Elbenruf

Ich darf nicht schreien. Ich darf nicht schreien.

Ein weiterer Krampf zuckt durch Katis Unterleib, ein glühender Messerstich. Wie viele Sekunden seit der letzten Wehe? Sie zählt nicht mehr, konzentriert sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, Stufe um Stufe die bröckligen Treppen der Neustädter Unterstadt hinabzusteigen, ohne die Kontrolle über ihren hochschwangeren Körper zu verlieren, ohne vor Schmerzen ohnmächtig zu werden und vor allem, ohne einen Laut von sich zu geben.

Ich darf nicht schreien.

Sie beißt sich die Lippen blutig. Noch ein Krampf, stärker als der vorige. Sie sollte im Wochenbett liegen, in einem Hospital, beaufsichtigt von gnomischen Heilern, unter dem Einfluss beruhigender und schmerzstillender Drogen, entspannt dahindämmernd – und nicht diese dunklen, verfallenen Gänge entlanghumpeln. Ihre Tochter hat kein Verständnis für die Anstrengungen, welche Kati ihrem Körper zumutet. Sie möchte jetzt hinaus in die Welt – nicht in diese unterirdische Finsternis natürlich, sonden in das helle Tageslicht, in die frische Frühlingsluft, und dort ihren ersten Atemzug tun und in die Sonne blinzeln.

Aber das ist nicht möglich. Kati muss das Versteck der Wahren Menschen erreichen, das sich tief unter der Erde in den Ruinen einer ehemaligen reinländischen Festung befindet. Nur dort wird sie vor Caleron in Sicherheit sein. Caleron…

Als wolle ihr Leib sie für den Gedanken an den Elben bestrafen, schickt er ihr eine weitere Wehe. Sie schreit nicht, doch ein Keuchen kann sie nicht unterdrücken. Der Schmerz lässt sie beinahe das Bewusstsein verlieren. Sie bricht in die Knie, kippt vorne über, streckt die Arme in dem verzweifelten Versuch aus, ihren Fall die lange Treppe hinunter noch zu verhindern.

Reinhold packt sie mit festem Griff an den Schultern. Für einige Momente lässt sie sich einfach fallen, vertraut auf die Stärke seiner Arme, hechelt den Schmerz aus sich heraus. Er sagt nichts, drängt sie nicht, doch sie spürt seine Ungeduld. Sie müssen weiter.

Mühsam richtet sie sich wieder auf, lächelt ihm verzerrt zu. Er blickt sie ernst aus seinen grimmigen Augen an. Sie steigt die Stufen weiter hinab, bemüht, ihren Körper weitestmöglich zu ignorieren.

Ich darf nicht schreien.

Reinholds Laterne ist so eingestellt, dass sie ein Minimum an Licht von sich gibt. Der flackernde Schein reicht nur wenige Meter in die Dunkelheit. Doch was gibt es schon zu sehen – nur Stufen, immer mehr Stufen. Kati schließt ihre Augen, überlässt das Laufen den Füßen alleine. Ihre Gedanken nehmen einen anderen Weg, fort von hier, zurück in die Vergangenheit – zurück zu jener Nacht vor neun Monaten im Palast der Völker…

***

Es war eine sternenklare Sommernacht. Die Lichter und Feuer des Palastes waren bereits aus Dutzenden Häuserblöcken Entfernung als buntes Leuchten am Himmel zu erkennen. Tarina hatte lange gezögert, doch Julia hatte sie überredet, sich den Ball doch wenigstens einmal anzusehen. Über dem Frontportal prangte in mannshohen, hell erleuchteten Lettern der Schriftzug „Fest zur Begegnung der Völker“, doch niemand in Neustadt gebrauchte diese Bezeichnung.

„Schlampenball“, das war das Wort, obwohl immerhin gut ein Drittel der menschlichen Besucher Männer waren. Tarina stand eng an die Mauer des Palastes gepresst, um dem endlos scheinenden Strom von Besuchern keinen Widerstand zu bieten. Tausende menschliche Frauen in ihren schönsten – und häufig knappsten – Kleidern, dazwischen Menschenmänner, geckenhaft herausgeputzt oder betont lässig in Lederkluft oder Seemannsklamotten, einige mit nacktem, eingeöltem Oberkörper. Neumenschen konnte sie keine entdecken. Vermutlich benutzten diese einen anderen Eingang.

Sie selbst hatte sich nicht überwinden können, einen kurzen Rock oder ein knappes Oberteil anzuziehen, wollte sich nicht zur Schau stellen, anbieten, wie es all die anderen Menschen taten, die hofften, in dieser Nacht die Aufmerksamkeit eines Neumenschen zu erringen. Die allermeisten würden enttäuscht werden, sich vielleicht untereinander zusammenfinden, um sich zu trösten, oder sich einfach nur betrinken. Einigen wenigen würde es gelingen, die Gunst eines Orks, seltener eines Zwergs, Gnoms oder Halblings, noch seltener die eines Meermenschen oder Elben zu genießen. Oger waren in der Regel nicht anwesend, doch es waren sowieso nur die Verwegensten, Verrücktesten oder Verzweifeltesten bereit, sich mit ihnen einzulassen.

Tarina hatte sich für leichte, lange Gewänder entschieden – dünn, jedoch nicht durchsichtig, in hellem Grün, welches mit ihrem feuerroten Haar kontrastierte. Sie war barfuß – es war eine warme Nacht, und sie tanzte immer schuhlos. In dem Stadtteil, in dem sie lebte, galt sie als hübsch, doch hier war sie nur eine Schönheit unter vielen, und die meisten anderen jungen Frauen wussten mit viel nackter Haut die Blicke besser auf sich zu lenken.

Nicht, dass Tarina vorgehabt hätte, zu ihnen in Konkurrenz zu treten. Sie hatte Julia nur versprochen, sie hinein zu begleiten und sich ein wenig umzusehen. Julia – wo blieb sie nur? Der Treffpunkt direkt vor dem Haupteingang war eine ganz dumme Idee gewesen. Ob sie sie bereits verpasst hatte? Dabei war Julia eine beeindruckende Erscheinung, die selbst in dieser Menge noch auffallen sollte – hochgewachsen, schlank, mit hüftlangem blonden Haar und einem beinahe elfischen Gesicht (nicht, dass Tarina jemals einen Elf oder eine Elfe gesehen hätte). Selbst Zwerge drehten sich auf der Straße nach ihr um. Sie war wunderschön, und Tarina beneidete sie.

Die Sonne versank am Horizont, und der Zustrom an Menschen war zu einem Tröpfeln geworden, als sie einsah, dass sie Julia nicht mehr treffen würde. Sie hatten einander wohl übersehen, und Julia hatte angenommen, dass Tarina es sich anders überlegt hatte und war alleine hineingegangen. Unschlüssig trat sie von einem Bein auf das andere. Im Innern des Palastes war es hoffnungslos, nach ihrer Freundin zu suchen: Das Fest fand in Dutzenden Räumen, in sechs großen Innenhöfen, sowie auf dem Dach statt, und die flackernden bunten Feuer würden die Sicht eher behindern als erleichtern.

Schließlich entschied sie sich dafür, trotzdem hineinzugehen. Umschauen konnte sie sich auch ohne Julias Begleitung, und es wäre blöd gewesen, jetzt an der Tür wieder umzukehren. Sie musste ja nicht tanzen oder etwas trinken und nicht lange bleiben.

In den vorderen Räumen herrschte Gedränge. Hier befanden sich die langen Theken, an denen Getränke ausgeschenkt wurden: von Zwergen gebrautes Bier, von Gnomen gekelterter Wein, von Orks gebrannter Schnaps und von Halblingen hergestellter Honigmet. Sie sah nur wenige Neumenschen. Hier saß ein Zwerg im Kreis einiger kichernder Mädchen, dort stand eine junge Gnomin im Mittelpunkt eines ausgelassenen Trinkspiels. An einem Tisch in der Ecke saßen drei Orks. Einer von ihnen hatte eine Menschenfrau auf dem Schoß und ließ sich gelangweilt von ihr liebkosen. Die beiden anderen machten, umstanden von Dutzenden Zuschauern, Armdrücken. Tarina trat neugierig näher. Unter der behaarten, ledrigen Haut der Orks spannten sich kräftige Muskeln. Die beiden Kontrahenten verbreiteten einen starken Schweiß- und Moschusgeruch. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie ihn abstoßend oder erregend fand – vielleicht beides zugleich.

Nach beinahe einer Minute angestrengten Ringens war der Wettkampf entschieden. Der Arm des Verlierers donnerte mit Wucht auf die Tischplatte, und der Sieger stand auf, um sich von den umstehenden Frauen die Siegerküsse abzuholen. Plötzlich fand sich auch Tarina, mitgerissen von den anderen, direkt vor seinem narbigen Gesicht wieder. Verlegen lächelte sie ihn an. Er wartete unbeteiligt ab. Zögernd streckte sie ihre Hand nach ihm aus, fühlte die rauhe Haut seiner Wangen, streichelte seine schweißnasse Stirn. Der Ork grinste sie an, enthüllte seine kräftigen Eckzähne. Sie erschrak, wich zurück, entschuldigte sich sofort.

„Du musst nicht, wenn du nicht willst, Menschenweib. Es ist keine Pflicht.“

Er funkelte sie spöttisch an. Sie schlug die Augen nieder, wandte sich ab. Die Frau hinter ihr stürzte vor, schlang ihre Arme um ihn, küsste ihn leidenschaftlich, wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Nach einer Minute schob der Ork sie sanft, aber bestimmt von sich. Die nächste Gratulantin trat vor.

Tarina wusste hinterher nicht mehr, wieso es sie es getan hatte, aber sie drängelte sich zurück, schob die andere beiseite, presste ihre Lippen auf die des Orks, und als dieser seinen Mund öffnete, schob sie ihre Zunge hinein, suchte nach der seinen, saugte daran, tastete seine Zähne ab, trank seinen Speichel. Dann löste sie sich von ihm, drehte sich um und verließ, ohne sich noch einmal umzusehen, den Raum.

***

Es war die Musik, die sie hierhergelockt hatte – hypnotische Flötenklänge, unirdisch sanftes Harfenspiel, Trommeln, die wie hundert Herzschläge pulsierten. In diesem Hof wuchsen exotische Blumen, Orchideen, Mondlilien, Traumrosen und viele, deren Namen sie nicht kannte, und die nur durch den Gartenzauber von Halblingen hier gedeihen konnten. Ihre Düfte ließen die Atemluft süß und würzig werden. Die Feuer, die hier brannten, schienen lebendig, flackerten in Farben, von deren Existenz Tarina bislang nichts gewusst hatte. Und auf der Rasenfläche neben der hinteren Palastmauer lagerten Elfen.

Zum ersten Mal bekam sie Angehörige dieser Rasse zu Gesicht. Nur äußerst selten reisten sie vom Traum ins Sein, und so gut wie nie nach Neustadt. Fasziniert beobachtete Tarina die zarten, beinahe durchscheinenden Gestalten, die sich mit unvergleichlicher Grazie zwischen den Feuern bewegten. Nur wenige Meter entfernt, waren sie doch nie klar zu sehen – wann immer man den Blick auf sie richtete, wurden sie undeutlich, als schöbe sich ein Schleier vor die Augen. Die Musiker, welche an der Mauer saßen, konnte sie kaum erkennen – Farbtupfer in der Dunkelheit, sich bewegende Arme, mehr nicht. Ein wenig abseits lagen nackte Körper, liebten sich ungehemmt. Wie viele es genau waren – fünf? sechs? sieben? – und ob Männer oder Frauen, war nicht auszumachen, alles verschmolz zu einem Leib.

Hier befanden sich nur wenige Menschen, und sie vermieden es, den Elfen zu nahe zu kommen. Es hieß, wer ihrem Zauber verfiel, wurde in den Traum gezogen und fand nie wieder heraus. Tarina glaubte den Geschichten nicht. Sie trat zwischen den Feuern hindurch, um die sich liebenden Traummenschen genauer zu beobachten. Deren genaue Konturen verweigerten sich weiterhin ihrem Blick, doch in ihrer Mitte erkannte sie eine menschliche Gestalt, klar und hart abgegrenzt – wie ein Geröllbrocken im weichen Gras sich an den Fußsohlen anfühlte, so stach ihr Körper dem Auge heraus. Eine Frau, mit langen blonden Haaren.

Julia. Sie hatte die Augen geschlossen, gab Laute der Lust von sich. Ihr nackter Leib erschien Tarina plump zwischen denen der Elfen, unförmig, unansehnlich. Sie war ein Fleck auf einem Gemälde, ein Missklang in einer Melodie.

Tarina spürte eine Berührung am Arm. Als sie sich umwandte, sah sie einen Elfen direkt vor sich stehen. Für einen winzigen Augenblick konnte sie sein Gesicht klar erkennen, das sanfte Strahlen seiner Augen, die übermenschliche Schönheit seiner Züge. Sie öffnete den Mund, um ihn anzusprechen, doch er war bereits wieder fortgehuscht. Erst einige Atemzüge später bemerkte sie, dass er ihr einen Becher mit Elfenwein in die Hand gedrückt hatte.

Der Wein war klar, beinahe farblos, mit einem leichten goldenen Schimmer. Er duftete frisch und fruchtig. Sie nippte daran. Er war kühl, ein wenig süß, und verteilte sich merkwürdig langsam im Mund. Sie trank ihn aus.

Die Musik schien anzuschwellen, füllte ihren Geist aus, verdrängte alle Gedanken. Die Farben der Lichter wurden intensiver, der Boden unter ihren nackten Füßen weicher, die Luft klarer. Tarina stellte den Becher ab, ging zurück zu den Feuern und begann zu tanzen. Ihre Beine bewegten sich wie von selbst. Sie schritt vor und zurück, drehte sich, nahm den Puls der Musik in sich auf. Die Flöten führten ihre Arme, die Trommeln ihre Füße. Ihr wurde heiß. Ohne darüber nachzudenken, streifte sie ihr Gewand ab, tanzte nun nackt zwischen den bunten Flammen.

Immer enger umkreiste sie die Feuer, ließ deren Glut ihre Haut streicheln. Sie wurden ihre Tanzpartner, wichen zurück, wenn sie nach vorne trat, folgten ihr nach, wenn sie zurückschritt, drehten sich mit ihr. Folgten die Flammen der Musik? Folgten sie ihr? Folgte sie den Flammen? Waren sie alle eins, ein einziger Tanz, ein Drehen und Springen, ein Flackern und Pulsieren, Leben, Feuer und Klang? Das Pochen der Trommeln war das einzige Geräusch, der Feuerschein alles, was ihre Augen wahrnahmen. Die Hitze wurde stärker, brannte aber nicht auf ihrer Haut, durchströmte ihren Körper, schien von innen zu kommen, aus ihr heraus. Sie war die Melodie, sie war die Flammen, brannte mit dem Feuer des Lebens, tanzte, tanzte, immer weiter, dachte nicht mehr, sah nicht mehr, hörte nicht mehr, spürte nur noch, fühlte die Hitze des Tanzes…

***

Ihrer Erschöpfung nach mussten Stunden vergangen sein, als sie ihre Umgebung wieder wahrnahm. Tarinas Herz raste, ihr Atem ging keuchend, ihre Füße schmerzten. Die Feuer waren niedergebrannt, die Musik hatte aufgehört. Der Himmel begann sich bereits wieder aufzuhellen. Die Elfen waren fort, der Hof leer. Ihr wurde kalt. Orientierungslos sah sie sich um. Wo war ihr Kleid?

Da erblickte sie den Elben. Er lehnte an der Palastmauer, sah sie unverwandt aus tiefgrünen Augen an. Sein Körper war perfekt – anders als der eines Elfen klar umrissen und maskulin, und doch sanft und geschmeidig. Er überragte sie um eine volle Haupteslänge. Sein weißblondes, schulterlanges Haar umrahmte ein ernstes Gesicht. Tarina konnte nicht anders, als ihn anstarren.

Dann sprach er sie an. „Du suchst dies hier, denke ich.“ Er machte einen Schritt auf sie zu und streckte die Arme aus. Erst jetzt bemerkte sie, dass er ihr Gewand hielt. Immer noch sahen sie einander an. Wie selbstverständlich erfasste sein Blick ihren nackten Körper, und sie stand ohne jede Scham vor ihm. Mechanisch nahm sie ihm ihr Kleid ab, zog es aber nicht an.

„Du bist Mutter, wie ich sehe. Was ist mit dem Vater deines Kindes?“

Tarina erschrak. War ihr ihre frühere Schwangerschaft so deutlich anzusehen? „Er… wollte nicht mit mir zusammenbleiben,“ antwortete sie ausweichend.

Immer noch musterten die Augen des Elben sie. „Er hatte Angst vor dir, nicht wahr?“

Sie fuhr zusammen. Woher wusste er diese Dinge? Er lächelte – dieses traurige und gleichzeitig gütige Lächeln, zu dem nur die Elben fähig waren.

„Du hast Feuer in dir. Menschen, die dir zu nahe kommen, verbrennen sich daran.“

Sie schwieg, dachte über seine Worte nach. „Meint Ihr, dass ich die Gabe besitze? Mein Vater war ein Flammenbruder, deswegen wurde ich als Kind daraufhin geprüft, aber es wurde nichts festgestellt.“

„Du besitzt sie, wenn auch nur in vergleichbar geringem Maße. Für die Aufnahme in die Flammenbruderschaft hat sie vielleicht nicht genügt, aber sie bestimmt dennoch dein Leben. Dein Kind mag sie auch geerbt haben.“

Die Erwähnung Friedberts versetzte ihr einen Stich. „Mein Sohn ist… nicht normal entwickelt“, gab sie leise zurück. „Die Gnome sagen, sein Geist sei… gedämpft.“

Wieder schenkte ihr der Elb sein trauriges Lächeln. „In Familien mit der Gabe geschieht dies leider nicht allzu selten.“

Ein Moment betretenen Schweigens folgte, dann legte er seine Hand unter ihr Kinn und hob es an, um ihr wieder in die Augen zu sehen. „Mein Name ist Caleron.“

„Ich bin Tarina.“

Er hob die Augenbrauen. „Das ist ein elbischer Name. Wie kommst du dazu?“

Jetzt lächelte auch sie. „Eigentlich heiße ich Katarina. Mein Vater rief mich Kati, aber ich fand Tarina hübscher.“

Wieder sahen sie sich einige Sekunden wortlos in die Augen, dann fragte er: „Möchtest du mit mir kommen, Tarina?“

Sie nickte und folgte ihm.

***

In den hinteren Palasträumen waren Hunderte kleine Nischen eingerichtet worden, durch Vorhänge abgeteilt und mit Kissen und Decken bestückt. Die meisten davon waren nun leer. Caleron fand eine, die noch unbenutzt schien. Tarina war bereits nackt, und er begann selbstverständlich, ohne Hast oder Keckheit, seine Kleidung abzulegen. Seine Haut war haarlos, glatt wie die eines Babys, die Muskeln darunter fest. Ihre Augen verschlangen ihn. Eine Minute stand er nur da, ließ sich von ihr bewundern. Dann zog er sie an sich und küsste sie.

Die Berührung seiner Lippen ließ Funken in ihren Körper fahren. Seine Hände waren gleichzeitig kräftig und sanft, umschlossen ihren Leib so sicher, als gehörte er ihm, ein Gegenstand, der schon seit Jahren sein Eigentum war. Er zog sie hinunter auf die Decke und begann, sie mit Händen und Lippen zu liebkosen, systematisch von oben nach unten. Wo immer er sie berührte, entzündete er ein Feuer unter ihrer Haut. Sie lag bewegungslos, mit geschlossenen Augen, unfähig zu sprechen oder ein Glied zu rühren, eine Gefangene der Lust.

Dann hielt er plötzlich inne, setzte sich aufrecht. Ihr Körper brannte weiter. Sie griff nach ihm, und er nahm ihre Hand. Als sie die Augen öffnete, bemerkte sie, dass er sie ernst ansah.

„Was ist?“

Caleron schwieg einen Moment, bevor er zur Antwort ansetzte. „Tarina… wenn du die Mutter meines Kindes wirst, werde ich es zu meinem Volk bringen. Weißt du das?“

Sie nickte stumm.

„Bist du damit einverstanden?“

An Stelle einer Antwort zog sie ihn auf sich herab, umarmte und küsste ihn und öffnete sich ihm. Als sie sich vereinigten, schrie sie laut auf vor Lust.

***

Ich darf nicht schreien.

Der bisher heftigste Schmerz reißt sie aus ihren Erinnerungen. Kati wimmert, presst beide Hände auf den Mund, krümmt sich. Jetzt noch nicht, Tochter, bitte, warte noch eine kleine Weile!

Diesmal verliert sie das Bewusstsein, wenn auch nur für wenige Sekunden, bricht auf dem kalten Felsboden zusammen. Als ihre Sinne zurückkehren, registriert sie, dass sie die lange Treppe hinter sich gelassen haben und sich in einem ebenen Gang befinden. Reinhold mustert sie besorgt.

„Ich glaube, sie kommt bald. Sehr bald“, flüstert sie. Als Kati sich aufrichtet, kann sie ein Stöhnen nicht unterdrücken. „Als ich Friedbert trug, hatte ich nie solche Schmerzen.“

„Es ist die Anstrengung – und die Wirkung des Gegenmittels.“

Bei der Flucht aus dem Hospital hat er ihr etwas eingeflößt, das den einschläfernden Drogen der Gnome entgegenwirkt, sie wacher macht und ihre Sinne intensiviert – und damit auch ihr Schmerzempfinden. Ohne den Trank wäre sie längst vor Erschöpfung eingeschlafen, aber sie bezahlt den Preis dafür mit dieser Pein.

Denk nicht an den Schmerz, ermahnt sie sich, denk an deine Tochter. Und schrei nicht. Caleron sucht euch, und er besitzt ein elbisches Gehör. Mit zusammengebissenen Zähnen humpelt sie weiter.

„Es ist nicht mehr weit, Kati.“

Tatsächlich erreichen sie kaum eine Minute später eine massive stählerne Tür. Reinhold zieht einen Schlüsselbund aus der Tasche. Vorsichtig, um keine unnötigen Geräusche zu verursachen, öffnet er.

Die Tür lässt sich erstaunlich leise auf- und zuziehen. Auf der anderen Seite befindet sich ein kleiner Raum, nicht mehr als drei Meter im Quadrat – eine frühere Wachstube, hat Reinhold ihr erzählt, welche die Wahren Menschen als Versteck nutzen. Die Festungen Reinlands waren durch ein Labyrinth unterirdischer Gänge verbunden, in denen die reinländischen Truppen regelmäßig patroullierten, um Spione der Neumenschen zu entdecken. Die zentralen Bereiche wurden im Reinigenden Krieg von unvorstellbaren magischen Gewalten zerstört, und viele der mit Zauberkraft durch den Fels getriebenen Gänge sind heute eingestürzt oder verschüttet, aber einige Verbindungsgänge sind noch begehbar, und die Wahren Menschen bemühen sich, ihre Geheimnisse zu entdecken.

Dankbar lässt sich Kati auf eine Liege fallen und schließt die Augen. Fürsorglich deckt Reinhold sie zu, dann zündet er einige Kerzen an und entnimmt seinem Rucksack die Geburtstücher, die er aus dem Hospital gestohlen hat. Ein auf ihnen liegender Heilzauber tötet Keime ab und verhindert, dass eine gebärende Frau sich mit Krankheiten infiziert.

„Entspanne dich. Wenn das Kind jetzt kommen will, dann lass es.“

Kati bezweifelt, dass sie in dieser Sache allzu viel Mitspracherecht besitzt, aber sie lächelt ihm zu. „Wie lange müssen wir hier unten bleiben, Reinhold?“

„Nach dem Gesetz, welches der Rat der Rassen beschlossen hat, muss der Elbenruf binnen drei Tagen nach der Geburt des Kindes erfolgen. Wenn es bis dahin nicht aus Neustadt fortgebracht wurde, verbleibt es bei der Mutter.“

„Drei Tage…“, flüstert Kati. Eine lange Zeit, um sie bei Kerzenschein, mit Wasser und Zwieback zu verbringen. Ein Schreck durchfährt sie.

„Reinhold, das Kind! Was, wenn ich keine Milch habe – wie sollen wir es ernähren?“

Als Antwort greift er in seinen Rucksack und holt mehrere Flaschen heraus. „Säuglingsmilch, mit Kräuterextrakten haltbar gemacht. Die Gnome bewahren sie im selben Vorratsraum wie die Geburtstücher auf. Glaubtest du wirklich, ich würde daran nicht denken?“

„Ich habe nicht daran gedacht“, antwortet sie betreten. Was würde sie ohne ihn nur tun? Bittend streckt sie die Hand nach ihm aus. Er setzt sich an ihr Bett und ergreift sie. Da kommen die Wehen wieder, und sie spürt, dass es das letzte Mal ist.

„Es ist so weit“, keucht sie. Eilig schleudert Reinhold die Decke beiseite, schiebt ihr den Rock hoch und macht sich mit den Tüchern bereit.

„Tu es, Kati – bring einen Menschen zur Welt, einen Wahren Menschen!“

Die Schmerzen werden unerträglich, und sie fällt in Ohnmacht.

***

Beinahe auf den Tag genau sechs Monate nach dem Schlampenball wurde Julia bestattet.

Noch im Tod erstrahlte sie in beinahe übermenschlicher Schönheit. Friedlich, mit geschlossenen Augen, eine schlafende Prinzessin, so lag sie in dem gläsernen Sarg, den ein zwergischer Verehrer hatte anfertigen lassen – ein letztes Zeugnis ihrer Wirkung selbst auf Neumenschen. Menschensärge waren eine Seltenheit in Neustadt. Da Tote zumeist nach drachischem Brauch dem Feuer übergeben wurden, erfüllten sie keinen Zweck. Auch Julias Körper lag nur für die Dauer der Trauerperiode in der Leichenhalle aufgebahrt, bevor er verbrannt wurde. Um ihm während dieser drei Tage einen würdigen Rahmen zu bieten, hatte jener Zwerg Tausende Taler ausgegeben. Julia hatte nicht übertrieben: Mensch oder Neumensch, kaum ein Mann hatte ihr widerstehen können.

Doch sie war nicht mehr zufrieden damit gewesen, sich ihre Liebhaber in Neustadt zu suchen – nicht nach jener Nacht im Palast. Immer wieder hatte sie davon gesprochen, wie leer und bedeutungslos ihr das Leben im Sein doch erschien und mit leuchtenden Augen von dem Liebesrausch erzählt, den sie mit den Elfen erfahren hatte. Heimlich hatte sie einen Jungen, der als Helfer für einen gnomischen Kräuterkundigen arbeitete, überredet, ihr Traumgift zu verschaffen, die Droge, welche es dem Schlafenden erleichterte, in den Traum überzuwechseln – nicht nur flüchtige Eindrücke zu erhaschen, wie es alle Träumenden tun, sondern in körperlicher Form. Doch nur wenigen Menschen gelang dies, selbst nach der Einnahme des Stoffes, ohne vorherige Anleitung durch einen Kristallseher. Tarina fragte sich, ob Julia versucht hatte, einen Angehörigen dieser Gilde zu verführen, damit er ihr gegen die Anordnung des Rates der Rassen Hilfestellung bot, und gescheitert war, oder ob sie aus Angst vor Entdeckung allein mit dem Traumgift herumexperimentiert hatte.

Im Nachhinein hätte sie es wissen müssen. War Julia nicht ihre einzige Freundin gewesen – vielleicht abgesehen von der alten Gunda, die auf Friedbert aufpasste, wenn sie nicht zu Hause war, die aber kein Hehl daraus mochte, dass sie den Sohn lieber mochte als die Mutter? Ihre trockenen Augen brannten. Sie hätte es erkennen MÜSSEN. Julia hatte kaum mehr von etwas anderem gesprochen als von der damaligen Nacht. Sie war immer blasser geworden, ständig müde gewesen, obwohl sie immer mehr Zeit im Bett verbrachte.

Doch Tarina hatte nicht begriffen, was mit ihr vorging. Selbst, als Julia mehrere Tage nicht zu ihrer Arbeit in der Schneiderei erschien, in der sie beide tätig waren, nahm sie an, dass ihre Freundin einen neuen Liebhaber hatte, vielleicht aus dem Zwergenviertel, und durchfeierte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Erst eine Halblingin von der Nachbarschaftshilfe, die Erkundigungen über Julias Verbleib einzog, kam zu den richtigen Schlüssen – zu spät. Als die Orks die Tür zu ihrer Wohnung eintraten, fanden sie Julia nicht mehr am Leben. Frustriert von ihrem Unvermögen, in den Traum zu wechseln, hatte sie immer größere Mengen des Traumgifts eingenommen und ihren Körper damit überfordert. Wenige Stunden vor der Entdeckung ihrer Leiche war sie an Herzversagen gestorben.

Hätte Tarina die Nachbarschaftshilfe selbst informiert, nur einen einzigen Tag früher, hätte Julia gerettet werden können. Aber sie war zu beschäftigt mit ihren eigenen Problemen gewesen, mit Friedbert, der sich immer mehr von der Außenwelt zurückzog, mit dem Gedanken an Caleron, den sie nicht wiedergesehen hatte, mit seinem Kind, das in ihrem Leib heranwuchs. Die Halblingin hatte kein Wort des Vorwurfs geäußert, war verständnisvoll gewesen, hatte sie zu trösten versucht, doch das hatte es nicht besser gemacht. Tarina hatte ihre einzige Freundin verloren, weil sie nicht für sie da gewesen war, als diese sie gebraucht hatte, und nichts anderes zählte.

Die kleine Bestattungshalle war überfüllt. Selten kam es vor, dass mehr als ein paar Dutzend Menschen erschienen, um Abschied von einem Verstorbenen zu nehmen. Heute waren es über hundert, die meisten Männer: Viele ehemalige Liebhaber, aber noch viel mehr solche, die sich nur gewünscht hatten, ihr Liebhaber zu sein, offene Verehrer und heimliche. Einige Zwerge waren dabei, auch das war ungewöhnlich: Abgesehen von den Halblingen der Nachbarschaftshilfe sah man selten Neumenschen bei menschlichen Begräbnissen.

Die Priesterin tat ihr Bestes, die trauernde Menge aufzumuntern. Sie erinnerte daran, dass die Seelen träumender Wesen in neuer Form im Traum wiedergeboren wurden, dass diese Seelen sich dort, befreit von der Last ihrer sterblichen Körper, ihre ureigensten Wünsche erfüllten. Wenn Julia im Leben davon geträumt hatte, eine Elfe zu sein, dann würde dies die Gestalt sein, in der sie sich im Traum wiederfand. Tarina versuchte, das Tröstliche an dieser Vorstellung festzuhalten. Es gelang ihr nicht. Sie befand sich hier, in diesem Leben, im Sein, und Julia war fort. Es mochte ein egoistischer Gedanke sein, aber die Julia, die im Traum als Elfe wiedergeboren wurde, war nicht ihre Freundin. Wie konnte eine Seele dieselbe sein, wenn sie ihre Erinnerungen nicht besaß? Wie konnte die Priesterin behaupten, dass sie ewig weiterlebte, wenn sie sie nicht mehr sehen, mit ihr sprechen, sie anfassen konnte? Eine Julia, die nur in ihrer Erinnerung existierte, die sie nie mehr wiedersehen konnte, war tot.

Aber was war mit all denjenigen, die sie für kurze Zeit in ihrem Leben begleitet hatten und es jetzt nicht mehr taten? Was war mit Caleron? Was mit Gernot, Friedberts Vater? Und was mit ihrem eigenen Vater? Ihre Mutter hatte sie nie kennengelernt. So, wie Gernot sich vor dem Feuer in ihr gefürchtet hatte, hatte auch ihre Mutter sich vor Sieghold gefürchtet und Tarina bereitwillig dessen Erziehung übergeben, um dann aus seinem Leben zu verschwinden. Ihre Erinnerung an ihren Vater war verschwommen. Mit sechs Jahren hatte sie ihn verloren. Er war entflammt – der übliche Tod eines Flammenbruders. Der Rat hatte ihr keine Einzelheiten mitgeteilt, nur dass es in den Dschungelländern geschehen war, vermutlich im Kampf gegen Alben. Die Flammenbruderschaft hatte ihn posthum zum „Held des Feuers“ ermannt, ein Hinweis darauf, dass er angesichts einer feindlichen Übermacht seine Entflammung selbst herbeigeführt hatte. Danach war sie von Halbling-Kinderhelfern in einem der wenigen Waisenhäuser Neustadts aufgezogen worden. Die anderen Kinder dort fanden innerhalb weniger Wochen neue menschliche Eltern, aber die kleine Katarina, die Tochter eines Flammenbruders, wollte niemand zu sich nehmen. Sie blieb dort, bis sie fünfzehn Jahre alt war und eine eigene Wohnung beziehen durfte. Die Flammenbruderschaft zahlte ihr eine Hinterbliebenenrente, so dass sie keine Arbeit hätte annehmen müssen, aber ohne Familie und Freunde war sie froh, in der Schneiderei wenigstens ein paar Tage die Woche in der Gesellschaft anderer Menschen verbringen zu können.

Und dort hatte sie Julia kennengelernt. Männer traten nur für kurze Zeit in ihr Leben, selten für länger als eine Nacht, und Frauen mieden sie im Allgemeinen vollständig. Aber Julia war anders gewesen. Auch sie hatte das Feuer in ihr gesehen, war aber nicht davor zurückgeschreckt, fühlte sich davon angezogen. Wie hieß es doch? Wie eine Motte von der Flamme. Julia hatte nie ein Wagnis gescheut. Als Dreizehnjährige war sie auf Wagendächer von Dampfbahnen aufgesprungen. Als Siebzehnjährige ließ sie sich mit verbundenen Augen in die Wohnungen fremder Männer führen.

Und als Einundzwanzigjährige hatte sie sich beim Schlampenball mit Elfen eingelassen. Ebenso wenig wie Tarina hatte sie die Geschichten vom Elfenzauber geglaubt. Und deswegen war sie jetzt tot.

Die Priesterin predigte immer noch. Tarina nahm die Worte nicht wahr, hörte auch das Schluchzen der Umstehenden nicht, stand regungslos und starrte auf Julias hübsches, totes Gesicht. Auch als die Bestattungshelfer den Körper mit Öl übergossen und anzündeten, bewegte sie sich nicht fort, stand weniger als einen Meter von den lodernden Flammen entfernt, vermochte deren Hitze kaum zu spüren. Julia verbrannte zu Asche, und als das Feuer niederbrannte, erlosch auch in Tarina etwas.

***

Die „Grüne Höhle“ war eines der wenigen Gasthäuser in Neustadt, die von einem Neumenschen für Menschen betrieben wurden. Ein Gnom, der die Abenteuer seiner jungen Jahre beendete und weise wurde, ließ sich für gewöhnlich in Schwebewald oder in einer der gnomischen Gemeinden auf Heimat nieder. So sehr wilde Gnome Einzelgänger waren, so wichtig wurde ihnen in der Regel später die Gesellschaft von Angehörigen ihres Volkes.

Bei Kraukel schien sich der Umschlag von Wildheit zu Weisheit nicht ganz so abrupt und gründlich vollzogen zu haben, wie es bei seiner Rasse üblich war. Obwohl er mit dem Erwerb der „Höhle“ seßhaft wurde, pflegte er als ihr Besitzer hauptsächlich Kontakt mit Menschen. Sein Lokal, das erheblich teurer war als gewöhnliche Gaststätten, lag unter der Erde, in aus dem Felsen gehauenen Kammern, die vermutlich noch reinländischen Ursprungs waren. In den Wänden eingelassene Kristalle gaben gespeichertes Mondlicht ab und tauchten die Räume in bleiches Grün. Wer beim Trinken keine Gesellschaft wünschte, setzte sich hier in eine der Nischen, von der aus die anderen Gäste nur als Schatten zu erkennen waren.

Vor Tarina stand ein Becher mit Elfenwein. Die „Grüne Höhle“ war der einzige ihr bekannte Ort, an dem dieses Getränk ausgeschenkt wurde. Dieser Becher hatte sie ein Monatsgehalt gekostet, doch sie hatte ihn bestellt, ohne der Auflösung ihrer Ersparnisse einen zweiten Gedanken zu widmen. Nun aber stellte sie fest, dass sie keinerlei Verlangen mehr verspürte, ihn zu trinken. Die Nacht, in der sie zwischen den Elfenfeuern getanzt hatte, schien ihr jetzt weniger als selbst eine Erinnerung, ein Ereignis, das jemand anderem zugestoßen und von dem ihr erzählt worden war. Nur das Leben in ihrem Bauch bewies, dass es einen Elben mit sanften Augen und festen Händen gab, der sie geliebt hatte.

Mit den Fingerspitzen drehte sie den Becher, langsam, gegen den Uhrzeigersinn. Was wäre geschehen, wenn sie damals den Wein nicht getrunken hätte? Hätte sie trotzdem getanzt, oder hätte sie sich Julia und den Elfen angeschlossen, wäre dem selben Zauber verfallen wie ihre Freundin? Hätten sie vielleicht zusammen einen Weg in den Traum gefunden, oder wären sie jetzt beide tot, verbrannt zu den tröstlichen Worten einer Drachenpriesterin?

Hätte sie Caleron trotzdem getroffen?

Mit einer plötzlichen Bewegung stieß sie den Becher um. Teilnahmslos beobachtete sie, wie die Flüssigkeit die Tischkante herabtropfte, langsam und sinnlos verrann. Wie ihr Leben.

„Eine sehr teure Art zu weinen.“

Die unerwartete Ansprache hätte sie aufschrecken lassen sollen, doch sie wandte nur müde den Kopf. Ein Mann stand neben ihr, einfach gekleidet – zu einfach, um in dieses Lokal zu passen. Er war dunkelblond und nicht besonders gutaussehend, mit harten, ein wenig unregelmäßigen Gesichtszügen und grimmigen Augen. Sie sah ihn schweigend an. Er wartete ein paar Augenblicke ab. Dann, als offensichtlich wurde, dass sie nicht antworten wollte, setzte er sich zu ihr.

„Mein Name ist Reinhold.“

„Tarina“, antwortete sie gewohnheitsmäßig.

Er sah sie prüfend an. „Katarina?“

Sie nickte.

„Dann werde ich dich Kati nennen.“

Sie zuckte mit den Schultern. Wie er sie nannte, ob er überhaupt mit ihr sprach, war ihr vollständig egal.

„Du hast bei der Bestattung nicht geweint.“

Jetzt sah sie ihn sich doch noch einmal näher an. Er war auch dort gewesen? Er war nicht der Typ Mann, der ihr auffiel, selbst dann, wenn sie nicht mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt war. Erneut trat eine kurze Gesprächspause ein, und diesmal spürte sie das Verlangen zu antworten.

„Ich kann nicht. Ich habe keine Tränen.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Er sah ihr fest in die Augen. „Du hast Feuer in dir.“

Sie zuckte zusammen. „Genau das hat Caleron auch gesagt.“

„Caleron.“ Er spuckte den Namen aus wie eine tote Ratte. „Es braucht keine Elbenaugen, um das zu erkennen.“

Wieder eine Pause. Tarina begann, sich unwohl zu fühlen. „Bist du mir deswegen gefolgt?“

„Deswegen – und weil du dich verlierst.“

„Ich verliere mich“, wiederholte sie tonlos. Ja, das traf es. Wer war sie? Keine Flammenschwester. Keine normale Frau. Die Mutter eines Kindes, dessen Geist gedämpft war, und bald die Mutter eines weiteren Kindes, das ihr fortgenommen würde.

„Was bin ich?“, flüsterte sie.

„Du bist ein Mensch, Kati.“ Reinhold lächelte zum ersten Mal. „Du musst nur lernen, was das bedeutet.“

„Was bedeutet es?“ Unterbewusst registrierte sie, dass sie in diesem Gespräch nur noch ein Echo war. Ihre Gedanken besaßen keine Eigenständigkeit mehr. Es machte ihr nichts aus. Sollte Reinhold sie mit Bedeutung füllen.

Er stand auf. „Komm mit, Kati. Dies hier ist kein Ort für Wahre Menschen.“

Sie folgte ihm.

***

Reinhold lebte in Birkenstadt, nicht weit von ihrem eigenen Viertel entfernt. Seine Wohnung war nur spärlich eingerichtet, wenige Möbel, kaum Bilder oder Wandbehänge. Die Teppiche fühlten sich grob unter ihren Füßen an. Tarina hatte Mantel und Schuhe abgelegt und saß nun an einem kleinen Tisch, auf dem ein halbfertiges Modell einer Dampfbahn stand. Auf Regalen an einer Wand standen fertige Exemplare.

Reinhold kam aus der Küche und stellte zwei Krüge mit Bier vor sie hin. Er folgte ihrem Blick und bemerkte stolz: „Ich habe sie selbst gebaut.“

„Schön“, antwortete sie wenig überzeugend.

„Sie sind fahrtüchtig.“

Kati blickte ihn fragend an.

„Die Kessel lassen sich befeuern. Im Keller habe ich ein kleines Schienensystem aufgebaut. Darauf können die Bahnen fahren.“

„Das macht dir Spaß?“

„Sicher. Seit ich Kind bin, habe ich gerne gebastelt. Aber es ist mehr als nur ein Vergnügen. Ich studiere ihre Funktionsweise. Was ich im Kleinen verstehe, werde ich eines Tages auch im Großen nachbauen können.“

„Aber die Zwerge bauen doch…“

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Bierkrüge klirrten. „DIE ZWERGE! Die Gnome, die Halblinge, die Orks… und vor allem die Elben! Sie können alles, und wir Menschen können nichts – das wollen sie uns einreden! Kati, alles was die falschen Menschen können, können wir auch, und besser, sobald wir uns aus unserer Knechtschaft wieder befreien!“

Sie sah ihn verständnislos an.

„Trink.“ Er schob ihr den Krug zu. Gehorsam führte sie ihn zum Mund und nahm einen Schluck. Der Geschmack war ein wenig fad.

„Das ist kein Zwergen- oder Gnomenbräu, Kati. Es ist von Menschen gebraut, nach einem Rezept aus Wordorf. In anderen Ländern brauchen wir keine fremden Rassen, die uns füttern und uns unsere Häuser bauen.“

„Aber in den anderen Ländern herrscht doch immer Krieg.“

„Natürlich führen Menschen Krieg! Nur so kann ein Volk sich weiterentwickeln. Die Starken besiegen die Schwachen, Kati, und die Gefahr, erobert und besiegt zu werden, spornt zu Höchstleistungen an. Das Reine Reich ist so entstanden, der mächtigste Staat, den Heimat je gesehen hat. Wir haben Festungen auf allen Kontinenten gebaut. Unsere Magier haben Feldzüge in den Traum angeführt. Wir hatten Waffen, die ganze Städte dem Erdboden gleichmachten! Wir waren stolz, und wir waren mächtig. Deswegen haben die anderen Rassen sich gegen uns verbündet und uns BEFRIEDET – was bedeutet, dass wir heute ihre Haustiere sind!“

„War denn das Reine Reich nicht böse? Hat es denn nicht die Neumenschen auszurotten versucht?“

„Böse? Ist eine Katze böse, die Mäuse jagt? Ist ein Löwe böse, der sein Revier gegen ein Rudel Schakale verteidigt? Die Natur ist nicht BÖSE, Kati, sie ist NATÜRLICH. Es liegt in der Natur des Menschen zu erobern und zu beherrschen, und diese Natur zu verleugnen, ist ein Sakrileg!“

„Weswegen haben dann die Züchter die neuen Rassen erschaffen?“

Reinhold sah sie mit kaltem Blick an. „Weil sie VERRÄTER waren.“

Tarina fuhr zusammen, als sie die ketzerischen Worte hörte.

„Ja, ganz richtig, Kati! Bei der Säuberung haben die Drachen bewiesen, dass wir ihr erwähltes Volk sind. Sie haben die Brut vernichtet, die von Mann auf unsere Welt gekommen war – die Überbleibsel einer Millionen Jahre alten Rasse und uns deswegen überlegen. Wir waren ein junges Volk am Anfang seiner Entwicklung, und die Drachen beschlossen, uns die Möglichkeit zu geben, uns weiterzuentwickeln. Und wir haben uns entwickelt, aus eigener Kraft, ohne uns von Züchtern formen zu lassen wie die falschen Menschen!“

Ihr Kopf schwirrte. Noch nie hatte sie jemanden so von den Drachen sprechen hören.

„Sie haben sie in die fernsten Bereiche des Traumes genommen und dort von allen Gefahren abgeschirmt. Dann haben sie sie nach ihren Vorstellungen geformt, ihnen besondere Fähigkeiten gegeben. Niemals mussten diese Rassen um ihr Fortbestehen kämpfen! Sie haben sich nicht aus eigener Kraft entwickelt, oh nein, sie wurden mit Drachenmacht erschaffen. Sie haben sich ihre Stärke nicht verdient.“

„Wenn nun aber die Drachen entschieden haben, dass die Züchtung notwendig war…“, wagte Kati einzuwerfen.

„Oh nein, Kati, DIE DRACHEN haben das keineswegs entschieden! Nur jene acht Verräter sind ihren eigenen Weg gegangen. Die übrigen haben entschieden, dass die Menschheit sehr wohl stark genug ist, um diese Welt zu beherrschen!“

„Sie wurde doch aber besiegt?“

„Wir wurden von Rassen besiegt, die fertig entwickelt aus dem Traum zu uns gesandt wurden, und wir haben ihnen trotz dieses unlauteren Vorsprungs einen gewaltigen Kampf geliefert. Eines Tages wird dieser Kampf erneut stattfinden, und dann werden wir siegreich sein!“

„Reinhold… wenn die Neumenschen einen solchen Vorsprung besitzen, wie können wir dann hoffen, sie jemals zu besiegen?“

„Weil sie stagnieren, während wir uns weiterentwickeln. Hast du nicht bemerkt, dass ihre Gesellschaften sich seit Tausenden von Jahren nicht verändert haben? Sie haben es nicht gelernt, sich zu verändern, haben nicht gelernt, um ihr Überleben zu kämpfen. Sie sind ein fertiges Produkt und können sich nicht mehr anpassen. Wir Menschen aber verändern uns, und wir verändern die Welt um uns herum. Das Reine Reich verfügte über Magie, die mächtiger als alles war, was die falschen Menschen beherrschen, und wir sind dabei, sie wiederzuentdecken.“

„Sorgt der Rat der Rassen nicht dafür, dass die zerstörerische Magie des Reinen Reiches nicht wiederaufersteht?“

„Der Rat kann Dämme bauen, aber er kann die Flut nicht aufhalten! Unser Volk erwacht, Kati! Es erobert sich seine Macht zurück, und weder heimtückisch herbeigeführte Entflammungen noch Dämpfungen können es stoppen!“

Eine Hand aus Eis griff nach Tarinas Herz. „Was sagst du da?“

„Der Tag wird kommen, an dem wir die falschen Menschen mit Mut, Macht und Magie hinwegfegen werden…“

„Nicht das“, unterbrach sie ihn. „Was ist mit den Entflammungen und Dämpfungen?“

„Oh, wenn ein Flammenbruder oder eine Flammenschwester dem Rat zu mächtig werden, dann führen sie deren Entflammung herbei. Sie behaupten, dass der menschliche Geist zu schwach sei, um diese zerstörerischen Energien zu kontrollieren, aber es ist nur eine bequeme Erklärung dafür, warum sie eines Tages urplötzlich verbrennen. Und wenn bei einem Kind aus einer für ihre magische Macht bekannten Familie ein besonderes Maß der Gabe festgestellt wird, dann dämpfen die Gnome nach der Geburt seinen Geist, damit es sie nicht… Kati? Was ist mit dir?“

Der Raum drehte sich um sie. „Ich… habe das alles nicht gewusst…“

„Um Himmels Willen.“ Reinhold eilte in die Küche und kam mit einem Glas Wasser wieder, stützte ihr Kinn, als sie trank. „Ich vergaß, dass diese Dinge den meisten Menschn nicht bekannt sind… und ich dachte nicht daran, dass sie dich vermutlich persönlich betreffen werden.“

Tarina schloss die Augen. Wieder spürte sie Feuer in sich lodern, aber diesmal brannte es schmerzhaft. „Friedbert, mein Sohn, ist… WURDE gedämpft. Und mein Vater wurde entflammt.“

Reinhold legte seine Hand auf ihre Schulter. „Wie hieß dein Vater?“

„Sein Name war Sieghold Funkelstein.“

„Sieghold… Ich habe von ihm gehört. Ein Held des Feuers… und ein Wahrer Mensch. Kein Zweifel, dass er getötet wurde, weil er dem Rat unbequem wurde. Es tut mir Leid, Kati.“

Einige Minuten schwiegen sie. Dann wandte sie ihre Augen von ihm ab.

„Reinhold… Das Kind in meinem Leib… ich habe es beim Schlampenball empfangen. Es… Es könnte ein Elb sein.“

Sie hatte mit einer zornigen Reaktion gerechnet, oder mit kalter Verachtung, doch stattdessen begann er zu lachen.

„Was ist daran komisch, Reinhold? Ich will kein Kind einer Rasse zur Welt bringen, die für den Tod meines Vaters mitverantwortlich ist!“

Er beruhigte sich. „Entschuldige, Kati, natürlich kannst du nichts Komisches daran finden. Nur, weißt du… es GIBT keine Elbenkinder!“

„Was?“

„Elben können miteinander keine Kinder zeugen, und das Kind eines Menschen und eines Elben ist immer ein Mensch. Sie sind eine sterbende Rasse, Kati.“

„Das… das begreife ich nicht“, flüsterte sie.

„Nun, es sieht so aus, als wenn ihr Züchter dieser Angelegenheit zu wenig Beachtung geschenkt hätte! Wahrscheinlich dachte er sich, dass eine unsterbliche Rasse sich nicht zu vermehren bräuchte. Oder vielleicht fehlt einem Volk, das sich nicht mit dem eigenen Tod konfrontiert sieht, einfach der Wille, seine Lebenskraft seinem Nachwuchs weiterzuvererben. Was auch immer genau der Grund ist, dein Kind wird zweifelsohne ein Mensch sein – wenn du es Dir nicht wegnehmen lässt, heißt das! Ansonsten nehmen die Elben es und formen es zu einem Elbenpüppchen, so wie die Züchter sie geformt haben, zu einem künstlichen Wesen, das weder Mensch noch Elb ist. Möchtest du, dass dir dein Kind bei der Geburt fortgenommen wird, Kati, oder möchtest du einen Menschen aufziehen?“

Es war überhaupt keine Frage. „Ich möchte mein Kind behalten, Reinhold. Aber wie ist das möglich?“

„Die Wahren Menschen können helfen. Wir können verhindern, dass der Vater das Kind fortbringt – und dass es nach der Geburt im Hospital gedämpft wird. Möchtest du ein Wahrer Mensch sein, Kati?

„Was muss ich tun?“, fragte Tarina.

Reinhold lächelte. „Es gibt keine Aufnahmezeremonie. Sage mir einfach, dass du willst, und ich werde für dich bürgen.“

„Ich will“, antwortete Kati mit fester Stimme.

***

Ein Schrei reißt sie aus ihrer Ohnmacht. Der Schrei ihres Kindes.

Mühsam verdrängt sie den Schmerz in ihrem Unterleib, öffnet ihre Augen. Reinhold steht vor ihr, seine Gewänder sind blutverschmiert. Er hält ein kleines Bündel in den Armen. Als er bemerkt, dass sie wieder zu sich gekommen ist, reckt er es ihr entgegen. Sie blickt in das winzige, faltige, blinde Gesicht eines Säuglings. Ihre Tochter.

Reinhold grinst sie voll Stolz an, so als wäre er der Vater. „Wie willst du sie nennen, Kati?“

Als sie den Mund öffnet, um zu antworten, sieht sie, wie ein Ruck durch seinen Leib geht und er seitlich zusammensinkt, bewusstlos. Ein kräftiger Arm greift nach dem Kind.

Kati dreht den Kopf. Der Arm gehört Caleron. In der anderen Hand hält er einen elbischen Betäubungsstab. Welcher Zauber es ihm ermöglicht hat, unbemerkt die Tür zu öffnen und den Raum zu betreten, kann sie nicht erahnen. Sie richtet sich auf und sieht ihn hasserfüllt an.

„Im Namen des elbischen Volkes und in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Rates der Rassen rufe ich meine Tochter zu mir, damit sie bei meinem Volk aufwächst. Ihr Name wird Halina sein.“

Nach der offiziellen Ansprache wird seine Stimme weicher. „Es tut mir Leid, Tarina.“

„Ich heiße Kati.“

Er mustert sie mit traurigem Blick. „Ich verstehe. Kati – was immer dieser Mann dir für Lügen erzählt hat…“

Vielleicht glaubt er, dass sie durch die Anstrengungen der Flucht und der Geburt zu schwach ist, um zu handeln. Möglicherweise unterschätzt er die Kraft, welche Mutterliebe einer Menschenfrau verleihen kann. Wahrscheinlich verlässt er sich darauf, dass sie niemals mit ihrer Tochter durch diese Tunnel vor ihm fliehen kann. In jedem Fall rechnet er nicht mit dem, was sie nun tut, reagiert falsch, als sie sich auf ihn stürzt, indem er einen Schritt zurück macht, damit sie ihm das Kind nicht entreißt, doch das versucht sie gar nicht – sie weiß, dass es sinnlos wäre.

Stattdessen wirft sie sich mit allem Schwung und dem gesamten Gewicht ihres Körpers gegen ihn und drückt dabei mit den Handflächen gegen den Kopf des Säuglings, schmettert ihn gegen den Fels, einmal, zweimal, dreimal, bevor Caleron sich von ihr löst und sie zusammenbricht. Entsetzt sieht er sie an.

Kati starrt auf den schmierigen Fleck an der Wand, auf den leblosen Körper mit dem zerschmetterten Schädel, den Caleron in seinen Händen hält. Ihre tote Tochter – ihr Kind, das niemals die Chance bekommen hat, ein Mensch zu werden, weil sie in einer Nacht der Leidenschaft seine Zukunft für ein wenig Zärtlichkeit und Lust verkauft hat.

Ein salziger Geschmack benetzt ihre Lippen, Feuchtigkeit die Wangen.

Sie hat ihre Tränen gefunden. Hemmungslos läßt sie das Wasser ihr Gesicht hinabströmen, holt alles Weinen, zu dem sie in den fünfundzwanzig Jahren ihres Lebens nicht fähig gewesen ist, nach, während sie darauf wartet, dass Caleron sie tötet oder dem Rat der Rassen übergibt.

Doch es geschieht nichts, und als sie sich nach einer Ewigkeit die Augen freiwischt, ist er fort und hat ihre tote Tochter mit sich genommen.

***

Ich darf nicht weinen.

Noch einmal bleibt sie im Flur ihres Hauses stehen, holt mehrere Male tief Luft, drängt die Tränen zurück. Immer hat sie sich gewünscht, weinen zu können, aber nicht gerade jetzt, nicht heute, wenn ihr die schlimmste Prüfung noch bevorsteht.

Bevor Reinhold wieder zu sich kam, hat sie den Fleck an der Wand fortgewischt. Bei all den blutigen Geburtstüchern fiel eines mehr nicht auf. Er kann nicht wissen, dass Caleron nur ein totes Kind fortgebracht hat.

Seine Enttäuschung schien grenzenlos, und Kati hat begriffen, dass ihm dieses Kind wichtiger war als sie selbst. Hatte er gehofft, dass sie eine Flammenschwester für die Wahren Menschen großziehen würde? War das auch der Grund, dass Caleron sie geschwängert hatte – weil ein Kind mit der Gabe besseres Material für einen Solitas abgab?

Die Gabe bestimmt ihr Leben, hat er gesagt. Und sie hat ihr Leben bestimmen lassen. Damit soll jetzt Schluss sein. Sie wird sich auf das besinnen, was ihr wichtig ist – auf ihren Sohn.

Ich darf nicht weinen. Ich darf nicht weinen.

Nachdem sich ihr Atem wieder beruhigt hat, humpelt sie weiter die Treppen hinauf. Friedbert darf niemals erfahren, was in dieser Nacht wirklich geschehen ist. Was er braucht, ist eine glückliche Mutter, die sich um ihn sorgt. Vielleicht hat sie endlich verstanden, was es bedeutet, Mensch zu sein: Es bedeutet, andere Menschen zu lieben. Nicht Orks, Elben oder Elfen, sondern Menschen, mit all ihren Fehlern und Schwächen. Was macht es schon für einen Unterschied, ob Friedberts Geists gedämpft ist – oder auch gedämpft wurde. Sie wird ihm alle Liebe geben, zu der sie fähig ist, damit er in seinem Leben glücklicher wird als sie.

Ich darf nicht weinen.

Sie klopft an die Tür. Beinahe eine Minute vergeht, dann hört sie die schlurfenden Schritte Gundas.

Die Tür öffnet sich zunächst nur einen Spalt. Das Gesicht der alten Frau blickt sie misstrauisch an.

„Guten Abend, Gunda. Ich weiß, du hast mich noch nicht zurück erwartet, aber die Geburt ist gut verlaufen und…“

„Friedbert ist in seinem Zimmer“, unterbricht sie barsch Katis Erklärungen. „Ich gehe dann jetzt nach Hause.“

Wortlos verlässt Gunda ihre Wohnung. Nein, sie mag Kati nicht. Was soll es, niemand außer ihrem Sohn mag sie, und es muss sie auch sonst niemand mögen. Friedberts Liebe genügt ihr ab heute.

Leise schleicht sie zu seinem Zimmer. Bevor sie die Tür aufschiebt, setzt sie ihr strahlendstes Lächeln auf. Er sitzt aufrecht im Schlafanzug in seinem Bett und sieht sie an. Mit seinen Händen umklammert er das Spielzeug, das sie ihm zu seinem achten Geburtstag geschenkt hat, eine Fühlhydra. Sie geht zu ihm und drückt ihn an sich.

„Schatz, etwas Wunderbares ist passiert!“

Sein Gesicht bleibt ausdruckslos.

„Deine Schwester – sie durfte mit den Elben mitgehen! Sie werden einen großen Helden aus ihr machen, eine Solitas, die alle Menschen beschützt! Ist das nicht großartig?“

Sie kann immer noch keine Reaktion bei ihm wahrnehmen. Als ein Sabberfaden aus seinem Mundwinkel herabrinnt, erkennt sie, dass dies einer jener Tage ist, an denen er an ihn gerichtete Worte nicht begreift. Ihre Augen beginnen zu brennen, und sie spürt, dass sie die Tränen nicht mehr länger zurückhalten kann.

„Ich erzähle dir morgen mehr, in Ordnung? Jetzt geh schlafen, mein Liebling, und träum etwas Schönes.“

Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und verlässt den Raum. Es ist eine Flucht. Kaum hat sie die Tür hinter sich geschlossen, schießen ihr die Tränen in die Augen. Heute Nacht wird sie um ihre namenlose Tochter trauern. Ab morgen wird sie für Friedbert die perfekte Mutter sein, das schwört sie bei den Drachen.

***

Friedbert sitzt immer noch aufrecht im Bett. Das Licht einer Straßenlaterne fällt durch das Fenster, auf die Fühlhydra, die er streichelt und drückt. Dieses magische Spielzeug haben die Halblinge erfunden, eine Plüschnachbildung einer echten Hydra, wie sie im Traum existiert, welche auf die Gefühle desjenigen, der sie hält, reagiert. Wenn ihr Träger glücklich ist, lächeln die Köpfe; ist er traurig, weinen sie.

Friedbert sieht seine Hydra an. Ihre neun Köpfe fauchen und schnappen nach seinen Fingern.

Du glaubst, ich verstehe dich nicht, Mutter. Alle glauben, ich verstehe nichts, weil ich nicht mit ihnen spreche. Alle halten mich für dumm. Ich verstehe sehr wohl. Ich verstehe, dass ich anders bin als andere Kinder. Ich sehe Dinge, die sonst niemand sieht. Ich spreche nicht mit Menschen, aber ich kann mit Neunie sprechen, denn sie ist lebendig. Alle sagen, sie ist nur ein Spielzeug, aber ich weiß es besser. Ich weiß, dass sie sprechen und Feuer spucken kann.

Er steht auf und geht zum Fenster, das seine Mutter hat vergittern lassen, damit er nicht hinausfällt, und sieht zum Nachthimmel hinauf.

Und ich weiß, dass du lügst, Mutter. Du tust so, als seist du glücklich, aber du bist traurig. Warum bist du traurig, weil die Elben meine Schwester geholt haben? Weil du nicht mitgehen durftest. Weil du hierbleiben musstest, hier bei mir, bei deinem dummen Sohn. Glaubst du, ich weiß nicht, dass du damals zum Fest gegangen bist, um einen neuen Mann zu finden? Mein Vater war dir nicht gut genug. Er hat dir ein dummes Kind gemacht. Ein Menschenkind. Das war dir nicht gut genug. Du wolltest einen Elben als Mann. Aber er wollte dich nicht zur Frau. Weil du ihm nicht gut genug warst, Mutter. Weil du nichts Besseres bist als ich, auch wenn du es gerne wärst.

Seine Finger drücken die Hydra immer kräftiger. Auf seinem Gesicht liegt ein Glühen, welches sich in ihren Augen spiegelt.

Du hast meinen Vater verjagt, weil er dir nicht gut genug war, und weil ich dir nicht gut genug bin. Denkst du wirklich, ich weiß das nicht? Ich bin nicht dumm, Mutter. Ich verstehe, was du sagst, und ich weiß, was du denkst, und es ist nicht das Gleiche. Du hältst Neunie für ein Spielzeug, und du hältst mich für ein Spielzeug, das man drücken und küssen und füttern kann, aber das man fortwirft, wenn man ein schöneres Spielzeug findet. Wenn der Elb dich mit in seinen Palast zwischen den Sternen genommen hätte, hättest du mich fortgeworfen.

Ich hasse dich, Mutter. Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich!

Eine Taube flattert am Fenster vorbei. Ohne nachzudenken, hält Friedbert ihr seine Hydra entgegen. Eine Flammenzunge schießt hervor, verbrennt das Tier im Flug. Er bemerkt nicht, dass das Feuer aus seinen Fingerspitzen ausgetreten ist.

Neunie hasst dich auch, Mutter.

Eines Tages wird sie dich verbrennen.

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Veröffentlicht on Mai 20, 2007 at 10:42 pm  Comments (1)  
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  1. Gibt der Rolle der Menschen aus der ersten Geschichte ja mal eine Wendung.
    Das ganze ist ja sehr dicht an schwierigen Themen, ich bin gespannt wies weiter geht.


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