Bello

Hey Jungs, Ihr habt doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich mich zu Euch setze, stimmt’s? Dachte ich mir. Hab Eure Unterhaltung mit angehört. Der Hund als bester Freund des Menschen, soso. Treu bis in den Tod, wie rührend. Ich sag Euch mal was: Ihr habt verdammt noch mal keine Ahnung! Scheiß auf die ganzen Lassie-Stories. Wenn ich Euch erzähle, was ich erlebt habe… und genau das mache ich jetzt. Wem’s nicht passt, der kann sich ja verpissen. Betrunken? Paß mal auf, mein Kleiner, ich wünschte, ich könnte mich noch betrinken. Die Zeiten sind vorbei. Entweder ich liege unterm Tisch, oder ich bin nüchtern. Kannst es ja gerne ausprobieren, wenn Du was anfangen willst. Besser nicht, hey? Wer legt sich schon mit einem Typen an, der so aussieht wie ich… Wo die Narben herkommen? Das ist ne andere Geschichte – mehrere andere Geschichten, genau gesagt. Die könnt Ihr ein andermal hören. Heute erzähle ich Euch die Story von Bello.

Blöder Name übrigens. Sein Besitzer war eh ein Schwachkopf. Denken war einfach nicht seine Stärke. So ist er überhaupt erst in die ganze Geschichte reingeraten. Aber der Reihe nach. Bevor ich jetzt groß zu labern anfangen, will ich aber erst einmal ein Bier. Auf Deine Kosten? Braver Junge.

Also, von vorne. Die Narben in meiner Visage habt Ihr ja schon bewundert. Wenn Ihr den Rest des Körpers sehen könntet… Das Gesicht hat noch am wenigsten abbekommen. Ist nämlich ein scheißgefährlicher Job, den ich da mache. Ich sage Job, aber ist ja nicht so, dass ich Geld dafür kriegte. Nix is, mein Leben riskiere ich ausschließlich für die gute Sache. Was ich eigentlich mache? Na, dann spitzt mal die Ohren, Jungs: Ich bin Vampirjäger.

Ha, die Blicke kenn ich! Haltet mich für einen Spinner, klar! Na, dann denkt doch noch mal drüber nach. Lest Ihr Zeitung? Solltet Ihr tun, Lesen bildet. Steht nicht auf den Titelseiten, wisst Ihr. Wenn es nicht zufällig mal ein Kind erwischt – dann ist die Hölle los im Blätterwald. Aber sonst landen diese Stories unter ferner liefen. Ausgeblutete Leiche gefunden. Kommt ab und zu vor. Erstaunlich, wie so was nicht mehr Aufmerksamkeit findet, nicht wahr? Was steht da immer: Bandenmorde. Rituelle Tötungen von Satanisten. Meine Fresse. Und die ganzen Leichen, die nicht einmal gefunden werden… Verschwundenenstatistik, so heißt das.

Ich sag Euch mal was: Hat schon seine Gründe, dass da nix an die große Glocke gehängt wird! Die Blutsauger haben nämlich Connections nach ganz oben. Hier ein Abgeordneter, da ein Top-Manager, ein paar Chefredakteure und natürlich ein paar korrupte Bullen. Wer sich nicht bestechen lässt, kriegt netten Besuch. Da kommt dann die höfliche Frage, ob man sich seine Frau oder seine Kinder mit Reißzähnen vorstellen kann. Wirkt zuverlässig wie Aspirin.

Das ist der Deal: Die Blutsauger suchen sich Opfer, die eh keiner vermisst, und die Presse macht keinen Wirbel. Wenn einer sich nicht dran hält, ist er dran, Mensch oder Vampir. Erinnert Ihr Euch noch an den kleinen Harald? Genau, der Junge, dessen Mörder Selbstmord begangen hat. Die Art Selbstmord, bei der man einen Pflock durchs Herz kriegt, um genau zu sein. So was kriegt man natürlich nicht zu lesen. Aber wenn Ihr Euch mal so richtig Ärger einhandeln wollt, dann fragt doch mal nach, wo eigentlich die Leiche geblieben ist. Asche zu Asche, Staub zu Staub – in dem Fall einfach nur Staub zu Staub, sage ich Euch.

Wisst Ihr was, Ihr könnt mir einfach glauben oder es bleiben lassen. Macht eh keinen Unterschied für mich. Ich will einfach nur meine Story loswerden. Ob ich keine Freunde hätte? Na, was glaubst Du wohl? Zur Erinnerung: Ich jage Vampire. Und diese Typen haben keine Skrupel. Familie, Freunde, irgendwelche Leute, die mir wichtig sein könnten: Verdammt schlechte Idee. Glaub mir, Du willst nicht mit jemand befreundet sein, der sich mit den Blutsaugern anlegt.

Nun aber zu Bello. Oder besser, zu dem Typen, dem er gehörte. Nannte sich Charlie. Keine Ahnung, ob er wirklich so hieß. War so’n Typ, der auf der Straße lebte. Ihr kennt sie ja, die Typen, die am Bahnhof Zoo herumlungern. Obdachlose, Tramps, Penner, sucht Euch die passende Bezeichnung aus. Jedenfalls, dieser Charlie, der wusste Bescheid. Wenn man auf der Straße lebt, dann lernt man entweder schnell alles über Vampire, oder man hat keine Zeit mehr dazu. Ist Euch nie aufgefallen, wie viele von den Pennern ein Kreuz um den Hals tragen? Okay, einige von den Punks tragen es verkehrt herum, weil sie es cooler finden, aber das ändert nichts. Und habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum sie immer aus dem Maul stinken wie ne Kuh aus dem Arsch? Klar, ne besonders gesunde Ernährung ziehen sie sich nicht rein. Aber hauptsächlich liegt das daran, dass sie jeden Abend auf ner Knoblauchzehe herumkauen. Achtet mal darauf.

Also, der Charlie, der hielt die Augen nachts offen. Besonders helle war er zwar nicht, aber neugierig wie dreizehn Katzen. Und in dieser einen Nacht, da hatte er etwas verdammt Interessantes gesehen.

Er kannte mich von früher. Wusste, was ich mache. Hatte einem seiner Kumpel, glaub ich, mal das Leben gerettet. War allerdings auch schon wieder’n Jahr her, und ich hatte seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen. Naja, jedenfalls lief ich zu der Zeit gerade wieder in der Szene herum und stellte Fragen. Da waren ein paar neue Blutsauger in der Stadt, aus Russland, die hatten einen ganz schicken Trick entdeckt. Wisst Ihr noch, das Feuer in diesem Asylantenheim in Köpenick? Glatzen, hieß es damals. Stimmt schon, die braunen Brüder machen eine Menge Scheiße, und das wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie zündeln. Diesmal warn sie’s aber ausnahmsweise mal nicht. Haben ne Menge Ärger gekriegt, weil fünf Tamilen und drei Vietnamesen mit abgebrannt sind. Hieß es jedenfalls in der Presse. Stimmte auch, nur dass die Körper schon vorher verdammt trocken gewesen waren. Die Glatzen sind später dafür ins Gefängnis gewandert – schaden tut’s nix, sag ich – und die Vampire haben sich ins Fäustchen gelacht.

Die Sache ist, Charlie hatte sie gesehen. Lag zufällig in einer kleinen Gasse in der Nähe und konnte genau beobachten, wie sie angefahren kamen – in nem schwarzen Mercedes, denkt Euch dabei, was Ihr wollt – ihre kleine Barbecueparty veranstaltet haben und wieder abgedüst sind. Und er hatte sich das Kennzeichen aufgeschrieben. Warum? Na, um mir die Kurzfassung seines nächtlichen Abenteuers ausrichten zu lassen, nur halt ohne das Nummernschild zu verraten, und wenn ich ihm zweihundert Euro rüberschöbe, dann würde er auch mit dieser Info rausrücken. Ja, SO blöd war Charlie.

Zweihundert Euro hatte ich eh nicht, und wenn, hätte ich Besseres damit vorgehabt, als sie einem beknackten Penner in den Arsch zu schieben, der mir dann vielleicht eh nur eine random KFZ-Nummer runterbetet. Trotzdem habe ich natürlich ein Treffen mit Charlie arrangiert. Ob ich ihm dann ins Gewissen reden oder die Info aus ihm herausprügeln würde, wollte ich dann spontan entscheiden. Naja, ich tauche also am Treffpunkt auf, und Charlie ist nicht da. Ich warte noch ein bisschen und komme zu dem Schluss, dass ich Wichtigeres mit meiner Zeit zu tun habe.

War wohl’n Fehler. Ich verfolge dann erst einmal ne falsche Spur. Führt mich in ein kleines Bordell in Hellersdorf. Ganz nett für nen Puff, bis die Mädels auf einmal auf die Idee kommen, mir die Zähne zu zeigen. Trägt mir eine Narbe an einer ganz neuen Stelle ein. Naja, ich komme da mit knapper Mühe lebend raus und muss mich erst mal ein paar Tage auskurieren.

Als ich dann wieder auf der Straße antanze, ist das Gejammer groß. Charlie ist verschwunden, Charlie ist nicht mehr da, was ist nur mit Charlie passiert? Scheiße, denk ich mir, vielleicht hat der Typ ja wirklich was Wichtiges gesehen, und die Blutsauger haben ihn einkassiert. Immerhin habe ich jetzt wieder eine Spur – man muss auch die guten Seiten sehen. Ich versuche also rauszufinden, wer die Lusche zuletzt lebend gesehen hat, und es heißt, das ist die alte Hilde gewesen.

Ich lass mir die Tante also beschreiben und nen Tipp geben, wo ich sie finden kann, und mach mich auf den Weg. Sie soll angeblich an der Rückseite vom Bahnhof Zoo abhängen, wo nicht so viel los ist. Aus einiger Entfernung sehe ich da dann auch ne spindeldürre alte Frau und denke mir, das wird sie ja wohl sein. Ich komm näher und was seh ich? Die arme Alte streitet sich mit einem Köter um ne Bockwurst! Ein Riesenvieh von Schäferhund-Dobermann-Mischling ist das, und sie fuchtelt da an seiner Schnauze herum und will ihm die Wurst wieder entreißen!

Ich mach mich auf meine Haxen und stürme heran, bereit dem Vieh mächtig in den Arsch zu treten und die alte Lady vielleicht zu einem belegten Brötchen und einem Kaffee einzuladen. Als ich aber auf fünf Meter dran bin, fallen mir die Augen aus dem Kopf. Die alte Hilde hält die Wurst fest zwischen ihren knochigen Fingern und versucht, sie dem Hund ins Maul zu schieben! Der will das aber nicht und weicht immer wieder aus.

Wie ein begossener Pudel stehe ich also da und versuche mir einen Reim auf diese kranke Szene zu machen. Da wendet sie sich zu mir um und sagt mit ihrer zittrigen Greisinnenstimme:

„Er muss doch etwas fressen! Ein Hund muss doch etwas fressen, nicht wahr?“

Mir steht der Mund offen und ich denke mir, dann kann ich auch genauso gut was sagen. Ich bringe also taktvoll den Gedanken ins Spiel, dass sie die blöde Wurst vielleicht lieber selbst fressen sollte. Sie erzählt mir dann, dass sie eine alte Frau ist und nicht viel zum Leben braucht, aber der arme Hund, der müsste doch etwas fressen – das sei doch nicht richtig, wenn ein Hund nichts fressen würde!

Ich verkneife mir meine private Meinung, dass der dämliche Köter schon alleine wissen wird, wann er Hunger hat, und frage sie, ob das Vieh ihr gehört. Nein, sagt sie, und dann stelle ich meine Ohren auf, als wäre ICH der Hund, der Bello, der hätte dem Charlie gehört, aber seit der verschwunden ist, frisst er nichts mehr. Und das sei doch nicht richtig…

Den darauffolgenden Sermon kenn ich schon, also würge ich sie hier ab. Seit wann Charlie denn bitteschön einen Köter hätte? Sie erzählt mir, dass er ihn sich vor einem halben Jahr zugelegt hat, da sei er noch ein niedlicher kleiner Welpe gewesen, der in seine Handfläche passte. Dann verklickert sie mir, dass man als Penner vom Staat extra Geld kriegt, wenn man ein Tier hat, und außerdem geben die Leute einem beim Betteln eher was, wenn man einen Hund dabei hat, denn die meisten Menschen lassen lieber ihre Mitmenschen hungern als einen Hund. Und sie findet das auch völlig in Ordnung, denn das arme Tier kann ja nichts dafür, wenn sein Besitzer kein Geld hat, und ein Hund muss ja schließlich was fressen…

Ich bringe das Gespräch vorsichtig wieder auf Bello und Charlie zurück. Naja, Charlie hat sich den Hund also zugelegt, weil er gehofft hat, dadurch mehr Geld zum Versaufen zu haben, aber dann hat er ihn so richtig lieb gewonnen, erzählt sie mir. Er sei ja auch ein besonders kluges und gutes Tier. Bello, wohlgemerkt, nicht Charlie.

Nun gut, die Sage vom heiligen Bello interessiert mich weniger, aber wieso der Hund hier ist und Charlie nicht, schon viel mehr. Die alte Hilde seufzt ein bisschen herum und kommt dann endlich mit relevanter Info herüber. Sie hatte sich mit Charlie angefreundet – hat ihn an seine Mutter erinnert oder so – und deswegen hat sie immer mal wieder auf den Bello aufgepasst, wenn Charlie irgendwo unterwegs war, wo er ihn nicht dabei haben wollte. Vor ein paar Abenden – genauer gesagt in der Nacht, bevor sich Charlie mit mir treffen wollte – hatten sie es sich gemeinsam in der Bahnhofshalle gemütlich gemacht. Da darf ja eigentlich niemand pennen, aber seit der Fernverkehr hier nicht mehr hält, nimmt das die Bahnhofsaufsicht nicht mehr so genau, und die ganze Gegend geht eh vor die Hunde.

Sie hatten sich also gerade mit ner Flasche Schnaps in eine Ecke zurückgezogen, als plötzlich ein paar russisch aussehende Typen auftauchten und die Luft im Bahnhof irgendwie schlagartig ein paar Grad kälter wurde. Die Russen fragten den guten Charlie freundlich, ob er sie nicht ein paar Schritte begleiten wollte, und man muss keine fünfzig Action-Thriller gesehen haben, um zu kapieren, dass er keine andere Wahl hatte. Naja, der Charlie verabschiedete sich also von der Hilde und sagte ihr, sie solle auf seinen Köter aufpassen, so lange er weg ist, und dann nahmen die Russen ihn höflich in die Mitte, und Charlie ward nie wieder gesehen.

Der Bello aber, der wollte einfach nicht still liegen bleiben, und nach ein paar Minuten riss er sich einfach von der alten Frau los (nicht, dass das nicht auch jeder Dackel geschafft hätte) und büxte aus, in die Richtung, in der sein Herrchen verschwunden war. Die Hilde machte sich die größten Sorgen – auch um Charlie, natürlich, aber hauptsächlich um den Flohfänger – und blieb die ganze Nacht wach, aber keiner kam wieder, weder Hund noch Penner.

Am nächsten Morgen dann tauchte Bello wieder auf, mit einer blutigen Rißwunde am Bauch, und auf einem Bein humpelnd. Ein paar Kumpels haben ihr geholfen, ihn einigermaßen zu versorgen, und sie haben ihn auch wohl wieder hingekriegt, aber gefressen hat er seitdem nichts mehr.

Nachdem das Klappergestell seine Story losgeworden ist, schau ich mir den tapferen Bello mal genauer an. Die Pfoten scheinen wieder völlig gesund zu sein, aber die Wunde am Bauch kann man noch gut sehen. Viel Speck auf den Rippen hat er nicht, stimmt schon, aber ausgehungert sieht er auch nicht gerade aus, und neben der alten Hilde wirkt er beinahe wie eine Mastgans. Während ich ihn betrachte, liegt er still da, mit der Schnauze auf seinen Vorderpfoten, die Ohren zurückgelegt, und starrt mich an, und ich ertappe mich dabei, wie ich ihm beruhigend zurede, irgendwas Bescheuertes wie „Guter Hund, braver Hund“ oder so.

Ich frag die Dame, ob sie die russischen Typen vielleicht näher beschreiben kann, und sie senkt ihre Stimm zu einem Flüstern und meint, ich soll das jetzt nicht für das Geschwätz einer Alten halten, aber sie sei sich sicher, das sind VAMPIRE gewesen. Dann schaut sie mich an wie eine Mutter, die ihrem Sohn erklärt, dass es keinen Osterhasen gibt, und ich kann mich nicht zurückhalten und grins sie an. Sie denkt natürlich, ich halte sie für verrückt, und versichert mir nochmal doppelt so eindringlich, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Hölle gibt, als man beim Frühstück in der Zeitung lesen kann, und wiederholt das Wort noch einmal ganz langsam, so als wenn ich schwerhörig wäre:

„V-A-M-P-I-R-E!“

Und während ich noch überlege, ob das jetzt der richtige Moment ist, um laut loszulachen, blafft der Köter zwei Mal laut und wirft den Kopf zurück und blickt mich dabei an, und irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass dieses Vieh mitbekommen hat, worüber wir reden, und der Alten zustimmt.

Ich mache der guten Hilde also klar, dass ich über Osterhasen und Vampire Bescheid weiß, und dass ich die letzteren seit mehr als zehn Jahren jage, und sie guckt mich ungläubig an, als hätte ich ihr einen Heiratsantrag gemacht, aber der Hund, der kommt plötzlich zu mir herüber gewackelt und leckt meine Hände. Ich schaue ihm in seine großen Hundeaugen, und ich schwöre bei der Leiche meiner Großmutter väterlicherseits, in diesem Moment kann ich in seine Seele sehen, und da ist so viel Schmerz, so viel Verzweiflung und so viel Wut, dass ich einen Schritt rückwärts mach und mir die Tränen in die Augen schießen.

Hey, Junge, wenn Du das lustig findest, können wir ja mal kurz rausgehen und uns darüber unterhalten! Oder vielleicht willst Du mir lieber noch ein Bier ausgeben? Besser ist das.

Hilde fängt an dieser Stelle erneut damit an, dass das arme Tier doch etwas fressen muss und beginnt wieder, mit der Wurst vor seiner Schnauze herumzuwedeln, da entscheide ich mich dafür, den Gesprächspartner zu wechseln. Ich bugsiere das alte Mädel behutsam ein Stück an die Seite und wende mich dann wieder dem Hund zu, hocke mich vor ihn hin, nehme seinen Kopf zwischen meine Hände, schaue ihm in die Augen und sage:

„Bello, Dein Herrchen, der Charlie, ist tot. Das weisst Du doch, nicht wahr?“

Er jault leise. Ich fahre fort:

„Ich bin auf der Suche nach den Typen, die ihn umgebracht haben, und wenn ich sie finde, werde ich sie pfählen. Hilfst Du mir?“

Die Antwort ist ein kräftiges „Wuff!“, und damit ist alles Wichtige gesagt. Ich gebe der alten Hilde noch ein paar Euro, damit sie sich mal selbst ein bisschen füttern kann und zieh mit Bello los. Er führt mich die Bahnstrecke entlang ein kurzes Stück nach Norden, dann nach links die kleine Straße entlang, die auf die TU zuläuft, und dann wieder nach rechts auf den großen Parkplatz. Da bleibt er neben einem schmutziggelben Opel stehen und schaut mich auffordernd an.

Ich schalte den Detektiv in mir ein und mache mir klar, dass Bello den untoten Russen bis hierher gefolgt ist, und sie dann in ein Auto gestiegen sind – vermutlich ein schwarzer Mercedes, wenn Charlie die Wahrheit gesagt hat – und abgedüst sind. So richtig weiter hilft mir das auch nicht.

Bello schnüffelt noch ein bisschen herum, aber auch wenn meine Meinung von ihm in den letzten Minuten um ein paar hundert Prozent gestiegen ist, trau ich ihm doch nicht zu, ein Auto zu verfolgen, das hier vor ein paar Tagen abgefahren ist. Ich will mich also schon damit abfinden, dass diese Fährte eine Sackgasse ist, da springt das Tier auf einmal ins Gebüsch und kommt mit einem Zigarrenstummel zwischen den Zähnen wieder heraus. Naja, ich schließe die Vermutung aus, dass ich ihm Feuer geben soll und schaue mir diesen Stummel mal genauer an. Ich bin ja als Nichtraucher kein Fachmann für Tabakwaren, aber dass es sich um eine teure russische Marke handelt, kann ich auch gerade noch erkennen. Ich frage also Bello, ohne mir dabei blöd vorzukommen, ob dieser Stummel zu den Typen gehört, die Charlie gekidnappt haben, und er bejaht das bellend.

Was soll das sein, abendliche Armgymnastik in der Kneipe, oder hast Du eine Frage? Na, wenn’s Dir so wichtig ist, dass Du meine Erzählung dafür unterbrechen musst, dann stell sie halt. Wieso Vampire rauchen? Gute Frage – wieso rauchst Du? Dass Tabakrauch keinerlei Nährwert besitzt, weißt Du ja wohl, und trotzdem hast Du Dir, seit ich hier bin, schon drei Glimmstängel zwischen die Lippen geschoben. Du wirst schon Deine Gründe haben, und die Vampire haben die ihren. Ach so, Du meinst, wer nicht atmet, kann auch nicht rauchen? Ist was Wahres dran, aber weißt Du was? Wer nicht atmet, kann auch nicht sprechen! Und Vampire tun es trotzdem. Sie verbrennen vielleicht keinen Sauerstoff in ihren Lungen, aber sie sind problemlos in der Lage, Luft ein- und auszusaugen. Und wieso sie zu Staub zerfallen, wenn man sie pfählt?

Paß mal auf, das führt jetzt zu weit. Ich kann Deine Fragen eh nicht alle beantworten – ich weiß, DASS sie zu Staub zerfallen, und ich bin verdammt nochmal äußerst dankbar dafür! Und herauszufinden, warum die Sachen, die sie tragen, mitgehen, überlasse ich irgendwelchen verrückten Metaphysikern. Es ist, wie es ist: Vampire vertragen kein Sonnenlicht, verabscheuen Kreuze und Knoblauch, besitzen kein Spiegelbild und hinterlassen nur eine Handvoll weißes Puder, wenn man sie pfählt. Ende der Lektion, zurück zu meiner Story.

Ich hab jetzt also einen Zigarrenstummel in der Hand und einen Hund zu meinen Füßen und weiß nicht so recht weiter. Welche Tabakmarke der Blutsauger als Ergänzung zu seiner hämoglobinreichen Ernährung bevorzugt, kann mir eigentlich Wurst sein. Es sei denn… Wenn das Schicksal es wirklich gut mit mir meint, dann habe ich es mit einem untoten russischen Snob zu tun, der nur eine importierte Marke aus seiner Heimat raucht, die man nicht überall kriegt. Da ich ansonsten keine Ahnung habe, wie es weitergeht, besuch ich also einen Tabakladen in der Nähe und mach mich schlau. Und tatsächlich, Bello hat den Jackpot geknackt! Der Händler teilt mir mit bedauerndem Ausdruck im Gesicht mit, dass er diese edle Marke leider nicht führt, aber er ist so freundlich, mir den Importeur zu nennen, bei dem man sie beziehen kann. Ein Telefonanruf bei dem, und ich hab die Liste von genau drei Läden in Berlin, wo man die Stinkstängel kriegt. Das ist immerhin schon mal ein Fortschritt!

Alle drei liegen halbwegs nah beieinander im Osten der Stadt, also beschließe ich, den guten Bello mit auf einen etwas ausgedehnteren Spaziergang zu nehmen. In den Läden versuch ich dann ein paar gezielte Fragen anzubringen, ohne völlig durchgeknallt zu wirken, so in der Art von: „Haben Sie in letzter Zeit neue Kunden aus Russland bekommen, die auffällig blass aussehen, den Laden immer erst nach Sonnenuntergang betreten und diese Marke hier rauchen?“

Laden eins und zwei sind Nieten, alles andre wäre ja auch zu einfach gewesen. Als ich den dritten Laden betrete, wird es bald dunkel, und ich versetze mich schon mal in Alarmbereitschaft, falls ich meinen netten untoten osteuropäischen Mitbürgern zufällig über den Weg laufen sollte. Ich sag also nochmal brav mein Sprüchlein auf und ernte von dem Typen hinter der Theke einen Blick, als ob ich ihm eine Familienpackung Viagra verkaufen wollte. Tja, aber das ist eben das Gute, wenn man so ein Narbengesicht sein eigen nennt wie ich: Wenn man schon für einen Spinner gehalten wird, dann zumindest für einen gefährlichen Spinner, da bleiben die Leute höflich.

Der Abend verläuft also wie meine letzten One-Night-Stands: Drei Nieten in Folge. Ich wende mich schon zum Gehen, da blafft der Bello ein paar Mal los, und auch wenn ich auch nicht genau kapier, was er mir sagen will, halte ich von seiner Meinung doch immer noch mehr als von der von dieser Witzfigur von Ladenbesitzer. Ich schau also nach, was er da treibt, und er ist in den hinteren Teil des Ladens gelaufen, wo ein kleiner Kühlschrank steht. Auch gut, denke ich mir, wenn das Tier endlich wieder Hunger hat, denn so ein Hund muss ja was fressen, nicht wahr, das würde mir die alte Hilde bestimmt unterschreiben.

Da fällt mir aber auf, dass der Verkäufer eindeutig eine Spur zu nervös reagiert, und mein Gehirn meldet sich wieder aus seinem unbezahlten Urlaub zurück. Ich marschier also schnurstracks auf den Kühlschrank zu, schieb den lauthals protestierenden Kassenheini beiseite und öffne die Tür. Na, und was baumelt darin wohl, ordentlich etikettiert und sortiert nach A, B und AB? Genau, Blutbeutel, wahrscheinlich aus irgendeinem Krankenhaus abgezweigt, Fastfood-Nahrung für den modernen Vampir, dessen stressiger Tagesablauf ihm keine Zeit zum Jagen und Töten lässt.

Ich nehm mir den Tabakfritzen also noch einmal ein wenig eingehender zur Brust und befrag ihn nach dem verstorbenen Teil seiner Kundschaft. Zuerst will er mir einen auf ich-sag-nichts-ohne-meinen-Anwalt machen, aber da biegt sich plötzlich erst sein linker kleiner Finger um 180 Grad nach hinten, dann der rechte, und auf einmal beruft er sich doch lieber auf die Kronzeugenregelung und labert los.

Seine Lebensgeschichte, warum seine Mutter ihn nicht geliebt hat, und wieso das Geschäft besser geht, seit seine Kunden nicht mehr atmen, ist mir alles schnurz, aber in dem ganzen weinerlichen Redeschwall versteckt sich die eine Information, die mich wirklich interessiert: Eine Adresse, ein ehemaliger Industriehof in Weißensee. Ich sag also höflich danke, indem ich ihn fessle und kneble und in einem Müllcontainer versenke, von dem ich weiß, dass er morgen früh geleert wird, wenn die Müllabfuhr nicht mal wieder streikt. Ist ja nicht zwingend nötig, dass er den Blutsaugern eine Warnung zukommen lässt.

Dann mach ich mich auf den Weg, so lang die Nacht noch jung ist und die Leichen noch nicht die Straßen unsicher machen. Klar wär’s netter gewesen, am Tag loszuziehen, aber dann muss ich damit rechnen, dass die Vampire bis dahin was spitz kriegen, und mein Überraschungsvorteil futsch ist.

Ich komm also in diesem Industriehof an und renn gleich in ein Empfangskommitee. Keine Ahnung, ob der Tabakfritze sich befreien konnte, oder ob die Jungs einfach Wache geschoben und den Hund wiedererkannt haben, auf jeden Fall stehen da vier Leute, die von Rechts wegen in einem Sarg hätten liegen sollen, blecken ihre spitzen Zähne und wedeln mit abgesägten Laternenpfosten.

Nun hätt ich die letzten zehn Jahre nicht überlebt, wenn ich nicht ordentlich was drauf und den einen oder anderen Trick auf Lager hätte, aber so ein Quartett bluttrinkender Bösewichter mit übermenschlichen Kräften ist jetzt doch eine reichlich heftige Ansage. Was? Nein, mein Kleiner, die süßen Mädels mit Superstärke, die Du aus dem Hollywood-Fernsehen kennst, sind leider genau so real wie der Osterhase.

Naja, Zeit, mich über die ungleiche Startaufstellung zu beklagen, bleibt eh nicht, also mach ich mich halt an die Arbeit. Die ersten beiden kann ich noch überraschen, als ich unter ihren Hieben durchtauche und sie mit meinem speziell konstruierten Elektroschocker paralysiere, aber die anderen beiden sind jetzt gewarnt und nehmen mich in die Mitte wie beim Seilspringen, so dass es für mich an der Zeit ist, mal wieder meine Nahkampfkünste zu trainieren. Zwei gegen einen ist allerdings reichlich beschissen, und wenn sie mit den Überbleibseln altertümlicher Straßenbeleuchtung, die sie locker in ihren Händen halten wie ein Schlagzeuger seine Sticks, auch nur einen Volltreffer landen, dann gehen mir die Lichter aus.

Den Bello allerdings, den haben wir alle drei vergessen, und das lässt das tapfere Tier sich nicht gefallen. Mit einem Mal hängt er dem Typen rechts von mir am Arm und beschäftigt ihn lang genug, dass ich mich für ein paar Sekunden auf meinen andren Gegner konzentrieren kann. Ich stürm auf ihn zu, block seinen Schlag mit meinem Unterarm am Handgelenk ab und schaff es, ihm mit einem Tritt in die Kniekehle die Beine umzusäbeln. Er lässt im Fallen den Laternenpfosten los und greift nach mir, und ich zapple nicht, sondern erlaube ihm, mich zu sich heran zu ziehen, aber als er grade ausprobieren will, wie sich meine Halsschlagader unter seinen Lippen anfühlt, hat er plötzlich ein spitzes Stück Holz zwischen den Rippen und verpufft.

Der andre Kerl hat unterdessen den Hund abgeschüttelt, genauer: ihn zehn Meter weit quer über den Hof gegen eine Wand geschleudert, so dass ich seine Rippen knacken hören kann. Das macht mich wütend, und ich zeig ihm meinen besten Kungfu-Tritt, aus dem Sprung gegen das Kinn, und als er sich wieder aufrappeln will, muss ich nur noch abstauben. Ich erledige schnell noch die beiden übrigen Vampire, bevor ihre Muskeln ihnen wieder gehorchen, und kümmre mich dann um den armen Bello. Das Tier lebt noch, kann jedoch offensichtlich nur unter Schmerzen atmen und braucht dringend eine Menge Ruhe und einen guten Tierarzt. Dafür ist jetzt aber keine Zeit, denn es kann nicht lange dauern, bis die restlichen toten Russen sich fragen, wo denn ihre Kumpels bleiben.

Ich check also fix die Umgebung und finde ein Kellerfenster, hinter dem Licht ist, und als ich hindurchspähe, erkenne ich vier gut gekleidete Geschäftsleute, die gerade angeregt diskutieren, und einer von denen raucht tatsächlich Zigarre! Zeit für den Zieleinlauf, denk ich mir. Ich such eine Möglichkeit, ins Gebäude zu kommen, und finde sie in Gestalt eines halboffenen Fensters im dritten Stock. Da hochzuklettern ist nicht grade die schwierigste Übung, und ich krieg das sogar hin, ohne allzu viel Lärm zu machen. Drinnen angekommen schleich ich dann die Treppe hinunter in den Keller.

Showdown, Ihr Blutsauger! Ich trete theatralisch die Tür ein und feuer als erstes mit meiner Signalpistole in den Raum. Meine Augen sind natürlich fest geschlossen, als der Lichtblitz explodiert, und so hab ich es für einige Sekunden mit blinzelnden Vampiren zu tun. Das genügt mir, um mit meinem kleinen Holzpflock untote Herzen aufzusammeln wie ein Ein-Euro-Jobber im Park Blätter aufsticht. Einmal puff, zweimal puff, dreimal puff… und dann dreh ich mich zum vierten um und starre in die Mündung einer Neunmillimeter Heckler und Koch Automatik. Wie unfair.

Meine Hoffnung ist, dass der Russe noch immer nicht so richtig deutlich sehen kann, deswegen schlag ich einen Haken und stürze auf ihn zu – da macht es PENG!, und schon hab ich eine weitere zukünftige Narbe im rechten Oberschenkel und kippe um. Ist einer von Euch schon mal angeschossen worden? Nein? Na, dann lasst Euch mal sagen, dass das schweinemäßig weh tut! Das Bein kann man in dieser Situation erst einmal vegessen, und kämpfen ist auch nicht mehr drin, wenn die Schlagader getroffen wurde und einem durch den plötzlichen Blutverlust schwarz vor Augen wird.

Ich brech also im Wesentlichen einfach zusammen und muss nur noch die Frage klären, ob ich eigentlich religiös bin oder nicht und mich aus dieser Welt mit einem Stoßgebet oder einem Fluch verabschieden will. Der Vampir richtet in aller Ruhe die Waffe auf meinen Kopf und sagt irgendetwas auf russisch, was mich bestimmt verdammt wütend machen würde, wenn ich es verstünde.

In dieser Sekunde klirrt es jedoch hinter mir, und mit einem filmreifen Stunt kommt der gute Bello durch das geschlossene Fenster gehechtet und springt dem Scheißkerl genau ins Gesicht! Ich kämpfe noch gegen meine Ohnmacht an und kann nicht detailliert erkennen, wie dieser Kampf abläuft. Auf jeden Fall schafft es der Blutsauger, sein ganzes Magazin leerzufeuern, ohne dabei den Hund – oder auch mich, Gott sei Dank! – zu treffen. Dabei hätte er einfach nur auf seinen eigenen Brustkorb zielen müssen, denn da saß das Vieh ja drauf, und er selbst hätte so ein kleines Stück Metall zwischen den Rippen locker abgekonnt – ist ja nicht so, als wenn ein Untoter noch lebenswichtige Organe hätte, und hydrostatischer Schock beeindruckt sie auch nicht allzu sehr. Ansonsten würd ich sicherlich auch mit einer Knarre ausgerüstet auf die Pirsch gehen.

Offensichtlich denkt er aber vor lauter Panik nicht dran, und auf einmal macht es „klick“ und die Waffe ist leer. Der Bello ist unterdessen damit beschäftigt, ihm Gesicht und Hals zu zerfleischen. Ich sag Euch, Jungs, ich war beim Nato-Einsatz im Jugoslawien dabei, und ich hab gesehen, was ein wütender Mob mit seinen Mitmenschen anstellen kann, aber so etwas habe ich dort nicht erlebt. Wie die Inkarnation eines Rachegottes reißt und beißt Bello an dem untoten Fleisch herum – mit gebrochenen Rippen, Glassplittern überall im Leib und einem Vampir, der in Todesangst auf ihn einprügelt. Ich hab mich später gefragt, was dieses Tier nur dermaßen wütend gemacht hat, und ich denk mir, dass das der Typ war, der sein Herrchen ausgetrunken hat, und dass er dessen Blut in ihm gerochen hat.

Sobald ich wieder einigermaßen handlungsfähig bin, nehm ich meinen Pflock, kriech zu den beiden hinüber und mach der Sache ein Ende. Nicht, dass ich dem Blutsauger die Erfahrung, im wörtlichen Sinne sein Gesicht zu verlieren, nicht gegönnt hätte, aber ich musste dringend in ein Krankenhaus, und der Hund wahrscheinlich sogar noch viel dringender. Schnell bind ich mir noch einen improvisierten Druckverband ums Bein, und dann humpeln Bello und ich in Schmerzen vereint die Treppe empor.

Als wir grade am oberen Absatz ankommen, schickt mir mein Instinkt jedoch eine SMS: Gefahr! Ich bleib stehen und blinzle ins Dunkel. Ein paar Meter entfernt scheint sich eine Gestalt zu befinden. Und auf einmal hör ich eine Stimme, die nur ein Wort sagt:

„Bello.“

Der Hund fährt neben mir zuammen, als hätte ich ihn mit dem Elektroschocker angezeckt, und mich beschleicht die schreckliche Ahnung, dass dieser Film noch nicht beim Happy End angelangt ist und womöglich gar keins haben wird. Die Gestalt kommt langsam ein paar Schritte näher, und ich blicke in das nunmehr tote Gesicht von Charlie, komplett mit Fangzähnen. Warum in Dreiteufelsnamen die Russen diesen hirnverbrannten Penner zu einem der ihren gemacht haben, werd ich nie verstehen.

Das ist auch der Gedanke, der in diesem Augenblick die CPU in meinem Kopf auslastet, und deswegen befindet sich mein Überlebensinstinkt leider für ein paar Momente in der Warteschleife. In dieser Zeit dreht Bello sich zu mir um, und wenn ich ein Dutzend Mal in kitschigen Romanen gelesen hab, dass Augen um Verzeihung bitten können, und es nie glaubte, dann weiß ich es jetzt besser. Das entsetzliche Leid, das in dieser Sekunde aus dem Hundegesicht vor mir spricht, werd ich niemals vergessen.

Und dann springt das Tier mich an und wirft mich die Treppe hinunter. Mein Verband reißt ab, das Bein beginnt wieder zu bluten, und als Dreingabe brech ich mir auch noch den linken Arm. Trotzdem kann ich noch erkennen, wie Bello mit eingezogenem Schwanz in die Richtung seines toten Herrchens kriecht, und nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden ist, hör ich ihn kurz aufjaulen und noch ein bisschen japsen, und dann hör ich nichts mehr.

Mit äußerster Mühe bring ich mich langsam wieder in die Vertikale und dreh an meinem Bein wieder den Bluthahn ab. Wenn Charlie da oben noch auf mich wartet, um mir den Garaus zu bereiten, dann kann ich es in meinem jetzigen Zustand nicht verhindern, aber hier unten zu bleiben ist auch keine Alternative, und ich muss wirklich dringend zu einem Arzt. Doch als ich oben ankomm, sehe ich weder von Charlie noch von Bello eine Spur, und es gelingt mir, mich bis zur nächsten Telefonzelle zu schleppen und eine Ambulanz zu rufen.

Die beiden hab ich seitdem nie wieder gesehen, aber wenn sie mir jemals wieder über den Weg laufen, nun, dann kriegen Herrchen UND Hund einen Pflock durchs Herz, nur um sicher zu gehen. Treu bis in den Tod? Ne Jungs, ich denk nicht, dass das für Bello gut genug ist. Dieses Tier ist treu über den Tod hinaus.

So, ich mach mich dann mal auf den Weg. Danke für das Bier, Leute, und geht nicht allein nach Hause.

Ach ja, und haltet Euch besser nachts von Pennern mit Hunden fern. Sicher ist sicher.

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Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:33 pm  Comments (8)  
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  1. Der Beschreibung der Hauptfigur erinnert mich an Marv aus Sin City. Auch die Art wie er spricht ist Marv ähnlich. Das Wort „random“ finde unglücklich denn ist ganz klar Gamer/Magic-Deutsch (vielleicht erscheint es mir auch nur so komisch, weil ich es im Alltag recht oft benutze) Das mit dem hydostatischen Schock wirkt auf mich als ob du ein bisschen damit prahlen möchtest wie schlau du doch bist und außerdem sorgt der Begriff für Verwirrung denn er ist ziemlich Speziell.

    „Als wir grade am oberen Absatz ankommen, schickt mir mein Instinkt jedoch eine SMS“

    der Satz ist wirklich genial! Super Idee, konnte ich gut drüber lachen.

    Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Geschichte nicht so viel gibt, was aber auch am Thema liegt.
    Eine Frage habe noch: Ist Die Pointe am Schluss beim Schreiben der Geschichte entstanden oder hast du beschlossen auf Grund der Pointe die Geschichte zu verfassen? Es fühlt sich für mich so an als ob du den Einfall hattest aus „Treu bis in den Tod“ „Treu über den Tod hinaus“ zu machen und weil dir das so gefallen hat hast du die zur Pointe passende Geschichte geschrieben.

  2. Auf jeden Fall erst einmal vielen Dank für Deinen Kommentar, Nick!

    Ich kann mir die Frage jetzt allerdings nicht verkneifen, wie alt Du bist… ich erkläre Dir, warum:

    Sin City habe ich im Kino gesehen. Brillianter Film! Die Comics habe ich nicht gelesen, zwar mal drin geblättert, aber dann weggelegt, weil mir der Stil zu unübersichtlich war. Ob Marv wirklich genau so spricht, kann ich also nicht sagen (habe den Film auch auf Englisch gesehen), aber der entscheidende Punkt ist: Das ist einfach typischer Hardboiled-Style, der mindestens auf Philipp Marlowe zurückgeht (den ich übrigens selbst nie gelesen habe), sich in ungefähr einer Million Detektivgeschichten findet und den gesamten Film Noir durchzieht! Er mag der Stimme von Marv entsprechen, aber das liegt dann daran, dass Marvs Ausdrucksweise einem seit Ewigkeiten etablierten Klischee entspricht, das ich hier auch bediene.

    Deswegen meine Frage – wenn Du mit diesem Stil nur über Sin City in Berührung gekommen bist, verstehe ich Deine Vermutung gleich besser. Eigentlich habe ich nämlich überhaupt nicht an diesen Film gedacht, sondern eher an 80 andere Geschichten dieser Art…

    „Random“ ist älter als Magicsprech. Das weiß ich, weil ich auch älter bin und das Wort schon vorher kannte. Ich will nicht ausschließen, dass es heute nur noch von dieser Subkultur benutzt wird, in welchem Fall es tatsächlich fehl am Platz wäre, aber ich denke schon, dass es auch ansonsten übliches Dinglisch ist. Benutzt es nicht auch die WoW-Community? Wenn ja, ist es nur noch einen halben Schritt vom absoluten Mainstream enfernt und kann auf jeden Fall stehen bleiben.

    Der hydrostatische Schock (Hast DU den gegoogled? Er ist nämlich heute Nacht in meiner wordpress-statistik aufgetaucht!) ist halt ein üblicher Begriff aus der Waffentechnik, und ein ehemaliger Söldner wie der Erzähler wird ihn auf jeden Fall kennen. Ich war jetzt ja nicht beim Bund, aber wird man nicht auch da über die Wirkungsweise von Schusswaffen aufgeklärt? In jedem Fall ist dieser Begriff gar nicht einmal so wenig verbreitet. Die meisten Rollenspieler kennen ihn, und vermutlich auch viele Computerspieler (Du weißt schon, die welche diese Killerspiele spielen). Das Prinzip erscheint mir auch nachvollziehbar (vorausgesetzt, dass man weiß, dass „Hydro“ Wasser heißt, aber Wörter wie Hydrant, Hydraulik und Hydrogen sind ja doch nicht ganz unbekannt): Wasser lässt sich nicht zusammenpressen. Das Geschoss drückt mächtig aufs Wasser (Blut ist ja praktisch Wasser). Also gibt das Wasser den Druck weiter.

    Ich habe es eigentlich weniger erwähnt, um anzugeben (denn ehrlich gesagt, kenne ich mich mit diesem ganzen Militärscheiß wohl eher unterdurchschnittlich aus), sondern um dem Leser eine Erklärung zu geben, warum der Protagonist die Blutsauger nicht mit dem Schießeisen jagt – eine naheliegende Frage, denke ich.

    Zu Deiner abschließenden Frage: Jein. (Tolle Antwort, was?) Natürlich ist die Geschichte, wie die meisten Kurzgeschichten, vom Ende her geschrieben worden. Alles läuft auf diesen Schluss hinaus. Die Ursprungsidee… ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich darauf kam. Sie war aber schon, dass ein Hund seinem Herrchen bis in den Un-Tod treu bleibt, obwohl er VERSTEHT, was das bedeutet. Sie stand aber nicht isoliert. Auch die Idee, einen Vampirjäger nach Berlin zu verpflanzen, und selbst die Idee mit der alten Hilde hatte ich schon ewig. Irgendwie wuchsen sie halt zu einer Geschichte zusammen.

  3. Das mit Marv war eine sehr Spontane Assoziation, (wenn ich einen Text lese notieren ich mir nebenbei die Sachen die mir auffallen und die ich für anmerkungswürdig erachte) die hauptsächlich darauf beruht, dass sie beide so viele Narben haben. Da ist mir gleich das Bild von Marv in den Kopf geschossen. (Marv hatte schon eine sehr eindringliche Wirkung auf mich).

    Random kenne ich ursprünglich aus Warcraft 3. Ich kann mich noch erinnern wie ich nach einer kleinen Magic Pause wieder in den Laden kam und plötzlich solche Begriffe wie „random Fritte“ auftauchten. Da habe ich mich dann sehr gewundert, weil ich mir sicher war, dass ich das Wort nicht eingeführt hatte. Auch egal… für mich wäre die logische Antwort der Leute in der Kneipe so etwas wie „wer ist bitte Androm?“ aber kann gut sein, dass es sich wirklich nur für mich seltsam anhört.

    Nach dem hydrostatischen Schock habe ich gegoogled aber ich habe eigentlich nicht auf deinen Blog geklickt…Ich habe aber herausgefunden, dass der hydrostatische Schock zwar auftreten kann, dies aber bei einer Wunde durch eine Schusswaffe nur sehr selten passiert. Auch sind die Information rund um den hydrostatischen Schock sehr widersprüchlich. Er wird teilweise auch als Ammenmärchen bezeichnet. Die frage ob und unter welche Umständen er tatsächlich bei einem Lebewesen auftreten kann ist nicht geklärt. An der Anzahl der google Treffer für hydrostatischer Schock (531) und, dass dein Blog bei dem Begriff Position 10 belegt kann man erkennen, dass der Begriff nicht gerade geläufig ist.

    „sondern um dem Leser eine Erklärung zu geben, warum der Protagonist die Blutsauger nicht mit dem Schießeisen jagt – eine naheliegende Frage, denke ich.“

    Ich finde du hast die Vampire ausreichend für dein „Universum“ klassifiziert und jedem Leser ist denke ich klar, dass man einen Vampir nicht einfach erschießen kann.
    Auch steht der doch sehr physikalische Begriff „hydrostatischer Schock“ im starken Kontrast zu solchen mystischen Umständen wie, dass Vampire zu kleinen Aschehäufchen zerfallen wenn man ein Stück Holz in sie rein steckt.

  4. Selbst, wenn es ein Ammenmärchen ist (und das zu beurteilen, fehlt mir definitiv die Konpetenz), ist es weit genug verbreitet, dass der Verfasser dieses Märchen glaubt… er glaubt schließlich auch an Vampire, nicht wahr? 8-)

    Dein Argument mit dem Googlen allerdings zieht nicht – bei „gefesselte Frauen“ bin ich Nummer 13, und nun sage mir bitte nicht, das liegt daran, dass das ein ungeläufiger Beriff sei!

  5. 531 ist aber nicht gerade viel…

  6. Hallo Andi,

    das mit dem hydrostatischen Schock passt übrigens sehr gut zu dem Typen, wie ich finde.

    „random“ kam in einigen Nerd-Dialekten vor, ist heutzutage aus der Wow-Fachsprache nicht mehr wegzudenken und wird für viele Zufälligkeiten gebraucht.

    Deshalb eigentlich schon sprachgebräuchlich, aber eben eher aus der Computerspielszene bzw. Magicszene und daher für deinen Vampirjäger vielleicht doch nicht so geeignet. Jedenfalls stelle ich mir den nicht so vor, als daß er WoW, WC3 oder MTG gekannt hätte.

  7. Ich habe mir noch gar nicht so viele Gedanken dazu gemacht, aber irgendwie finde ich die Vorstellung, dass ein Typ, der sich auf Grund seiner Mission keinerlei Freunde erlaubt, seine Freizeit damit füllt, bei WOW abzuhängen, gar nicht einmal so abwegig!

    Der Typ, der seine freie Zeit mit einem guten Buch verbringt, ist er jedenfalls mit Sicherheit nicht…

  8. Also mir ist das random gar nicht aufgefallen – obwohl ich die Kommentare vor der geschichte gelesen habe.

    Also vom hydrostatischen Schock habe ich bis heute noch nie etwas gehört und ich kann mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass der Begriff so verbreitet ist – Aber ich fand ihn auf keinen Fall so auffällig, dass er irgendwie einen negativen Eindruck auf mich machte.


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