Besuch vom Weihnachtsmann

Freitag, 24. Juni 1994, acht Uhr abends.

In ihrem kleinen Einfamilienhaus in Berlin-Wannsee sitzen die Bergers am großen Esstisch ihres gemütlichen Wohnzimmers und verbringen den Abend mit einigen Runden Skat – ein Viertelpfennig pro Punkt. Robert, der fünfzehnjährige Sohn der Familie, hat eben einen Grand ohne drei gewonnen und liegt mit einigen hundert Punkten in Führung, seine Mutter hat sich mit ihrer zurückhaltenden Spielweise ein positives Punktekonte von sechzig, siebzig Punkten gesichert, und Vater Berger, der bei der letzten Runde Schieberramsch eine ausgesprochen schwarze Serie hatte, gleicht diese Bilanzen aus und macht ein recht unwirsches Gesicht.

Gerade als er mit einer lustlosen Bewegung die Karten einsammelt und sich anschickt, mit dem Mischen zu beginnen, hält er inne – er glaubt ein leises Bimmeln wie von Glöckchen zu vernehmen. Dann hört er eine tiefe Männerstimme rufen: „Ho, Bianca! Jessica!“

Er schüttelt kurz den Kopf und konzentriert sich auf das Verteilen der Karten. Falsches Geben wird mit hundert Minuspunkten bestraft – eine Hausregel, die er selbst eingeführt hat – und er gedenkt nicht, sich noch weiter nach hinten abzusetzen. Sein Sohn nimmt mit einem überlegenen Grinsen die Karten auf, während seine Frau absichtlich umständlich die ihren sortiert und dabei ein unbeteiligtes Gesicht macht.

Da klingelt es an der Tür.

„Ich geh‘ schon!“ sagt Frau Berger und steht auf, um die Tür zu öffnen. (Ihre Karten nimmt sie mit sich.) Als sie den Flur erreicht, drückt sie die Klinke und zieht die Tür langsam nach innen auf.

„Ho, ho, ho, fröhliche Weihnachten, gute Frau!“ begrüßt sie eine brummig-tiefe Stimme.

Frau Berger schaut zweimal hin: Vor ihr steht ein älterer Herr, der sie um eineinhalb Köpfe überragt. Er trägt eine Sonnenbrille und hat einen langen, weißen Bart. Ein knallrot gemustertes Hawaii-Hemd spannt sich mühsam über eine gewaltige Wampe, nach einigen Zentimetern weißen, wabbeligen Fleisches beginnt darunter ein Paar Shorts gleicher Farbe. Lange, dünne, behaarte Beine stecken in roten Sandalen. In einer Hand trägt er einen hölzernen Stecken, über die Schulter geworfen hat er sich einen riesigen Sack mit einem großen Aufnäher: „Jute statt Plastik“.

„Was ist los mit Ihnen, Frau Berger“, poltert der Mann, „haben Sie noch nie den Weihnachtsmann gesehen?“

Frau Berger will gerade schwungvoll die Tür wieder zuknallen, als ihr Blick in ihren Vordergarten fällt, und ihre Augen sich entsetzt weiten. Was sie sieht, ist ein gewaltiger Holzschlitten, der zwei Meter hoch in der Luft schwebt und nur durch die beiden eingespannten Rentiere, die sich gerade an ihren Rosenstöcken gütlich tun und gleichzeitig ihren Rasen düngen, am Boden gehalten zu werden scheint.

„Na, dann will ich mal eintreten“, brummt der Weihnachtsmann und schiebt seinen massigen Körper an der stocksteif erstarrten Frau Berger vorbei. „Ich wäre ja durch den Kamin gekommen, aber sie wissen ja selbst, dass sie Zentralheizung haben.“

Er geht zielstrebig auf das Wohnzimmer zu. Frau Berger fängt sich wieder, schließt die Tür und eilt ihm hinterher.

„Ho, ho, ho, fröhliche Weihnachten alle zusammen!“ begrüßt der Weihnachtsmann Vater und Sohn Berger, die ihn mit offenen Mündern anstarren.

„Das ist der Weihnachtsmann“, assistiert ihm Frau Berger mit einem etwas unglücklichen Gesicht. „Wollen Sie etwas trinken, Herr Weihnachtsmann?“

„Das ist nett, Frau Berger. Ich nehme ein Glas Maracujasaft.“

Frau Berger verschwindet in der Küche.

Ihr Sohn glaubt inzwischen, seine Fassung wiedergefunden zu haben. „Für einen Weihnachtsmann sind Sie aber ziemlich merkwürdig angezogen, oder?“, fragt er.

„Wieso? Würdest Du im Juni in einem langen, roten Pelzmantel herumlaufen?“

„Äh…, klar, natürlich nicht“, gibt Robert zu.

„Aber normalerweise kommt der Weihnachtsmann im Winter!“ bemerkt sein Vater scharfsinnig.

„Da haben Sie recht!“ stimmt ihm der Mann mit tiefer Stimme zu. „Aber das wird mir langsam wirklich zu blöd! Jedes Jahr sehe ich Hunderte, ach was, Tausende Möchtegern-Weihnachtsmänner – neuerdings sogar auch Weihnachtsfrauen! – mit angeklebten Bärten und ausgestopften Mänteln durch die Straßen stapfen und mich lächerlich machen. Ich würde überhaupt nicht mehr auffallen. Und außerdem werde ich auch nicht mehr gebraucht! Jede Familie hier gibt zu Weihnachten ein paar Hundert Mark aus, um sich gegenseitig zu beschenken – so etwas Dummes, wo ich die Sachen doch gratis besorgen kann! Und wenn mir wirklich noch einmal ein Kind schreibt – ganz korrekt adressiert: ‚An den Weihnachtsmann, Wohnsitz am Nordpol‘ – meinen sie, die Post stellt mir die Briefe überhaupt noch zu? Alles Marionetten der Spielzeugindustrie!“

„Ja, aber sehen Sie“, setzt Vater Berger an, doch wir werden nie erfahren, was er sagen wollte, denn in diesem Moment schlägt etwas heftig an das Glas des Wohnzimmerfensters, und als er hinsieht, erkennt er ein Rentier, das kopfüber durch den Garten schwebt und dabei mit seinem Hinterhuf einen Kratzer im Glas hinterlassen hat.

Frau Berger kommt mit einem Glas Maracujasaft aus der Küche zurück.

„Bitte sehr, Herr Weihnachtsmann.“

„Vielen Dank“, sagt der Weihnachtsmann und leert das Glas in einem Zug. „So, Robert, und jetzt zu Dir! Bist Du auch immer schön brav gewesen?“ Dabei schlägt er drohend mit der Rute in seine Handfläche.

„Unterstehen Sie sich, das Kind zu schlagen!“ ruft Frau Berger ängstlich.

„Ho, ho, ho“ lacht der Weihnachtsmann dröhnend, „so schlimm ist er ja nun auch wieder nicht gewesen! Aber zumindest wollen wir jetzt ein schönes Weihnachtsgedicht hören!“

„Was?“ fragt Robert entsetzt, „Jetzt?“

„Jetzt und auf der Stelle!“ antwortet der Weihnachtsmann mit donnernder Stimme.

„Aber es ist doch Sommer, und woher sollte er wissen…“, versucht Frau Berger ihren Sohn zu verteidigen, „Paul, sag‘ doch auch etwas!“

Aber ihr Gatte steht regungslos am Fenster und beobachtet versonnen die beiden Rentiere, die im Licht der Abendsonne über der Straße spielen.

„Äh, also… Lieber, guter Weihnachtsmann…“

„So weit, so gut“, lacht der Weihnachtsmann.

„…schau‘ mich nicht so böse an…“ Man sieht Robert an, dass er sich reichlich albern vorkommt. „…lass die Rute einfach stecken…nee, lass‘ die Rute doch im Sack…, nee… ich hab’s!“ strahlt er plötzlich.

„Leg‘ die Rute wieder hin, weil ich brav gewesen bin!“

„Bravo, bravo!“ ruft der Weihnachtsmann und schlägt donnernden Applaus mit seiner Rute auf den Wohnzimmertisch. „Dann wollen wir mal sehen, was wir alles in diesem alten Sack haben… ich weiß schließlich, was Du Dir am meisten wünschst, Robert!“

Robert wird plötzlich ziemlich rot im Gesicht, aber der Weihnachtsmann beachtet ihn gar nicht und stellt seinen schweren Sack mit einem Krachen auf den Tisch. Damit weckt er auch wieder das Interesse Herrn Bergers, der sich von dem Schauspiel auf der Straße löst und zu ihnen gesellt.

Der Weihnachtsmann verschwindet bis zu den Schultern in seinem Sack und holt schließlich Folgendes heraus:

Eine Sega-Videospiel-Konsole mit zwei brandneuen Spielen, zwei große Stereo-Lautsprecher-Boxen, die doppelt so groß sind wie die in Roberts Zimmer, eine Digital-Armbanduhr mit integriertem Taschenrechner und das Rollenspiel „Cthulhus Ruf“, komplett mit Würfeln und Würfelbeutel. Schließlich holt er noch ein Dutzend Tafeln Schokolade hervor.

Familie Berger schaut fassungslos auf die reichlichen Geschenke, die der Weihnachtsmann auf dem Wohnzimmertisch ausbreitet.

„Aber nicht doch…“, murmelt Frau Berger halbherzig, „sie verwöhnen den Jungen zu sehr…“

„Ach was!“ wischt der Weihnachtsmann ihren Einwand mit einer schwungvollen Bewegung seiner Rute weg, „es ist schließlich nur zweimal im Jahr Weihnachten, ho, ho, ho!“

Auf Roberts Gesicht zeichnet sich unterdessen zuerst Erleichterung und schließlich ungläubige Freude ab. „Danke, lieber Weihnachtsmann“, sagt er artig, „das ist genau das, was ich mir am meisten gewünscht habe!“

„Na, na, wir wollen doch nicht flunkern“, brummt der Weihnachtsmann geschmeichelt, „aber Du siehst sicherlich ein, dass ich Dir nicht den Büstenhalter der Brigitte Lehmann…ups!“ Er legt seine Hand vor den Mund und sieht plötzlich trotz seiner Sonnenbrille eindeutig schuldbewusst aus. „‚Tschuldigung. Ist mir nur so ‚rausgerutscht…“

„Was?“ Frau Berger schaut entgeistert ihren Sohn an, der wieder knallrot bis zu den Ohren ist, „doch nicht etwa die Brigitte aus Deiner Parallelklasse?“

Robert antwortet nicht, sondern blickt schamerfüllt zu Boden, so dass einige Sekunden Schweigen herrschen.

„Naja…“, setzt sein Vater dann etwas hilflos an, „er wird ja schließlich auch älter…“

„Ist ja auch gar nichts dabei“, poltert der Weihnachtsmann verlegen, „ich zum Beispiel mag Strumpfbänder… werden ja heute kaum noch getragen…wirklich schade, sahen toll aus, besonders mit Strapsen…“

„Ach Du meine Güte!“ unterbricht ihn Frau Berger hastig, „es ist ja schon beinahe halb neun! Sie müssen doch bestimmt noch zu Tausenden anderen Kindern, nicht wahr, Herr Weihnachtsmann?“

Dabei geht sie entschlossen in Richtung Haustür.

„Da müssen Sie sich wirklich keine Sorgen machen, Frau Berger“, lacht der Weihnachtsmann, „meine Rentiere sind so schnell, die laufen rückwärts durch die Zeit…sonst könnte ich das ja auch gar nicht alles schaffen!“ Da fängt er einen Blick von ihr auf und greift wieder nach seinem Sack. „Andererseits… Ich will ja auch irgendwann fertigwerden…“

„Auf Wiedersehen, Herr Weihnachtsmann!“ Damit komplimentiert ihn die Mutter schließlich zur Tür hinaus.

„Auf Wiedersehen“, murmeln Vater und Sohn unisono. Dann schließt die Mutter die Tür, und sie sind wieder alleine.

Frau Berger holt ihre Karten aus der Küche. „Wir hören besser auf…Robert wird seine Geschenke ausprobieren wollen.“

Gemeinsam tragen sie die Sachen die Treppe hoch in den ersten Stock, wo Robert sein Zimmer hat. Als Robert die Tür öffnet, erstarrt er für einen Moment.

„Was ist, Robert?“ fragt sein Vater.

„Da, am Fenster!“ antwortet Robert aufgeregt. „Du meine Güte…der Osterhase!“

Sofort stürzen seine Eltern zum Fenster und starren angestrengt hinaus. Natürlich ist da kein Osterhase zu sehen, aber Robert hat genug Zeit gewonnen, um etwas von seinem Kopfkissen zu nehmen und unter seinem Hemd verschwinden zu lassen, was seine Eltern nicht sehen sollten.

„War nur ein Witz!“ sagt er dann.

„Na, Du bist mir vielleicht einer“, meint seine Mutter lachend und gibt ihm einen zärtlichen Klaps. Auch sein Vater lacht laut, wenn auch vielleicht ein wenig nervös.

Schließlich verlassen seine Eltern Roberts Zimmer, und er hat Zeit, sich genau zu betrachten, was auf seinem Kopfkissen gelegen hat: Es ist ein Büstenhalter – die zweitkleinste Größe.

„Danke, lieber Weihnachtsmann!“ flüstert Robert.

Zu weiteren phantastischen Geschichten
Veröffentlicht on Dezember 17, 2006 at 11:30 pm  Comments (7)  
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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Könnte in einen weihnachtlichen Kurzgeschichten-Sammlung für die 5-7 Klasse stehen…
    hat mich nicht so wirklich vom Hocker gerissen. Und was will der Junge bitte mit dem BH? rein w****** oder was? Und warum ist das sein größter Wunsch?
    Das Kartenspiel ist schon recht gut auch wie ernst es alle nehmen und sie sich sogar gegenseitig misstrauen aber sonst…
    oder verstehe ich einfach die subtile Botschaft nicht?

  2. Hi Nick, soll ich Dir mal was verraten?

    …mich haut die Geschichte auch nicht vom Hocker 8-)

    Ich habe sie vor Ewigkeiten mal für ein Treffen geschrieben, bei dem jeder eine Weihnachtsgeschichte mitbringen sollte. Sie soll ein bisschen unterhalten, ein bisschen witzig sein, mehr nicht.

    Aus irgendeinem Grund aber ist das bislang diejeniger meiner Geschichten, die am besten ankommt! Ich habe am meisten Lob dafür bekommen, und schon mehrere Anfragen, ob sie denn „veröffentlicht“ werden dürfte, in privaten Kalendern oder Sammlungen im Netz und so (leider nichts, was Geld bringt).

    Das ist letztlich der Grund, warum sie hier steht. Offenbar kommen der leichte Humor und die Weihnachtsbotschaft gut an. Für mich selbst ist sie einer meiner am wenigsten interessanten Texte, obwohl ich unterdessen schon wieder beginne, sie ein wenig mehr zu mögen. Aber De Gustibus etc…

    Das mit dem BH allerdings, das siehst Du ein wenig zu, ähem, internetgeschädigt! Es muss ja nicht immer gleich ein Fetisch im Spiel sein. (Und wenn doch, dann schweigt man da vornehm drüber…)

  3. aber es ist ja sein GRÖSSTER Wunsch.^^ da muss er schon viel Spaß mit dem Ding haben…

  4. Du würdest bestimmt auch sagen, dass Gimli mit der goldenen Haarsträhne, die er sich von Galadriel erbat, masturbiert hat, nicht wahr? 8-)

  5. Warum denn nicht?
    Zur Geschichte muss ich allerdings sagen, dass sie die einzige deiner sonst wirklich genialen Kurzgeschichten(v.A. Verorkung) ist, die mir überhaupt garnicht gefallen hat. Der Plot war mir viel zu kontrovers und diese schön subtilen Andeutungen, wie du sie sonst immer so toll eingebaut hast, sind mir hier doch entweder zu verdreht oder einfach nicht vorhanden. Aber mach dir nichts draus,
    anderen scheint sie ja eh zu gefallen :P

  6. Warum bekommen die Eltern nix?

  7. Das find ich aber auch ungerecht! Ich mein, ich wohn‘ ja jetzt nicht mehr zu Hause und sicher werd‘ ich auch einmal in der Eltern-Rolle stecken (mancher darf jetzt rufen: Gott bewahre!) und NATÜRLICH will ich weiterhin Geschenke bekommen (Lieber Weihnachtsmann… bitte schenk mir eine X-Box! Und alle Poppy Z. Brite Bücher! Amen!)! Diesem Weihnachtsmann würd‘ ich in den Arsch treten (mit Stöckelschuhen, hehe, der wird Freude dran haben… Hey, lacht nicht, ich hab den gelben [ich hätt‘ ja gern gelogen und „braun-schwarz“ gesagt, aber das glaubt mir eh keiner] Gürtel un Jiu-Jitsu!).

    Aber die Geschichte ist halt so’ne richtige C-Story (ihr wisst schon… wie C-Prominenz, nur nicht so unterhaltsam)

    Ich schreib hier nur, weil der Inhaber nichts schreibt und ich mich daher langweile… ja, ich geb’s zu. ^.^ „Mein Gehirn besteht eh nur aus Sahne… lalala“


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