Nicol Bolas geht ins Bordell

Meisterdetektiv Nicol Bolas war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Obwohl er bereits Anfang dreißig war, leuchteten in seinen Augen das unbekümmerte Staunen und die ehrliche Freude des Kindes. Wer diesen schlanken, unauffälligen Mann mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren und blaugrauen Augen näher kennenlernte, stellte bald fest, dass er sich häufig kindlich, ja sogar albern verhielt, und nur wenige Dinge jemals ernst nahm. Nichtsdestotrotz war er ein Mensch von überragenden geistigen Fähigkeiten.

Als Student hatte er an einer Reihe von Quiz- und Ratespielen bei verschiedenen Fernsehsendern teilgenommen und dabei sowohl eine ansehnliche Menge Preisgelder als auch die Gunst der Fernsehzuschauer gewonnen, denn bei Spielen – besonders bei Spielen, bei denen es etwas zu gewinnen gab! – war er in seinem Element, und seine uneingeschränkte Begeisterung steckte alle an. Nachdem er im Jahres-Finale einer Show einen Mercedes der neuen E-Klasse (den er sofort zu einem guten Preis verkaufte), eine Luxus-Stereoanlage (die er behielt), eine vierzehntägige Reise auf die Bermudas für zwei Personen (deren Geldwert er sich auszahlen ließ), sowie noch einige kleinere Extras im Wert von etwa zwölftausend Mark gewonnen hatte, gab er sein sowieso eher ziel- und lustlos betriebenes Jurastudium auf und machte sich als hauptberuflicher „Problemlöser“ selbständig. Er wählte diese Bezeichnung, da der Beruf „Detektiv“ mit einer Reihe kleinlicher offizieller Anforderungen verbunden war, die zu erfüllen er teils keine Lust, teils keine Möglichkeit hatte, und weil er dem tatsächlichen hauptsächlichen Betätigungsfeld des modernen Detektivs (Observationen in Scheidungsangelegenheiten und Aufspüren vermisster Haustiere) nicht viel abgewinnen konnte. Stattdessen verstand er sich eben als „Problemlöser“ – als jemand, der geistige Herausforderungen annahm und meisterte. Wenn ihn jedoch einige seiner Freunde halb spöttisch, halb bewundernd als „Meisterdetektiv“ bezeichneten, ließ er es sich dennoch gerne gefallen, denn er hegte eine große Liebe zu den klassischen Kriminalromanen einer Agatha Christie oder Dorothy Sayers (und sein Ego war, um ganz ehrlich zu sein, nicht das kleinste).

Trotzdem wäre seine kleine Praxis zur Erfolglosigkeit verurteilt gewesen, wenn er nicht einige einflussreiche Freunde in zweckmäßigen Positionen gehabt hätte (wie z.B. einen Kriminalhauptkommissar, einen Gerichtsmedizinassistenten und einen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Fachbereiches für Organische Chemie an der Freien Universität). Diese Freundschaften stammten noch aus seiner Studentenzeit, in der die vorgenannten Personen eifrig und fleißig studierten bzw. ihre Ausbildungen beendeten und es ihm überließen, als Spielleiter die allwöchentliche Rollenspielrunde vorzubereiten. Vielleicht hatten sie auch ein wenig ein schlechtes Gewissen, dass sie ihn auf diese Weise von einer zügigen Beendigung seines eigenen Studiums abgehalten hatten, und bemühten sich daher später, ihm bei seiner selbständigen Tätigkeit Unterstützung zu bieten. Tatsächlich waren sie es, die ihm zuerst den Spitznamen Nicol Bolas gaben (nach einer Magic-Karte, deren um ein Vielfaches vergrößerte Farbkopie eine Wand seines Spielzimmers zierte) – sein richtiger Name war Jochen Schubert, aber bereits im Fernsehen war er unter seinem klangvolleren Pseudonym aufgetreten, und so wählte er diesen Namen auch für seine Problemlöser-Praxis.

Sein Freund Markus Friedrich (den er „Maggi“ nannte, denn dies war der Name der Zwergenfrau gewesen, die er in einer langen Fantasy-Kampagne gespielt hatte), eben jener Kriminalhauptkommissar war es auch gewesen, der es hatte einrichten können, dass Nicol Bolas bei einem verzwickten Fall einer Sonderkommission als Berater zugezogen wurde. Es handelte sich dabei um den klassischen Fall eines überwachten Hauses, in das eine Person hineinging, aus dem sie aber nicht wieder herauskam. Im Gegensatz zu anfänglichen Befürchtungen seines Freundes verschwendete Nicol kaum Zeit damit, sich lächerlich zu machen, indem er nach Geheimgängen oder Ähnlichem forschte, sondern stöberte stattdessen lange in den Akten über den Banküberfall, dessen Hauptverdächtiger in jenem Haus verschwunden sein sollte, bis es ihm schließlich gelang, eine enge Beziehung zwischen jenen Polizisten, die das Betreten des Hauses durch diesen Verdächtigen gemeldet hatten, und eben jenem Verdächtigen herzustellen (der in der Zwischenzeit schon drei Viertel des Weges nach Brasilien zurückgelegt hatte). Nachdem er sogar noch dabei mithalf, diese peinliche Affäre vor den Medien zu vertuschen und einen Großteil der Beute sicherzustellen, war sein Ruf in höchsten Polizeikreisen gefestigt, und er wurde häufiger bei schwierigen Fällen hinzugezogen.

Aber er fand manchmal auch private Klienten. Tatsächlich gab es da, entsprechend dem Klischee, einige reiche ältere Damen, die mit ihren kleineren und größeren Problemchen den aus dem Fernsehen bekannten Nicol Bolas aufsuchten. Zu diesen war er immer sehr freundlich und aufmerksam, und wenn er auch einmal das Ansinnen einer sehr einsamen älteren Dame, ihr gegen ein gutes Entgelt zweimal in der Woche beim Kreuzworträtsellösen zu helfen, zurückwies, so kümmerte er sich doch ernsthaft und erfolgreich um die Fragen, warum Fräulein Müller-Rudolfstein immer gegen ihren Neffen Alfred beim Gin-Romme verlor (sie saß vor einem großen Spiegel!), warum der Kater von Frau Mergenthaler sich in letzter Zeit statt morgens immer abends sein Fresschen holte (weil er morgens jetzt immer zu einer anderen Familie, die ihn für herrenlos hielt, ging) und wie es kam, dass Frau Altweber jeden Morgen mit einer anderen Nachtmütze auf dem Kopf aufwachte, als sie beim Einschlafen aufgehabt hatte. Letzteres war eine ausgesprochen harte Nuss für Nicol, denn die Dame ließ ihn natürlich nicht in ihr Schlafzimmer! Aber eines Tages fand er heraus, dass es sich bei Ihr um die Großtante eines ehemaligen Schulkameraden handelte, die dabei mithalf, ihm einen Streich zu spielen. April, April! – aber bezahlen musste sie trotzdem.

Alles in allem genoss er sein Leben in vollen Zügen – es mangelte ihm weder an Geld, noch an Zeit, um seine zahlreichen Hobbies (die alle irgendwie mit dem Thema Spiel zusammenhingen) auszuüben, und sein Beruf, den er nur gelegentlich wahrnehmen musste, machte ihm Spaß. Trotzdem fehlte etwas in seinem Leben, und auf der Suche danach machte ihn schließlich sein Freund Barnabas, der Gerichtsmedizinassistent, (benannt nach seinem Barbaren-Berserker – bürgerlich Sebastian Wolters) mit dem „Elfen-Palais“ bekannt.

Wie der Name schon vermuten lässt, war das „Elfen-Palais“ ein Bordell. Es lag eine gute Stunde Autofahrt von Berlin entfernt im Havelland und befand sich in einem umgebauten und instandgesetzten kleinen Schlösschen, das irgendwann einmal für einen drittklassigen Fürsten erbaut worden war. Es war von der Treuhand an eine Privatperson verkauft worden – ein Graf von Soundso, der behauptete, von jenem Fürstenhaus abzustammen. (Man nahm jedoch allgemein an, dass dieser nur ein Strohmann für eine finanzkräftige Organisation war.) In den ausgedehnten Gartenanlagen um das Palais herum befanden sich kostenpflichtige Selbstpflückanlagen für Äpfel, Kirschen und Birnen, und in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, auf dem selben Grundstück, sollte ein luxuriöser Golfplatz mit achtzehn Löchern angelegt werden. Das Gebäude selbst war im Stil des ausgehenden 18. Jahrhunderts angelegt, jedoch voll elektrifiziert (und mit einigen dezent versteckten Satellitenschüsseln ausgestattet), und umfasste einen kleinen, rechteckigen Innenhof mit einer Wasserfontäne.

Das „Elfen-Palais“ genoss in den Kreisen derer, die seine Bekanntschaft gemacht hatten, den Ruf, das beste Bordell auf dem Gebiet der neuen Bundesländer zu sein. Nicol war einmal der Einladung seines Freundes (zu seinem 30. Geburtstag) gefolgt und hatte nach anfänglicher Schüchternheit die Dienstleistungen der dort ansässigen „Elfen“ intensiv und lustvoll genossen. Besonders ein noch junges, kleines, blondes Mädchen, das ihn in der Tat sehr an eine Elfe auf dem Bild irgendeines Fantasy-Malers erinnerte, hatte es ihm angetan: Sibylle hieß sie, und ihretwegen nahm er so manches Mal den weiten Weg (und die beträchtlichen Unkosten) auf sich, ein Wochenende im Palais zu verbringen.

So war es auch an diesem Freitagabend im Spätsommer: Es war kurz nach sieben, und Nicol fuhr mit seinem VW Golf (ein Gewinn aus seiner Spielshow-Zeit) mit heruntergeklappten Sonnenblenden auf dem Parkplatz des Gebäudes vor. Gewohnheitsmäßig schloss er die Autotür ab, steckte die Schlüssel ein und schlenderte die flachen Stufen zum verschlossenen Vordereingang hinauf. Er war ein wenig nervös; obwohl er im Verlauf der letzten Jahre bereits sieben, acht Male hiergewesen war, versetzte ihn der Gedanke an Sibylle doch immer wieder in Aufregung. Er läutete an der Tür. Die Anfangstöne einer Mozart’schen Melodie ertönten.

Die Klappe des Spions wurde beiseitegeschoben, dann öffnete der Empfangschef Pierre in einem dezenten Nadelstreifenanzug die Tür (Nicol hätte sein Auto darauf verwettet, dass „Pierre“ nicht sein richtiger Name war – manchmal glaubte er, in seiner Redeweise Anzeichen des sächsischen Dialektes zu erkennen).

„Ah, Herr Bolas! Kommen Sie bitte herein! Hatten sie eine angenehme Fahrt? Fräulein Sibylle erwartet sie bereits – Sie können sofort zu ihr gehen.“

„Vielen Dank, Pierre, die Fahrt war o.k.“, antwortete Nicol, dem es wie immer etwas peinlich war, das Palais zu betreten. „Ich denke, ich gehe sofort hinauf.“

Er wandte sich nach rechts, wo ein Treppenaufgang in den ersten Stock führte. An den Wänden hingen Kopien erotischer Gemälde des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Durch ein Fenster konnte er auf den Innenhof hinaussehen, wo ein paar Sitzbänke zwischen Blumen die kleine Fontäne umstanden. Im ersten Stock begab er sich in den rechten Hausflügel und blieb vor einer mit Stoff behangenen, geschmückten Tür stehen, in die mit verschnörkelten Buchstaben (und einem kleinen Herzchen über dem „i“) der Name „Sibylle“ eingeschnitzt war, und in der sich in Bodenhöhe eine kleine Klappe befand. Er blieb noch einmal kurz stehen, strich sich durch seine Haare und räusperte sich. Obwohl ihm klar war, dass er für alles, was hinter dieser Tür (und manchmal auch im Garten) geschah, bezahlte, verspürte er trotzdem jedesmal ein Gefühl der Unsicherheit wie bei seinem allerersten Rendezvous (das übrigens sehr unglücklich für ihn verlaufen war). Schließlich klopfte er leise.

„Ja bitte? Wer ist da?“

Wie es sich für eine Elfe gehörte, hatte Sibylle eine glockenhelle, weiche Stimme.

„Äh, ich bin’s. Nicol.“

„Nicol!“ Ihre Stimme drückte freudige Erregung aus. „Komm‘ doch herein!“

Vorsichtig öffnete er die Tür. Sofort umfing ihn die besondere Atmosphäre des Zimmers. Indirektes Licht kam von den Wänden, die mit Bildern und Wandvorhängen bedeckt waren. Überall im Zimmer waren Kissen verschiedenster Größen scheinbar zufällig verstreut, doch sie ordneten sich hier zu einer ungezwungenen Sitzecke und dort zu einem Lager auf dem Boden (falls man des Bettes überdrüssig sein sollte). An der hinteren Wand stand tatsächlich ein Himmelbett, nicht wirklich antik, aber dem Stil zur Zeit des Sonnenkönigs (oder irgendeines anderen Ludwig – Nicol war eigentlich kein Kunstkenner) detailgetreu nachempfunden, mit stabilen Bettpfosten und fest am Boden verankert (was sich schon oft als nützlich erwiesen hatte). An der hohen Decke und an der vom Fenster abgewandten Wand hingen riesige, blitzblank geputzte Spiegel mit goldenen Rahmen, und vor dem Fenster, das auf den Innenhof hinaussah, befanden sich schwere Samtvorhänge, die, wenn sie zugezogen waren, dem Zimmer einen Anschein völliger Abgeschiedenheit gaben. Sogar die Tür war mit Vorhängen bedeckt und von innen kaum zu erkennen, und die Tür zum nebenan gelegenen Badezimmer, das ebenfalls auf den Hof schaute, befand sich hinter einem Wandteppich. Im Zimmer lag ein frischer, süßer, aromatischer, unaufdringlicher Geruch in der Luft. Nicol begann sich sofort wie ein glücklicher Heimkehrer zu fühlen.

Sibylle lag, seitlich zur Tür, in der Mitte des Zimmers auf einem Kissen auf dem Bauch. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch. Sie war in eine helle Bluse und kurze Jeans gekleidet – eigentlich unpassend in dieser Umgebung, aber Nicol mochte es so, und sie wusste, dass er es mochte. Als er den Raum betrat, sprang sie auf und rannte auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Nicol war sich immer noch nicht sicher (und würde es vielleicht nie sein), ob sie eine perfekte Schauspielerin war, oder ob sie sich wirklich über seinen Besuch freute. Er hob sie hoch, drückte sie fest und küsste sie. Dabei trug er sie zum Bett und ließ sie sanft darauf gleiten. Ihre Augen strahlten ihn an. Plötzlich wurde er verlegen, wie jedes Mal. Sein Blick wanderte zu dem Buch, das sie auf dem Boden hatte liegen lassen.

„Nanu, was liest Du denn da?“

„Den „Kleinen Hobbit“ – Du hast mir doch das letzte Mal gesagt, ich sollte ihn unbedingt mal lesen!“

Misstrauen keimte in ihm auf. „Aha… und wie findest Du ihn so?“

„Oh, ganz toll! Ich lese ihn schon zum zweiten Mal! Zuerst waren das zu viele Namen für mich, all diese Zwerge und Orks und Elben… Aber jetzt kann ich sie alle unterscheiden! Fili ist der mit den schärfsten Augen, Dori ist der stärkste, Balin und Gloin sind die ranghöchsten nach Thorin Eichenschild, und Bombur ist der dickste! Ich finde es nur traurig, dass Fili und Kili am Schluss sterben… kann es sein, dass er das nur gemacht hat, damit Dains Anspruch auf die Herrschaft über den Einsamen Berg unanfechtbar wird?“

Nicol gab es auf. Entweder interessierte sie sich wirklich für das Buch, oder sie bereitete sich auf ihre Klienten intensiver vor als er sich auf seine. Frauen waren für ihn das einzige Rätsel, das er nicht zu lösen imstande war.

„Und? Hast Du mich wenigstens ein bisschen vermisst?“ Ihm war klar, wie blöd das klang, aber er wusste einfach nicht, was er sagen oder tun sollte. Sibylle wusste es.

„Na klar… Pass‘ mal auf, ich habe eine Überraschung für Dich!“

„Was denn für eine Überraschung?“

„Zuerst musst Du Deine Augen verbinden!“ Sibylle zog aus ihrer Bluse (unter der sie, da war sich Nicol sicher, keinen BH trug) eine schwarze Augenbinde hervor. Folgsam ließ er sie sich umbinden, und legte sich dann flach auf das Bett, wie sie ihm befahl. Dann bemerkte er, dass ihre Hände ihn schnell und geschickt auszuziehen begannen. In freudiger Erwartung entspannte er sich, aber ihre Hände streichelten nur kurz seinen Körper, dann stand sie auf und flüsterte: „Brav liegen bleiben! Und nicht bewegen!“

Er hörte, wie sie im Badezimmer verschwand und die Tür hinter sich schloss. Was sie dort machte, konnte er nicht hören, die vielen Wandbehänge im Zimmer dämpften alle Geräusche von außen ab. Einige Minuten vergingen, und seine Spannung wuchs. Dann kam sie aus dem Bad wieder und begann, irgendetwas am Bett zu befestigen. Kurz darauf schien sie fertig zu sein, und er bemerkte, wie auch sie sich auszog. Dann spürte er ihre warme, nackte Haut auf seinem Körper.

„Komm‘, mein Schatz… beweg‘ Dich.“

Sie lag ungewohnt schwer auf ihm, und als er sie ein wenig von sich schob, um ihr Gewicht zurechtzurücken, spürte er, wie eine starke Kraft sie auf ihn zurückdrückte. Er spannte sich, um dieser Kraft entgegenzuwirken, und presste sich auf diese Weise enger an sie und fühlte sie intensiver als je zuvor. Immer, wenn er sie nach oben drückte, federte sie sofort auf ihn zurück, so dass sie beide bald Teil einer Schwingung waren, in der er die treibende Kraft war. Zwischen ihr und dem Bett fest eingeklemmt stieß er sie immer wieder nach oben, doch beinahe sofort fiel ihr Gewicht dann mit der gleichen Kraft auf ihn zurück. Er beschleunigte seinen Rhythmus, bewegte sich immer wilder und wilder und hatte das Gefühl, dass er noch nie so tief in sie eingedrungen war. Schließlich kam er zum Höhepunkt, und als er sich bereits völlig entspannte, federte er immer noch auf der Matratze hoch und nieder, während sie sich vorsichtig von ihm löste, um ihn von ihrem Gewicht zu befreien.

Als er völlig erschöpft dalag, die Binde noch immer über seinen Augen, nahm er das Geräusch der Klappe in der Tür wahr. Dies war eines der wenigen Dinge, die ihn im „Elfen-Palais“ irritierten: Ferdinand. Ferdinand war ein großer, bildschöner (wie selbst Nicol zugeben musste) weißer Pudel, der von allen Bewohnern des Palais gehätschelt und verwöhnt wurde. Nicol mochte Hunde, und die kleinen Kunststücke, die Sybille den Pudel manchmal vorführen ließ, amüsierten ihn, aber trotzdem irritierte es ihn ihn, wenn während eines zärtlichen Beisammenseins oder leidenschaftlichen Liebesspiels plötzlich „Ferdi“ hereinkam und verlangte, gestreichelt zu werden oder einen Schluck Champagner abzubekommen (wie der Herr, so’s Gescherr, heißt es nicht umsonst!) Allerdings hätte er niemals irgendetwas in dieser Richtung geäußert, denn alle Mädchen des Hauses und auch Pierre waren sich darin einig, dass Ferdinand zum „Elfen-Palais“ dazugehörte, und besonders Sibylle verbrachte viel Zeit mit ihm.

„Ferdi! Mein Süßer! Na komm‘ her, na komm! Nanu, was ist denn das? Komm‘, gib her! Gib es her, das Pfötchen! Gib‘ her das Pfötchen!“

Nicol seufzte leise und nahm die Augenbinde ab. Jetzt sah er, was Sibylle gemacht hatte: Weniger als einen halben Meter über der Matratze hatte sie zwei elastische Gummibänder über Kreuz durch den Bezug eines Kissens geführt, das ihren Körper vor dem strammen Gummi schützte, und an den Bettpfosten so befestigt, dass gerade genug Platz für ihre übereinanderliegenden Körper war, wenn sie still lagen – wenn sie sich jedoch nach oben bewegten, drückte das Gummi sofort mit Macht in die entgegengesetzte Richtung. Fasziniert betrachtete er diese Konstruktion.

„Wie kommt eigentlich ein so braves Mädchen wie Du auf so tolle Ideen?“, fragte er sie – doch er sprach nur mit ihrem Po, denn der Rest ihres Körpers hing nach unten von der Bettkante herunter und beschäftigte sich mit Ferdinand.

„Schau‘ mal, Nicol, Ferdi blutet ja! Du meine Güte! Was hast Du nur gemacht, Ferdi?“

Ergeben wälzte auch er sich vom Bett (wobei er ihr en passant einen Kuss auf die rechte Pobacke gab) und betrachtete sich Ferdinands schlimme Pfote. „Na, gib ‚mal her das Pfötchen“, sagte auch er. Plötzlich setzte er sich auf (soweit das im Augenblick auf diesem Bett möglich war) und sah sich genauer im Zimmer um.

„Sibylle, Ferdi blutet nicht. Er ist in Blut hineingetreten.“ Er angelte nach seinen Sachen, die ordentlich neben dem Bett zusammengelegt waren. „Siehst Du nicht die Spur seiner Pfoten?“

„Ach Du meine Güte! Wo hast Du Dich nur herumgetrieben, Du Schlimmer?“

Nicol zog sich schnell an. „Ich denke, wir sollten besser nachsehen, wo diese Spur herkommt.“

Sibylle schlüpfte in ihre Sachen. Nicol bemerkte beiläufig, dass sie weder BH noch Slip anzog. Dann traten sie aus dem Zimmer hinaus auf den Flur, wo sich auf den hellen Teppichen deutlich die Abdrücke blutiger Pfoten abzeichneten. „Wo kommt nur so viel Blut her“, murmelte Sibylle.

Die Spur endete auf der anderen Seite des Hauses, im linken Flügel, vor einer weiteren Hundeklappe. (Die meisten Zimmer des Hauses hatten Hundeklappen – sogar die Küche. Ferdinand war überall ein gern gesehener Gast.) Nicol klopfte an die Tür. Sibylle rief: „Natascha? Natascha, bist Du da drin?“ Als keine Antwort kam, versuchte Nicol, die Tür aufzuklinken, doch sie war verschlossen. Schließlich legte er sich auf den Boden und spähte durch die Hundeklappe. Als er wieder aufstand, war sein Gesicht ernst, und er sagte: „Sibylle, hole Pierre und sage ihm, er soll einen Schlüssel für dieses Zimmer mitbringen. Und dann rufe den Notarzt. Ich fürchte, Natascha ist etwas zugestoßen.“

Sie war bleich, ging aber sofort folgsam nach unten. Kurz darauf traf Pierre ein. „Sibylle sagte, Natascha sei verletzt in ihrem Zimmer eingeschlossen?“

„So sieht es aus, ja“, antwortete Nicol. Pierre hantierte ungeschickt mit den Schlüsseln und öffnete schließlich die Tür.

Das Zimmer, das sie nun betraten, war dem von Sibylle ähnlich und doch völlig anders. Seine Form war genauso, nur dass das anliegende Badezimmer auf der rechten anstelle der linken Seite war, und die Fenster blickten ebenfalls auf den Hof hinaus. Nicol konnte durch die weit geöffneten Fenster hindurch die geschlossenen Vorhänge von Sibylles Zimmer sehen. Aber seine Aufmerksamkeit wurde von der Gestalt gefesselt, die in der Mitte des Zimmers auf dem Boden lag. Es war eine junge, hochgewachsene, dunkelhaarige Frau. Nicol kannte sie vom Sehen. Um ihren Kopf herum war eine Blutlache. Vor ihr lag ein Stapel heruntergefallener Bettwäsche, so als wäre sie gerade dabei gewesen, das Bettzeug zu wechseln.

„Mein Gott!“, sagte Pierre.

Nicol kniete sich neben der Frau nieder. Nachdem er versucht hatte, ihren Puls zu fühlen, sagte er: „Ich bin kein Arzt, aber ich fürchte… Wir sollten besser nichts anfassen. Und wir sollten die Polizei holen.“

Die Polizei kam eine Dreiviertelstunde später. Vorher war schon der Notarzt dagewesen. Er hatte nur noch den Tod des Mädchens feststellen können. Die Todesursache war offenbar ein heftiger Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den hinteren Bereich des Schädels gewesen.

Der Kommissar, ein etwas untersetzter Mittvierziger mit grauen Schläfen, Brille und Stirnglatze, der aussah, als wäre er direkt einer Vorabendserie des Fernsehens entsprungen, hatte die Bewohner und Gäste des Hauses zusammengerufen. Der Arzt hatte als vermutliche Todeszeit einen Zeitpunkt zwischen sieben und halb acht angegeben.

Pierre sagte aus, er sei seit fünf Uhr nachmittags, wie es seine Pflicht war, in der Eingangshalle gesessen. Er habe gelesen. Um kurz nach sieben habe er Nicol Bolas eingelassen, der sich selbständig auf den Weg zu Sibylles Zimmer gemacht habe. Er, Pierre, sei der einzige (außer Natascha selbst natürlich), der einen Schlüssel zu ihrem Zimmer besitze. Natascha sei um kurz vor sechs angekommen und zu ihrem Zimmer gegangen, um es aufzuräumen und sauber zu machen. Sie habe an diesem Wochenende noch keinen Termin vereinbart, aber manchmal würde sich kurzfristig etwas ergeben. Die Mädchen seien es gewohnt, jedes Wochenende von Freitag abend um acht an ihre Zimmer bereit zu halten. In der Woche müssten sie nur an besonders vereinbarten Terminen zur Verfügung stehen, seien aber häufig anwesend, da sie hier wohnten. Ja, es gebe eine Lizenz für dieses Etablissement – wenn der Herr Kommissar sich die Mühe machen wolle, den Grafen zu benachrichtigen, könne dieser sicherlich mit allen notwendigen Informationen dienlich sein. Die anderen Mädchen und Gäste seien zu folgenden Zeiten angekommen: Sibylle um halb sieben, Maria und Julia gemeinsam um dreiviertel sieben, Herr Bittner um fünf vor sieben und Franziska um zehn nach sieben, kurz nach Nicol.

Nicol machte seine Aussagen wahrheitsgemäß. Das Geschehen in Sibylles Zimmer war ihm ein wenig peinlich, aber Sibylle ergänzte seine Schilderung ohne die mindeste Verlegenheit. Sie gab an, nach ihrer Ankunft sofort auf ihr Zimmer gegangen zu sein und, nachdem sie etwas aufgeräumt hatte, gelesen zu haben.

Maria, ein sehr zierliches, schwarzhaariges Mädchen mit scheuem Gesicht, bestätigte ebenfalls ihre Ankunftszeit. Sie habe von Pierre erfahren, dass ihre Verabredung erst gegen neun Uhr eintreffen werde. Sie habe sich in ihrem Zimmer „etwas zurecht gemacht“, als Franziska an ihre Tür klopfte. Franziska habe diesen Abend nichts zu tun gehabt und ihr vorgeschlagen, einen Abendspaziergang zu unternehmen.

Franziska, eine langbeinige, rothaarige Schönheit mit herausforderndem Blick bestätigte all dies. Sie seien in den Anlagen spazierengegangen, als sie den Notarztwagen vorfahren sahen. Daraufhin seien sie zurück zum Haus gegangen.

Julia war im Vergleich zu den anderen Mädchen etwas älter, vielleicht Ende zwanzig. Sie war groß, blond und langhaarig und trug noch die Lackkleidung, die sie angehabt hatte, als die Polizei an ihr Zimmer geklopft hatte. Sie bestätigte, zusammen mit Maria angekommen zu sein (sie besaßen gemeinsam ein Auto). Da sie um sieben Uhr ihren Kunden erwartete, habe sie sich sofort umgezogen. Ihr Kunde sei pünktlich gekommen, sogar zwei oder drei Minuten zu früh.

Herr Bittner, ein bekannter Lokalpolitiker, gab seine Aussage nur widerwillig und schlecht gelaunt zu Protokoll. Auch er bestätigte alle ihn betreffenden Zeitangaben. Über die Geschehnisse in Julias Zimmer äußerte er sich nicht näher, und der Kommissar fragte auch nicht weiter.

Pierre, nochmals befragt, gab an, dass es zwei Türen zum Innenhof gebe. Eine jedoch werde im Augenblick nicht benutzt, da der Boden des Flures an dieser Stelle brüchig sei. Diese Tür sei daher abgesperrt (Der Kommissar überzeugte sich davon). Die andere Tür führe direkt in die Eingangshalle. Er hätte jeden, der den Innenhof durch sie verließ, bemerken müssen. Nein, er habe seinen Posten im fraglichen Zeitrahmen nicht verlassen – auch nicht, um auf die Toilette zu gehen.

Der Kommissar überzeugte sich weiterhin davon, dass alle nach außen gehenden Fenster des Gebäudes an den umlaufenden Fluren im Erdgeschoss und im ersten Stock von innen verschlossen waren. Nachdem dies geschehen war, bat er Nicol Bolas auf ein Gespräch unter vier Augen.

„Ich habe schon von Ihnen gehört – Sie sind dieser… äh, Problemlöser, der den Kollegen in Berlin manchmal auf die Sprünge hilft. Nun, sie scheinen ja ein Alibi zu haben, und vielleicht können Sie ja auch mir auf die Sprünge helfen… Sehen sie, die Todesursache war ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand – aber im Zimmer befand sich kein geeigneter solcher Gegenstand. Auch die Bettpfosten waren zu weit von der Leiche entfernt. Wenn nun aber ein Täter – denn einen solchen hätten wir in diesem Fall – die Tatwaffe – denn das wäre der Gegenstand in diesem Fall – mitgenommen hätte, dann wäre er aus dem ersten Stock in den Innenhof geklettert. Ich habe mir die Wände angesehen – er hätte nicht zu einem benachbarten Fenster oder aufs Dach gelangen können, ohne sich sehr auffällig zu benehmen – mit einem Seil zum Beispiel. Wenn er aber in den Innenhof gelangt wäre, hätte Pierre ihn sehen müssen – es sei denn natürlich, Pierre lügt. Tatsächlich ist er auch der einzige im Haus, der eine gute Gelegenheit gehabt hätte. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er es war – er hätte doch die Tür unversperrt gelassen, um den Verdacht von sich abzulenken. Ach ja, und natürlich haben wir keine Fingerabdrücke außer denen von Natascha gefunden – so dumm ist heute ja wohl auch kein Verbrecher mehr.“

Nicol saß eine Weile schweigend da, offensichtlich in Gedanken versunken. Dann sagte er: „Die wirkliche Frage ist doch, warum…“

„Haben Sie denn schon eine Theorie?“, fragte der Kommissar hoffnungsvoll.

„Wie? Äh… nein, nein. Ich wundere mich nur, warum so ein hübsches junges Mädchen sterben musste“, murmelte Nicol.

„Vielleicht gerade deshalb“, sinnierte der Kommissar. „Eifersucht ist nach Geld das häufigste Mordmotiv.“

„Sicher, Sie haben natürlich recht… Nein, es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber ich kann Ihnen im Moment auch nicht weiterhelfen. Sehen Sie… ich müsste über das Ganze ein wenig nachdenken. Vielleicht habe ich morgen eine Idee…“

„Natürlich. Ich habe ja auch nicht erwartet, dass Sie mir die Lösung gleich auf dem Präsentierteller servieren würden. Obwohl ich natürlich nichts dagegen gehabt hätte!“

Nicol Bolas bemerkte, dass der Polizeibeamte tatsächlich enttäuscht wirkte. Aber er beachtete es nicht weiter. Er wünschte ihm viel Glück bei der Lösung des Falls und ließ sich die dienstliche Telefonnummer des Kommissars geben. Dann gingen beide zurück in die Eingangshalle, wo der Kommissar die Leute entließ. Danach zog Nicol sich mit Sibylle wieder in ihr Zimmer zurück.

„Mein Gott“, seufzte Sibylle, als sie den Raum wieder betraten, „was für eine Geschichte!“

„Was für eine Geschichte“, stimmte Nicol ihr gedankenverloren zu. In der Mitte des Zimmers blieb er kurz stehen und legte die Stirn in Falten. Dann ging er zum Bett hinüber und hob mit einer Hand die Matratze an. Mit der anderen suchte er nach etwas, was er schließlich auch am Fußende des Bettes fand: Einen etwa hühnereigroßen, glatten, runden Stein.

Sibylle erblasste. „Du bist wirklich ein Meisterdetektiv“, sagte sie leise.

Nicol schnallte unterdessen die Gummibänder ab und prüfte ihre Stärke mit den Armen. „Man kann sie sehr stark spannen,“ stellte er fest. „Und das Badezimmerfenster hat einen stabilen Rahmen.“

„Genau wie das Bett“, sagte Sibylle mit einem verlegenen Lächeln. Einen Moment blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Nicol sah als erster weg.

„Darf ich fragen, warum?“ Nicol sah nicht sie an, sondern den blutbefleckten Stein.

„Interessiert Dich das wirklich?“, gab Sibylle zurück.

„Ich würde es gern wissen“, antwortete Nicol. „Wenn Du es mir sagen willst.“

„Hure war nicht gerade mein Traumberuf, weißt Du.“ Sibylle setzte sich auf den Boden und zog die Knie an. Sie sah ihm direkt in die Augen, und Nicol spürte, wie er rot wurde. Dieses Thema war ihm peinlich.

„Ich bin beim Zirkus aufgewachsen“, erzählte sie. „Ich war Kunstreiterin. Mit sechzehn Jahren galt ich als eine der besten Reiterinnen in der DDR. Der Zirkus wurde von meinem Vater geleitet und war weithin berühmt. Wir durften sogar in Westdeutschland auftreten.“

„Das habe ich nicht gewusst“, unterbrach Nicol erstaunt.

„Es gibt tatsächlich einige Dinge, die Du nicht weißt“, stellte sie sarkastisch fest und fuhr fort: „Mein Vater hatte mehr im Kopf als nur den Zirkus. Zwischen den Auftritten traf er sich mit Schriftstellern aus dem Westen. Manchmal schmuggelte er Bücher im Raubtierkäfig über die Grenze.“

„Klassisch“, konnte sich Nicol nicht verkneifen.

„Oh, wenn Du beim Zoll gearbeitet hättest, hättest Du ihn sicherlich erwischt“, versetzte Sibylle ärgerlich. „Aber auch so hatte die Stasi Verdacht geschöpft und jemanden auf ihn angesetzt.“

„Natascha“, mutmasste Nicol.

„Hundert Punkte, Nicol. Sie wurde seine Geliebte – sie war schon damals eine Nutte! Und sie hat ihn verraten. Der Zirkus wurde aufgelöst. Mein Vater ging ins Gefängnis, kam aber nie dort an… Und ich bekam Arbeitsverbot. Inoffiziell natürlich. Damals begann ich daher… meinen neuen Beruf zu erlernen.“

„Und dann hast Du sie rein zufällig hier wiedergetroffen?“, fragte Nicol, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Nein. Ich hatte damals ein Foto von ihr in den Privatsachen meines Vaters gefunden, das die Stasi offenbar übersehen hatte. Sie wusste nicht, dass ich ihr Aussehen kannte. Ich habe sie jahrelang gesucht. Sie hat nach der Wiedervereinigung ihren Namen gewechselt, aber ich habe sie schließlich gefunden – im Elfen-Palais. Also habe ich mich auch hier beworben.“

„Und Du bist sicher, dass sie es auch wirklich ist – war?“, fragte Nicol zweifelnd.

„Ich habe sie gestern noch darauf angesprochen! Weißt Du, was sie gesagt hat? Wir seien beide Opfer gewesen. Sie hätte eben Pech gehabt, dass sie letztlich auf der falschen Seite gewesen war. Und jetzt säßen wir beide im gleichen Boot!“

Nicol bemerkte, dass Tränen über Sibylles Wangen liefen. Er nahm sie in die Arme. Sie wehrte sich nicht, kuschelte sich aber auch nicht an ihn, wie er es gewohnt war. Unsicher ließ er sie wieder los.

„Du hast das lange geplant, nicht wahr? Ferdinand abgerichtet, den Stein zu apportieren, mit den Gummibändern Schießen geübt…“

Sibylle wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Leider habe ich mir das falsche Alibi ausgesucht. Ich habe Dich wohl unterschätzt – Du Meisterdetektiv!“

Die letzten Worte äußerte sie sehr abfällig, und Nicol fühlte sich verletzt. Eine Minute saßen sie beide schweigend da. Die Situation wurde ihm zunehmend unangenehmer. Er hatte erwartet, dass sie ihn bitten würde, ihn nicht zu verraten, sich vielleicht in seine Arme werfen würde. Sie tat jedoch nichts dergleichen, sondern sah ihn nur an. Endlich entschloss er sich, etwas zu sagen.

„Meinst Du, Du kommst damit durch?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Morgen könnte ich in einem anderen Land sein. Neue Papiere habe ich.“

Aber dann sehe ich Dich nie wieder!, ging ihm durch den Kopf. „Wenn ich Dich nicht verrate.“

„Wenn Du mich nicht verrätst.“ Wieder einige Sekunden Stille. Dann sagte sie leiser: „Du könntest ein Glas von dem Wein dort trinken… Du wachst erst auf, wenn ich schon weg bin, und kannst der Polizei dann die Lösung des Falles präsentieren.“

„Sind Schlaftabletten in dem Wein?“, fragte Nicol. Das Gespräch kam ihm unwirklich vor, als wenn sie beide einen Dialog aus einem Theaterstück aufsagten.

„Noch nicht.“ Sie ging zum Nachttisch und holte ein Päckchen Tabletten zwischen den Kondomen hervor, die sie nie benutzten. (Warum eigentlich nicht?, fragte er sich zum ersten Mal.) Er sah zu, wie sie zwei Gläser füllte und einige Tabletten in einem davon auflöste. Dann gab sie ihm dieses Glas in die Hand, nahm selbst das andere und lächelte ihn an, so wie sie es immer tat, wenn sie sich zuprosteten.

„Dann sehe ich Dich wohl nicht wieder.“ Jetzt hatte er es doch gesagt.

„Nein“, antwortete sie.

Unentschlossen drehte er das Glas in seinen Händen. Eine weitere Minute verging, in der sie ihm unverwandt in die Augen sah.

„Ich weiß nicht…“, sagte er schließlich schwach.

Sie seufzte, dann nahm sie ihm das Glas wieder weg und stellte es zusammen mit ihrem Glas auf den Nachttisch.

„Es macht nichts – ich habe immer damit gerechnet, dass es schiefgehen könnte.“

„Nein!“, rief Nicol, „Du musst nicht… ich meine… ich muss mich nur erst einmal an den Gedanken gewöhnen.“

Sibylle sah ihn prüfend an, dann begann sie zu lächeln und trat auf ihn zu. „Du musst den Wein ja nicht sofort trinken…“ Sie kuschelte sich an ihn. „Weißt Du, Du bist das einzige, was ich hier vermissen werde.“

„Ach ja?“ Nicols Versuch, sarkastisch zu klingen, scheiterte kläglich – er klang eher bittend. „Und was ist mit Ferdi?“

„Den nehme ich mit“, antwortete Sibylle leise, und wenigstens dieses eine Mal war er sicher, dass sie ihn nicht anlog.

Sie zog ihn mit sich aufs Bett und küsste ihn, und er konnte noch einmal für eine kurze Weile das Weinglas auf dem Nachttisch, und die Entscheidung die damit verbunden war, aus seinen Gedanken verdrängen.

Obwohl er sie natürlich bereits gefällt hatte.

Zu weiteren Jugendsünden
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Veröffentlicht on Januar 7, 2007 at 4:24 pm  Comments (3)  
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3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Die Stasi ist doch überall! Hübsche Geschichte, und unnachahmlich relaxt erzählt.
    Stammst du eigentlich aus dem Osten?

  2. Jaja, die alten Geschichten, und gerade diese hier… ich finde viele wirklich schöne und gute Ideen darin, auf die ich stolz bin, aber andererseits zieht es mir beim Lesen mancher Passagen heute die Eingeweide zusammen… Naja, das war ursprünglich eine Fanzine-Veröffentlichung, und dafür besaß sie doch in jedem Fall herausragendes Niveau.

    Nö, Ossi bin ich nicht – vielleicht würde sich ansonsten Sibylles Rechtfertigung ein wenig überzeugender lesen, wer weiß?

  3. Übelster Müll, den du hier fabriziert hast.


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