Verorkung

Der Wellengang war kräftig – nicht stark genug, um den Kurs des mächtigen Fünfmasters zu beeinträchtigen, aber ausreichend, um die übrigen Passagiere unter das schwankende Deck getrieben zu haben, wo sie in ihren Kajüten lagen, sich an den hölzernen Bettrahmen festhielten und versuchten, nicht seekrank zu werden.

Margas stand backbords nahe dem Schiffsbug an der Reling, ohne diesen Halt auf dem schlüpfrigen, von gelegentlichen Wellenbrechern überspülten Deck zu benötigen. Obwohl er kein Seemann war, passten seine Beine sich automatisch den sich ständig ändernden Gleichgewichtsbedingungen an. Reglos starrte er durch die sprühende Gischt auf den winzigen, kaum wahrnehmbaren Lichtpunkt, auf den das Schiff zu hielt: Das Ewige Feuer im Turm der Völker, dem höchsten Gebäude von Neustadt, das den ankommenden Schiffen als Leuchtfeuer diente.

Neustadt, sein Heimatort. Er hatte keine Erinnerungen daran – wie alle Solitari mit einer menschlichen Mutter war er kurz nach seiner Geburt von den Elben fortgebracht worden. Seitdem hatte er den Hauptteil seines Lebens im Funken Hoffnung verbracht, der Ätherfestung der Elben zwischen Heimat und Mond.

Während seiner Ausbildung hatte er weite Teile von Heimat bereist: Die Steppen- und Dschungelländer des Westkontinents, die Altländer des mittleren Kontinents, die Wüstenländer und Reisländer des Ostkontinents, sowie die Inseln der Eisländer im hohen Norden.

Er hatte andere Welten besucht: Im Ätherjäger war er mit seiner Erzieherin Tauriel in den Farnwäldern der Drachenwelt Dame gelandet, auf dem luft- und wasserarmen Mann, unter dessen Oberfläche die Brut nistete, auf den Splittern, in denen die Zwerge nach dem wertvollen Splittermetall, sowie nach seltenen Kristallen schürften, und in den Schwebewäldern von Mond, der Heimat der Gnome.

Auch den Traum hatten Tauriel und er bereist, wo er das Königreich der Zentauren, die Insel der Kobolde, die unterirdischen Fabrikstädte der Wichte und viele andere merkwürdige Orte kennengelernt hatte.

Nur Neuland hatte er nicht sehen dürfen.

Margas‘ Gedanken wanderten zurück zu jenem Gespräch, das er mit Tauriel geführt hatte, als er 17 Jahre alt gewesen war. Sie hatten in einem der äußeren Räume des Funkens gesessen, in denen die Drehung der Festung um sich selbst eine Fliehkraft erzeugte, welche der Schwerkraft von Heimat entsprach, und durch die großen Kristallfenster in das Nichts geschaut, das sie umgab, und in dem in regelmäßigen Abständen abwechselnd die blaubraune Scheibe von Heimat und des grünen Mond, ihres Begleiters, auftauchten.

„Warum reisen wir nie nach Neuland, Tauriel?“

Die ehrwürdige Elbin hatte ihn mit diesem seltsamen Lächeln angesehen, das den Elben zu eigen war – gleichzeitig gütig, traurig und geheimisvoll.

„Warum sollten wir das tun, Margas?“

„Es ist mein Heimatland! Das habt Ihr mir gesagt.“

„Das stimmt“, hatte Tauriel ihm beigepflichtet. Er hatte erwartet, dass sie mehr sagen würde, doch sie schwieg, also fragte er erneut:

„Warum also reisen wir nicht dorthin?“

Tauriel hatte, wie sie es so oft tat, mit einer Gegenfrage geantwortet:

„Was erwartest du dort zu lernen?“

Diese Frage bedeutete mehr, als die meisten Menschen dahinter hätten erkennen können. Die Ausbildung eines Solitas war intensiv, fing in der frühesten Kindheit an und setzte sich ununterbrochen fort, bis die Elben ihren menschlichen Schüler für bereit erklärten, eigenständig sein Schicksal zu bestimmen, was zumeist zwischen dem achtzehnten und zweiundzwanzigsten Lebensjahr der Fall war. Der wichtigste Merksatz, den Margas bereits als Kleinkind eingeimpft bekommen hatte, lautete: „Das menschliche Leben ist kurz. Jeder Moment, den du nicht mit Lernen verbringst, ist unwiderbringlich verlorene Zeit.“

Deswegen hatte er gründlich nachgedacht, bevor er erwiderte:

„Ich will lernen, die Menschen zu verstehen. Ihr habt mir so viel erzählt – vom Reinen Reich und seinem Vernichtungszug gegen die Neumenschen, von seiner Niederlage, von der Ansiedlung eines Großteils der Menschen auf Neuland unter der Obhut der neuen Rassen, von den vielen sinnlosen Kriegen, welche die Menschenreiche auch heute noch gegeneinander führen. Ich begreife es nicht. Ich kann ihre Denkweise nicht nachvollziehen, obwohl ich doch selbst ein Mensch bin!“

„Ist eine Birne eine Birne, Margas?“

Diese scheinbaren Abschweifungen war er von seiner Erzieherin gewohnt, auch wenn sie ihn immer wieder irritierten.

„Eine Birne ist gewiss eine Birne“, hatte er vorsichtig geantwortet.

„Und du isst gerne Birnen, Margas. Möchtest du eine Birne?“

„Ja, bitte.“ Frisches Obst war im Funken eine Seltenheit, zumeist ernährten sich seine Bewohner von Elbenbrot, in das Fruchtstücke und Honig eingebacken waren.

Tauriel war zu einer in der Ecke stehenden Kristalltruhe gegangen. Im Innern dieser Truhen blieb die Zeit stehen, so lange sie geschlossen waren – so ließ sich Nahrung frisch halten. Sie entnahm ihr eine Birne und hielt sie ihm unter die Nase.

„Möchtest du diese Birne essen, Margas?“

„Nein, danke!“ war seine Antwort gewesen. Die Birne war verfault, matschig, teilweise von Schimmel befallen. Sie musste bereits in diesem Zustand in die Truhe gelegt worden sein.

„Und doch ist es eine Birne, und du isst gerne Birnen.“

Aus Erfahrung wusste Margas, dass seine Erzieherin nun von ihm erwartete, die Verbindung zum Ausgangspunkt ihres Gespräches herzustellen. Er besann sich auf die logischen Übungen, die Tauriel mit ihm so häufig durchgeführt hatte.

„Ich esse gerne Birnen, aber nur frische, gesunde Früchte. Ich hatte erwartet, dass Ihr mir eine solche Birne anbietet, wie Ihr es üblicherweise tut. Natürlich sind auch faulige und vom Schimmel befallene Birnen immer noch Birnen, aber im Sinnzusammenhang Eures Angebotes hatte ich nicht angenommen, dass Ihr von einer solchen Birne sprecht.“

Tauriel hatte ihn auffordernd angesehen, und Margas war mit einem Seufzer fortgefahren.

„Als ich Eure Frage bejahte, dachte ich an eine Birne, wie man sie sich typischerweise im Zusammenhang mit Essen vorstellt. Dass Ihr eine ungenießbare Frucht in der Kristalltruhe aufbewahrt, konnte ich nicht erwarten. Meine Erwartungshaltung bezüglich des Begriffs Birne war also auf einen Teil seiner vollständigen Bedeutung eingeschränkt, und die Vorstellungen, die ich daher mit diesem Begriff verband, trafen auf diese besondere Birne nicht zu.“

Unterdessen war ihm klar geworden, worauf seine Erzieherin hinauswollte, und er hatte geschlossen:

„Ich bin ein Mensch, aber ich bin anders als die Menschen, die in Neuland oder den Menschenreichen auf Heimat leben. Ich besitze andere Eigenschaften, und Annahmen, die für andere Menschen richtig sind, treffen auf mich nicht notwendigerweise zu. Obwohl ich ein Mensch bin, unterscheide ich mich in wesentlicher Art von anderen Menschen… Tauriel, bin ich eine faulige Birne?“

Ihn hatte doch noch die Ungeduld übermannt, ein menschlicher Zug, den auch seine langjährige Ausbildung ihm noch nicht vollständig auszutreiben vermocht hatte. Fragend hatte er die Elbin angesehen.

„Du bist ein Solitas, Margas. Weißt du, was das bedeutet?“

„Ihr habt mich nie aufgefordert, die elbische Sprache zu lernen, aber das kann ich herleiten, dass Solitas so viel heißt wie „der Einzigartige“, oder auch „der Besondere“.“

„Heißt es das, Margas?“ Tauriel zeigte ihm wieder dieses verwirrende elbische Lächeln.

„Bitte, Tauriel, vielleicht ist meine Übersetzung nicht genau, aber ich habe Eure Sprache nicht erlernt. Könnt Ihr mir nicht einfach sagen, warum wir Neuland nicht besuchen?“

„Weil du noch nicht dazu bereit bist.“

„Und wann werde ich dazu bereit sein?“

„Vielleicht niemals“, hatte seine Erzieherin geantwortet, und ihr Gespräch war beendet gewesen.

***

Der Horizont begann, sich im Licht der aufgehenden Sonne aufzuhellen, und die See hatte sich ein wenig beruhigt. In wenigen Stunden würden sie in den Hafen von Neustadt einlaufen. Die Wache wechselte zum letzten Mal auf dieser Reise. Keiner der unter Deck hastenden Matrosen richtete ein Wort an ihn oder warf ihm auch nur einen Blick zu. Die romgischen Seeleute hatten Angst vor ihm.

Als Margas sich entschieden hatte, nicht auf einem der elbischen Kristallschiffe nach Neuland zu fahren, obwohl dies die Reisezeit um ein Vielfaches verkürzt hätte, hatte er sich mit Kleidung versorgt, wie sie die niederen romgischen Adligen trugen, und die schwarze Solitas-Kampfkleidung aus speziell behandeltem, weichem Leder in seinem Gepäck verstaut. Auch das Simul, die magische Waffe der Solitari, deren Energiefeld sie mit der Macht ihrer Gedanken in jede gewünschte Form bringen konnten, trug er nicht offen am Gürtel, sonden verbarg es in einer Tasche. Trotzdem hatte er kaum das Schiff betreten und ein paar Worte in, wie er wusste, akzentfreiem Romgisch an den Kapitän gerichtet, als sich dessen Gesicht verdüsterte, seine Freundlichkeit Wortkargheit wich, und er unter einem Vorwand das Gespräch beendete. Sowohl die Matrosen, als auch die anderen Reisenden hatten beinahe sofort begonnen, seine Gegenwart zu meiden. „Solitas“, flüsterten sie einander zu. Schon am nächsten Tag hatte er die Verkleidung aufgegeben und seinen Status offen gezeigt.

Warum hatten sie Angst vor ihm? Jeder Solitas schwor, das Leben anderer Menschen mit seinem eigenen zu schützen, das musste ihnen bekannt sein! Noch etwas, was er am Verhalten der Menschen nicht verstand, obwohl er es in einen Bezug zur Neumenschenfeindlichkeit des Reinen Reiches setzen konnte. Die neuen Rassen waren fremd gewesen, und den Menschen, aus denen die Drachen sie gezüchtet hatten, in vieler Hinsicht überlegen. Menschen begegneten Fremdheit mit Unsicherheit, Überlegenheit mit Neid. Aus dieser Verbindung entstand nur zu schnell Hass.

Er hatte seine Fremdartigkeit nicht verbergen können. Was mochte es gewesen sein – sein gewandter, athletischer Gang, seine selbstbewusste Körperhaltung, seine Unbefangenheit, als er das Gespräch suchte? Sie hatte ihn als Fremden in ihrer Mitte erkannt, als Gefahr eingeschätzt.

Die Menschen akzeptierten ihn nicht als ihresgleichen.

Nach jenem Gespräch mit Tauriel hatte Margas sich ein wenig mit den Wortstämmen der elbischen Sprache befasst. „Sole“, das bedeutete nicht „einzigartig“, sondern „einzeln“, „alleine“. Vielleicht auch „einzelgängerisch“ – oder „einsam“. Auf seiner mehrwöchigen Reise an Bord des romgischen Seglers war er nachdrücklich darauf hingewiesen worden, wie sehr diese letzte Deutung doch zutraf. Er hatte sich für diese langsame Art des Reisens entschieden, anstatt auf einem der pfeilschnellen Kristallschiffe den Ozean in wenigen Stunden zu überqueren, weil er menschliche Gesellschaft suchte, nicht völlig unvorbereitet in sein Heimatland zurückkehren wollte. Nun aber war seine einzige Erkenntnis, dass diese Gesellschaft ihn mied, dass er nicht einmal dann Teil von ihr sein konnte, wenn er versuchte, seinen Status als Solitas zu verbergen.

***

Der Hafen von Neustadt wimmelte von Menschen und Neumenschen. Menschliche Arbeiter be- und entluden Fracht, unterstützt von Ogern, welche die schwersten Stücke transportierten. Zwerge, deren blau-goldene Uniformen sie als Angehörige der Hafenbehörde auswiesen, liefen mit Klemmbrettern und Kohlestiften bewaffnet auf und ab und organisierten dieses Chaos. Ein Schwarm Meermenschen inspizierte die Schiffe unterhalb der Wasserlinie. Orkbanden patrouillierten und beendeten Streitereien – oft genug dadurch, dass sie angetrunkene Unruhestifter einfach ins Hafenbecken warfen.

In keinem anderen Land der Welt wohnten und arbeiteten die verschiedenen humanoiden Rassen so eng zusammen wie auf Neuland, der höchstentwickelten und dichtestbesiedelten Zivilisation auf Heimat. Allein in Neustadt, der Hauptstadt, lebten unglaubliche vierundzwanzig Millionen Menschen, sowie noch einmal eine knappe Million Neumenschen. Keine andere Stadt kam dieser Zahl auch nur nahe. Romgor, die Metropole der Altländer und das Zentrum des Romgischen Imperiums, brachte es mit Vororten vielleicht auf drei bis vier Millionen. Nur eine Handvoll weiterer Städte hatte vermutlich – außerhalb von Neuland wurden keine regelmäßigen Volkszählungen durchgeführt – die Millionengrenze überschritten: Wordorf, der größte Hafen des Nordens; Markau, die Residenz des Patriarchen, dessen Reich in den Altländern das politische Gegengewicht zu Romgor darstellte; Kandro, die vielleicht älteste menschliche Stadt, deren Bevölkerung allerdings zum großen Teil in simplen Hütten oder sogar Zelten in der sie umgebenden Wüste hauste; und Tai-Mang, die Kaiserstadt der Reisländer.

Alle diese Namen und viele mehr hatte Margas im Unterricht Tauriels gelernt, zusammen mit der Geschichte ihrer Bewohner, die nichts als eine endlose Anneinanderreihung von Kriegen untereinander schien. Erst die Ankunft der Neumenschen hatte die Zwistigkeiten der menschlichen Völker beendet, und sie unter der grausamen Herrschaft der Führer des Reinen Reiches vereinigt – um fortan gegen die Neuankömmlinge gemeinsam Krieg zu führen. Der Fanatismus ihrer Truppen, aber auch der ungezügelte Einsatz von höchst gefährlicher, zerstörerischer Magie hatte sie diesen Krieg, den sie als Reinigenden Krieg oder auch kürzer als „Reinigung“ bezeichneten, beinahe gewinnen lassen, bis die acht Rassen der Neumenschen unter der Führung elbischer Strategen zum Gegenschlag ausholten und das Reine Reich zerschlugen.

Wie merkwürdig, dass es dann aber ausgerechnet die Elben gewesen waren, die obwohl sie anteilmäßig von allen Neumenschenrassen die größten Verluste erlitten hatten, dafür plädierten, die kriegslustige und selbstzerstörerische Rasse der Menschen nicht zu vernichten, sondern stattdessen zu überwachen und zu erziehen. Sie hatten sich durchgesetzt, gegen den erheblichen Widerstand insbesondere der Alben, welche zu Zeiten der Reinigung als Spione tätig gewesen waren, die menschliche Gesellschaft infiltriert hatten und daher mit der menschlichen Natur am nächsten in Berührung gekommen waren.

Auf der ehemaligen Insel Reinland, auf der die Führer des Reinen Reiches ihre magischen Akademien und die Ordensburgen ihrer Reinigenden Truppen angesiedelt hatten, und die im Verlauf des Reinigenden Krieges beinahe vollständig zerstört worden war, gründeten sie die Kolonie Neuland und siedelten den Großteil der überlebenden Menschen dort an. Nach zwergischen Entwürfen und mithilfe elbischer Kristallkunst entstand die gewaltige Metropole Neustadt. Nicht alle Menschen waren bereit gewesen, dorthin zu gehen. Viele zogen es vor, in ihre Heimatländer zurückzukehren und diese ohne fremdrassige Einmischung wieder aufzubauen, ein Prozess, der durch zahlreiche wieder aufflammende Streitigkeiten untereinander viele Rückschläge erlitt.

Knapp tausend Jahre nach dem Ende der Reinigung waren die von ihr geschlagenen Wunden verheilt. Auf Neuland koexistierten die Menschen friedlich mit sieben der acht Neumenschenrassen, den Elben, Zwergen, Gnomen, Halblingen, Ogern, Orks und Meermenschen. Nur die Alben weigerten sich, mit Menschen zusammenzuleben. Seit dieser Zeit waren die Menschen von Neuland an keinem Krieg mehr beteiligt gewesen. Der Rat der Rassen regierte das Land und sorgte dafür, dass seine Bewohner in Sicherheit und Wohlstand lebten.

Während er sich seinen Weg durch das Getümmel am Kai bahnte – was ihm nicht schwer fiel, da die meisten Menschen beim Anblick seiner Solitas-Kampfkleidung in dem Versuch, ihm schnellstmöglich aus dem Weg zu gehen, über ihre eigenen Füße fielen – erinnerte sich Margas an Tauriels Antwort: „Weil du noch nicht dazu bereit bist.“ Was konnte ihn hier Schlimmes erwarten? Er hatte im Traum mit zweiköpfigen Trollen gerungen, war auf Dame vor einem Rudel jagender Riesenechsen geflohen, war auf Mann heimlich durch die Brutstätten der dort lebenden Insektenvölker geschlichen, hatte sich im Ätherjäger Gefechte mit den durch das Nichts treibenden Schrecken von Auge geliefert. Auf Heimat hatte er Dutzende Gefechte von Menschen gegen Menschen miterlebt und musste lernen, dass selbst durch sein Eingreifen das sinnlose Töten oft nicht verhindert werden konnte. Er hatte die Folterkammern des Kaisers in Tai-Mang gesehen und eine geheime Zeremonie in Lijco unterbunden, in der dschungelländische Kultisten ihre Kinder den Drachen als Opfer darbringen wollten.

Tauriel hatte ihn immer wieder in lebensgefährliche Situationen gebracht, hatte ihn mit Krieg, Tod, Schmerz und Wahnsinn konfrontiert. Neuland erschien ihm dagegen wie ein Paradies, ein Ort des Friedens und Überflusses. Welche Gefahr konnte ihm hier drohen?

Vor einem Monat hatte Margas sein zwanzigstes Lebensjahr vollendet, und Tauriel hatte seine Ausbildung für beendet erklärt. Sie wusste, dass sein erster Weg ihn nach Neuland führen würde, zu seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester, die er beide nie kennengelernt hatte. Sein elbischer Vater war auf einer Reise durch den Traum gestorben, als er drei Jahre alt gewesen war. Zuerst hatte er ihn nicht vermisst, weil er ihn nie richtig gekannt hatte, und Tauriel, die ehrwürdige Elbin, die seit Hunderten von Jahren Solitari erzog und ausbildete, war seine einzige Bezugsperson gewesen. Im fortschreitenden Alter jedoch begann Margas, sich für seine Herkunft zu interessieren. Er stellte Tauriel Fragen, die diese nicht beantworten konnte oder wollte, Fragen nach seinen Eltern. Fest nahm er sich vor, diese Fragen eines Tages seiner Mutter zu stellen.

„Bin ich jetzt bereit?“, hatte er Tauriel bei ihrer Verabschiedung in Romgor gefragt. Sie hatte nur traurig gelächelt.

***

Neustadt erstreckte sich über ein Gebiet von mehr als zehntausend Quadratkilometern, ein von schnurgeraden Straßen durchzogenes Areal, das an Größe so manchen Kleinstaat in den Altländern deutlich übertraf. Es nahm nahezu vollständig die östliche Hälfte der Inselfläche von Neuland ein. Im westlichen Teil befanden sich Felder, Weiden und Plantagen, welche die Versorgung der Stadt mit Nahrung sicherstellten, sowie einige kleinere Städte mit wenigen Tausenden Einwohnern, die Bauern Neulands.

Für den Transport der Waren in die Stadt, aber auch die alljährliche Beförderung der Erntehelfer in den Westteil der Insel, sowie schlicht und einfach den Verkehr innerhalb der riesigen Stadt selbst hatten die Zwerge die Dampfbahn erfunden, eine metallene Zugmaschine, die auf Schienen lief und vom Dampfdruck erhitzten Wassers angetrieben wurde. Sie erreichte nicht annähernd die Schubkraft der elbischen Kristallantriebe, ließ sich aber weitaus billiger mit präparierter Kohle befeuern und erreichte ohne Zusatzlast die immer noch sehr beeindruckende Spitzengeschwindigkeit von beinahe dreitausend Kilometern am Tag. Die Schienenwege der Dampfbahn überzogen Neuland wie ein stählernes Spinnennetz, und ihre angehängten Wagen beförderten täglich Millionen Passagiere und unzählige Tonnen von Gütern.

In einem dieser Wagen saß Margas nun und sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Häuserreihen. Die Gleise der Dampfbahn verliefen in Neustadt in Fahrrinnen unterhalb des Straßenniveaus, so dass die Straßen sie auf Brücken kreuzen konnten. Auch der beträchtliche Lärm, den die Bahn machte, wurde auf diese Art gedämpft. Trotzdem konnte er die obere Hälfte der umliegenden Häuser sehen, welche einheitlich sechs Stockwerke hoch aufragten. Zwergische Baukunst beschränkte sich keineswegs nur auf Tunnel und aus dem Fels herausgehauene Wohnstätten, auch wenn diese Rasse für solche Werke berühmt war. Margas wusste, dass die aus Ziegeln erbauten oberirdischen Behausungen der Zwerge stabil, luftig und gut beheizbar waren. In die Fensterrahmen waren zwei Scheiben des in Neuland in Massenproduktion hergestellten Glases eingefügt. Die dazwischen befindliche Luft isolierte die Innenräume der Häuser und hielt sie im Winter warm, im Sommer kühl.

Neustadt besaß ein Wärmeleitsystem, welches die erhebliche Abwärme der Großstadt auffing und nutzte, um die Wohnhäuser zu beheizen, aber auch um die gepflasterten Straßen im Winter eisfrei zu halten. Stählerne Adern, die hauchdünn mit Splittermetall beschichtet waren, durchzogen den Boden. Sie nahmen überschüssige Wärme aus ihrer Umgebung auf und verteilten sie gleichmäßig auf der gesamten Länge des Netzes. Mit Hilfe von Kondukten, ebenfalls mit Splittermetall beschichteten Metallklammern, ließ sich diese Wärme wieder ableiten und nutzbar machen. Auch die Dampfbahn war Teil dieses Systems: Der heiße Rauch, den die Zugmaschine produzierte, wurde nach unten ausgestoßen. In dem Geröll des Gleisbettes, welches die Erschütterungen der darüber fahrenden Bahn auffing, befanden sich Ausläufer des Adernetzes, welche dem Rauch die Wärme entzogen. Der nunmehr erkaltete Rauch haftete sich dem für diesen Zweck präparierten, porösen Stein am Rand der Fahrrinne an und verschmutzte somit nicht die Luft Neustadts. Arbeiter waren täglich im Einsatz, um diesen Rauchstein zu reinigen.

Margas empfand die Faszination dieser riesigen Stadt, die ihm als Gesamtkunstwerk, in welcher das Wissen aller Rassen vereinigt war, erschien. Alles hier erschien ihm so vernünftig geregelt. Selbst die Getreide- und Obstsorten, die im Westen der Insel angebaut wurden, waren von Halblingsgärtnern so ausgewählt worden, dass sie kurz nacheinander, aber nicht gleichzeitig reif wurden, und die Erntehelfer aus Neustadt sie daher in der Erntezeit innerhalb weniger Wochen einbringen konnten. Niemand litt hier Hunger, jeder hatte ein Dach über dem Kopf. Die medizinische Versorgung Neustadts war beispiellos auf Heimat, und nur wenige Menschen starben an Krankheiten. Mord und Totschlag, die in anderen Städten an der Tagesordnung waren, stellten hier seltene Ereignisse dar. Selbst im Hafenviertel kam es aufgrund der patrouillierenden Orkbanden kaum jemals zu einem Gewaltverbrechen.

Hatte Tauriel vermutet, dass ein für den Kampf ausgebildeter Solitas mit dem friedlichen Leben hier nicht zurecht kam?

***

Der Zug fuhr in einen Bahnhof ein, und Margas stieg aus. Dieser Stadtteil wurde Fliederheim genannt, und er konnte sofort erkennen, wieso: Überall an den Straßenrändern waren Fliedersträucher gepflanzt. Sie standen in voller Blüte, und ihr Duft erfüllte die Luft. Auch dies war natürlich das Werk von Halblingsgärtnern – kein anderes Volk liebte Blumen so sehr. Margas überlegte, sich ein Zweirad auszuleihen. Diese gnomische Erfindung stand an jedem Bahnhof für die ankommenden Reisenden bereit. Stattdessen beschloss er, zu Fuß zu gehen, um mehr von der Stadt zu sehen. Es war früher Nachmittag, und die Sonne schien. Die Fliederallee war breit genug, dass vier Kutschen hätten aneinander vorbeifahren können, und an ihren Rändern war ein Bürgersteig gepflastert, auf dem man spazierengehen konnte, ohne sich allzu schlimm mit Straßendreck zu beschmutzen.

In Romgor, erinnerte sich Margas, waren selbst die breitesten Straßen eng, schattig und verschlammt gewesen und stanken nach den Gerüchen, welche der ständig verstopften Kanalisation dieser Stadt entwichen. Fußgänger mussten unentwegt auf der Hut sein, nicht von Ochsenkarren oder sogar adligen Reitern verletzt zu werden. Wer nicht gerade die ehrfurchteinflößende Kampfkleidung eines Solitas trug, befand sich ständig in Gefahr, plötzlich in eine dunkle Gasse abgedrängt und dort niedergestochen und ausgeraubt zu werden.

In Neustadt war das Reiten nur im Trab erlaubt. Auf der Straße fuhren Kutschen, Karren, aber auch viele Menschen auf Zweirädern. Den Bürgersteig hatte Margas für sich, was allerdings daran lag, dass entgegenkommende Menschen, sobald sie ihn sahen, die Straßenseite wechselten.

Er beschloss, sich davon die gute Laune nicht verderben zu lassen. Diese Stadt gefiel ihm, ja, gefiel ihm ganz außerordentlich! Er warf gelegentlich einen Blick durch die Toreinfahrten der Häuserblöcke. Diese umschlossen begrünte Innenhöfe, in denen Menschen in der Sonne saßen und Pfeife rauchten, lasen oder Würfel spielten. Margas erinnerte sich, dass es außerhalb der Erntezeit in Neustadt nicht allzu viel Arbeit zu erledigen gab. Viele Menschen mussten nur drei oder vier Sechsstundenschichten in der Woche leisten, in den Glasfabriken, Ziegeleien, Kohle- und Erzgruben, Stahlgießereien,Wagenmachereien oder Hafenanlagen, welche die Zwerge mit modernstem Werkzeug und perfekter Organisation betrieben, und die deswegen nur wenig menschliche Arbeitskraft erforderten.

Nach einigen hundert Metern erreichte Margas einen Marktplatz, auf dem Handwerker und Händler ihre Stände aufgebaut hatten. Hier gab es Kleidung, Möbel, Haushaltswaren, Spielzeug und natürlich Leckereien. Im Gegensatz zu einem romgischen Markt wurde hier nicht laut herumgebrüllt und hektisch verhandelt. Ware in Neuland war mit festen Preisen ausgezeichnet, und die Handelsbehörde sorgte dafür, dass diese Preise ihrer Qualität auch entsprachen. Gerade kontrollierte eine Zwergin in der dunkelgrünen Uniform der Handelsbehörde die Waren eines Töpfers.

Margas verspürte keine Lust, etwas zu kaufen, obwohl er Geld in der Tasche hatte. Der Neuländer Taler, kurz Neuländer oder im Volksmund „Lännie“, häufig sogar nur „Len“ genannt, war eine Währung, die unterdessen auf ganz Heimat, mit Ausnahme lediglich der allerabgeschiedensten Gegenden, akzeptiert wurde, ebenso wie das Neuländische, eine Mischform einiger menschlicher Sprachen, sich als allgemeine Handels- und Verkehrssprache durchgesetzt hatte. Auch die Elben benutzten diese Münzen, wenn sie Handel mit Angehörigen anderer Rassen trieben, und so hatte Tauriel ihm einen ausreichenden Vorrat davon mitgegeben. Er sah einfach einige Minuten dem bunten Treiben zu, das so viel geordneter und friedlicher erschien, als alle Märkte, die er zuvor gesehen hatte, obwohl dieser vielleicht der größte war, mit Hunderten Ständen und Tausenden Besuchern.

Seine Hoffnung allerdings, dass er wenigstens hier nicht allzu sehr auffallen würde, erfüllte sich nicht. Selbst im Gedränge des Marktes machten die Menschen einen Bogen um ihn. Der Anführer einer Orkbande nickte ihm kurz zu, und auch die zwergische Kontrolleurin grüsste ihn, als sie an ihm vorbeiging, aber sein eigenes Volk vermied jeglichen Kontakt.

Seufzend machte er sich wieder auf den Weg. Die Sonne stand schon tief, und er wollte das Haus seiner Mutter vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Er wusste nicht wirklich, wie er sie begrüßen sollte – „Hallo Mutter, ich bin es, dein Sohn, den du als Säugling in die Obhut der Elben gegeben hast“? Vielleicht war das der wirkliche Grund, warum er immer den langsamen Weg gewählt, in Romgor das Segelschiff bestiegen und am Bahnhof auf die Nutzung eines Zweirads verzichtet hatte. Er ängstigte sich ein wenig vor diesem Moment. Würde sie ihn wiedererkennen? Würde sie ihn fürchten, so wie die übrigen Menschen? Es gab nur einen Weg, es herauszufinden.

Er beschleunigte seine Schritte. Seine Mutter wohnte in einer Seitenstraße der Fliederallee, der Quarzgasse. Die Wohnhäuser waren durchnummeriert und die Namen ihrer Bewohner waren in die Türrahmen eingeprägt. Sie hieß Greta Rosenblatt. Solche wohlklingenden Nachnamen hatte die Wohnbehörde unter Leitung der Zwerge vor Hunderten von Jahren begonnen, an die Menschen zu verteilen, um sie in dieser riesigen Stadt auffindbar und identifizierbar zu machen. Vorher hatten die Menschen für gewöhnlich nur einen Rufnamen geführt, wenn sie nicht adlig waren und einen Herkunftsnamen besaßen, und im Rest der Welt traf das auch heute noch zu.

Einmal blieb er doch noch stehen, um eine Gruppe Kinder beim Fußballspiel zu beobachten. Diese Ballsportplätze hatten die Halblinge eingeführt, um den Menschenkindern spielerische Bewegung im Freien zu verschaffen. Ein Dutzend Jungen im Alter von 8 bis 12 Jahren stritt sich lauthals darüber, ob ein Tor erzielt worden war oder nicht. Gerade als die stärksten Jungen damit begannen einander herumzuschubsen, und Margas damit rechnete, dass jeden Moment die Fäuste zu fliegen begannen, griff eine Halblingin ein, die eine orangene Schärpe trug, in die „Kinderhelfer“ eingenäht war. Mit beruhigender Stimme sprach sie auf die Streithammel ein, und es gelang ihr schließlich, sie zu beruhigen.

Margas erinnerte sich an die Geschichten, welche Tauriel ihm erzählt hatte, wie Missionare der Halblinge die Oger in aufopferungsvoller Weise und unter großen Verlusten davon überzeugt hatten, die Tradition des Kannibalismus aufzugeben. Ihr Talent als Vermittler und Diplomaten war unerreicht. Doch nicht einmal sie hatten es geschafft, die Menschen vom Reinigenden Krieg abzubringen.

***

In Gedanken versunken wäre er beinahe vorbei gelaufen. Hier wohnte sie, Quarzgasse 37. „Rosenblatt“ stand dort eingeprägt, im zweiten Stock links. Margas straffte sich, betrat den Hausflur und stieg die Treppen hinauf. Noch einen kurzen Moment zögerte er, dann bediente er den Türklopfer.

Er hatte ihn noch nicht wieder losgelassen, da hörte er bereits das Geräusch hastiger, stolpernder Schritte aus der Wohnung. Die Tür wurde aufgerissen. Er sah in das Gesicht einer ungefähr vierzigjährigen Frau mit ungekämmten, langen blonden Haaren, Ringen unter den Augen und einer geröteten Nase. Sie trug einen wollenen Hausmantel.

Sie starrten einander an. Es war offensichtlich, dass sie jemand anderes erwartet hatte. Ihre Augen wanderten seine Kampfkleidung hinunter, wieder zurück zu seinem Gesicht. Er konnte billigen Wein in ihrem Atem riechen. Langsam begann sie, vor ihm zurückzuweichen.

„Greta Rosenblatt?“, fragte er, um sicher zu gehen. Sie nickte zögernd.

Margas räusperte sich. „Ich bin es, Margas. Dein Sohn.“

„Mein Sohn“, wiederholte sie tonlos.

„Dein Sohn“, bekräftigte er noch einmal und lächelte ihr zu.

Ihr schossen Tränen in die Augen – und dann begann sie zu lachen, zunächst ein glucksendes Kichern, das sich bald zu lauter Hysterie steigerte. Ihr Körper schüttelte sich in Krämpfen. Sie taumelte zurück, hielt sich an der Wand fest, ließ sich an ihr zu Boden, auf die Knie gleiten. Sie warf ihren Kopf zurück, blickte ihn aus tränenüberströmten Gesicht an, versuchte etwas zu sagen, hustete stattdessen, spuckte, krümmte sich und übergab sich auf den Dielenboden des Flurs.

Peinlich berührt stand Margas daneben. „Mutter… ist dir nicht gut, Mutter?“

Sie richtete sich wieder auf, unternahm einen neuen Anlauf zu sprechen, der wieder in Prusten unterging, wehrte mit einer Handbewegung seinen Versuch ab, sie zu stützen. Immer noch schwankend ging sie zu einer Tür am hinteren Ende des Flures und öffnete sie. Margas erblickte eine Badewanne aus Zink. Seine Mutter drehte an einem Metallrad, das den Zugang zum Wasserversorgungssystem Neustadts regelte. Kaltes Wasser sprudelte aus einer Rohröffnung, und sie hielt ihren Kopf darunter. Eine halbe Minute blieb sie so, reglos. Dann drehte sie das Wasser wieder ab, griff nach einem Handtuch, das an einem Wandhaken hing, und wickelte es sich um die Haare, bevor sie sich ihm wieder zuwandte. Ihr Blick war jetzt klarer.

„Schönfried… Du bist es wirklich?“

„Schönfried? Ich weiß nicht, hast du mich so genannt? Mein elbischer Name ist Margas, ich kenne keinen anderen.“

Sie trat näher zu ihm. Die Wohnung war mit gleichmäßig brennenden Öllampen ausgeleuchtet. In deren sanftem Schein sahen sie sich jetzt in die Augen. Der Atem seiner Mutter roch immer noch nach Alkohol. Margas fühlte sich ein wenig unbehaglich, genoß aber das Gefühl, von einem Menschen angesehen zu werden, der keine Angst vor ihm hatte.

Sie begann zu lächeln. „Du bist es… Du hast die Augen deines Vaters!“

Sie breitete die Arme aus, und er trat vor und umschloss sie mit den seinen. Seine Mutter war beinahe einen ganzen Kopf kleiner als er. Ihr Gesicht ruhte an seiner Schulter, und er spürte, dass sie wieder zu weinen begonnen hatte. Nach einer Minute löste er sich von ihr und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.

„Du musst mich für so eine Heulsuse halten…“, flüsterte sie. Er schüttelte den Kopf, aber sie fuhr fort:

„Es ist nur, verstehst du, so unerwartet, so absurd… An einem Abend verliere ich meine Tochter und bekomme meinen Sohn zurück.“

Margas versteifte sich. „Meine Schwester? Was ist mit ihr?“

Seiner Mutter liefen die Tränen bereits wieder in Sturzbächen die Wangen hinunter. „Die Orks… Sie haben sie vorhin abgeholt.“

„Die Orks?“, wiederholte Margas verständnislos. „Was haben sie mit ihr vor?“

„Was wohl? Sie werden sie schlagen, auspeitschen, mit Messern schneiden und mit Fackeln verbrennen… Wie sie es immer tun. Meine kleine Nina… Sie wird nie mehr zu mir zurückkehren!“

Sie begann wieder laut zu schluchzen. Margas stand wie vom Donner gerührt. Die Orkbanden waren mit der Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens in Neustadt betraut – was seine Mutter da sagte, war undenkbar! Und doch, er zweifelte keine Sekunde daran, dass sie die Wahrheit sprach.

„Mutter…“ Um ihr haltloses Schluchzen zu stoppen, packte er sie fest an den Schultern und schüttelte sie. „Mutter! Weißt du, wohin sie sie gebracht haben?“

Hoffnung keimte in ihren geröteten Augen auf. „Mein Sohn… Du bist ein Solitas, ein Held! Ihr macht das Unmögliche möglich… Kannst du sie mir zurückbringen?“

„Ich werde sie zurückbringen, Mutter, aber dazu musst du mir sagen, wo sie ist!“

„Sie haben sie vor einer Stunde abgeholt… ich denke, sie sind in den Park am Ende der Quarzgasse gegangen. Dort stehen große Holzpfosten…“ Ihre Stimme versagte.

„Ich werde sie zurückbringen“, versprach Margas noch einmal. Eilig drückte er seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn, dann wandte er sich um und stürzte die Treppen hinunter, nahm sieben Stufen auf einmal.

„Meine kleine Nina… mein Sohn, der große Solitas bringt sie mir zurück nach Hause…“

Ihre brechende Stimme blieb hinter ihm zurück.

***

Die Quarzgasse erstreckte sich noch beinahe zwei Kilometer weiter, lang genug, dass sie die meisten altländischen Städte vollständig durchquert hätte. Margas legte die gesamte Strecke im Sprint zurück, in knapp vier Minuten, ohne dass sich sein Atem beschleunigte. Der Körper eines Solitas war für Höchstleistungen trainiert, besaß Fähigkeiten, die normalen Menschen wie Magie vorkommen mussten – und es teilweise auch waren.

Am Ende der Straße befand sich tatsächlich ein innerstädtischer Park. Von Fackeln erleuchtete Kieswege durchschnitten Rasenflächen, führten in ein kleines Waldgebiet. Margas schritt mit eiligen Schritten neben dem Weg voran, ließ das Gras ihr Geräusch schlucken. In dem Wäldchen, das kaum größer war als der Markt, den er heute besucht hatte, schlich er leise zwischen den Bäumen hindurch, außerhalb des Fackelscheins. Die Sonne war vor wenigen Minuten untergegangen, und die Dunkelheit verbarg ihn.

In der Waldmitte öffnete sich eine Rundlichtung. In deren Zentrum ragten fünf doppelt mannshohe Holzpfosten auf, die von einem Feuerkreis umschlossen waren. An dessen innerem Rand standen fünfzehn Orks, deren Bewaffnung mit Knüppel und Krummsäbel verriet, dass sie eine offiziell vom Rat der Rassen mit Patrouillendiensten in Neustadt betraute Bande bildeten.

An den mittleren Holzpfosten war ein menschliches Mädchen von ungefähr 15 Jahren gefesselt. Zu seinen Füßen brannte ein weiteres Feuer. Einer der Orks trat gerade an sie heran, stieß einige Worte auf Orkisch hervor und rammte ihr mit aller Kraft seine ledrige Faust in den Magen. Sie krümmte sich, soweit es die Stricke zuließen, schrie aber nicht.

Ein zweiter Ork trat vor. Er riss ihr mit einem brutalen Ruck das zerfetzte Hemd, das sie trug, vom Leib. Dann nahm er seinen Krummsäbel und fügte ihr eine tiefe Schnittwunde unter ihrer linken Brust zu. Sie bäumte sich auf, sah ihn mit funkelnden Augen an, gab aber keinen Laut von sich.

Eine Orkin näherte sich ihr mit vorgestreckter Fackel. Margas wartete nicht länger ab. Mit einem Sprung brach er zwischen den Bäumen hervor, federte vor dem Feuerkreis in die Knie, schnellte sich schräg nach links ab, flog auf die andere Seite der Flammen und rammte dort gleichzeitig zwei Orks seine Knie und Fäuste unter das Kinn, so dass sie zusammenbrachen. Bevor die übrigen auch nur eine Reaktion zeigten, war er im Handstand zwischen sie gesprungen, drehte seine Beine wie Scherblätter und ließ drei weitere mit kräftigen Tritten bewusstlos zu Boden sinken.

Dann sprang er wieder auf seine Füße, nahm beiläufig eine Fackel auf, die zu Boden gefallen war. Für eine Bande einfacher Orkkrieger benötigte er sein Simul nicht, benötigte er gar keine Waffe, aber er verspürte das Bedürfnis, die ledrigen, behaarten Gesichter der Orks zu verbrennen, so wie sie es mit der zarten Haut seiner Schwester vorgehabt hatten. In diesem Moment vergaß er alles, was ihn Tauriel über die Bedeutungslosigkeit der äußeren Erscheinung gelehrt hatte, sah die Orks als Monster, als häßliche, tierische Bestien. Fast wünschte er sich, dass sie ihn nun angriffen, über ihn herfielen, versuchten, ihn mit ihren gekrümmten Fangzähnen und krallenbewehrten Händen zu zerreißen, damit er einen Vorwand hatte, sie zu verletzen, ihnen Schmerzen zuzufügen, ihr abstoßendes Äußeres mit den Flammen der Fackel zu versengen.

Aber das taten sie nicht. Sie wichen vor ihm zurück, verneigten sich in Anerkennung eines eindeutig überlegenen Gegners, wie es bei ihrer Rasse Brauch war, nahmen ihre bewusstlosen Freunde auf und verließen wortlos die Lichtung.

Margas schleuderte die Fackel beiseite. Die Hass- und Rachegefühle, die er verspürt hatte, klangen ab und machten der inneren Ruhe Platz, die Tauriel ihn gelehrt hatte. Er wandte sich seiner Schwester zu.

„Nina?“

Sie sah ihn mit schmerzerfülltem Blick an. „Wer bist du?“

„Ich gehöre nicht zu ihnen, Nina. Mein Name ist Margas… Schönfried hat deine Mutter mich genannt. Unsere Mutter. Nina, ich bin dein Bruder!“

Während er sprach, löste er ihre Stricke, zerriss sie einfach mit den Händen. Sie stolperte nach vorne, fiel beinahe in das Feuer zu ihren Füßen. Dann wandte sie sich ihm zu.

„Mein Bruder?“

„Ja, Nina…“ Als er antwortete, trat sie zu. Obwohl er ihren Angriff nicht erwartet hatte, wären seine Reflexe schnell genug gewesen, ihn abzublocken, jedoch war seine Überraschung so groß, dass er den Tritt in seinen Magen einfach hinnahm.

„Ich hasse dich!“

Ein weiterer Tritt. Diesmal war er geistesgegenwärtig genug, ihren Fuß abzufangen.

„Nina, beruhige dich! Deine Mutter schickt mich…“

Ihre Fäuste trommelten auf sein Gesicht. Sie war kräftig für ein junges Mädchen, aber er hatte natürlich keine Mühe, ihre Schläge abzuwehren. Fassungslos stand er da und parierte ihre Attacken mit den Handflächen.

„Wie konnte sie! Wie konnte sie ihr Elbenpüppchen schicken, um mein Leben zu ruinieren! Ich hasse sie, ich hasse dich, ich hasse euch alle!“

Plötzlich ließ sie von ihm ab und rannte davon – in die Richtung, in die sich die Orks begeben hatten.

„Nina!“, rief er ihr hinterher. Sie drehte sich noch einmal um, funkelte ihn trotzig an.

„Wage es nicht, mir zu folgen! Ich bringe dich um… ich bringe MICH um! Lieber sterbe ich, als Mensch zu bleiben!“

Margas folgte ihr nicht. Ratlos blieb er im niederbrennenden Flammenkreis zurück.

***

Angelockt vom flackernden Licht des großen Herdfeuers, vom Geklirr der Weingläser und Bierkrüge, sowie von den angeheiterten Gesängen der Gäste, betrat er den Schankraum einer Gaststätte. Der Geruch von gebratenem Fleisch durchzog den Raum, der viel heller und luftiger war als jede romgische Schänke. Ein raffinierter zwergischer Luftabzug verhinderte, dass der Rauch des Küchenfeuers sich in der Stube verfing, und die weit geöffneten Fenster hielten die Luft sauber und gut atembar.

In dem großen Raum saßen an die hundert Gäste, und trotzdem dauerte es nur einige Sekunden, bis beinahe völlige Stille einkehrte, und alle Augen sich ihm zuwandten. „Solitas“, hörte er Flüstern.

Was hatte er erwartet? Sein Bedürfnis nach menschlicher Gesellschaft, nach jemandem, der ihm Antworten auf seine Fragen geben konnte, hatte ihn hierhergeführt, aber natürlich blieb er auch hier ein Außenseiter, dem die Menschen Misstrauen und Furcht entgegenbrachten.

Margas‘ Blick schweifte durch den Raum. Alle Tische waren belegt, auch wenn einzelne Plätze noch frei waren. Würde er sich auf einen dieser Stühle setzen, hätte er zweifelsohne bald den ganzen Tisch für sich alleine.

Fast alle Gäste wandten die Augen ab, wenn er sie anblickte, doch von einem Ecktisch sah ein junger Mann mit ungepflegtem, wild wucherndem Bart ihn herausfordernd an.

Margas betrachtete ihn näher. Er hatte keine Beine. Neben ihm lehnten zwei hölzerne Prothesen an der Wand.

„Was starrst du so, Elbenpüppchen?“

„Elbenpüppchen“, wiederholte Margas nachdenklich. Er lenkte seine Schritte in Richtung des Versehrten.

„Oh oh, der große Solitas naht sich mir!“ Die Stimme des Mannes verriet, dass der Bierkrug vor ihm nicht sein erster, wohl auch nicht sein zweiter oder dritter war. „Ich zittere vor Angst! Was wird er tun – mein Leben retten?“

„Du hast keine Angst vor mir“, stellte Margas fest, als er ihn erreichte.

„Warum sollte ich? Was könnte ein Solitas mir noch antun?“

Er setzte sich dem Mann gegenüber. „Weshalb fragst du das? Du scheinst andeuten zu wollen, dass ein Solitas dir bereits etwas angetan hätte.“

„Scheine ich das, ja?“ Der Mann griff nach seinem Bierkrug und leerte ihn, wischte sich den Schaum aus seinem struppigen Bart. Margas ergriff die Gelegenheit und bedeutete der Bedienung, zwei weitere Krüge zu bringen.

„Weswegen begegnest du mir mit solcher Abneigung?“, fragte er. „Dir ist doch gewiss bekannt, dass wir Solitari das Leben anderer mit unserem eigenen beschützen.“

„Oh, natürlich ist mir das bekannt! Bin ich nicht der lebende Beweis dafür?“ Er spuckte gegen seine Holzbeine.

„Der Verlust deiner Beine – war ein Solitas dafür verantwortlich?“

„Oh nein, gewiss nicht. Oder doch! Wenn sie schneller gewesen wäre – wenn sie sich eiliger vom Dach des Gebäudes herabgestürzt hätte, wenn sie mich den Bruchteil einer Sekunde früher erreicht hätte, bevor die Dampfbahn mich überrollte, ja, dann hätte ich meine Beine nicht verloren.“

„Es tut mir leid, dass es ihr nicht gelungen ist, dich rechtzeitig zu erreichen, um deinen Unfall zu verhindern.“

„Unfall? Welchen Unfall? Meinen Freitod hat sie verhindert, das hat sie!“

Schockiert sah Margas ihn an. „Du hattest dich absichtlich vor die Bahn gelegt? Wieso hast du das getan?“

Sein Gegenüber sah ihm in die Augen, verzerrte den Mund zu einem breiten Grinsen. „Du bist neu hier, stimmt’s?“

„Stimmt“, bestätigte er. „Und ich verstehe so Vieles nicht. Vielleicht kannst du mir helfen?“

Der Beinlose lachte. „Der Solitas benötigt meine Hilfe! Der große Kämpfer bedarf der Hilfe eines Krüppels!“

Margas sah sich um. Die benachbarten Tische hatten sich geleert. Niemand schenkte ihnen Aufmerksamkeit.

Die Bedienung brachte zwei Krüge mit Zwergenbier, stellte sie ohne Blickkontakt mit ihnen rasch ab, wandte sich hastig um und eilte zurück zum Tresen.

„Ja, ich benötige deine Hilfe. Vielleicht kannst du mir meine Fragen beantworten.“

Er prostete dem Mann zu, der die Geste mit spöttischem Blick erwiderte. „Mein Name ist Margas – mein elbischer Name. Meine Mutter hat mich Schönfried genannt. Vielleicht kennst du sie? Sie heißt Greta Rosenblatt.“

„Nie gehört.“

„Sie wohnt nur wenige Blöcke entfernt.“

„Sie und zehntausend andere Frauen. Soll ich die alle kennen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Im Kopf überschlug Margas, ob diese Zahl stimmen konnte. Sechsstöckige Häuser, zwei Wohnungen pro Stockwerk. Zwanzig Häuser bildeten einen Block. Wenn im Schnitt in jeder Wohnung eine menschliche Frau lebte, bedeutete das zehntausend Frauen im Umkreis von nur sechs bis sieben Blöcken. Neustadt war mehr als eine Stadt, war Tausende von Städten.

„Schönfried also.“ Der Krug seines Tischnachbarn war bereits wieder zur Hälfte leer. „Ich bin Hartmann.“

Jetzt nahm auch Margas einen Schluck Bier. Das Zwergenbräu war stark, aromatisch und erfrischend.

„Hartmann, du hast mich vorhin Elbenpüppchen genannt. Diese Bezeichnung höre ich heute bereits zum zweiten Mal – woher stammt sie? Als Solitas bin ich doch gewiss nicht püppchenhaft?“

„Bist du das nicht? Wie stellst du dir denn eine Puppe vor?“

Margas musste lächeln. Die ständigen Gegenfragen seines Gesprächspartners erinnerten ihn an seine Erzieherin.

„Eine Puppe, das ist ein zartes, zerbrechliches Spielzeug. Und ich bin gewiss nicht zart und zerbrechlich…“ Die Erkenntnis traf ihn. „…aber ein Spielzeug?“

Hartmann grinste ihn über den Rand seines sich rasch leerenden Bierkruges hinweg an.

„Menschenkinder spielen mit Puppen“, fuhr Margas fort. „Sie spielen mit ihnen Situationen durch, die sie selbst nicht erleben können – Hochzeiten, große Gesellschaften, Reisen, Abenteuer. Sie kleiden sie nach ihren Vorstellungen, erziehen sie spielerisch und lassen sie nach ihren Wünschen handeln.“

„Ihr Solitari seid so klug“, bemerkte Hartmann.

„Aber ich bin keine Puppe! Ich besitze meinen eigenen Willen!“

„Der zufällig dem der Elben entspricht?“

„Das ist kein Zufall, Hartmann. Ich bin…“ Er unterbrach sich, starrte die Flüssigkeit in seinem Krug an und entschloss sich dann, sie in einem Zug auszutrinken. Dann beendete er den Satz:

„…ich bin so erzogen worden.“ Er bestellte zwei weitere Biere.

„Ich geh‘ pissen“, verkündete Hartmann, schraubte sich mit geübten Bewegungen die Holzprothesen an seine Beinstümpfe und humpelte Richtung Klosett.

***

Solitari betranken sich nicht. Der Geschmack alkoholischer Getränke war ihnen selten fremd, aber sie nutzten diese nicht, um sich zu berauschen. Es wäre äußerst unklug gewesen, ihre Wahrnehmung und Koordination auf diese Art zu vermindern.

Zu den mentalen Techniken, die ihnen in ihrer Ausbildung vermittelt wurden, gehörte auch die Fähigkeit, die Wirkungen von in ihren Körper gelangten Gift- und Rauschstoffen bis zu einem gewissen Grad zu neutralisieren. Margas konnte daher mit Hartmanns exzessivem Bierkonsum trotz mangelnder Übung mithalten, ohne betrunken zu werden. Er verspürte zwar den Drang, die Kontrolle des eigenen Stoffwechsels auszusetzen und sich der betäubenden Wirkung des Alkohols hinzugeben, doch er widerstand dieser Versuchung.

Er nahm einen weiteren Schluck Bier, während er seine nächste Aussage überlegte. Die Unterhaltung mit dem betrunkenen, verkrüppelten Hartmann verlangte ihm nicht weniger ab, als die Gespräche mit seiner Erzieherin.

„Dann habe ich also die Weltsicht und Lebenseinstellung der Elben anerzogen bekommen. Was ist falsch daran? Nutze deine Lebenszeit, so gut du es vermagst, hilf anderen und beschütze sie mit deinem Leben – ist das so verkehrt?“

„Es ist nicht menschlich“, versetzte Hartmann.

Margas konnte nicht widersprechen. Über fünftausend Jahre menschlicher Geschichte stellten einen unwiderlegbaren Beweis dar.

„Ist das also der Grund, warum mich die Menschen fürchten? Weil ich nicht so denke und handle wie sie, sondern wie ein Elb? Weil ich in ihren Augen kein Mensch bin?“

„Nein“, antwortete Hartmann. „Weil du kein Mensch bist, hassen sie dich. Sie fürchten dich, WEIL du ein Mensch bist.“

„Du bist schlimmer als Tauriel“, murmelte Margas. Sein Gegenüber antwortete nicht, sondern trank seinen Bierkrug leer. Ohne nachzudenken, tat Margas es ihm gleich und signalisierte zum Tresen hin den Wunsch nach Nachschub.

Als er sich wieder zu Hartmann umdrehte, warnte ihn sein Rundumsinn. Der Krüppel hatte einen Dolch aus seinem Gürtel gezogen und warf ihn in Richtung seines Gesichts. Mühelos fing Margas die Waffe am Griff auf.

„Wieso hast du das getan?“

Hartmann zuckte mit den Achseln. „Wieso nicht? Was soll schon passieren – würde ich etwa den großen Solitas in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit erwischen und töten?“

„Gewiss nicht.“

„Oh, vielleicht sollte ich mir Hilfe holen, vierundzwanzig meiner Freunde aus den Docks? Wir könnten dir im Dunkeln auflauern, mit Knüppeln, Äxten und Messern. Na, macht dir das Angst?“

Bevor Margas etwas erwidern konnte, beantwortete Hartmann seine Frage selbst. „Nein, natürlich nicht. Jeder normale Mensch hätte Angst davor, aber nicht unser Elbenpüppchen. Selbst unbewaffnet braucht er die Attacke einiger Dutzend Schläger nicht zu fürchten. Jeder Tritt bricht ein Genick, jeder Schlag lässt einen Kehlkopf platzen, und seine Kampfmagie schleudert Menschen gegen Häuserwände wie ein Orkan und zerschmettert ihre Glieder.“

„Das würde ich niemals tun“, begehrte Margas auf.

„Nein? Warum nicht? Wir versuchen dich zu töten – ist das nicht Grund genug, uns zu töten?“

„Es ist kein Grund. Ein Solitas tötet nur in Notwehr.“

„Ach richtig – menschliche Gefühle wie Haß, Rache oder Wut sind euch ja fremd.“

Schuldbewusst dachte Margas an den Zorn, der heute während des Kampfes mit den Orks in ihm aufgestiegen war. „Wir wissen diese Gefühle zu beherrschen.“

„Wisst ihr das! Wenn mir ein Räuber nach dem Leben trachtet, und ich habe die Gelegenheit, ihm seines zu nehmen, dann tue ich das. Du wärst in der Lage, jeden einzelnen Menschen in dieser Schänke innerhalb weniger Sekunden vom Leben zum Tod zu befördern.“

„Aber ich täte es niemals!“

„Aber ich täte es niemals“, äffte Hartmann ihn nach. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Niemals ist ein großes Wort. Aber schau dich um! Sieh dir die Menschen hier an! Wie sie ihre Wut und Hilflosigkeit im Alkohol ertränken. Wie sie ihren Haß unterdrücken. Sie sind keine übermächtigen Kämpfer. Sie könnten niemals, WIRKLICH niemals, Dutzende töten und ungestraft entkommen. Aber wenn sie es könnten…“

„…würden sie es tun“, flüsterte Margas.

„Weil sie Menschen sind“, nickte Hartmann. „Wie du auch einer bist. Und deswegen haben sie Angst vor dir. Jetzt gib mir meinen Dolch wieder.“

***

Nach seinem vierten Bier hatte auch Margas das Klosett aufgesucht. Dabei hatte er mit Erleichterung festgestellt, dass die Sauberkeit, die alle öffentlichen Gebäude Neustadts aufwiesen, selbst hier festzustellen war.

Als er zurückkehrte, standen bereits wieder zwei frische Biere an ihrem kleinen Tisch. Er setzte sich, griff nach dem Krug, besann sich dann aber eines Besseren. Er spürte, dass er im Begriff war, die Kontrolle zu verlieren. Stattdessen lehnte er sich zurück und sah Hartmann an.

„Du hast mir noch nicht verraten, weswegen du dich umbringen wolltest.“

Der Gefragte hob gleichgültig die Schultern. „Ein Grund ist so gut wie der andere.“

„Hartmann, wenn meine Erzieherin mir so ausweichend auf meine Fragen geantwortet hat, und ich meine Ungeduld nicht mehr bezähmen konnte, haben wir Kampfübungen gemacht, bis mein Kopf wieder klar war. Wenn du daran kein Interesse hast, dann antworte mir doch einfach, ja?“

Hartmann brach in lautes Lachen aus. „Der große Solitas wird ungeduldig, er zeigt menschliche Schwäche! Bald wird er sein Simul nehmen und alle hier in Stücke schneiden!“

Aus den Augenwinkeln nahm Margas wahr, dass einige Gäste tatsächlich aufgestanden waren und nervös zur Tür sahen. „Das ist nicht lustig, Hartmann.“

„Das ist sehr wohl lustig, Schönfried, denn ICH kann darüber lachen. Und um mich geht es in dieser Angelegenheit ja wohl.“

Margas blickte zu dem Bierkrug, der unberührt vor ihm stand. Vier Krug des zwergischen Gebräus, und sein Verlangen danach schien immer stärker zu werden. „Was war also dein Grund?“

„Meine Verorkung war fehlgeschlagen.“ Hartmanns Krug war schon wieder leer, und er griff ohne zu fragen nach dem von Margas und trank daraus. Als er ihn absetzte, begegnete er dem verständnislosen Blick des Solitas und begann erneut zu lachen.

„Wirklich, wenn ich nicht wüsste, dass ihr Solitari so klug seid, müsste ich jetzt denken, ich sitze einem Volltrottel gegenüber!“

Margas spürte Verärgerung in sich aufsteigen. „Hartmann, ich weiß nicht, was Verorkung bedeutet.“

„Das Wort ist eindeutig genug, sollte man meinen. Orkwerdung, verstehst du das besser?“

Margas‘ fassungsloser Blick brachte den Krüppel ein weiteres Mal zum Lachen.

„Wieso wolltest du ein Ork werden?“

„Sie sind die einzige Rasse, die einen Menschen als einen der ihren akzeptieren. Wenn dieser die Orkprüfung besteht, heißt das natürlich.“

„Die Orkprüfung?“ Noch bevor Hartmann sein Hemd hochgeschoben und ihm die darunter befindlichen Narben gezeigt hatte, begriff er.

„Ork zu sein, bedeutet tapfer zu sein, Schmerzen und Mühen zu ertragen. Nur wenige Menschen können das. Um herauszufinden, ob ein Mensch zur Verorkung geeignet ist…“

„…binden sie ihn an einen Holzpfosten, zünden ein Feuer zu seinen Füßen an und quälen ihn mit Schlägen, Schnitten und Verbrennungen“, beendete Margas den Satz für ihn. Hartmann sah ihn erstaunt an. Er nahm diesem seinen Bierkrug wieder fort und schüttete sich den Inhalt in die Kehle. Die Worte seiner Schwester hallten in seinem Kopf nach: „Lieber sterbe ich, als Mensch zu bleiben!“

Er stand auf, ging zur Bedienung und nahm ihr zwei Krüge ab, die für einen anderen Tisch bestimmt waren. Einen davon leerte er sogleich, gab ihn ihr wieder und forderte sie auf, gleich zwei weitere an ihren Tisch zu bringen. Sie protestierte nicht.

„Wieso ist deine Verorkung fehlgeschlagen?“, fragte er, als er das andere Bier vor Hartmann abstellte.

„Ich konnte die Schmerzen nicht ertragen. Nach vier Minuten bat ich darum, die Prüfung abzubrechen.“

„Und dann legtest du dich auf die Gleise.“

„Ich wollte mit dieser Schande nicht weiterleben. Aber dann kam ein Elbenpüppchen herbeigeeilt, das der Ansicht war, es sei ihre Entscheidung, nicht meine, ob ich weiterleben sollte.“

Ein furchtbarer Gedanke kam Margas. „Du wärst lieber gestorben, als Mensch zu bleiben? Was wäre, wenn es nicht deine Schuld gewesen wäre, wenn die Prüfung unterbrochen wurde, wie zum Beispiel… zum Beispiel…“

In Hartmanns Augen leuchtete Begreifen auf. „Wie zum Beispiel von einem übereifrigen Elbenpüppchen? Schönfried – hast du eine Verorkung verhindert?“

Er musste nichts erwidern, die Antwort war in seinen Augen zu lesen.

Hartmann lachte wieder. „Oh du ahnungsloser Solitas! Kaum bist du hier, mischst du dich in Dinge ein, die du nicht verstehst. Nein, mach dir keine Sorgen: Orks bestrafen niemanden für die Dummheit seiner Mitmenschen. Wenn nicht sein eigenes Versagen die Ursache für den Abbruch war, wird er eine zweite Chance bekommen.“

„Sie“, verbesserte Margas leise.

„Sie wird dich dafür hassen, Schönfried.“

„Das tut sie“, murmelte er und trank das von der Bedienung frisch vor ihn hingestellte Bier aus.

***

Der Sternenhimmel über Neustadt verriet Margas, dass es ungefähr zwei Uhr früh sein musste. Während Hartmann noch einmal das Klosett aufsuchte, stand er vor der Gaststättentür in der von Straßenlaternen beleuchteten Quarzgasse, die selbst mitten in der Nacht nicht völlig verlassen war, ein weiteres Zeugnis der unglaublich dichten Besiedlung dieser Stadt.

Sein Blick wanderte den Schneefall entlang, diese langgestreckte Ansammlung von Zehntausenden Sternen. Tauriel hatte ihn gelehrt, dass jeder dieser Sterne eine Sonne wie diejenige von Heimat war, deren Licht sie über unvorstellbare Entfernungen durch das Nichts erreichte, und dass viele dieser Sonnen ebenfalls ein Sonnenfeld und Welten, die darin kreisten, besaßen. Prinzipiell war es möglich, durch den Traum in jene anderen Welten zu gelangen, aber die Gefahren und Unwägbarkeiten solch weiter Traumreisen waren so groß, dass dies nur den Verzweifelten oder unglücklich Verirrten gelang, und kaum einer von ihnen kehrte jemals zurück, um zu berichten, was er gesehen hatte.

Mond zeigte seine grüne Sichel in der Himmelsmitte. Der Funke Hoffnung war als Glitzern davor zu erkennen. Margas dachte daran, welch einen atemberaubenden Anblick die Elbenfestung bot, wenn man sich ihr im Ätherjäger näherte – das plötzliche Aufleuchten eines bewohnbaren Ortes im Nichts.

Hartmann trat auf die Straße hinaus. Sie beide waren die letzten Gäste gewesen. Margas hatte sich gefragt, wann die Schänke denn schlösse, bis ihm aufging, dass der Wirt sich nicht traute, einen Solitas zum Gehen aufzufordern, und er aufbrach. Die Rechnung von beinahe 50 Neuländer Talern für Hartmann und ihn übernahm er und rundete den Betrag großzügig auf. Trotzdem hatte die Bedienung ihn nicht direkt angesehen, als sie sich bedankte.

Ohne ein Wort zu sagen, begann Hartmann die Quarzgasse entlang zu humpeln. Margas begleitete ihn.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum du ein Ork werden wolltest. Und warum du sterben wolltest.“

Hartmann blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Siehst du die Alternative?“

„Hartmann, der Verlust deiner Beine…“

„Papperlapapp, meine Beine! Was haben die damit zu tun? Mit oder ohne Beine, was macht es schon für einen Unterschied! Für mich ist gesorgt. Ich trage von Gnomen gefertigte Prothesen, wohne in einem von Zwergen errichteten Haus, erhalte von Halblingen gezahlte Versehrtenrente. Ein halber Mensch oder ein ganzer Mensch, nutzlos bleibt nutzlos.“

Margas setzte zu einer Frage an, doch Hartmann hatte begonnen, sich in Rage zu reden, und so beschränkte er sich aufs Zuhören.

„Mein erster Gedanke, nachdem die Gnomenheiler mich wieder zusammengeflickt und mir meine neuen Beine aus Holz gezeigt hatten, war gewesen: Ich versuche es noch einmal. Ich meine, wie groß ist die Chance, dass wieder zufällig eine Solitas in der Nähe ist? Jeden Tag nehmen sich in Neustadt knapp hundert Menschen das Leben, da würde es mir gewiss auch gelingen. Was glotzt du so blöd wie ein toter Oger, wusstest du das nicht?“

Margas‘ entsetzter Blick musste Bände gesprochen haben. „Aber… sterben denn nicht 143 von 144 Menschen in Neustadt eines natürlichen Todes?“

„Oh ja, die offiziellen Zahlen der Sterbebehörde! Zweifle niemals daran, dass sie die Wahrheit sagen – eher würde ein Zwerg seinen Bart fressen, als die heiligen ZAHLEN zu fälschen! Sicher ist es wahr, in Neustadt sterben wir natürliche Tode. Ist denn Selbstmord kein natürlicher Tod, ohne Einwirkung äußerer Umstände, die freie Entscheidung eines denkenden Wesens, sein Leben zu beenden? So sieht es die Sterbebehörde, so sieht es der Rat der Rassen, und so ist es auch vernünftig – nur die Elben und ihre verfluchten Püppchen sind selbstverständlich der Ansicht, sie wüssten es besser!“

Ungeschickt trat Hartmann mit seinem Holzbein nach Margas, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Er rappelte sich wieder auf, Margas‘ ausgestreckte Hand ignorierend, und fuhr fort:

„Einen natürlichen, selbstgewählten Tod wollte ich sterben, mein bedeutungsloses Leben beenden. Wenn ich schon meinem Leben keinen Sinn verleihen konnte, dann wollte ich zumindest diese eine wichtige Entscheidung alleine treffen! Aber dann, nachdem ich ein paar Tage beinlos gelebt hatte und feststellte, dass ich damit nicht schlechter zurechtkam als vorher, bemerkte ich, dass selbst mein Tod keinen Unterschied machte. Wen kümmerte es, ob ich lebte oder starb? Die Solitas, die mich gerettet hatte, war längst damit beschäftigt, in den Wüstenländern Riesenwürmer zu jagen oder irgendetwas anderes Heldenhaftes zu tun. Nein, mein Leben war niemandem wichtig – nicht einmal mir selbst! Der Verlust meiner Beine war mir letztlich völlig egal, warum sollte es mir mit dem Rest meines Körpers anders gehen? Ich gab den Gedanken zu sterben auf – nicht, weil er mich plötzlich schreckte, sondern weil mein Tod einfach nicht die Mühe wert war.“

Hartmann hatte wieder damit begonnen, die Straße entlang zu humpeln, unterbrach aber seinen Redefluss nicht.

„Mensch zu sein, das bedeutet in Neustadt, dass es einfacher ist zu leben, als zu sterben. Nur, WARUM man leben soll, darauf gibt es keine Antwort! Wozu sind wir Menschen gut? Die Zwerge bauen unsere Straßen. Die Halblinge pflanzen unsere Nahrung. Die Gnome heilen unsere Krankheiten. Die Orks beschützen uns davor, dass wir uns gegenseitig die Schädel einschlagen. Die Oger schleppen die Lasten, die uns zu schwer sind. Was tun wir? Wir verrichten – unter Anleitung, natürlich! – einfache Arbeiten, die nur deswegen anfallen, weil es uns gibt. Während die Meermenschen Städte auf dem Grund des Ozeans bauen, die Gnome Wälder auf Mond pflanzen, die Elben eine Festung im Nichts errichten, und selbst die Halblinge in Ätherjägern Schrecken bekämpfen – wenn sie uns nicht gerade beibringen, miteinander zu leben, ohne einander zu massakrieren – ernten wir Äpfel, schrauben Kutschräder zusammen, reinigen die Straßen von Pferdemist oder putzen Rauchsteine!“

„Aber irgendjemand muss diese Arbeiten doch verrichten“, warf Margas leise ein.

„Du hast es erfasst, Schönfried: Irgendjemand! Unsere Kinder könnten es… wenn sie nicht zu beschäftigt damit sind, eines der Spiele zu spielen, die sich die Halblinge für sie ausgedacht haben. Die Menschheit auf Neuland ist ausschließlich mit Tätigkeiten beschäftigt, die IRGENDJEMAND verrichten könnte. Alles andere wird uns selbstverständlich abgenommen, weil wir dafür nicht gut genug sind. Die Oger sind stärker, die Orks tapferer, die Halblinge geschickter, die Zwerge klüger, die Gnome einfallsreicher, die Meermenschen können an Land und im Wasser leben, und die Elben sind natürlich in jeder Hinsicht absolut verdammt perfekt! Wir Menschen sind eine minderwertige, durch die Züchtung der Neumenschen überflüssig gewordene Rasse, deren einzige Stärke ihre magischen Fähigkeiten sind, und wohin es führt, wenn wir DIE benutzen, hat man im Reinigenden Krieg gesehen, als wir beinahe unsere gesamte verfluchte Welt in Stücke gerissen hätten – woran uns aber natürlich die Neumenschen, allen voran die großartigen Elben, gehindert haben!“

Obwohl eine kurze Pause in Hartmanns Monolog ihm die Gelegenheit gab, etwas zu erwidern, blieb Margas still – er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Und ist es nicht gut, dass die anderen Rassen auf uns aufpassen? Wenn es uns schon nicht gelungen ist, sie zu vernichten, dann schlachten wir uns eben gegenseitig ab! In den Reisländern befinden sich Tai-Mang und Pinoi wieder einmal im Krieg, die Heerführer der Dschungelländer putschen gegen die Drachenkönige von Lijco, Wordorf wurde letzten Monat erst von einer Piratenflotte belagert, und zwischen dem Kaiser von Romgor und dem Patriarchen von Markau herrscht auch nur deshalb zufällig gerade Frieden, weil beide Seiten damit beschäftigt sind, Truppen für die nächste Auseinandersetzung auszuheben! Nein, da können wir doch froh sein, dass wir hier so geordnet und friedlich zusammenleben wie 24 Millionen Schafe auf einer riesigen Weide! Kennst du die Halblinge, die unsere spielenden Kinder überwachen und deren Streitigkeiten schlichten? Sie nennen sich Kinderhelfer. Alle Angehörigen der neuen Rassen auf Neuland müssten eigentlich eine Schärpe tragen, auf der MENSCHENHELFER steht! Wir sind alleine nicht überlebensfähig, führen Kriege gegen andere und miteinander und zerstören dabei unsere eigene Welt. Warum haben uns die Elben nicht einfach sterben lassen, nachdem sie den Krieg gegen uns gewannen, uns vernichtet, so wie die Alben es verlangten? Aber das konnten sie natürlich nicht. Egal, wie sinnlos das Fortbestehen unserer Rasse war, egal, wie nutzlos unsere Leben sind, sie mussten uns beschützen. Vielleicht ist das ihre Strafe für unseren Krieg gegen sie, dass sie uns in alle Ewigkeit unsere Lebensuntüchtigkeit und Minderwertigkeit vor Augen führen!“

Wieder sah Hartmann ihn herausfordernd an, und wieder wusste er nichts zu entgegnen.

„Und du wunderst dich, warum ich die Orkprüfung versucht habe? Hast du dich nie gefragt, warum menschliche Frauen sich nichts sehnlicher wünschen, als einem Neumenschen ein Kind zu schenken, warum menschliche Männer davon träumen, mit einer neumenschlichen Frau Nachwuchs zu zeugen? Selten genug kommt es vor, dass die neuen Rassen sich dazu herablassen, sich mit uns zu paaren – die Orks ein wenig häufiger, aber die treiben es ja auch mit Pferden und Ziegen – wusstest Du, dass sie für Sex mit Tieren und Menschen das selbe Wort haben? Immerhin besteht ja eine Halbe-Halbe-Chance, dass das Kind eines Menschen und eines Neumenschen ein Neumensch ist. Oh, wie stolz kann eine Mutter sein, wenn sie sagen kann, dass ihr Kind bei der Rasse ihres Vaters aufwächst! Wie stolz der Vater – vorausgesetzt, die Mutter macht sich überhaupt die Mühe, ihn von der Geburt in Kenntnis zu setzen. Natürlich, wenn das Kind ein Mensch ist, wird es in die Obhut der Menschen gegeben!“

Margas setzte sich auf die Bordsteinkante. Ihm war übel; er musste gegen den Drang ankämpfen, das Zwergenbier von sich zu geben.

„Ihr Solitari, ihr seid natürlich eine Ausnahme! Eure Erziehung wird immer von den Elben übernommen, die euch zu perfekten Kämpfern ausbilden. So beweisen die Elben, dass sie in der Lage sind, auch aus dem minderwertigsten Material Kunstwerke zu erschaffen! Dann schicken sie euch wieder zurück in die Welt der Menschen, um uns zu zeigen, was wir alles gerade NICHT sind: Schön, stark, klug, geschickt, heldenhaft, ja sogar in der Lage, Magie zu wirken, ohne uns dabei irgendwann selbst in die Luft zu sprengen wie die Flammenbrüder, oder langsam wahnsinnig zu werden wie die Kristallseher! Jeden Moment ihres Lebens nutzend, während wir unsere Lebenszeit sinnlos vergeuden; anderer Menschen Leben rettend, während wir daran gehindert werden müssen, uns gegenseitig das Leben zu nehmen. So dürfen wir also betrachten, was aus uns hätte werden können, wenn wir zufällig das Glück gehabt hätten, ein elbisches Elternteil zu besitzen… Und du fragst, warum wir euch hassen?“

Margas erbrach sich, schleuderte seinen Mageninhalt auf den Bürgersteig der Quarzgasse. Das Bier verließ seinen Körper, aber Hartmanns Worte blieben in seinem Geist, verursachten eine Übelkeit, die stärker war als jeder physische Ekel.

„Ja, kotz es nur heraus!“, feuerte Hartmann ihn an. „Sei ein einziges Mal einer von uns! Mensch sein, das ist zum Kotzen, begreifst du es endlich. Ekelst du dich jetzt vor uns, so wie wir uns vor uns selbst ekeln?“

Margas antwortete nicht, saß einfach nur da und starrte auf sein eigenes Erbrochenes.

„Willkommen in Neustadt!“, wünschte ihm Hartmann, stapfte mit seinen Prothesen mitten durch die schmierige Pfütze und ließ ihn zurück.

***

Der nächste Tag war angebrochen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne ließen die Blüten der Fliedersträucher aufleuchten, und ihre Wärme verstärkte den süßen Duft. Auf der Fliederallee hatte der morgendliche Verkehr begonnen.

Aus einer Toreinfahrt heraus beobachtete Margas die vorbeiziehenden Menschen, zählte sie. Bereits nach knapp zehn Minuten hatte er die Hundert erreicht. Mehr als zehntausend würden heute diese Stelle passieren, auf dem Weg zur Arbeit, um Geld zu verdienen, zum Markt, um Besorgungen zu erledigen, in die Gaststätten, um sich zu betrinken.

Zehntausend Menschen, deren Leben gleichartig und eintönig verliefen, die geboren wurden und starben, ohne dass die Welt Notiz davon nahm. Ein Volk ohne Stolz, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Sein Volk.

Stundenlang stand Margas bewegungslos. Zur Mittagszeit hin begannen sich Schaulustige an beiden Seiten der Straße zu versammeln. Sie mieden seine Nähe, aber sein Gehör war scharf genug, ihre Unterhaltungen zu belauschen: Eine Orkprozession sollte heute stattfinden.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erspähte er seine Mutter. Sie hatte ihn nicht entdeckt. Er war letzte Nacht nicht wieder zu ihr zurückgekehrt; er fürchtete das Gespräch mit ihr. Nicht nur, weil er darin versagt hatte, seine Schwester Nina zurückzubringen. Er hatte zu viele Fragen an sie.

Warum hatte sie einem Elben beigewohnt? War es Liebe gewesen, oder die Hoffnung, Mutter eines elbischen Kindes, wenigstens jedoch eines Solitas zu werden? Hatte Ihr die Gewissheit, dass sie ihr Kind in keinem Fall hätte aufziehen dürfen, nichts ausgemacht? Was hatte sie ihrer Schwester von ihm erzählt – hatte sie ihr von dem großen Bruder vorgeschwärmt, ihr das Gefühl gegeben, ein zweitklassiges Kind zu sein? Weswegen war sie nicht stolz gewesen, als ihre Tochter entschied, sich der Orkprüfung zu unterziehen? Sie hatte ihren Sohn fortgegeben, wieso konnte sie Nina nicht gehen lassen? War er für sie überhaupt ein Sohn, oder nur der große Solitas, ein Fremder, auf den sie stolz sein, den sie aber nicht lieben konnte?

War sie glücklich in ihrem Leben in Neustadt, oder war sie innerlich ein Krüppel wie Hartmann, mit Wunden, die in ihrer Seele geschlagen waren, und deren Schmerz sich nur mit Alkohol betäuben ließ?

Die Orks kamen in Sicht. Margas erkannte die Bande aus dem Park wieder. Er drängte sich vor, nahm kaum wahr, wie sich die Menge vor ihm teilte und einen freien Platz hinterließ, in dem seine Mutter ihn sehen musste.

An der Spitze der Prozession lief Nina. Ihr nackter Oberkörper wies zahlreiche frische Wunden auf – Prellungen, Schnitte, Verbrennungen. Hocherhobenen Hauptes schritt sie der Orkbande, die jetzt ihre Bande war, voran, zwischen den Karren und Kutschen, die angehalten hatten, und deren Insassen ebenso wie die Zuschauer am Straßenrand applaudierten, hindurch. Sie würdigte niemanden eines Blickes. Nicht Margas, der als einziger keinen Beifall klatschte, nicht ihre Mutter, zu der sie niemals zurückkehren würde, keinen Menschen.

Keinen MENSCHEN.

Margas wandte sich um und ging Richtung Bahnhof. Er würde Neustadt heute noch verlassen, ohne noch einmal mit seiner Mutter zu sprechen, ohne ihr die Fragen zu stellen, die er hätte stellen müssen. Er war nicht bereit für ihre Antworten.

Vielleicht würde er es niemals sein.

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Veröffentlicht on Dezember 28, 2006 at 7:49 am  Comments (13)  
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13 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Puh, ne, schlag mich aber nach einigen Absätzen wurde es mir ZU fantasylastig.

    Ich komme aus der Sf Ecke und wenn ich gleich zu Anfang so viele unvertraute Ortsnamen, Bezichnungen ect. an den Kopf bekomme klinkt sich mein Gehirn aus dem Lesevorgang aus :D

    Ich werde mir die Story mal ausdrucken, vielleicht komme ich dann besser damit zurecht, aber vielleicht liegt es auch daran das ich Elfen nicht mag … Dämonen, Vampire, Werwölfe… OK, aber Elfen …

    Irgendwie hatte ich was (gleich zu Anfang) mit Orks erwartet :D

    Böh kein Ork zu sehen :(

    ^.^

    jaddi

  2. Laß‘ Dir Zeit – lesen und kommentieren musst Du ja, da holt Dich der Deal, den Du eingegangen bist, ein!

  3. Wah hoffentlich ist der Rest nicht so verzwöft äh verelft :D
    Ich kann Elfen nicht ab *Kettenschwert zieh – Beim heiligen Thron weichet von mir ihr spitzohren Chaosbringer*
    *sirr*
    Und da flogen sie die Köpfe ^.^

    Sorry Elfen sind Trainigsmaterial *pfeiff* …

  4. Wie gut, dass Du den Pakt mit dem Teufel eingegangen bist und die Geschichte lesen MUSST 8-)

    In dieser Welt gibt es nicht nur Elfen (die in „Verorkung“ übrigens gar nicht vorkommen), sondern auch noch Elben und Alben…

    Andererseits geht es in den Geschichten letztlich nur um die Menschen (auch nicht um die Orks, sorry!)

  5. So gelesen und für verdammt gut befunden …

    Nachdem ich durch den für mich verwirrenden Anfang durch war (Elben oder Elfen, für mich das gleiche :D Was Alben sind kannst Du mir bei Gelegenheit mal erklären) dachte ich schohn die Geschichte geht nie richtig los, aber im Nachhinein betrachtet, passt die lange Einleitung.

    Eine Fantasygeschichte mit gesellschaftskritischen Ideen.

    Schon als die Kinder Fussball gespielt haben dachte ich mir: Anscheinend haben die MEnschen sowas wie „Kindergärtner“ die sie an die Hand nehmen. Als sich diese Bild nach und nach festigte und auch der Krüppel mein Empfinden Margas ins gesicht spie, wusste ich das das ich nicht eine der üblichen 0815 Geschichten erwarten durfte (Margas rettet doch noch seine Schwester, bringt sie zurück zu Mutti und alles ist gut … )

    Da ist irgendwie so viel in der GEschichte das ich sie noch einmal lesen muss um alles zu erfassen.

    Wie immer gefällt mir das Ende sehr gut.

    Du verstehst es wirklich Geschichten abzuschließen.

    Jetzt hat seine Schwester ihren Weg gefunden aber er scheint seines Weges nicht mehr sicher zu sein …

    EINEN Fehler habe ich entdeckt: „Backbords“ … das „s“ ist zu viel :D

    Gute N8 ^.^

  6. Ja, da ist ein kleiner Spagat in dieser Geschichte: Einerseits soll sie für sich selbst stehen, andererseits soll sie die Grundlagen zum Verständnis dieser Welt legen… Ich hoffte zwar, dass mir dieser Spagat letztlich gelungen ist, aber die Bestätigung zu lesen, ist natürlich sehr schön!

    Viele weitere Erklärungen (unter anderem auch eine nähere Beschreibung der Alben) wird die nächste Geschichte liefern, deren Titel Dir vermutlich gefallen wird: „Wie Elben sterben“ 8-)

    Allerdings haben sich da die Puzzleteile noch nicht in meinem Kopf völlig zusammengefügt, deswegen liegt sie zur Zeit noch auf Eis (also in meinem Hinterkopf).

    Übrigens, der Trick, seinen Geschichten gute Schlüsse zu verleihen liegt darin, sich einen starken Schluss auszudenken und dann eine Geschichte dazu zu schreiben 8-)

  7. Einer meiner großen Geschichten hat einen tollen Schluss, aber das letzte Drittel klemmt noch … (Die „In Hell“ Geschichte die Jacky erwähnte…)

    *argh*

    “Wie Elben sterben”

    Musst Du nicht schreiben, ich zeige Dir das grademal *das noch blutige Kettenschwert wieder aktivier …*

    Den Grundstein hast Du auf jeden Fall gelegt auch wenn Du überlegen solltest vielleicht den Anfang etwas zu kürzen, es zieht sich halt wirklich bis die eigentlich Handlung anfängt.
    Wobei Du immer wieder duch nette Beschreibungen auflockerst … zB. das Orks Randalierer einfach ins Hafenbecken werfen :D

  8. Die Ortsnamen wie „Heimat“, „Funken Hoffnung“, „Mond“ usw empfand ich beim Lesen immer wieder als störend und holprig zu lesen. Und „Neustadt“ klingt auch sehr komisch, weil wir in Deutschland auch so viele Orte habe die so heißen.

    „Ätherfestung der Elben zwischen Heimat und Mond“.
    Obwohl ich plainswalking Geschichten kenne und mir auch so etwas wie einen Äther vorstellen kann war dieser Satz beim ersten mal lesen sehr verwirrend und wo sich diese Festung nun befindet ganz und gar nicht klar. Ich habe unter Anderem vermutet, dass Heimat und Mond die Bezeichnungen für verschiedene Länder auf einem Planeten sind und die Festung an der Grenze liegt.
    Nun nach dem ich den Text komplett ein zweites mal gelesen habe ist mir klar das der Äther wohl mehr der Weltraum ist… wirklich verwirrend diese Bezeichnungen.

    „Er hatte andere Welten besucht: Im Ätherjäger war er mit seiner Erzieherin Tauriel in den Farnwäldern der Drachenwelt Dame gelandet, auf dem luft- und wasserarmen Mann, unter dessen Oberfläche die Brut nistete, auf den Splittern, in denen die Zwerge nach dem wertvollen Splittermetall, sowie nach seltenen Kristallen schürften, und in den Schwebewäldern von Mond, der Heimat der Gnome.“

    Mein Gehirn hat hier so Sachen wie Drachen-Dame, Wassermann, Drachenwelt Damen mit wasserarmen Männern und andere Sachen gelesen. Den Satz habe ich auch nach 3 mal lesen nicht verstanden und erst heute beim zweiten mal lesen, der ganzen Geschichte, ist mir klar was gemeint ist.
    Ich kann verstehen, dass du keine fantasie- oder englischen Namen benutzen willst und es macht auch Sinn, dass die Himmelskörper Dame und Mann (warum nicht Herr?) heißen. Es würde das Lesen des Textes aber ungemein erleichtern, wenn du Fantasienamen benutzen würdest oder du benutzt lateinische oder griechische Bezeichnungen. Denn es macht genau so Sinn, das die Namen der Himmelskörper noch aus einer der Ursprachen der Menschen erhalten geblieben sind. Du könntest dann auch einfach ein Glossar erstellen, denn es handelt sich ja um ein ganzes Universum, was du gerade kreierst. Es würde sich zB. anbieten „romgische“ Namen zu verwenden, als Überbleibsel altländischer Kultur. Das Problem ist, dass du Worte als Ortsnamen benutzt, die eine klare Assoziation beim Leser hervorrufen, weil sie schon eine Bedeutung besitzen, und ein Weltbild (deiner Welt) erzeugen, was dieser Welt nicht entspricht. So kommt es auch zu weiteren Missverständnissen. Es ist leichter sich die Bedeutung eines neuen Wortes zu erschließen als zu lernen, dass ein Wort was man schon kennt jetzt eine neue zusätzliche Bedeutung hat.

    Du benutzt *** um die Rückblende abzuschließen, macht es nicht Sinn sie auch am Anfang einer Rückblende zu setzen?

    „Die Wache wechselte zum letzten Mal auf dieser Reise. Keiner der unter Deck hastenden Matrosen wechselte ein Wort mit ihm oder warf ihm auch nur einen Blick zu.“

    Dopplung von „wechselte“ gewollt?

    „Viele zogen es vor, in ihre Heimatländer zurückzukehren und diese ohne fremdrassige Einmischung wieder aufzubauen, ein Prozess, der durch zahlreiche wieder aufflammende Streitigkeiten miteinander viele Rückschläge erlitt.“

    nicht untereinander?

    „Er hatte im Traum mit zweiköpfigen Trollen gerungen“
    Boah er muss ja stark sein wenn er im Traum Trolle besiegen kann…
    Wenn ich im etwas im Traum kann übertrage ich das auch immer gleich auf die Wirklichkeit.
    Das Wort sorgt hier wieder für Verwirrung.

    „Sein elbischer Vater war auf einer Reise durch den Traum gestorben, als er drei Jahre alt gewesen war.“

    Würde hier Haupt- und Nebensatz umdrehen, klingt sonst als ob der Vater mit drei Jahren gestorben ist.

    „Spitzengeschwindigkeit von beinahe dreitausend Kilometern am Tag.“

    Ist es den Zwergen oder auch Elben noch nicht gelungen Uhren zu bauen? Wie lang ist ein Tag? 14 16 oder 18 Stunden? Den technisch anscheinend sehr begabten Zwergen wird doch sicher etwas besseres eingefallen sein als Geschwindigkeiten in „Kilometer am Tag“ zu messen.
    Begriffe wie „Heimat“, „Funken Hoffnung“, „Mond“ dann aber wieder „Tai-Mang“ oder „Romgor“ und dann „Kilometer“ nagen an der Authentizität. Auch wenn du das alles logisch begründen kannst wirkt es für mich nicht stimmig.

    „Viele Menschen mussten nur drei oder vier Sechsstundenschichten in der Woche leisten“

    Hier verwendest du Stunden, dann kannst du doch auch bei der Geschwindigkeit km/h benutzen.

    „Er konnte billigen Wein in ihrem Atem riechen.“

    Er kann den Geruch von billigen und teuren Wein an dem Atem des Trinkers unterscheiden? Er muss eine sehr gute Weinschulung genossen haben oder erklärt sich dies durch seine übersinnlichen Fähigkeiten?

    „Und doch, er zweifelte keine Sekunde daran, dass sie die Wahrheit sprach.“

    Warum zweifelt er nicht? Er wurde doch eigentlich so erzogen, dass er Dinge hinterfragen soll um sie zu verstehen. Sie ist merklich alkoholisiert und er für ihn praktisch eine Fremde. Ihr bedingungslos zu glauben widerspricht allem was er gelernt hat. Warum er trotzdem sofort ein so intimes und vertrautes Verhältnis zu ihr hat wird nicht klar.

    „An den mittleren Holzpfosten war ein menschliches Mädchen von ungefähr 15 Jahren gefesselt. Zu seinen Füßen brannte ein Feuer.“

    Zu ihren Füßen. Achja oben Fussball dann auch mit ß

    „Der Sternenhimmel über Neustadt verriet Margas, dass es ungefähr zwei Uhr früh sein musste.“

    Die Zeit ist gefühlsmäßig etwas zu schnell vergangen oder es stellt sich die Frage worüber sie noch so lange gesprochen haben. Zwei Uhr, das heißt die Zwerge habe sogar Uhren erfunden, dann könnten sie Geschwindigkeit doch in Meter pro Minute oder Sekunde angeben.

    Also wie man sich den Ätherjäger den dazugehörenden Äther und den Traum vorstellen soll fehlt in der Geschichte und sorgt bei mir für viel Verwirrung.

    „Die Rechnung von beinahe 50 Neuländer Talern für Hartmann und ihn übernahm er und rundete den Betrag großzügig auf.“

    Wie viel hat er denn nun gezahlt? 50? dann kann es ja nicht großzügig sein, denn die Rechnung beträgt ja schon beinahe 50. Oder besitzen Menschen dieser Welt 12 Finger und darum rundet er direkt auf 60 ?

    „Immerhin besteht ja eine Halbe-Halbe-Chance, dass das Kind eines Menschen und eines Neumenschen ein Neumensch ist.“

    Also die Biologie verhält sich in deiner Welt doch recht komisch, du spricht ja auch von Rassen, also ist es um so komischer, dass entweder Mensch oder Neumensch entsteht und kein Mischling.

    Also wie man als Mensch zu einem Ork werden kann ist mir nicht klar. Für mich klingt das mehr so wie eine Ehrenbürgerschaft, ein „Ehrenork“. Und was haben bitte die Orks davon Menschen als ihre anzuerkennen?

    Wenn deine Sprache bildlicher, wortmalender wäre und du mehr Sinneseindrücke deiner Figuren beschreiben würdest, würde es der ganzen Welt mehr Leben einhauchen. Deine Sprache ist zwar nicht absolut nüchtern und kurz aber sehr faktisch, fast mathematisch. Das ist aber ein sehr persönlicher Eindruck.

    Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Geschichte aber gut gefallen hat auch, wenn das vielleicht nicht so klingt. Es ist eine schöne Parabel auf Abgründe dieser, unserer Welt und ich freue mich was das betrifft schon auf die nächsten Teile der Menschheitsdämmerung.

    Spontane Assoziationen die ich mir beim lesen aufgeschrieben habe sind: Sozialismus, Sozialstaat, Hartz IV , Wohlstandsgesellschaft, Schaffenskrise, Sinnlosigkeit des Seins, Individualismus, Selbsterfüllung, der ewige Zweite, Identität, das Böse.

  9. Vielen Dank für Deine ausführliche Kritik, Nick! Mindestens so ausführlich werde ich darauf antworten, wenn ich meinen Internetzugang zu Hause habe…

  10. Sehr schöne Geschichte, hoffe es gibt bald mehr davon.

    Eine Anmerkung hätte ich aber noch: In der seitlich Verlinkung der Texte, wäre es besser chronologisch zu sortieren, als alphabetisch. Habe deswegen die Texte in der falschen Reihnfolge gelesen, was momentan noch nicht schlimm ist, aber wenn weitere Geschichten folgen zu Irritationen führen wird.

  11. Danke schön!

    Das mit der Sortierung ist so eine Sache… WordPress besitzt zwar eine Funktion, Seiten eine Sortiernummer zuzuweisen, aber sie scheint bei mir nicht zu funktionieren (deswegen auch die Durchnummerierung meiner übergeordneten Seiten). Ich müsste also auch die Titel der einzelnen Geschichten mit laufenden Nummern versehen. Das will ich dann aber doch nicht, denn es sieht doof aus, und sooo bedeutsam ist die „Chronologie“ dann auch wieder nicht (es ist ja auch keine echte Chronologie, sondern nur ein nach und nach mehr Details über die Welt Verraten).

  12. Um noch einmal die Sortierung aufzugreifen. Ich habe bei mir meine Seiten unter Allgemeines umsortiert und zwar unter Zuhilfenahme des Leerschrittes. Ich wollte nicht nach dem ABC sortieren.

    Man ruft die entsprechenden Seiten auf und klickt in den Titel, stellt den Cursor ganz an den Anfang und drückt die Leertaste. Je mehr Leerschritte um so wichtiger/höher steht die Seite. Funktioniert bei Haupt- und Unterseiten.

    Vielleicht kommt es ja bei Menschheitsdämmerung in Frage.

    Ansonsten bist Du jetzt zumindest schlauer.

  13. Danke für den Tipp!

    Das ist zwar blödsinnig umständlich, aber es klappt, und die Leerzeichen werden auch nicht angezeigt (was doof aussehen würde) und die Verlinkungen funktionieren auch noch.


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