblickte das Chaos in meiner Einzimmerwohnung. Der gesamte Inhalt meines Geschirrschrankes schien sich, unregelmäßig angeordnet und mit den verschiedensten Essens- und Getränkeresten beschmutzt, auf dem Fußboden zu befinden. Das erwies sich jedoch als Irrtum, denn als ich mit schlurfenden Schritten die Küche betrat, fand ich dort Stapel von gebrauchten Tellern und Schüsseln sowie Ansammlungen von Gläsern und Besteck vor. Ich hatte mich über die Menge meines Essgeschirrs getäuscht.

Resignierend wandte ich mich von diesem Anblick ab und öffnete den Kühlschrank. Was ich befürchtet hatte, war eingetreten: Mein gesamter Getränkevorrat war vertrunken, und an Essbarem fand ich nur noch ein halbes Päckchen Butter und einen kaum angerührten Zucchini-Salat vor, den eine Freundin, deren etwas ausgefallenen Geschmack gestern abend niemand geteilt zu haben schien, mitgebracht hatte. Ich knallte die Kühlschranktür wieder zu und begab mich zurück ins Wohnzimmer, wo ich teils auf, teils neben und teils unter einem Stuhl die Kleidung wiederfand, die ich gestern getragen hatte, und sie eiligst anzog. Ich musste noch rechtzeitig in den Supermarkt; meine Verlobte würde mich heute abend besuchen, und ich hatte vorgehabt, für uns beide Abendessen zu kochen.

Als ich meine Wohnung verließ, war es bereits zwanzig Minuten vor sechs. Der Supermarkt schloss um 18 Uhr – manchmal auch einige Minuten früher – und war zwei Bushaltestellen entfernt, daher beeilte ich mich, zur Haltestelle zu gelangen. Dort stellte ich dann fest, dass ich gerade den Bus verpasst haben musste. Also setzte ich mich in Trab, um den Laden zu Fuss zu erreichen. Ich geriet jedoch bald in Atemnot und musste in einen raschen Schritt verfallen. Meine Kondition war im Augenblick wahrlich nicht die beste, und die Mischung aus wenig Schlaf und viel Alkohol, mit der ich mir in den letzten Tagen reichlich zugesetzt hatte, schien ein übriges dazu getan zu haben, meinen Kreislauf zu überfordern. Ich würde wohl in der nächsten Zeit etwas gesünder leben müssen.

Als ich den Supermarkt erreichte, wollte der Filialleiter gerade die Türen schließen, obwohl es eigentlich fünf Minuten zu früh war; er ließ mich allerdings noch hinein. Ich packte schnell die Zutaten für ein einfaches Nudelessen, sowie eine Flasche Rotwein und etwas Knabberzeug in den Wagen (meine Verlobte und ich sitzen gerne gemeinsam vor dem Fernseher, knabbern dabei Cracker und trinken Wein). Dann schob ich den Wagen zur Kasse. Ich kam gleichzeitig mit einer älteren Frau am Ende der Warteschlange an, die mir aber mit einem verzeihenden Lächeln den Vortritt ließ. Da ich es eilig hatte (meine Verlobte würde etwa um sieben kommen, und ich mußte vorher noch kochen und die Wohnung aufräumen), nickte ich ihr dankbar zu und nahm ihr Angebot an.

Die Kassiererin wirkte bereits ziemlich erschöpft und zog die Waren mit recht fahrigen Bewegungen über den Scanner, deshalb dauerte es eine ganze Weile, bis ich endlich an der Reihe war. Als sie mich erblickte, glaubte ich ein kurzes Erschrecken auf ihrem Gesicht zu erkennen, doch dann bearbeitete sie meine Einkäufe schnell und liebenswürdig – bestimmt hatte ich mich getäuscht. Ich bezahlte, nahm noch eine große Plastiktüte mit (in der Eile hatte ich natürlich meinen Einkaufskorb zu Hause stehenlassen), die mir anzurechnen sie vergaß, und verließ den Laden.

Diesmal hatte ich mehr Glück, der Bus kam beinahe gleichzeitig mit mir an der Haltestelle an. Ich stieg gerade ein, als mir einfiel, dass ich meine Umweltkarte nicht bei mir hatte. Doch als ich begann, in meinen Taschen nach Kleingeld für die Fahrkarte zu kramen, winkte mich der Busfahrer, der bei meinem Eintreten kurz gestutzt hatte, mit einem freundlichen Lächeln einfach durch. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass er mir mit den Augen folgte.

Der Bus war überfüllt und kein Sitzplatz frei, also stellte ich mich in die Nähe des Ausstiegs und hielt mich mit einer Hand an der Haltestange fest. Zu meinem großen Erstaunen jedoch erhob sich eine junge Frau, die auf einem Platz direkt neben mir gesessen hatte, und bot mir verlegen ihren Platz an; sie stiege sowieso gleich aus. Ich entgegnete, dass auch ich nur wenige Stationen weit führe und fragte sie im Scherz, ob ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren denn so gebrechlich aussähe, dass man mir einen Platz anbieten müsse. Doch schien ich sie damit unbeabsichtigt beleidigt zu haben, denn ein Schatten huschte über ihr Gesicht, sie murmelte eine Entschuldigung und sah mich nicht mehr an. Als ich mich umblickte, sah ich, dass auch die anderen Fahrgäste meinen Blick mieden, so als hätte ich mich arg danebenbenommen. Sicherlich machte ich auch in meinem unrasierten, ungewaschenen und verschlafenen Zustand einen schlechten Eindruck; möglicherweise haftete mir auch noch eine Fahne an.

Als ich den Wagen verließ, zeigte meine Armbanduhr 18 Uhr 32. Ich stürmte die Treppen hoch und fiel dabei um ein Haar über den Hund meiner Nachbarin, ein großes, bösartiges Vieh, das normalerweise keine Gelegenheit ausließ, mich anzuknurren, und mich auch schon einmal leicht in den Arm gebissen hatte. Heute aber legte das Tier ein gänzlich anderes Verhalten an den Tag, wich winselnd vor mir zurück, um schließlich beinahe auf dem Bauch wieder zu mir hin zu kriechen und mir die Füße zu lecken. Meine Nachbarin musste mir die Verblüffung angesehen haben, denn sie entschuldigte sich wortreich, wirkte geradezu zerknirscht und lud mich sogar zu einer Tasse Kaffee in ihre Wohnung ein, „auf den Schreck“. Dabei konnte sie mich eigentlich nicht ausstehen. Ich entschuldigte mich kurz mit dem Hinweis, dass ich sehr in Eile war, und hastete weiter. Als ich meine Wohnungstür aufschloss, konnte ich hören, wie sie ein Stockwerk tiefer mit beruhigender Stimme auf den laut jaulenden Hund einredete.

Wieder daheim begann ich zunächst damit, mit fliegenden Händen mein Wohnzimmer wieder in einen halbwegs ordentlichen Zustand zu versetzen. Zwischendurch setzte ich schon das Wasser für die Nudeln auf. Ich war gerade dabei, zwei Teller für das Abendessen abzuwaschen (es war auch nicht ein einziges sauberes Stück Geschirr übriggeblieben), als ich bereits hören konnte, wie meine Verlobte die Tür aufschloss. Sie musste einen früheren Bus erwischt haben. Ich rief ihr von der Küche aus einen Gruß zu und begegnete dann ihrem Blick. Sie fuhr kurz zusammen und stieß einen Schreckenslaut aus. Ich hatte noch keine Zeit gefunden, mich zurechtzumachen, und musste wohl furchtbar aussehen. Dann aber trat sie zu mir heran, gab mir einen liebevollen und langandauernden Kuss auf den Mund und fing an, mir beim Abwasch zu helfen. Dafür war ich ihr sehr dankbar, denn ich wusste, dass sie Abwaschen wie die Pest hasste und hatte eher erwartet, dass sie sich so lange vor den Fernseher setzte, bis ich die schmutzigen Spuren meiner gestrigen Party – mit der sie ja nichts zu schaffen hatte – beseitigt hätte. Tatsächlich jedoch schien sie beinahe fröhlich ans Werk zu gehen, obwohl sie im Gegensatz zu mir einen langen Arbeitstag hinter sich hatte, und machte sogar bisweilen einen kleinen Scherz.

Schneller, als ich es für möglich gehalten hätte, war die Arbeit in der Küche erledigt und stand das Essen auf dem Tisch. Mir fiel auf, dass meine Verlobte heute ganz besonders zärtlich und aufmerksam zu mir war, und ich fragte mich, ob es dafür einen besonderen Grund gab, ob sie vielleicht ein Problem auf dem Herzen oder einen besonderen Wunsch hatte. Ich beobachtete sie etwas genauer und glaubte, eine Anspannung in ihrem Gesicht zu vernehmen, so als ob sie sich beherrschen müsse, etwas vor mir zu verbergen. Zunächst ließ ich mir nichts anmerken, und das Abendessen verging mit belanglosen Plaudereien. Endlich, als wir uns auf dem zur Couch umfunktionierten Bett in den Armen hielten (mein ungepflegter Zustand schien sie merkwürdigerweise nicht zu stören), versuchte ich, sie darauf anzusprechen. Sie wich meinen Fragen allerdings geschickt aus, und da sie dies nicht nur mit Worten tat, verspürte ich keine Lust mehr, weiter nachzubohren, und gab mich gerne ihren Zärtlichkeiten hin. Die nächsten zwei oder drei Stunden konnte ich dann kaum einen klaren Gedanken fassen. Die Begeisterung meiner Verlobten schien heute keine Grenzen zu kennen; ich hatte sie noch nie so hemmungslos erlebt. Am Schluss war ich so erschöpft, dass ich einfach einschlief.

Ich erwachte durch ein leises Geräusch. Ich strengte meine Augen an und glaubte, in dem dunklen Zimmer meine Verlobte auf einem Stuhl sitzen und weinen zu sehen. Als ich mich aufrichtete, erschrak sie offenbar und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht. Ich stand auf, ging zu ihr hin und legte zärtlich meinen Arm um sie. Dann fragte ich sie, was denn sei. Sie weigerte sich, mir zu antworten, schließlich, als ich eindringlicher wurde, machte sie sogar Anstalten zu gehen. Da packte mich ein plötzlicher Zorn, ich hielt sie in der Tür auf und schrie sie an, dass ich sie nicht eher gehen ließe, bis sie mir erklärt hatte, warum sie geweint hatte. Sie fing an, laut zu schluchzen, was mich allerdings nur noch entschlossener machte. Endlich hob sie den Kopf, sah mir in die Augen und sagte:

„Du musst sterben. Heute ist Dein letzter Tag.“

Fassungslos ließ ich sie los und starrte ihr nach, als sie sich umdrehte und die Treppe hinunterlief. Ein oder zwei Minuten stand ich so bewegungslos. Dann hörte ich eine Tür im Treppenhaus aufgehen; das erinnerte mich daran, dass ich immer noch nackt war. Also ging ich zurück in meine Wohnung und schloss die Tür hinter mir.

Dort machte ich erst einmal Licht. Nachdem sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte ich auf der Wanduhr, dass es fünf Minuten vor Mitternacht war. Ich war müde und verwirrt und hätte mich am liebsten gleich wieder hingelegt um weiterzuschlafen, ging aber zunächst ins Bad; schließlich hatte ich mich seit mehr als zwölf Stunden nicht mehr gewaschen. Außerdem musste ich dringend meine Blase entleeren. Als ich dann von der Toilette aufstand und zum Waschbecken trat, blickte ich – zum ersten Mal heute – in den Spiegel und sah mein Gesicht.

Und ich verstand.

Es war klar zu erkennen: Ich würde heute sterben. Darum waren alle Menschen so freundlich zu mir gewesen, und auch der Hund meiner Nachbarin hatte es gespürt. Jetzt bedauerte ich, dass ich meine Verlobte so angeschrien hatte: Sie hatte es nur gut gemeint. In diesem Moment tat sie mir mehr leid als ich mir selbst. Ganz automatisch begann ich damit, mir die Hände zu waschen – auch keine schlechtere Beschäftigung als jede andere. In diesem Moment schlug meine Uhr, die einige Sekunden vorging, Zwölf. Ich drehte das Wasser ab und trocknete mir die Hände.

Dann starb ich.

Zu weiteren Jugendsünden
Veröffentlicht on Januar 7, 2007 at 4:30 pm  Comments (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. verstehe ich nicht:( kannst du villeicht in die Kommentare schreiben was es mit diesem Mann auf sich hatte?

  2. Viel zu verstehen gibt es da nicht: Es ist einfach die Geschichte eines Mannes, der diesen Tag nicht überleben wird, und jeder, der ihn sieht, weiß es. Diese Idee hatte ich damals in meinem Kopf und musste sie einfach zu Papier bringen.

    Es ist meine allererste geschriebene Geschichte, und ich mache mir keinerlei Illusionen bezüglich ihrer Qualität.


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